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Naturgemäß eine Frage des Stils, sagte ich mir, im Kaffeehaus sitzend, boshaft in mich hinein lachend

Thomas Bernhard lebt. Täglicher Beweis sind die Kommentarspalten der einschlägigen Nachrichtenportale. Krethis Ekel vor der das Land todsicher gegen die Wand fahrenden Politik, Plethis Senf zum Asylrecht und abonnent123′s Beitrag zum Burgtheaterskandal – jedem Shitstorm wohnt ein Bernhard inne.

Form follows content: Was die Syntax betrifft, lauert Bernhard durchschnittlich in jedem fünften Nachwuchsautorentext. Haben deren Sätze so und so viele Umdrehungen, ist der Bernhard-Vergleich schneller zur Hand als man “Wolfsegg” sagen kann. Beim diesjährigen Bachmann-Preis etwa, wo Gertrud Klemm in eine konventionelle Tradition einsortiert wird, an deren Anfang der grantelnde Österreicher steht.

Führt eine extensive Bernhard-Lektüre möglicherweise dazu, dass der eigene Stil sich diesen Satzungetümen, Wortkaskaden, Kuddelmuddelschachtelsätzen (über denen jeder Deutschlehrer die Hände über dem Deutschlehrerkopf zusammenschlagen würde) angleicht? Gilt es als Schreibender aufzupassen, dass sich nicht zu viele “naturgemäß” und “sozusagen” und “sagte ich mir” in die eigene Schreibe einschleichen?

Bei Alexander Schimmelbusch kann von Einschleichen keine Rede sein. Viel eher gleicht der Sound seines Romans “Die Murau Identität” seinem Vorbild bis ins Detail. Wir schreiben Bernhards fünfundzwanzigstes Todesjahr, Auslöser einer mittelgroßen Flut an Sekundärliteratur, was mit den zeitungsfeuilletoninternen Redaktionsplänen zu erklären ist, die sich von Geburtsjahr zu Todesjahr zu Meilensteinjubiläum hangeln. Die Hauptfigur der “Murau Identität” hört auf den selben Namen wie sein Schöpfer und führt eine gescheiterte Schriftstellerexistenz (es fällt das unschöne Wort “Sackgasse”). Nach vielen  Jahren im Wiener Exil wird Alexander abrupt seiner Wohnung verwiesen, einem Juwel im Geiste des “Architectural Digest.” Teil deren Interieurs ist ein Ohrensessel “mit einem Rahmen aus geschmiedetem Silber, ein seltenes Exemplar aus der Serie der sogenannten Kriegsherrensessel von Serge Kirchhofer, das ich nach einem fröhlichen Lunch mit meiner Lektorin an der Bar im Novelli – gegrillte Sepia mit Salbei und sardischer Zitrone, drei Flaschen Vermentino – großspurig beim Dorotheum ersteigert hatte.” In diesem Satz stecken alle zentralen Motive des Romans. Der Ohrensessel verweist natürlich auf Thomas Bernhards Schlüsselwerk “Holzfällen.” Alexanders Fixierung auf Konsumgüter bei gleichzeitiger Ineinssetzung derselben mit seiner eigenen Person ist bekannterweise die Crux unserer Wohlstandsgesellschaft. Die namenlose Lektorin illustriert den Verlust seiner Ehefrau und deren Blowjob-Fähigkeiten. Schließlich die Aufzählung der verzehrten Speisen und Getränke als schmutzige Metapher für den Lebenswandel des Ich-Erzählers, denkbar weit entfernt von gesund, denkbar nah am Aphorismus Nobel geht die Welt zugrunde. “Ich ließ mir eine Flasche Chardonnay Steinhof Reserve 2012 von Wieninger kommen, 2012 war in Wien ein denkwürdiges Jahr gewesen, die Weine zeigten Rohseide, Zahngold, Handschuhleder, einen Dialog von Knochen und gebackenem Pfirsich, der von kristalliner Mineralität moderiert wurde.”

Von ebenfalls kristalliner Mineralität ist Alexanders Bankkonto, jegliche Dekadenz ist an  Kreditkartendispos gebunden. In der Stunde größter Not (ausgerechnet, als der Hintern einer sehr schönen, sehr jungen Frau in sein Sichtfeld ragt) fallen dem Protagonisten die Aufzeichnungen von Thomas Bernhards Verleger in die Hand. Demzufolge inszenierte Bernhard seinen eigenen Tod, um unerkannt mit seiner nur unwesentlich jüngeren Geliebten auf Mallorca zu turteln. Halb aus Neugier, halb aus finanziellem Kalkül reist der Protagonist dem Verleger hinterher, erst nach New York, dann nach Barcelona und von da mit der Fähre in der Deutschen liebstes Prollparadies. Auf Mallorca hofft er, Bernhard ein Interview abringen zu können, das ihm sein künftiges Bobo-Leben finanziert.

Stichwort Bobo: Bei der Lektüre fallen einem die deutschsprachigen Popliteraten der Gegenwart ein, Christian Kracht, Joachim Besing, Eckhart Nickel, deren Buch “Tristesse Royale” denselben Geist auf Pump erkaufter spätrömischer Dekadenz atmet. Auch der Gonzo-Journalismus eines John Jeremiah Sullivan ist nicht weit. Mit dem Unterschied, dass Schimmelbusch ein grandioses Vexierspiel mit den Realitätsebenen betreibt. Am offensichtlichsten mittels seiner eigenen Identität, denn mit seinem Protagonisten teilt er mindestens Name und Beruf (Schimmelbusch ist schreibt für die Welt, den Freitag, die FAZ), möglicherweise sämtliche Laster, ein Fressen für alle biografieversessenen Literaturkritiker. Subtiler im Erahnen eines dystopischen Europas, wo arbeitslose Juristen auf der Plaça de Catalunya campieren, “um weiterhin im Zentrum der pulsierenden Metropole leben zu können” und Werbetafeln mit Ibérico-Schinken von vergangenem Wohlstand träumen. Spanien ist “am Arsch.” Und dann natürlich im fingierten Nachlass des Bernhard-Verlegers. Reales Vorbild war vermutlich Siegfried Unseld, seinem Starautoren gleichwohl in jahrelanger Hassliebe verbunden. Sowohl der Verleger, als auch Alexander und vielleicht sogar sein Schöpfer verlieren sich zusehends im Wahnsinn: “Vielleicht ist mein Gehirn die Wurzel all meiner Probleme.” Vor allem ist dieses Gehirn der Produzent eines bösen, bösen Lesevergnügens. Naturgemäß eine Frage des Stils.

Einmal, in New York, fühlt sich der Protagonist an seine österreichische Wahlheimat erinnert, “wo man für den Preis eines Bieres im Kaffeehaus den ganzen Tag lang sitzen kann.” Ich habe den Großteil dieses Buchs im St. Oberholz gelesen, der Berliner Antwort auf die Wiener Kaffeehauskultur. Mit  Fairtradebohnen-Biovollmilch-Cappucino statt Einspänner und Schoko-Fudge statt Sachertorte. Es war Sonntagmittag, ich saß allein am Tresen der Bar und habe oft mit boshaftem Unterton in mich hinein gelacht. Wahrscheinlich fanden mich die anderen Gäste seltsam. Während ich las, schrieb ich halbseitige Schachtelsätze in mein Moleskine, gespickt mit “naturgemäß” und “sagte ich mir, am St. Oberholz-Tresen sitzend.” Es war wunderbar.

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