Tischdeckengeister im Frühstückssaal

Die besten Sätze eines Texts stehen manchmal gar nicht drin. Kill your darlings nennt man diese Schreibtechnik. Zugegeben benutze ich sie nicht sehr oft, weil ich eitel bin und schöne Sätze sehr gerne mag. Im Fall der Premierenkritik von Hotel Strindberg am Wiener Akademietheater habe ich eine Ausnahme gemacht. Eine besonders schöne Szene war jene, in der Hotelgäste im Frühstückssaal saßen mit Tischdecken über dem Kopf. Warum? Weil es schön aussah. Ich musste an den Film A Ghost Story denken, den ich nicht gesehen habe und an Christoph Marthaler, der nie wieder in der Volksbühne inszenieren wird. Nichts davon steht in dem Text, den ich für die Welt geschrieben habe.

Es geht, wie gesagt, um mich

Eins, zwei oder drei? Für die Zeit habe ich mich mal wieder ausführlich mit mir selbst beschäftigt. Dieses Mal war der Aufhänger das Enneagramm, ein Persönlichkeitsmodell, dessen direkter Nachbar im Gefühlshaushalt die Esoschublade ist. Neun Typen gilt es zu unterscheiden, das kann schon mal ein paar Nächte/Semester/Lebensabschnitte dauern. Zum Glück habe ich es oft in Gesellschaft anderer Narzissten getan. Denn eines ist sicher: In ihrer Selbstbezogenheit ist meine Generation erstaunlich sozial.

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Endlich cool

Ein böser Scherz unter Kritikern: Wer will übers Berliner Ensemble schreiben? Wird ein freier Abend, weil man eh weiß, wie‘s werden wird. Dann kam die Spielzeit 2017/18. Von Inszenierungen mit magischer Schulklassenanziehungskraft zu Ersan Mondtag und Stefanie Reinsperger: Plötzlich kann ich Leute guten Gewissens ins BE schicken. Warum, habe ich für Traffic News To Go aufgeschrieben.

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Lass Dich heimgeigen, Eva

Thomas Bernhard ging zur Beruhigung auch ins Kaffeehaus. Das Gute an den Wiener Kaffeehäusern ist ja nicht nur deren tadelloses Mehlspeisensortiment, sondern dass sie auch nach zwanzig Uhr noch offen haben, also dann, wenn Theatervorstellungen beginnen. Einige der bekanntesten (Landtmann, Schwarzenberg) befinden sich in unmittelbarer Nähe der großen Häuser und viele Abonnenten gönnen sich nach der Premiere noch ein Achterl oder ein Seidel oder einen Tafelspitz. Ich gönnte mir einen Heideboden von Judith Beck, dabei konnte von Gönnung keine Rede sein, eher saß ich die Schande aus, mit Blick auf die Musik. Im hinteren Teil des Café Schwarzenberg stand ein Flügel und an diesem saß eine Frau in weißer Bluse, schwarzer Hose und düsterem Kajalstrich. Ihr trauriger Blick passte nicht zu den vergnügten Stücken, die sie spielte. Neben ihr posierte ein Geigenspieler, wie man ihn sich nicht besser ausdenken hätte können, weil Original: Wichtig zitternder Backenbart, ums Handgelenk schlackerndes Goldkettchen, sonnengeküsst. Ich saß dort, weil ich es vergeigt hatte.

Zehn Minuten vor der Zeit ist auch des Kritikers Pünktlichkeit. Zu spät kommen wird in vielen gesellschaftlichen Situationen ähnlich gehandhabt wie Namen-Vergessen (Gesichter übrigens nicht), schön ist es nicht, aber es geht ja allen gleich. Das Theater bildet da leider eine große Ausnahme. Aus eigener Erfahrung kenne ich die Nacheinlasspolitik vieler Häuser im deutschsprachigen Raum. In fast jeder Inszenierung gibt es einen Moment, in dem Zuspätkommende in den Saal geschleust werden, üblicherweise an einer „lauten Stelle“. Netterweise denkt die Regie schon bei der Probe an das Allzumenschliche. Man steht als Zuspätkommender dann in einer mehr oder weniger großen Gruppe im Foyer herum, einer Schicksalsgemeinschaft, der nichts, aber auch gar nichts mehr peinlich ist. In meinem knappen Jahrzehnt als Intensivzuschauer und notorischem Zu-Spät-Kommer wurde mir nur einziges Mal der Einlass verwehrt, 2011 im Deutschen Theater Berlin. Keine laute Stelle. Erst neulich tadelte mich die Pressesprecherin des Burgtheaters schriftlich, die Pressekarte für Schlechte Partie nicht pünktlich genug abgeholt zu haben, man könnte auch sagen: zu spät. Ausgerechnet das Burgtheater lehrte mich an diesem Abend die möglicherweise endlich fällige Lektion. Das Burgtheater mit seinen vier verschiedenen Spielstätten, die ich (auch das nicht zum ersten Mal) durcheinandergebracht habe, was in einer Verkettung ungünstiger Umstände dazu geführt hatte, dass ich sieben Minuten nach acht keuchend am Kasino angekommen war. Von der großen Modekritikerin Anna Wintour heißt es, keine Modenschau fange ohne sie an, für eine Theaterkritikerin gilt das leider nicht. Egal, wie sehr ich die Mitarbeiter von meiner unbedingten Anwesenheit im Theatersaal zu überzeugen versucht hatte, war ich nicht weiter als bis ins Foyer gekommen. Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.

Kürzlich lobte einer meiner Auftraggeber experimentelle Texte. In allerbester Erinnerung blieb mir der eines Kollegen aus Leipzig, der folgendermaßen begann: “Um es gleich zuzugeben: Ich kenne nur den halben Abend. Nach einer Stunde bin ich gegangen. Länger habe ich es nicht ausgehalten.” (Leser finden solche Ansätze oft furchtbar eitel. Ich nicht). Könnte man, hatte ich in rasender Verzweiflung, das Kasinofoyer durschreitend, gedacht, sich nicht das Stück von jemand anderem nacherzählen lassen? Schließlich hatte ich den Text gelesen, wusste also schon mal, worum es ging. Ein verlorener Sohn begeht schriftlichen Vatermord, das Ganze spielt in Kärnten, dem, wie man weiß, nationalistischsten Bundesland Österreichs. Zu allem Überfluss hieß es auch noch Lass dich heimgeigen, Vater. Könnte man also nicht was übers Vergeigen schreiben?

Auf die Haltung kommt es an, dachte ich mir, um zwanzig nach acht im Café Schwarzenberg sitzend. Dort wollte ich bis zum Ende der Premiere warten, ohne zu wissen, was das bringen sollte. Es war ein Jammer. So wie die musikalische Untermalung im Café Schwarzenberg – dass der Goldkettchenträger sein Instrument beherrschte, konnte keiner behaupten. Kleine Patzer überspielte er durch heftiges Vibrato. Seine Kollegin schaute noch trauriger als der Ober zum wiederholten Mal ihren Espresso vergaß. Mit ihren Heideboden-Rot gefärbten Haaren und der damenhaft hängenden Wangenpartie ähnelte sie der Einlassdame im Volkstheater auf unheimliche Weise. Auch das Volkstheater hat drei Spielstätten und auch hier kann ich aus Erfahrung berichten, dass eine Verwechslung nicht zwangsläufig dazu führt, dass man das Stück verpasst. Bei guter Verkehrslage ist die Strecke Haupthaus – Volx Margareten in achtzehn Minuten zu schaffen. Traurig wirkt die Volkstheatereinlassdame nie, eher wie jemand, der sich selbst bei Laune halten muss mit dem immer gleichen Satz bei der Ticketkontrolle: „Vergessen Sie bitte nicht, nach Ende der Vorstellung ihr Telefon wieder anzuschalten.“ Irgendjemand lacht eigentlich immer und bestimmt ist jedes Mal jemand dabei, der dies aus Erleichterung tut, weil er gerade noch rechtzeitig ins Theater gekommen ist. Wer zuletzt lacht, lacht dann eben in der Schicksalsgemeinschaft der Nacheingelassenen.

So prominent, wie das Piano platziert war, stand es allen Toilettengängern aufs Unangenehmste im Weg, gewissermaßen durchquerten sie das Bühnenbild dieses Schwarzenberg-Mini-Orchesters. Das Bühnenbild war auch der Grund, warum ich im Theater abgewiesen wurde. Sie habe, hatte die Dame vom Einlass eiskalt verkündet, von der Regisseurin die strenge Anweisung erhalten, niemanden mehr einzulassen. Sehr viel mitfühlender war ihr junger Kollege gewesen, offenbar Student ohne nennenswertes Theaterinteresse. Wir hatten geplaudert. Wie viele Stücke ohne Nacheinlass auskommen? Eines von zehn. Wie viele Zuschauer im Schnitt pro Vorstellung zu spät kommen? Drei oder vier. Wie viele Zuschauer während der Vorstellung gehen? Kommt auf das Stück an. Manchmal, wie bei der Kastrationsszene bei Heinrich VIII, der halbe Saal. Nennen wir es Schicksal, aber ausgerechnet heute war mein Text in der Welt erschienen, in dem ich dafür plädierte, schlechte Vorstellungen frühzeitig zu verlassen. Das hatte meinen theaterskeptischen Gesprächspartner amüsiert und er hatte vorgeschlagen, jetzt in den milden, typischen Wiener Zynismus verfallend, ich solle doch einen Text schreiben, warum man pünktlich kommen muss zum Theater.

                                                                      (Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.)

Dann hatte ich ihn gefragt, wie viele Theaterkritiker bei irgendeiner Premiere abgewiesen worden waren. Keiner außer mir. „Zigarette?“

Der Migrationshintergrund des Geigers im Café Schwarzenberg, damit haben viele in Kärnten ein Problem, was mich zurück zum Stück brachte und der dankbaren Steilvorlage, die dieser Text einem Nachdenken über die gegenwärtigen politischen Zustände geliefert hätte, trägt der Vater des Erzählers doch immer einen blauen Arbeitskittel, blau, FPÖ und so weiter und so fort. Manchmal überkommen einen als Kritiker schon beim Lesen des Texts solche Anwandlungen,  Geistesblitze, universale Zusammenhänge, dass man am liebsten gleich und auf jeden Fall vor der Premiere losschreiben würde. Handke, dachte ich mir jetzt traurig im Kaffeehaus sitzend, ich hätte so gerne Handke erwähnt, seines Zeichens ebenfalls Kärntner und Vatermörder im übertragenen Sinn. Auffallend viele große österreichische Schriftsteller eint ihr Dasein als Nestbeschmutzer, als Verräter ihrer nationalen Identität. Allen voran Thomas Bernhard, der fand, Wien sei die abartigste Stadt der Welt und Österreich von Grund auf verdorben und im Prinzip kreisen seine wahnsinnig langen Sätze, die ja noch immer Vorbild sind für Nachwuchsschriftsteller landauf, landab, einzig und allein um seinen Herkunftsekel, naturgemäß ein Ekel, der sich, wenn nicht vollständig tilgen, so doch erheblich mindern ließe, mindern hätte lassen, wenn Bernhard sein ihm so verhasstes Heimatland verlassen hätte, aber bekannterweise blieb er sein Leben lang Wiener und schimpfte lieber aus Ohrensesseln heraus auf das Burgtheaterpublikum und dessen Schauspieler, anstatt einfach mal nicht mehr hinzugehen. Oder gelegentlich zu spät zu kommen. Erst kürzlich erzählte mir jemand, Bernhards größter Wunsch sei es gewesen, bei einem seiner ausgiebigen Spaziergänge (den Graben rauf, den Graben runter) erschlagen zu werden von einem wütenden Landsmann, was ich ganz ungeheuerlich, aber auch sehr lustig fand. Gehen beruhigt, das gilt nicht nur ab und an fürs Theater, sondern noch viel mehr, wenn das Gemüt in Aufregung ist.

Ich ging also den ganzen Weg vom Café Schwarzenberg zu Fuß nach Hause und schrieb diesen Text.

Circa 99 Luftballons

Militär als Lebensinhalt, Ehre über alles und viel k.u.k.-Staub: Joseph Roths “Radetzkymarsch” wirkt aus heutiger Perspektive sehr weit weg. Sehr nah sind hingegen in Johan Simons Romanadaption die vielen bunten Luftballons auf und über der Bühne des Burgtheaters. Einige davon schaffen es bis in den Zuschauerraum, wo sie von jenen zurückgestupst werden, die sich genau so langweilen wie ich. Warum, wieso, weshalb habe ich meinen Kollegen von Deutschlandfunk Kultur erzählt.

PorYES

Große Aufregung: Auch Frauen schauen Pornos. Und zwar auch solche, die schmutziger sind als ein benutztes Strandlaken bei Erika Lust. Für die Welt am Sonntag habe ich mich, nun ja, umfassend in die Materie eingearbeitet. IMG_8583 2

Irgendwas mit change

Eigentlich ganz erfrischend, mal von Joachim Meyerhoff als Arschloch bezeichnet zu werden, zumal ich ihn während meiner Hospitanz im Hamburger Thalia Theater als ausgesprochen friedlichen Zeitgenossen kennengelernt habe. Anlass ist die Premiere von Jette Steckels “Volksfeind” am Wiener Burgtheater. Es geht um den Wahnsinn der Gegenwart, um Glyphosat, Panama-Paradise und (meine Ergänzung), dass die Zeit jetzt das neue Album von Helene Fischer empfiehlt. Ich würde sagen: Die Zeit ist reif für change! All das nimmt Franz-Patrick Steckel zum Anlass, Ibsens Wutbürgerstück mal kräftig auseinanderzunehmen, auf dass der Putz der verseuchten Badeanstalt von den Wänden bröckele. Zum Glück inszeniert seine Tochter das  viel weniger Tagesschau-Brennpunkt-artig als befürchtet. Fast alle Kollegen waren genervt, ich eigentlich ganz gut unterhalten. Warum, steht bei Nachtkritik und in der Welt.

Nicht ohne meinen Lippenstift

Ich kann viele Dinge richtig gut, Bohrmaschinen bedienen leider nicht. Bin ich deswegen keine Feministin? Ich mag auch gerne roten Lippenstift (Farbton Ruby Tuesday). Kokettiere ich gelegentlich damit oder missbrauche ihn gar manchmal, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Für Zeit Online hab ich über #metoo und #ohnemich nachgedacht und warum es immer so verdammt schwer ist, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und manchmal leider viel bequemer, es nicht zu tun.

Leider geil

Guilty pleasures nennt man jene heimlichen Gelüste, die kultivierten Menschen eigentlich peinlich sein müssten. Dem Fleisch Magazin habe ich für die Ausgabe “77 Dinge, die daneben, aber ziemlich super sind” meine verraten: Yung Hurn (Oida!), Jamie Olivers über allem kreisende Flasche “besten Olivenöls”, Tupperware als Lebensordnungskonzept (in mein absolutes Lieblingsmodell passt exakt eine halbe Zitrone) und Dr. Beckmann (Wer ist dieser Dr. Beckmann? Ein Tausendsassa, ein Hansbügeldampf in allen Gassen. Als Arzt ist ihm nichts Menschliches fremd. Bei Instagram hätte Dr. Beckmann als @olcleanbastard zweihunderttausend Follower, mindestens).

Nicht von mir, aber auch super zu lesen: Zweite Kassa, bitte! Handstaubsauger, der Zauber des siebten Biers, Provinz, Namen nicht merken.

Nicht in die Auswahl geschafft haben es: Joris Voorn, Dorffasnacht, ironische Postkarten im Museumsshop kaufen, der Zauber des siebten Achtels und Avocadotoast mit pochiertem Ei.

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#metoo bored

Dass der Theaterbetrieb voller sexistischer Kackscheiße ist, decken Nachtkritik, Deutschlandfunk Kultur und andere gerade auf. Nicht nur hinter, auch auf der Bühne gibt es reichlich Anschauungsmaterial. Zum Beispiel bei “Schlechte Partie” im Burgtheater. In einem Interview gestand dessen Regisseur Alvis Hermanis, ursprünglich sei er nur ans Theater gegangen, um “Mädchen kennenzulernen”. Okay, cool. Was dabei herauskommt, habe ich für die Welt aufgeschrieben.

Oder Austern

Austernknacker, Vollzeit befristet, 1800 Euro pro Monat

Für unsere Austernbar – vor unserem Geschäft in stimmungsvollem Ambiente – suchen wir als tatkräftige Unterstützung vom 24. November bis 31. Dezember eine/n Austernknacker, der/die für unsere Gäste Austern öffnet auf Vollzeitbasis.

Ihr Anforderungsprofil:
Sie sind jung, charmant, dynamisch, freundlich und stressresistent
Zuverlässigkeit und gute Umgangsformen sind für Sie ebenso selbstverständlich wie Teamgeist, Diskretion und ein gepflegtes äußeres Erscheinungsbild
Sie verfügen über sehr gute Deutschkenntnisse und sprechen auch Englisch
Voraussetzung ist, dass Sie geschickt und flott sind

Flott nehme ich die dreiunddreißig Steinstufen in den ersten Stock. Wie niedrig die Stufen in Vietnam waren, denke ich mir, als mein Blick wie üblich durch das Fenster auf halber Höhe des Treppenaufgangs fällt. Balkonneid, der: Besonders akut während der Sommermonate, wenn die Nachbarn auf Sitzsäcken laue Abende genießen. Natürlich würde ich als Balkonbesitzer die Sitzsäcke gegen ernstzunehmende Möbel austauschen. Den Sommer habe ich in würdevoller Haltung auf zwei Arten verbracht, entweder lesend auf dem Platz vor der Kirche oder lesend auf dem Fensterbrett. Wenn man sich mehr als würdevoll weit nach draußen lehnt, sieht man das Belvedere. Ich nenne es meinen Prekariatsbalkon, halb im Scherz.

Vor einigen Sommern haben D. und ich eine Neid-Liste ins Leben gerufen. Beschränkt man sich auf eine einzige, verlieren die sieben Todsünden jeglichen Schrecken. Es gibt praktisch nichts, worauf D. und ich nicht neidisch wären. Wifi-Neid, Ausgeschlafen-Sein-Neid, im-Urlaub-die-Landesprache-sprechen-Neid, Abstinenz-Neid, Nicht-Abstinenz-Neid, Gästelisten-Neid, die-Früchte-seiner-Arbeit-ernten-Neid, Mietvertrags-Neid. Eine Ausnahme stellt, wie gesagt, der mir unbekannte Sitzsack-Neid dar.

Mit sinkenden Temperaturen lässt dann auch der Balkon-Neid nach. Statt auf dem Fensterbrett, lese ich jetzt wieder im Bett, auf meiner extraharten IKEA-Matratze. Sie ist ein Geburtstagsgeschenk meiner Mutter, das mich vergangenen Winter einige Nerven kostete. Abgesehen vom emotionalen Wert eines Gegenstands, der einen durch die erste Hälfte der wilden Zwanziger begleitet hat, konfrontierte mich deren Auswahl mit den üblichen Entscheidungsschwierigkeiten. Erschwerend kam hinzu, dass sich SULTAN nicht mal eben umtauschen lässt. Einmal entrollt, ist er ohne die Hilfe eines IKEA-Mitarbeiters unmöglich wieder in seine ursprüngliche Walzform zu bringen (Unter den vielen, in meinem Freundeskreis vertretenen Berufen fehlt jener des IKEA-Mitarbeiters). Dass ich meine Entscheidung dann doch mit halbwegs leichtem Herzen traf, lag an der Aussicht auf den Riesenspaß, den ich dabei haben würde, meine alte Matratze gesetzeswidrig in Brand zu setzen. Und an der IKEA-Family-Card, Leihgabe eines Bekannten, die lebenslanges Umtauschrecht garantiert. Zwar war damit das möglicherweise auftretende Rücktransportproblem nicht aus der Welt geschafft, aber wie sooft reichte die theoretische Möglichkeit aus, um mich mit meiner einmal getroffenen Entscheidung zu versöhnen. Wenn es mir im Restaurant gelingt, die Speisekarte zur Seite zu legen, sobald mir ein Gericht gefällt, anstatt sie von vorne bis hinten durchzulesen und dann wieder von vorne anzufangen – dann, stelle ich mir vor, ist meine Seele ein Sitzsack, ganz in sich ruhend, ganz im Flow.

In dem Maße wie der Balkon-Neid abnimmt, steigt der zur Obergruppe Struktur-Neid gehörende Festanstellungs-Neid. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wenn es draußen kalt ist, lässt auch das Fomo nach, also das Gefühl, etwas zu verpassen (Kehrseite des Erlebnis-Neids). Ab September ist Arbeiten im Großraumbüro total okay. Statt im Krapfenwaldbad zu prokrastinieren, strampelt man im “Hamsterrad Vollzeitjob”, so genügsam wie die Flugzeugabsturzopfer in Fight Club, deren Gesichtsausdruck Brad Pitt mit dem hinduistischer Kühe vergleicht.

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An einem Samstagmorgen beginne ich mit der Jobsuche, natürlich vom Bett aus, denn für ein Sofa hat es bislang nicht gereicht (Sofaneid, der – Begleiterscheinung des Kulturprekariats: Jede Menge Platz in der Vier-Meter-Deckenhöhe-Altbauwohnung, aber nach Abzug der Miete kein Geld übrig, um sie auszustatten). Wie immer weiß ich nicht, was bei Google ich eigentlich eingeben soll. Job – Wien? Aus Spaß klicke ich mich durch die Suchmaske Gastronomie/Tourismus, bereits ahnend, dass ich für keines von beidem geeignet bin. Mit sechzehn habe ich mich als Wochenendaushilfe in einer Tapasbar versucht und war so durcheinander, dass ich meine eigenen Eltern als Gäste übersehen habe. Mit zwanzig kam ich zu spät zum Probearbeiten in einer Piadina-Bar, wurde nicht eingestellt und weiß bis heute nicht, was eine Piadina ist. Mit Ende zwanzig habe ich mich aufs Gast-Sein verlegt, das kann ich ganz gut.

Dann entdecke ich die Anzeige mit dem Austernknacker. Im Schwarzen Kameel war ich sogar schon mal Gast, diesen Teil meiner Persönlichkeit kennen sie also. Damals verkauften sie im vorderen Teil des Restaurants belegte Schnittchen und Champagner, die Stimmung war ausgelassen, ein bisschen wie in der Feinkostabteilung des KaDeWe mit dem Unterschied, dass „a Glaserl Champagner“ auf Wienerisch nobler klingt. Ob ich als Austernknackerin glücklich wäre? Oder wenigstens ein bisschen reich? Wie sieht es mit den Anforderungen aus? Jung, charmant auf jeden Fall, fragen Sie meine Mama. Stressresistenz ist mit einem vollen Champagnerglas auch kein Problem. Von Nachteil wären sicher die Arbeitszeiten, besonders an der Vorstellung, Heiligabend und Silvester eine professionelle Aura von Luxus zu verströmen, störe ich mich erheblich. Vermutlich würde ich eine ausgeprägte Form von Ess-, Trink-, und Vergnügungs-Neid entwickeln, als Hypochonder spüre ich die Symptome schon jetzt. Seufzend klicke ich die Anzeige weg. Hätte ich einen Balkon, würde ich jetzt in der Berufsuniform der Selbständigen, dem Morgenmantel, hinaustreten. Stattdessen öffne ich das Fenster und verrenke  den Kopf jung, dynamisch, arbeitssuchend in Richtung Belvedere.

Habt keine “Angst I-III”

Keine Angst, liebes Theater, die Kunst will nur spielen. Spiel doch mit! Für die Welt habe ich aufgeschrieben, was die beiden Disziplinen voneinander lernen können. Wie das geht, zeigt zum Beispiel die deutsche Gesamtkunstwerkkünstlerin Anne Imhof mit ihrem faszinierenden Performancezyklus “Angst I-III”. Aufgeführt wurde er zuletzt bei der Biennale in Venedig, dabei hätte es auch die Volksbühne sein können. Dann jedenfalls, wenn sich deren Besatzer zur Abwechslung mal mit ästhetischen Fragen beschäftigen würden.

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Nie wieder Tütensuppe

Normalerweise ertrage ich Campingurlaube nur im Festivalmodus, getreu dem Motto “jetzt ist eh alles egal”. Für die FAZ Woche habe ich Glamping für mich entdeckt. Allgemein meint der Begriff eine luxuriösere Version von Schlafsack und Co, die Ausprägungen reichen von Feldbett bis freistehender Badewanne. Vom Bett meiner Air Lodge aus konnte ich den toskanischen Himmel sehen. Ein Stockwerk tiefer stand der Chianti bereit, in Gläsern statt Einwegbechern. Wenn ich glampe, geht’s eigentlich mit dem Zelten.

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„Die Realität war ruiniert, für immer“

Hätte man Gretchen Morgenthau gerne zur Freundin? Mit dem ihr eigenen Akzent der Londoner Upperclass: I would prefer not to. Als Theaterbegleitung hingegen schon. Anstatt die lästige Zeit zwischen den Pausengetränken vor sich hinzudämmern, fiebert diese Ms. Morgenthau mit, als ginge es um ihr Leben. Anstatt hinterher zu überlegen, wo man Canapés essen geht, diskutiert sie die halbe Nacht über den Selbstmord der Hauptdarstellerin. Oder deren Kostüm. Seit ihrem ersten Burgtheaterbesuch ist die Titelheldin von Einzlkinds Roman dem Drama verfallen: „Die Realität war ruiniert, für immer.“ Heldin deshalb, weil sie sich auf High Heels jedem in den Weg stellt, der ihr Stilempfinden oder ihren Theaterbegriff kränkt. Oder sie, die Über-Achtzigjährige, für älter als fünfzig schätzt. „Armut, so dachte sie, müsse man sich leisten können, ein zu teures Vergnügen, als dass sie je die Muße dafür gehabt hätte.“ Ihre Bubble ist eine Parallelwelt zwischen Champagner, Missoni und Mutter Courage. Kürzlich zeigte sich Boris Beckers Ehefrau überrascht, dass manche Menschen mit 600 Euro monatlich auskommen müssen, was für sie dem Wert eines Abendessens entspricht – so muss man sich die Protagonistin vorstellen. Nur wesentlich charmanter.

Wer eine derart markante Figur wie „Gretchen“ entwirft, braucht sich um die Handlung kaum zu kümmern, die hinkt dann schon irgendwie hinterher. Und zwar so: Aufgrund eines nächtlichen Malheurs im Straßenverkehr wird Morgenthau dazu verdammt, auf einer gottverlassenen isländischen Insel ein Theaterstück zu inszenieren. Ihre letzte Regiearbeit liegt schon eine Weile zurück, ganz abgesehen davon, dass sie, von allen nur „die Intendantin“ genannt, dem Theater abgeschworen hat. Widerwillig und bepackt mit „vier schwarzen Rimowa-Koffern aus der Salsa-Deluxe-Reihe“ reist sie von London aus in den Norden. Angekommen auf der Insel ohne Gott trifft sie auf die Jugend in Form eines träumerischen Einsiedlers und eines Artaud-begeisterten Nachwuchsregisseurs. Natürlich überlässt sie Letzterem das Inszenieren, natürlich entsteht „so ein neumodisches Stück“ mit masturbierenden Geistlichen, obwohl die Dorfbühne dem Globe Theatre doch zum Verwechseln ähnlich sieht. Es geht auch noch um die Kastration eines fettleibigen Katers, die pflichtschuldige Abhandlung des Grimm-Motivs in Form einer apfelkuchenbackenden Hexe und um eine adoleszente Rock ’n’ Roll Band, die Erinnerungen an Karl Ove Knausgårds musikalische Gehversuche wachruft. Am Ende geht Gretchen Morgenthau so von der Bühne ab, wie es einer Dame ihrer Liga würdig ist: in einer bodenlangen Tom Ford-Robe und Wildlederpumps von Yves Saint Laurent.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit einem Gesellschaftsstück von Yasmina Reza: Handlung eigentlich wurscht, was zündet, ist das nie verlöschende Dialogfeuerwerk. Besonderen Spaß werden Kenner des zeitgenössischen Theaterbetriebs haben, schließlich missbraucht der Autor des Öfteren seine Figuren als erzählerisches Gerüst für ästhetische Begriffe. So trägt der Nachwuchsregisseur ein „Ich fickte Heiner Müller“-T-Shirt und will Ibsen an den Kragen, Morgenthau hingegen hasst Polittheater, das „Entwicklungshilfe leistet“ und trauert um ihre Wiener Heimat und deren Verständnis von Theater als so glamouröser wie weltbewegender Institution. Zugegeben ist „Gretchen“ ein Buch für Insider, aber auch Zaungäste werden auf ihre Kosten kommen.

Von Anfang bis Ende steht dessen Titelfigur allein im Scheinwerferlicht, verschwendet der Autor an ihr sein ganzes Gestaltungstalent. Bleibt die Gretchenfrage: Wer steckt hinter dem Pseudonym? Zweifelsohne ein Theaterkenner. Seine Mnouchkine hat er gelesen, seine Volksbühnensozialisation durchlaufen („Castorf, Der Spieler, knapp fünf Stunden, eine Unverschämtheit“), vielleicht auch mal die Schauspielerseele im Rahmen einer Stadttheaterhospitanz ergründet. Obendrein glänzt er mit Haute-Couture-Fachwissen. Einzlkind, ein Vogue-Abonnent? Jedenfalls ein talentierter Sprachregisseur, dessen Sätze überquellen vor Wortneuschöpfungen („das Rollatorende“), Metaphern (Erdbeeren schimmeln in einem Tempo, bei dem selbst „professionellen Karussellfahrern schwindelig wird“) und Aperçues („Die Jugend ist ein Geschenk, aber die Jugend sagt danke und legt es beiseite.“). Laut Klappentext ist der Autor ein lebender, außerdem ist das Porträt eines rauchenden Anzugträgers mit dunkelblonden Locken abgebildet. Als Gretchens Freundin unter die Autoren gehen will, heißt es: „Hauptsache, du benutzt kein Pseudonym. Es gibt nichts Schlimmeres, als Schriftsteller mit einem Pseudonym.“ Höchstens, möchte man hinzufügen, Journalisten, die Autorenidentitäten entschleiern, wie kürzlich der Fall Elena Ferrante zeigte. Insofern: Lassen wir das Einzlkind Einzlkind sein und hoffen, dass es sich nicht im Feuilleton einer Tageszeitung selbst rezensiert.

Im Prinzip ist dieses Porträt einer alten Dame das prosaische Gegenstück zu Jan Küvelers „Theater hassen“. Dort schrieb sich der Welt-Redakteur seinen jahrelangen Theaterfrust von der Seele, der natürlich in Wahrheit eine -lust ist. So wie Morgenthaus Resignation nur Ausdruck ist ihrer Hingabe an die Bretter, die ihre Welt bedeuten. Nicht nur für einen Kritiker ist Wut oft der beste Motor. Das Schlimmste, was dem Theater passieren kann, ist nicht Empörung, Furor oder Frustration, sondern Egalheit. „Sie liebte doch die Reibung und den Kampf, wenn es dorstet, dornt und müllert, hackst, schillert und jandlt. Theater war ihr Leben.“ Solange es Zuschauer wir Gretchen Morgenthau gibt, muss man sich um die Zukunft des Theaters keine Sorgen machen.

Eh keine Quarterlife Crisis

9.10.2015: Ich mag Interviews. Man darf die ganze Zeit reden, ohne darauf zu achten, dem andern auch zuzuhören, und es ist voll okay.

Mit diesem Wissen habe ich Stefanie Sargnagel zum Interview in Berlin-Mitte-Mitte getroffen. Anlass war ihr neues Buch “Statusmeldungen”, das aus Facebook-Posts wie dem eingangs zitierten besteht. Am Tag unseres Treffens trug sie ihr “Ronja-von-Rönne-Kleid” und rauchte erwartungsgemäß urviele Selbstgedrehte. Was sie mir über Gesprächstherapien, gedünsteten Spinat und Thigh Gaps erzählt hat, steht bei Zeit Online. Dass sie mir nicht zugehört hätte, kann ich übrigens nicht behaupten.

Politisches Theater in 140 Zeichen

Schon einmal hat Theaterlegende Peter Brook das Versepos „Mahabharata“ auf die Bühne gebracht. Diese erste Version muss man sich als absolut instagramtauglich vorstellen (dreißig Meter hohe Felswänden, brennende Altäre, Flusslandschaft). Viele Jahre später beweist der 92-Jährige, dass er etwas von neuen Medien versteht. Zum einen, weil er sein eigenes Werk sampelt, zum anderen, weil er es auf eine Art und Weise tut, die auch den von einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne betroffenen Twitter-Nutzer gefällt. Wie viel hängen geblieben ist, steht in der Welt.

SOS – Servus oder Salam aleikum

Blöderweise habe ich die ganze Zeit diese Titanic-Referenz im Kopf. Nicht David Foster Wallace (dem Reiseredakteur zufolge der Grund, warum nie wieder ein Kreuzfahrterlebnisbericht geschrieben werden muss), nicht das Rentner-auf-Benzos-Szenario aus Jonathan Franzens Korrekturen, sondern die Oscar-Schnulze aus dem Jahr 1997. Damals wollte jedes Mädchen Rose DeWitt Bukater sein (hieß die wirklich so?) und auch ich bin ein Kind der Neunziger. Und zum ersten Mal auf einer Kreuzfahrt. Unsere Kabine an Bord der Costa Mediterrana hat weder Parkettboden noch Platz für die Sammlung klassischer Moderne, aber einen Balkon. Meist ist es zum Draußensitzen zu kalt.

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Costa Mediterranea, Oberdeck, 18. Dezember 2016

Wo sie abends essen wollen, entscheiden die Passagiere selbst. Auf Deck 9 schaufeln sich Mammas (mia!) beim italienischen Buffet die Plastikteller voll. Mit dem Essen nicht erst am Platz, sondern bereits auf dem Weg dorthin zu beginnen, kenne ich noch aus Kuba. Auf Deck 2 dinniert man hingegen à la Carte an weißen Tafeln. Ausnahmsweise hat der Snob, also die Rose in mir keine Entscheidungsprobleme. Es ist nicht die R.M.S. Titanic, aber hey: Anders als in Kuba (“Wenn man aufhört, sich aufs Essen zu freuen, geht’s eigentlich mit dem Urlaub”) macht Bruno Barbieris Fünf-Gänge-Menü (unser Mann am Herd!) großen Spaß.

Das überwiegend südostasiatische Servicepersonal auf Deck 2 trägt weißen Frack und beherrscht dieses gruselige Anknips-Ausknips-Lächeln, von dem der Rest des Gesichts unberührt bleibt, perfekt. Meist platziert es uns an Zweiertischen, am letzten Abend hingegen an einer raffaellorunden Tafel, gemeinsam mit zwei schweigsamen Mailänderinnen und einem aus der Nähe von Bayreuth stammenden Paar im Rentenalter. Irgendwie überspringen wir die Vorstellungsrunde, einzig die Selbstbezeichnung “Wagnerianer” bleibt im Gedächtnis. Nennen wir sie also der Einfachheit halber Herr A. und Frau B. Sie kennen sich seit 40 Jahren, waren jeweils mit einem anderen Partner verheiratet, sind beide verwitwet und reisen jetzt zusammen. Was für eine schöne, nach zweitem Frühling duftende Geschichte, denke ich.

Die Dinnerkonversation, lehrte uns Titanic, will gelernt sein. Auf das Wissen, dass Franken so wenig zu Bayern gehört wie Bayern zu Deutschland, greife ich gekonnt zurück. Auch kann ich etwas zu Silvanern in Bocksbeuteln beitragen. Kurzum, ich fühle mich der Sache gewappnet.

Die Getränkebestellungen werden aufgenommen, das Menü gewählt. Herr A. kann den Rosé sehr empfehlen. Man plaudert. Offenbar verteilt unsere deutschsprachige Stewardess Kati D. (Bitte einsetzen: der deutscheste Name überhaupt) bei Reiseübelkeit recht freizügig Benzodiazepine (Franzen hatte recht!). Als ich Frau B. erkläre, was es mit ihrem Xanax auf sich hat, macht ihr Reisepartner aus mir für den Rest des Abends eine Medizinstudentin. Zu Beginn versuche ich noch, dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen, streiche aber bald die Segel.

Kellnerlächeln angeknipst, die Getränke werden serviert, Kellnerlächeln ausgeknipst. Gestern, prahlt Herr A. glasschwenkend, habe jeder von ihnen acht Champagner (Proseccos?) getrunken, über den Tag verteilt, aber trotzdem, mein lieber Herr Gesangsverein! Berechtigterweise, schließlich schlage das vorab “im Internet” gebuchte Getränkepaket mit 43 Euro pro Person und Tag zu Buche. Überraschenderweise geht es von der privaten übergangslos zur Haushaltskasse unseres “mutwillig zerstörten” Landes. Pardon? Lautete die goldene Regel der Dinnerkonversation nicht “keine Religion und keine Politik?”

Mei, so schnell wird aus einer weißgedeckten Tafel ein bayerischer Stammtisch. “Sie als Medizinstudentin”, dröhnt Herr A. mit roséfarbenen Wangen, indem er mich kumpelhaft an der Schulter packt, “kennen sich doch aus mit Statistiken…” Im Angesicht eines Räucherforellencarpaccios mit Birne geht es um entartete Einwanderungspolitik und “Merkels Denkzettel”, es fallen die Termini “willentlicher Niedergang”, “das wird man wohl noch sagen dürfen” und “russisches Mütterchen”. Dass deren den deutschen Sozialstaat belastender Enkel ein Berserker ist, liegt Herr A. zufolge in dessen kaukasischer Natur. Die Vorstellung von sanften Russen und Deutschen, die im Geist eines Wotan wüten, hat keinen Platz auf dem Tisch, schließlich wird in diesem Moment die Primi Piatti aufgetragen, eine Pasta mit Ragout von grünen Erbsen.

Zur Abwechslung bringt Frau B. mit einer persönlichen Anekdote Schwung in die Diskussion. Es geht um einen iranischen Flüchtling, dem in seiner Heimat als Mörder die Todesstrafe drohte, weswegen der Freistaat Bayern ihm und seiner Familie netterweise Asyl gewährt hat. Details zum Tathergang seien freilich nicht bekannt (Ob der Mord ein erfundener ist, entzieht sich meiner Kenntnis; was ich als Provinzlerin hingegen weiß ist, dass viel getratscht wird, wenn der Kleinstadttag lang ist). Jedenfalls habe dieser “Asylant” ohne Gegenleistung eine 110 (in Worten: hundertzehn) Quadratmeter große Wohnung gestellt bekommen plus ein monatliches Taschengeld von 330 Euro. Zeitsprung: Die persische Ehefrau habe sich mittlerweile ins Ruhrgebiet abgesetzt (die Residenzpflicht!), ihr Mann lebe aus unerfindlichen Gründen im Flüchtlingsheim (die wuchernde Bürokratie!), zurückgeblieben sei die zwölfjährige Tochter, allein in der Hundertzehnquadratmeterwohnung. Ein Stockwerk tiefer, fährt die offenbar mit den Grundlagen dramatischer Erzählung vertraute Frau B. mit bebender Stimme fort, hause die bayerische fränkische Witwe bei Wasser, Brezn und einer monatlichen Rente von siebenhundertundeinpaarzerquetschten. Zum Thema Todesstrafe fällt dem Wortführer Herr A. noch folgende Metapher ein: “Wenn ich nach fünf Seideln einen Unfall baue, ist der Lappen halt weg.” Seine schlingernde Argumentation kommt zum Schluss: Todesstrafe unter Umständen auch hierzulande möglicherweise durchaus eine Überlegung wert.

“Die AfD”, poltert er, und, würde er Seidl trinken statt Wein, wäre dies der Moment, sich den Schaum aus dem Bart zu wischen, “wird verschwinden, aber wählen muss man sie trotzdem.” Während der Auberginenflan mit Kirschtomatensauce und Mascarpone-Käse-Quenelle aufgetragen wird, erhellt kurzzeitig das Kellnerlächeln die Szene. Dann wird es wieder duster wie im deutschen Wald. Nachfolgend geht es um die Dummheit meiner Generation und ihrem Irrglauben, eine historische Schuld begleichen zu wollen. Mein Einwand, der zweite Weltkrieg sei mir (bitte einsetzen: ein umdamenhaftes Emoji)-egal, hier gehe es schlicht um Menschlichkeit, rührt Herr A. zu Lachtränen. Dann steuert er plötzlich seichtere Gewässer an, die Drogenrückstände in deutschen Kläranlagen. Dass für deren Herstellung Leute sterben, ist auch ihm bekannt, dass uns das als Konsumenten in die Pflicht nimmt, hingegen egal, denn seine Droge, er zeigt auf das leere Roséglas, sei das Bier, einen Joint, hihi, hätten weder er noch Frau B. niemals geraucht.

Signore Barbieris Selezione di formaggi: Fontal, Brie, Pyrenero. Es schmeckt Herr A. ausgezeichnet. Dröhnendes Wotan-Lachen: “Uns geht das alles nichts mehr an, wir haben noch unsere zehn, fünfzehn guten Jahre. Aber ihr Studenten” – Schultergriff – “ihr werdet Euch noch umschauen.” Umschauen muss sich jetzt auch der Kellner, denn der den Käseteller begleitende Rosé ist aus. Frau B. weicht auf Riesling aus, Herr A. auf Bier.

Plötzlich dröhnt O sole mio aus den heillos übersteuerten Lautsprechern, woraufhin die scheuen Mailänderinnen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und, wie alle Italiener im Raum, ihre Stoffservietten im Takt schwenken. Der Boden schwankt. Auf der den Saal überspannenden Freitreppe reiht sich die Küchencrew auf, darunter auch Chefkoch Bruno Barbieri, den ich vom Foto in der Speisekarte wiedererkenne. Als nächstes scheppern die Gipsy Kings durch den Saal, denen eine Welle von Patriotismus entgegen schlägt – sind das nicht Spanier? – und das Dessert, ein lombardischer Streuselkuchen namens Sbrisolona, wird serviert. Frau B. winkt dankend ab und verabschiedet sich zur Notte Bianca. Mir wird ein wenig schwarz vor Augen. Die Musik verstummt, die ersten Tische werden bereits für den zweiten Schwung Abendesser eingedeckt. Herr A. nimmt eine variable Zahl Absacker an der Bar. Von Deck 9, denke ich, als ich mir den Mund so damenhaft abtupfe, wie ich es von Rose DeWitt Bukater gelernt habe, ist ja auch die Aussicht viel besser.

Die lieben Kleinen

Sich fühlen wie die Mutter, die hässliche Kinderzeichnungen an den Kühlschrank pinnen muss, aus Nettigkeit. Oder den talentfreien Nachwuchs beim Schultheater beklatschen. Was das mit dem gutgemeinten, aber ungut gewordenen “Traiskirchen. Das Musical” zu tun hat, steht bei Nachtkritik. 

K.U.N.S.T.K.A.C.K.E.

Jonathan Meese, das ist der Typ mit den Mummy Issues. Tatsächlich bin ich seiner Mutter in der Pause von “Mondparsifal 1-8 Erzmutterz der Abwehrz)” auf der Damentoilette begegnet. Was ich sonst noch alles sah und hörte, steht bei Nachtkritik.

Cee Cee <3 Vienna

Zum ersten Mal haben die tollen Cee Cees einen Workshop außerhalb Berlins veranstaltet. An einem Sonntag im Juni haben wir im Analogparadies Supersense unsere Linolschnittkenntnisse reaktiviert. Anders als damals in der Oberstufe waren die Ergebnisse sehr zufriedenstellend. Vielen Dank für den tollen Tag und ein bisschen gestillte Berlinsehnsucht an Nina von Cee Cee, Anna von Bulleit, Sebastian und Anna von Supersense, Andreas für die Fotos und an die anderen Workshopteilnehmer für einen Tag, der schon vor dem ersten Sundowner funkelte.

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Sexy im Kontrapost

Ein Weltstar macht noch keinen gelungenen Theaterabend. Für die Welt habe ich mich bei “Obsession” gelangweilt, einer Adaption des gleichnamigen Films von Visconti. Oft steht Jude Law im Kontrapost ansehnlich in der Gegend herum. Ob das mit “griechische Tragödie” gemeint war?