Das Leben mit dreißig, das Leben mit vierundzwanzigeinhalb: zwischen Luxusproblemen und schönem Scheitern

Was heißt Scheitern? Hinfallen? Nach dem Hinfallen liegenbleiben? Oder gar nicht erst loslaufen? Und wann ist die Zeit, sich diese Fragen zu stellen? Mit dreißig? Offenbar verlangt der Eintritt ins vierte Lebensjahrzehnt die mindestens erste Inventur des eigenen Lebens. Nicht anders ist es zu erklären, dass gleich zwei tolle Frauen diesem subtilen Imperativ öffentlich nachkommen. Die Journalistin Teresa Bücker mit einem Essay im Zeit Magazin, die Moderatorin Katrin Bauernfeind mit dem Buch “Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag. Geschichten vom schönen Scheitern.”

Auf die Selbstkritik folgt das Unverständnis. Sämtliche in der Zeit erschienenen Leserbriefe zu Bückers Text schlagen in dieselbe Kerbe: Eure Probleme möchte ich haben! Der erste mosert: “Teresa und ihre Generation müssen einem leidtun: Sie verfallen erst dem Schönheitsfasten und sehen sich nach Muskelkraft.” Der zweite meint, das Leben mit dreißig sei vor allem “unerwachsen” und der dritte, es gehe erneut nur um “Hauptstadtbefindlichkeiten einer Berliner Journalistin, die ihr Leben zwischen Yoga und Twitter#Aufschrei verbringt.” Geht es zur Abwechslung um etwas Politisches wie  die Pille danach, folgt auf den analogen der digitale Shitstorm.

Katrin Bauernfeind hingegen macht es dem Leser verhältnismäßig leicht, sie zu mögen (immer vorausgesetzt, wir setzen die Schreibende mit der Seienden in eins – ein literaturkritischer Anfängerfehler, aber, hey, wir üben ja noch). Sie ist unkompliziert, findet Burger genauso gut wie Sternerestaurants und nimmt Invektive in den Mund, welche die schwäbische Oma gewiss pfui fände (“Ich würde ihm gern ein paar Worte sagen, die normalerweise nie bei 3sat zum Einsatz komme. Sie fangen teilweise mit H an, und hören mit urensohn auf.”). Den Sympathiegipfel erklimmt sie mit ihrem Bekenntnis zum Dauer-Scheitern. Scheitern kann man in allen Lebenslagen, sogar daran, ungeliebte Geschenke von nahen Verwandten auf den Müll zu werfen. Anstatt den Tonherzkerzenständer, seiner Form nach ein Hirn, als Türstopper zu benutzen, thront er auf Bauernfeinds Küchentisch. An ihm klebt der Geschenkefluch, überreichte ihn doch dereinst die Waltraud mit den Worten: “Denk halt immer an mich, wenn du das Kerzchen anzündest!” Die Message dahinter lautet: Seht her, ich bin gar nicht so perfekt, wie ich wirke! Ich stelle hässliche Dinge auf, weil ich glaube, Wegwerfen bringt Unglück!

Im Gegensatz zu Bücker, die notiert: “In meiner Altersgruppe gehört psychologische Beratung so selbstverständlich dazu wie die Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt. Depressionen kommen nun einmal häufiger vor als Beinbrüche”, scheint das Scheitern Bauernfeind keine ernsthaften Probleme zu bereiten. D’Katrin (wie ihre schwäbische Verwandtschaft sie zu nennen pflegt) lacht sie einfach weg, gell. Eine bewundernswerte Einstellung, die jedoch nicht immer glaubhaft wirkt. “Ich bin auf weniges stolz, aber dass ‘Gewicht’ für mich nie ein Thema war, gehört dazu.” Kann es wirklich eine Frau auf dieser Erde geben, die sich noch nie zu dick gefühlt hat? Ich wünschte es wäre so, ich glaube es nicht. Zumal die Autorin an anderer Stelle eventuelle Oberschenkeldellen sondiert und beim Anblick jeder prominenten Frau zuerst denkt “Hat die was machen lassen?” Solcher Art bodyshaming ist fehl am Platz, weil es Frauen zu Konkurrentinnen macht, anstatt zu Verbündeten im Kampf gegen absurde Schönheitsideale. Ein Blog wie #youdidnoteatthat wirkt auch nur auf den ersten Blick subversiv, richtet er doch in Wahrheit mit einem (nicht-weiblichen) Blick über den weiblichen Körper.

Das eigentliche Problem des Buchs ist jedoch seine Definition von Scheitern. Kann jemand wie Katrin Bauernfeind als gescheitert gelten? Hat sie nicht allen Grund zum Zufriedensein? All das Kokettieren mit dem fail entspringt einer ziemlich heteronormativen Wohlgeratenheit. Eigener Aussage zufolge hasst sie Sport und liebt Zigaretten, beides mag stimmen, sichtbare Spuren hat es bislang keine hinterlassen. Ihre Figur entspricht vielleicht nicht den Magermodelmaßen, dafür ziemlich exakt dem, was Männer eigentlich gut finden. Von beruflichem Versagen kann als nationale TV-Hoffnung keine Rede sein. Auch was die Sozialisation betrifft, meinte es der liebe Gott gut mit der bekennenden Bastelreligionanhängerin. Aufgewachsen als bürgerliches Einzelkind mit dem richtigen Schulabschluss fiele sie immer weich.

Der problematischen Auffassung des Scheiterns steht der schöne Begriff “Luxusproblem” gegenüber. Menschen, die aus ästhetischen Gründen keine Grillsoßen in Plastikflaschen nutzen können, ist vielleicht nicht zu helfen. Abzüglich der offensichtlichen Selbstironie dieser Aussage und der Tatsache, dass “Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag” keine Ratgeberliteratur sein will, sondern Unterhaltung, ist die Frage des Luxusproblems gleichwohl eine erhellende. Zumal dieser Vorwurf, der auch aus den Leserbriefen an Teresa Bücker spricht, ebenso gut von anderen Dreißigjährigen kommen könnte. Für Janine aus Lichtenberg liest sich das Eingeständnis, morgens nicht aus dem Bett zu kommen, wie Hohn. Während Katrin Bauernfeind das Privileg einer freien Jobwahl genießt (“Ich wusste immer, dass für mich nie ein Beruf in Frage käme, bei dem man morgens um sieben anfangen muss, und das nicht nur manchmal, sondern jeden verdammten Tag eines jeden verdammten Jahres”), ist Janine wahrscheinlich froh über ihre Stelle als Bäckerin, trotzdem sie jeden Morgen um vier Uhr aufstehen muss.

Aber Probleme sind subjektiv, genau wie Scheitern – diese erste Erkenntnis macht “Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag” zu einer erhellenden Lektüre. Die zweite Erkenntnis lautet: Die Zeit heilt alle Wunden, das sprichwörtliche Gras überwächst alles. Rückblickend wirkt jede Megaböllerexplosion wie eine Knallerbse. Retrospektiv kann die vom Leben Geschädigte sogar banale Omama-Weisheiten abnicken: “Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her” oder “Morgen sieht die Welt schon anders aus.”

Und egal, wie die Welt mit dreißig aussehen mag – vergessen wir nicht, dass die zehn Jahre davor auch kein Zuckerschlecken sind. Genau genommen die fünfzehn Jahre davor. Oder von Anfang an. Weil die von allen Seiten proklamierte und besonders gern von Angehörigen älterer Generationen zitierte Freiheit einen Gegenstand braucht, an dem sie sich abarbeiten kann – “frei sein” bedeutet “frei sein von” und wenn es dieses von nicht gibt, sieht der Freie leicht den Optionenwald vor lauter Bäumchen nicht.

Ein Leben ohne Widrigkeiten ist für die heute Dreißigjährigen so wenig zu haben wie für die fünf bis zehn Jahre Jüngeren oder in Bauernfeinds Worten: “Depressive Phasen machen auch aus einem Feuerwerk an Frau einen anstrengenden Haufen Mensch.” Wie dieser Haufen Mensch damit umgeht, darauf kommt es an. Wer gar nicht erst losläuft, kann nicht fallen, er sieht aber auch nichts vom Feuerwerk. Rat weiß die Fußmatte vor meiner Wohnungstür, ihres Zeichens eines jener mittelprächtigen Geschenke von engen Verwandten, die man doch behält, weil man wie Bauernfeind am Wegwerfen scheitert: “Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen.”

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