„Die Realität war ruiniert, für immer“

Hätte man Gretchen Morgenthau gerne zur Freundin? Mit dem ihr eigenen Akzent der Londoner Upperclass: I would prefer not to. Als Theaterbegleitung hingegen schon. Anstatt die lästige Zeit zwischen den Pausengetränken vor sich hinzudämmern, fiebert diese Ms. Morgenthau mit, als ginge es um ihr Leben. Anstatt hinterher zu überlegen, wo man Canapés essen geht, diskutiert sie die halbe Nacht über den Selbstmord der Hauptdarstellerin. Oder deren Kostüm. Seit ihrem ersten Burgtheaterbesuch ist die Titelheldin von Einzlkinds Roman dem Drama verfallen: „Die Realität war ruiniert, für immer.“ Heldin deshalb, weil sie sich auf High Heels jedem in den Weg stellt, der ihr Stilempfinden oder ihren Theaterbegriff kränkt. Oder sie, die Über-Achtzigjährige, für älter als fünfzig schätzt. „Armut, so dachte sie, müsse man sich leisten können, ein zu teures Vergnügen, als dass sie je die Muße dafür gehabt hätte.“ Ihre Bubble ist eine Parallelwelt zwischen Champagner, Missoni und Mutter Courage. Kürzlich zeigte sich Boris Beckers Ehefrau überrascht, dass manche Menschen mit 600 Euro monatlich auskommen müssen, was für sie dem Wert eines Abendessens entspricht – so muss man sich die Protagonistin vorstellen. Nur wesentlich charmanter.

Wer eine derart markante Figur wie „Gretchen“ entwirft, braucht sich um die Handlung kaum zu kümmern, die hinkt dann schon irgendwie hinterher. Und zwar so: Aufgrund eines nächtlichen Malheurs im Straßenverkehr wird Morgenthau dazu verdammt, auf einer gottverlassenen isländischen Insel ein Theaterstück zu inszenieren. Ihre letzte Regiearbeit liegt schon eine Weile zurück, ganz abgesehen davon, dass sie, von allen nur „die Intendantin“ genannt, dem Theater abgeschworen hat. Widerwillig und bepackt mit „vier schwarzen Rimowa-Koffern aus der Salsa-Deluxe-Reihe“ reist sie von London aus in den Norden. Angekommen auf der Insel ohne Gott trifft sie auf die Jugend in Form eines träumerischen Einsiedlers und eines Artaud-begeisterten Nachwuchsregisseurs. Natürlich überlässt sie Letzterem das Inszenieren, natürlich entsteht „so ein neumodisches Stück“ mit masturbierenden Geistlichen, obwohl die Dorfbühne dem Globe Theatre doch zum Verwechseln ähnlich sieht. Es geht auch noch um die Kastration eines fettleibigen Katers, die pflichtschuldige Abhandlung des Grimm-Motivs in Form einer apfelkuchenbackenden Hexe und um eine adoleszente Rock ’n’ Roll Band, die Erinnerungen an Karl Ove Knausgårds musikalische Gehversuche wachruft. Am Ende geht Gretchen Morgenthau so von der Bühne ab, wie es einer Dame ihrer Liga würdig ist: in einer bodenlangen Tom Ford-Robe und Wildlederpumps von Yves Saint Laurent.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit einem Gesellschaftsstück von Yasmina Reza: Handlung eigentlich wurscht, was zündet, ist das nie verlöschende Dialogfeuerwerk. Besonderen Spaß werden Kenner des zeitgenössischen Theaterbetriebs haben, schließlich missbraucht der Autor des Öfteren seine Figuren als erzählerisches Gerüst für ästhetische Begriffe. So trägt der Nachwuchsregisseur ein „Ich fickte Heiner Müller“-T-Shirt und will Ibsen an den Kragen, Morgenthau hingegen hasst Polittheater, das „Entwicklungshilfe leistet“ und trauert um ihre Wiener Heimat und deren Verständnis von Theater als so glamouröser wie weltbewegender Institution. Zugegeben ist „Gretchen“ ein Buch für Insider, aber auch Zaungäste werden auf ihre Kosten kommen.

Von Anfang bis Ende steht dessen Titelfigur allein im Scheinwerferlicht, verschwendet der Autor an ihr sein ganzes Gestaltungstalent. Bleibt die Gretchenfrage: Wer steckt hinter dem Pseudonym? Zweifelsohne ein Theaterkenner. Seine Mnouchkine hat er gelesen, seine Volksbühnensozialisation durchlaufen („Castorf, Der Spieler, knapp fünf Stunden, eine Unverschämtheit“), vielleicht auch mal die Schauspielerseele im Rahmen einer Stadttheaterhospitanz ergründet. Obendrein glänzt er mit Haute-Couture-Fachwissen. Einzlkind, ein Vogue-Abonnent? Jedenfalls ein talentierter Sprachregisseur, dessen Sätze überquellen vor Wortneuschöpfungen („das Rollatorende“), Metaphern (Erdbeeren schimmeln in einem Tempo, bei dem selbst „professionellen Karussellfahrern schwindelig wird“) und Aperçues („Die Jugend ist ein Geschenk, aber die Jugend sagt danke und legt es beiseite.“). Laut Klappentext ist der Autor ein lebender, außerdem ist das Porträt eines rauchenden Anzugträgers mit dunkelblonden Locken abgebildet. Als Gretchens Freundin unter die Autoren gehen will, heißt es: „Hauptsache, du benutzt kein Pseudonym. Es gibt nichts Schlimmeres, als Schriftsteller mit einem Pseudonym.“ Höchstens, möchte man hinzufügen, Journalisten, die Autorenidentitäten entschleiern, wie kürzlich der Fall Elena Ferrante zeigte. Insofern: Lassen wir das Einzlkind Einzlkind sein und hoffen, dass es sich nicht im Feuilleton einer Tageszeitung selbst rezensiert.

Im Prinzip ist dieses Porträt einer alten Dame das prosaische Gegenstück zu Jan Küvelers „Theater hassen“. Dort schrieb sich der Welt-Redakteur seinen jahrelangen Theaterfrust von der Seele, der natürlich in Wahrheit eine -lust ist. So wie Morgenthaus Resignation nur Ausdruck ist ihrer Hingabe an die Bretter, die ihre Welt bedeuten. Nicht nur für einen Kritiker ist Wut oft der beste Motor. Das Schlimmste, was dem Theater passieren kann, ist nicht Empörung, Furor oder Frustration, sondern Egalheit. „Sie liebte doch die Reibung und den Kampf, wenn es dorstet, dornt und müllert, hackst, schillert und jandlt. Theater war ihr Leben.“ Solange es Zuschauer wir Gretchen Morgenthau gibt, muss man sich um die Zukunft des Theaters keine Sorgen machen.

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