Bist Du Fighter oder nicht?

Ein kleines Mädchen und eine nicht mehr ganz junge Frau. Ein Sumpfgebiet im US-amerikanischen Bundesstaat Lousiana und die Przewalskistraße in einem Wiener Randbezirk. Die eine heißt Hushpuppy, die andere Ruth Amsel (wer mit solchen Namen ins Leben geschickt wird, darf Besonderes erwarten). Beiden gemein ist ihre Kämpfernatur. Beiden gemein ist ihr poetischer Blick auf die Welt.

“Südbalkon” ist der Debutroman der Österreicherin Isabella Straub. Dessen Protagonistin Ruth Amsel ist Langzeitarbeitslose, ergo Lebenskünstlerin. Mit ihrem Freund Raoul bewohnt sie ein 3-Zimmer-Kabuff in einem Hochhaus, dessen Unwirtlichkeit einen eher an Berlin-Marzahn erinnert als an Wien, diese Prachtwelthauptstadt. Raoul, seines Zeichens arbeitsloser Softwareentwickler, nennt sich keck Softwaredesigner und steht immer kurz vor dem ganz großen Auftrag, kommt in Wahrheit aber nicht über die Organisation seines working space hinaus. Was ihm an Selbstreflexion abgeht, macht Ruth durch ihre Klugheit wett. Nach ihrem abgebrochenen Medizinstudium zieht es sie freizeitbedingt (denn davon hat sie als Arbeitslose jede Menge) täglich zur Parkanlage der Magenbuch-Klinik, wo sie ganz persönliche Krankenakten derer anlegt, die in Morgenmantel und Frotteepantoffeln von Bänkchen zu Bänkchen schlurfen: “Infusion, gelbtrübe Flüssigkeit. Womöglich kataleptisch. Mit Sicherheit bresthaft.” Wie viele von uns leidet Ruth unter Hypochondrie, befeuert durch ihre fundierten Medizinkenntnisse. Einmal glaubt sie, einen Gehirntumor zu haben, weil sie überall den Dackel der Nachbarn wittert und im “Stern” von einer Frau mit Geruchshalluzinationen gelesen hat. Natürlich ist Ruth kerngesund.

Wie die Phantompatienten in den Wartezimmern der Arztpraxen gibt es die Phantomkunden: Erwerbsuntätige, die das gesamte Einzelhandelssortiment auswendig können (besonders beliebt: Baumärkte) und mit Scheinanfragen deren Personal auf Trab halten. Die Heldin in “Südbalkon” ist so eine Phantomkundin des eigenen Lebens. Ruth, die sich mit ihrer Freundin Maja zum Picknicken in Küchenfachgeschäften trifft, weil die staatliche Fürsorge nur ab und an reicht für Apfelstrudel mit viel zu dicker Vanillesauce im Omacafé. Ruth, deren Polyester-Kostüm aus der Zeit ihrer Tätigkeit als Todesanzeigenverfasserin stammt und jetzt herhalten muss für Sexspielchen mit dem Tölpelfreund (Ruth in der Rolle des “Siebten Flittchens”). Ruth, die Zufallsbekanntschaften Bären aufbindet von in Felsspalten verunglückten Mitschülern. Allein ihre Beschreibungen der “gangway to hell”, dem Wartesaal der besonders aussichtslosen Fälle in der “Gesellschaft für Wiedereingliederung” begeistern durch einen Sinn für, nun ja, nicht das Schöne, aber das Spezielle: “Auf den Tischchen in der Gangway legt Frau Hiltrud regelmäßig Regenbogenmagazine aus. Um den Klassenkampf nicht unnötig anzuheizen, achtet sie darauf, Glücksmeldungen über royale Schwangerschaften und herrschaftliche Segelturns herauszureißen und nur jene Berichte freizugeben, die von magersüchtigen Prinzessinnen, tumorverseuchten Fürsten und polygamen Thronfolgern berichten.”

All das erzählt die Autorin mit einer ganz und gar erträglichen Leichtigkeit, mit einem Blick für die Zaubertricks, mit denen eine den Alltag meistert, für die die Effizienzgesellschaft höchstens einen Restposten bereithält. In all ihrem Zynismus und ihrer Niedergeschlagenheit und ihren Neurosen, etwa dem Putzwahn (perfektioniert durch das NUBA-Heimputz-System), bleibt Ruths Blick ein poetischer. “Das Leben ist kein Südbalkon” – aber die Wohnbaracke im Bruno-Kreisky-Hochhaus, dieser “Unglücks-Container”, wird zum Schloss, wenn der Liebste mit einzieht: “Das Wohnzimmer musste zugleich als Schlafzimmer dienen, denn einen zweiten Raum gab es nicht. Uns war das gleichgültig, schließlich waren wir noch in der allerersten Verliebtheitsphase. Wir schliefen, wo auch immer es uns passte, und wunderten uns täglich in der Früh von neuem, dass wir zu zweit aufwachten und dass es eine Zeit gab, in der es anders war. Wo sich dieses Wunder wiederholte, spielte keine Rolle.” Wer hat zuletzt die Liebe so vollkommen in Worte gefasst?

Ruth glaubt an die Magie der Dinge, sie deckt sich mit Baby-Utensilien ein, um schwanger zu werden, sie legt im Küchenstudio den Finger neben den eines fremden Mannes in der Mulde eines Besteckkastens. Wenn ein Langzeitarbeitsloser seinen Platz verlässt, setzt Ruth sich auf dessen Stuhl: weil sie glaubt, dass dessen Trauer auf dem Stuhl zurückbleibt. “Im besten Fall dockt nun meine Trauer an die übriggebliebenen Gefühle des Langzeitarbeitslosen an und bleibt, wenn ich behutsam aufstehe, an dem klebrigen Trauerstuhl haften. Ich erkläre mir das mit dem Prinzip der Homöopathie: Gleiches mit Gleichem heilen.”

Je mehr das Buch seinem Ende zugeht, desto märchenhafter werden die Szenen. Was für  eine Gedankenklaviatur die Autorin in ihrer spröden Sprache unterbringt! Man liest, man staunt, man mutmaßt: Vielleicht liegen die Dinge ein wenig anders. Vielleicht hält jedes Existenzminimum seine Cineastenmomente bereit – allein die Sichtweise zählt. Am Ende steht Ruth plötzlich auf einem Südbalkon. Nicht ihrem eigenen, dafür mit dem richtigen Mann an ihrer Seite. Gerade weil ihre Hoffnung zuvor jeden Tag ein bisschen starb.

Wenn die Hoffnung ein Ort ist, dann heißt er Bathtub. Dieser fiktive Slum in den Sumpfgebieten Lousianas ist Schauplatz von Benh Zeitlins Film “Beasts of the Southern Wild.” Hätten Filme einen Geruch, dann wäre “Beasts of the Southern Wild” eine Zumutung. An allen Ecken und Enden modert es, das periodisch über die Ufer tretende Wasser verwandelt Bathtub in ein Keimparadies. Hier lebt das Mädchen Hushpuppy. Über den Verbleib seiner Mutter lässt uns der Film im Unklaren. Umso präsenter ist die Vaterfigur, eine Mischung aus fuselsaufendem Hans-guck-in-die-Luft und Slum-Sisyphos.

Der Zuschauer, der die Angst vor Keimen sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat, wundert sich über die Resistenz dieser im Dreckwasser badenden Slumbewohner, die Meeresgetier aussaugen, ohne es vorher abzukochen. In Bathtub, so die Stimme aus dem Off, gebe es mehr Feiertage als irgendwo sonst. Feuerwerk zischt, Flaschen leeren sich wie von selbst, selbstgezimmerte Instrumente spielen vergnügte Melodien. Das Wasser ist lebensspendend und zugleich lebensbedrohend. In ständiger Angst vor der Flut sorgen sich die Bathtub-Bewohner liebevoll umeinander. Dies ist der entscheidende Unterschied zur Nachbarschaftshölle in “Südbalkon”: Während dort Balkongewächse mit Wurststückchen traktiert werden, fängt der Slum seine Bewohner mit einem Netz aus sozialer Fürsorge auf. Im Gegensatz zu Ruth, deren Vater zwar ein König unter den Monopolyspielern ist, jedoch in der Realität nie über Los kommt, wissen wir, woher Hushpuppy ihre Kämpfernatur hat. Selbst als sein gesamter Besitz buchstäblich den Bach runtergeht, beharrt er auf seinem Stolz. In der Not jagt Daddy einen Staudamm in die Luft, mit der Dynamitschnur zwischen den Zähnen.

Hushpuppies Sätze verleiten zum Mitschreiben, so schön sind sie: “Wenn ich meine Augen zumache, sehe ich, dass alles, was mich erschaffen hat, in unsichtbaren Teilen um mich herumfliegt. Wenn ich genau hinsehe, verschwinden sie. Aber wenn es ganz still wird, sehe ich, dass sie da sind. Ich sehe, dass ich ein kleines Teil eines riesengroßen Universums bin. Und dann ist alles gut.” Hushpuppies Angst vor den titelgebenden Biestern steht stellvertretend für das kindliche Unverständnis angesichts der realen Bedrohungen ihrer Heimat. Mehrfach fabuliert das Mädchen vom Ende des Universums, denn es weiß, dass alles mit allem zusammenhängt. Aus diesem metaphysischen Verständnis der eigenen Endlichkeit schöpft “Beasts of the Southern Wild” einen Großteil seiner Faszination.

Ruth und Hushpuppy – so grundverschieden deren Mikrokosmen sind, so teilen sie einen Überlebenswillen, gepaart mit einem magischen Blick auf die Welt. “Das Leben hält kein Festmahl bereit” stellt Hushpuppy fest und auch bei Ruth läuft es eher auf Ananas aus der Dose hinaus. Hushpuppy fürchtet das Ende der Welt, Ruth das Ende des Monats, wenn das Geld nicht einmal mehr für ein Glas Leitungswasser im Café reicht. Während die eine einen Kampf schlägt gegen den Beamtenheini der Arbeitslosenbehörde, stellt sich die andere Fabelwesen in den Weg, die ihr Zuhause bedrohen. Hushpuppy weiß um den Überfluss der Konsumgesellschaft wenige Kilometer entfernt (“drüben im Supermarkt kaufen Leute ein”) und auch Ruth treibt sehnsüchtig durch das prosperierende Wien und träumt sich in fremde Leben hinein. So präsent diese Parallelwelten im Bewusstsein der Protagonistinnen sind, so entschieden trampeln sie jedoch darüber hinweg. “Wenn man klein ist, muss man reparieren, was man kann”, sagt Hushpuppy einmal. Weil sie Fighterinnen sind, die sich die Welt machen, wie sie ihnen gefällt. Herzerwärmend ist beides. Ein Film und ein Buch, um durch den Herbst zu kommen.

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