Dann kratzte sie sich am Kopf, obwohl es nicht juckte

Dieses Buch ist ein Geschenk. Die Schenkende empfahl es als “befremdlich, abstoßend, aber im Nachhinein faszinierend.” Geschrieben hat es Miranda July. Alles, was die Autorin sonst so macht, ist großartig. Sie liefert Kreativität auf Rezept, bringt Fremde zum Sprechen und hat die Lösung für Smartphonesucht. “Der erste fiese Typ” ist Julys erster Roman. Wenn ein Buch einen sowohl zum Lachen (laut, in öffentlichen Verkehrsmitteln) als auch zum Weinen (heimlich, in der Mitte der Handlung und ganz am Schluss) bringt, ist das eine ganze Menge. Gerade auf den letzten zwanzig Seiten passiert noch mal so viel, dass es weniger einfallsreichen Autoren für den zweiten Roman gereicht hätte.

Am meisten liebe ich “Der erste fiese Typ” für seine Beschreibung von Neurosen. Wie viele davon die Autorin der Wirklichkeit entnommen hat, welche ihre eigenen sind oder die ihrer Mitmenschen, bleibt ihr Geheimnis. Meine Favoriten:

* In der Firma der Hauptfigur Cheryl unterliegen Aufgaben einem ausgeklügelten Höflichkeitssystem: Bevor ein Mitarbeiter eine Aufgabe übernimmt, muss er erst beteuern, die anderen könnten das ja eigentlich viel besser. Fordert zum Beispiel Jim Michelle auf, bei der Vorstandssitzung Protokoll zu führen, sagt Michelle mit gesenktem Kopf: “John kann allein Protokoll führen; er kann das am allerbesten, aber ich kann ihm zur Hand gehen, auch wenn ich keine große Hilfe bin, weil ich nicht gut im Protokollieren bin.” Erst nach mehrfacher Bekräftigung der eigenen Unzulänglichkeit wird die Aufgabe erledigt. Auf diese Art erhofft man sich eine japanische Büroatmosphäre.

* Die alleinlebende Cheryl hält ihren Haushalt durch verschiedene ineinandergreifende Systeme so am Laufen, dass er praktisch von selbst läuft. Gegenstände bleiben bestenfalls, wo sie sind: “Bevor Sie einen Gegenstand weit von seinem angestammten Platz entfernen, denken Sie daran, dass Sie ihn auch wieder dorthin zurückbringen müssen – ist es das wirklich wert? Können Sie das Buch nicht auch lesen, während sie neben dem Regal stehen und den Finger in der Lücke halten, in die Sie es danach wieder schieben werden? Oder noch besser: Lesen Sie es gar nicht erst.” Müssen Dinge doch bewegt werden, bilden sie “Fahrgemeinschaften” von einem Raum in den anderen. Das Abwaschproblem erübrigt sich, wenn es für Süßes und Herzhaftes jeweils nur eine Pfanne gibt, aus der direkt gegessen wird. Sollte Cheryls angekratzte Psyche dem Alltag im Weg stehen, kann sie im Bett liegen bleiben, in eine Tasse urinieren und trotzdem wird ihr Haus nicht im Chaos versinken.

* Cheryl leidet an einem möglicherweise eingebildeten globus hystericus, einer dauerhaften, durch einen Knoten im Hals verursachten Schluckbeschwerde. In Zuständen größter innerer Unruhe greift sie auf “Schluck-Szenarien” zurück: Zerkautes Brot rutscht am Kloß vorbei mithilfe der Vorstellung, sie sei Blitz, der schwarze Hengst. Bei Wasser ist sie ” Heidi, die eine Schöpfkelle aus Metall in einen Brunnen taucht. Das ist gegen Ende, als sie wieder in den Alpen lebt.” Für jedes Getränk hält sie eine passende Fantasie aus Kindheitstagen bereit, außer für Alkoholisches, denn Kinder trinken keinen Alkohol.

* Und nicht zuletzt dieser eine Tick der Protagonistin, den man in seiner Beiläufigkeit leicht überließt: “Dann steckte ich mir das Haar hinter die Ohren.” Eine unnötige, für den Handlungsverlauf unerhebliche Geste, die den Leser einlädt, den eigenen Neurosenhaushalt zu sortieren. Vielleicht ergibt sich ja die ein oder andere Fahrgemeinschaft.

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