Von schwarzen Löchern, explodierenden Sofas und den Problemen mit dem Themenkomplex Liebe

Peter Licht? Das ist doch der Typ, der sein Gesicht so gut versteckt. Der den Bachmann-Publikums-Preis gewonnen hat und ziemlich gute Musik macht und ziemlich gute Bücher schreibt. In guter Erinnerung geblieben ist auch sein Geiziger am Berliner Maxim Gorki.
Der Typ, der jetzt 30 cm von mir entfernt sitzt und mich sekundenlang fixiert als wären wir gerade Kaffee trinken und er erzählte mir dabei seine Lebensgeschichte oder einen Teil davon, das könnte auf jeden Fall Peter Licht sein.
So wie er sich reinsteigert, schon reingesteigert hat als die Gruppe von etwa 25 Schauspielhaus-Besuchern in den Raum geführt wurde, kaum größer als ein Wohnzimmer. Drinnen hört man von Zeit zu Zeit das Rauschen der Straßenbahnen (die hier passenderweise Bim heißen) und Gesprächsfetzen von vorbeigehenden Passanten und oft ist nicht klar, ob die leise Musik aus dem Theaterraum selbst oder der angrenzenden Bar kommt.
Er, der Schauspieler dieses Ein-Personen-Stückes, sitzt auf einer umgedrehten Bierkiste und wartet auf Zuhörer, denen er also seine Geschichte seiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends erzählen kann. Erstmal müssen sich die Leute auf den umstehenden Kisten verteilen und sich damit arrangieren, dass das Bein des Nebensitzers eventuell das Eigene berührt. Das Bühnenbild, wenn man überhaupt von einer Bühne sprechen kann, besteht aus übereinander gestapelten Bier- und anderen Kisten, deren Logos nachlässig mit Klebeband bedeckt wurden. Ziemlich viele Flaschen in den Kisten, die niemand weggebracht hat und das ist auch meine Einschätzung des Normalzustandes in jeder Wohngemeinschaft.
Dass er, der Schauspieler, schon in diesem Moment in einem Zustand äußerter innerer Unruhe ist, sieht man: Seine Stirn ist nass und die Schweißflecken unter seinen Achseln beachtlich.
“Es ging mir gut” – so fängt er an und was in der folgenden Stunde passiert, ist ein atemloser, sich permanent steigernder Monolog von einer solchen Intensität, wie man ihn – und ich glaube hier aus der Perspektive einer passionierten Theatergängerin zu sprechen – lange nicht gesehen hat.
Die Geschichte geht in etwa so: Er, der Schauspieler, berichtet von einer vergangenen Zeit seines Lebens, die anfangs als angenehm zu verstehen ist, mit viel Sonne, mit genug Geld und soviel mehr, dass er sich ab und an etwas leisten kann und einer Freundin, mit der er auf Frühlingswiesen liegt und immer scheint die Sonne. Allermeistens. Ab und zu. Eigentlich nicht ganz so oft. “Frank und frei” eigentlich gar nicht; nur wenn der Monsun nachlässt, bricht ein einzelner Strahl ducrh die dunklen Wolken und das ist der schlimmste Moment, weil er den Erzählenden daran erinnert, dass es eine Sonne gibt. Auf diese Weise wird Stück für Stück das Gesagte revidiert, ad absurdum geführt, bis man weiß: Es ging ihm nicht gut. Das Sofa, zu Beginn als “das Neue, so gut wie Neue, nicht direkt vom Händler Kommende, aber beinahe Unbenutzte” beschrieben, entpuppt sich als völlig unbrauchbar, denn die austretenden Sprungfedern ritzen bei Liegen den Rücken auf. Dann explodiert das Sofa und plötzlich die ganze Wohnung und das billige Geschirr klebt an der Wand und die aus den Wasserleitungen austretenden Wassermassen reissen alles mit sich. Seine Freundin und er schauen sich an und ihm ist, als ob er sie überhaupt nicht kenne und es ist klar, dass hier nicht nur das überdimensionale Loch im Fußboden einen bedenklichen (seelischen) Zustand assoziiert.
In einem Nebensatz gesteht er, der Schauspieler, denn auch seine Probleme mit dem “Themenkomplex Liebe”.
Unterbrochen wird dieser Redefluss, Redeschwall nur von einer Gesangseinlage mit Minikeyboard und mehrmaligem Verlassen des Raumes seiten des Schauspielers.
Dessen Leistung verdient zweifellos höchsten Respekt, allein schon wegen des vielschichtigen, scheinbar ohne Interpunktion verfassten Textes der Vorlage. Man nimmt ihm die Geschichte ab. Dazu trägt natürlich nicht zuletzt die bereits erwähnte, beinahe unangenehme Nähe zwischen Darsteller und Publikum und die extreme Raumsituation bei, die zum Schluss nochmal ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert als er, der Schauspieler, während des Schlussapplauses mangels Vorhang auf die Straße hinaus geht und wieder hereinkommt.
In den letzten Minuten kehrt dann Ruhe ein. Die Rede ist jetzt von einem Frühstück mit Freundin und Roiboschtee und weichgekochten Eiern. Seine, des Schauspielers, Einschätzung des vor ihm liegenden Arbeitstages ist bescheiden, vielleicht wird er einen Erfolg verbuchen können, vielleicht auch nicht, und auf dem Rückweg müssen noch ein paar Kleinigkeiten besorgt werden.
Vielleicht liegt hierin der Schlüssel: Anstelle der totalen Selbstüberschätzung ein wenig Bescheidenheit.
Trotz der teilweise stark überzogenen Anhäufung von Metaphern, siehe die mehrmals täglich explodierende Wohnung, fühlt man mit, denn es könnte ja auch die eigene Einschätzung des ist-so oder war-so Zustandes sein. Dazu müsste man allerdings die eigene Person in Beziehung setzen können zu Peter Licht und das geht nicht, denn wir wissen nicht, wie er aussieht und das Rätsel um sich selbst betreibt er mit großer Ernsthaftigkeit.
In diesem Moment sieht Peter Licht für mich aus wie der Schauspieler Thiemo Strutzenberger.
Und als Einschätzung meiner Situation im Rückblick des heutigen Abends kann ich sagen:
“Es ging mir gut.”

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Notes on Camp

Der Aufhänger zu diesen gedanklichen Ausschweifungen war ein, zugegeben, recht banaler. Alle Jahre wieder steht die Rezensentin vor dem Dilemma, das der Winter und die mit ihm einhergehende, je nachdem, wo man diesen verbringt, mehr oder weniger nicht tragbare Kälte, mit sich bringt: Setzt man sich, nach den verschiedensten Abwegigkeiten, wie bauchfreie Shirts bei Minusgraden und Chucks bei 30 cm Neuschnee, endlich einmal über das nur scheinbar auferlegte (von wem denn?) modische Diktum hinweg und kauft sich endlich endlich einmal einen warmen Wintermantel? Oder lässt man sich wie alle Jahre zuvor mitreissen vom aktuellen Trend zu wasauchimmer? Man lässt. Das heißt, vorerst nicht, denn die erste Einschätzung des Objekts ist alles andere als wohlwollend: Haben die bei H&M kein Geld mehr für ordentliche Designer? Beziehungsweise, wer lässt solchen Dilettanten freie Hand? Und wer soll das tragen? Was soll das überhaupt sein? Kein Mantel, warm sowieso nicht und Capes als solche gehören zu den unsinnigsten modischen Erscheinungen. Und sowieso hat man sich geschworen: Niemals kamelfarben!
Ein paar Tage später findet man sich dann doch wieder in der, nebenbei bemerkt, zweifellos wunderschönsten Filiale unserer aller Lieblingsschwedenkette, mit Jugenstilaufzug und einem hölzernen Treppenhaus und, wenn die Erinnerung nicht täuscht, Kronleuchtern, und schleicht so ein bisschen drum herum um das Objekt und probiert ihn oder es, je nachdem, doch noch einmal an und plötzlich, wunderbarer- und zugleich absurderweise, ist man sich sicher, hier gerade die Entdeckung der Saison gemacht zu haben; den, das absolut formvollendetsten Mantel, Cape, was auch immer, gefunden zu haben. Man bezahlt und denkt nach und kann nicht aufhören, sich zu wundern, wie schmal der Grat ist zwischen grausam und ganz ganz groß. Und je länger man darüber nachdenkt, und hier wird nun endlich der Bogen geschlagen von einem, wie bereits eingestanden, eher marginalen Thema hin zu etwas hoffentlich Gewichtigerem: Sind nicht oft die Dinge die Besten und einem die Liebsten, die sich gefährlich nahe an der Grenze zum Schlimmsten befinden?
In modischer Hinsicht ist Berlin hierfür, wie ich finde, ein ideales Forschungsfeld. Je öfter man übergroße Unisex-Shirts in Kombination mit Leoleggins und Nerdbrillen sieht, desto schöner sieht das aus, bis man geneigt ist, von Ästhetik oder zumindest Stil in Berlin zu sprechen; und eines Tages trägt man neonfarbene Stirnbänder und Ketten mit Süßigkeiten aus Plastik und kann gar nicht verstehen, wieso.
Ein kleiner Sprung zu Christoph Schlingensief. Abgesehen davon, dass er jetzt im Theaterhimmel ist, war er da schon die ganze Zeit, was etwa Bitte liebt Österreich beweist oder Freakstars 3000. Man schaut sich das an und ist permanent hin-und hergerissen, weil das eigentlich nicht geht, nicht gehen kann, wie er hier geistig behinderte Menschen dermaßen vorführt und ausschlachtet, damit sein eigener Regisseurstern am Theaterhimmel noch heller strahlt, und wie er in Bitte liebt Österreich Asylbewerber in einen Container steckt und die Bevölkerung auffordert, per Telefon jeden Tag einen von ihnen abzuschieben. So fühlt man sich dann aber bald ertappt in seinem kleinbürgerlichen, pseudo-moralischen Denken und überdenkt das dann nochmal und kommt zum Entschluss: Eigentlich hat er das ganz gut hingekriegt, der Schlingensief, mich auflaufen zu lassen und zurückzuführen zu meinen heimlichen Vorurteilen, denn warum darf man mit Behinderten kein Theater machen? Ist nicht gerade diese Form der Ablehnung eine Reproduktion des Vorbehalts, der eine Teilnahme an der Gesellschaft verhindert? Und was ist im Zusammenhang mit der Integrationsthematik falsch an einem Format à la Big Brother, wenn es die, man ist geneigt zu sagen, faschistischen Strukturen im heutigen Österreich aufzeigen kann? Ganz großes Theater, trotz oder gerade weil es sich so nah an der Grenze zum Trash und moralisch Vertretbaren befindet.
Bevor man sich begrifflich weiter im Ungefähren verliert, mache ich einfach mal den Versuch, dieses Phänomen als Camp zu bezeichnen.
Camp: Was genau dieser Begriff benennt, ist zu komplex, um hier ausgeführt zu werden. Im theaterwissenschaftlichen Institut der Uni Wien braucht man hierfür immerhin ein ganzes Semester. Die Veranstaltung ist jedenfalls die Sternstunde der Woche. Studiumsbezogene Fragen, die einen im Alltag zum Nachdenken anregen, das ist ja alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Camp: Eine Sache mit Ernst und Leidenschaft betreiben, um auf ästhetischer Ebene zu scheitern, aber im positiven Sinne. Leben als Theater, Anziehung und Abstoßung zugleich. Liebe zum Gegenstand, eine Form von Dekadenz und/oder Dandyismus heute. Susan Sontag, von der ich mir den Titel dieses kleinen Essays geliehen habe, was unbedingt erwähnt werden sollte – einerseits, weil das Original unbedingt lesenwert ist, andererseits weiß man ja spätestens seit Hegemann um den Wert des geistigen Eigentums als solches – Susan Sontag also gibt sich sehr bescheiden und versteht ihren Text als Annäherung oder Versuch. Gefällt mir, denn, dass eine ernstzunehmende theoretische Abhandlung kaum am Beispiel einer Winterkollektion von H&M durchgeführt werden kann, versteht sich von selbst.
Dieser Text will nichts. Und rückt den Leser vielleicht gerade dadurch in Richtung der dargestellten Thematik, denn Camp ist auch und vor allem Form vor Inhalt und leidenschaftlicher Ästhetizismus und Freude an Dingen, die sich gefährlich nahe an der Grenze zum Schlimmsten befinden.
Bis zur endgültigen Klärung dieses so spannenden wie komplexen Begriffs trage ich meinen wunderbar-exzentrisches Wasauchimmer und freue mich schon wieder auf ganz viel Stil in Berlin und die Seminarsitzung über Schlingensief und das Leben als Theater.

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Schöne neue Burgtheaterwelt

Schön, dass viele Stationen der öffentlichen Verkehrsmittel den Namen der dortigen Theater tragen. Und wenn man dann aussteigt und davorsteht, kann man gar nicht aufhören zu staunen über soviel Pracht und Prunk und Protz. Es ist das Burgtheater und Ehrfurcht ist hier durchaus angebracht. Gespielt wird Faust I und es ist offensichtlich, dass niemand auch nur auf die Idee käme, hier mit Turnschuhen oder Schlimmerem aufzutreten. Viele ältere Herrschaften in Pelz und Frack undsoweiter, aber entgegen der Vermutung fühlt sich das nicht komisch an, man ist gerne Zuschauer dieser eigenen kleinen Vorführung.
Dann das Stück. Dreineinhalb Stunden sind angekündigt, da muss man erst mal schlucken. Tatsächlich: Keine Minute zu lang. Man fühlt sich wie im Zauberwald, es kracht und knallt und raucht und blinkt und brennt. Das erste starke Bild ist Faust, wie er auf der vollkommen dunklen Bühne sitzt, die einzige Lichtquelle ist der leuchtende Apfel. Faust als Apple-Nerd der Nuller-Jahre, was für ein gelungener Regieeinfall. Kurz darauf der erste Schreckmoment: Der Protagonist macht sein Prestigeobjekt kaputt, er tritt darauf, wirft es auf den Boden, bis nichts mehr davon übrigbleibt. Ein Raunen geht durchs Publikum, wahrscheinlich beisst sich jeder Macbesitzer jetzt auf die Lippen oder schließt die Augen, eine Welle der Empathie, sozusagen. Die logische Frage ist dann: Woher haben die soviel Geld? Dass Geld hier, sowohl, was das Publikum, als auch die Inszenierung als solche betrifft, keine Rolle spielt, liegt auf der Hand, man hat seit langer Zeit bei einem Theaterbesuch (und definitiv war das letzte Mal nicht in Berlin) das Gefühl, dass nirgendwo gespart wird. So kommt man in den Genuss, hollywoodreife Effekte mitzuerleben, Schaukeln, die sich vom Bühnenhimmel herablassen, Zauberwürfel, aus denen ein mehrere Meter hohes Monster hervorschaut und, zum Schluss, einen überdimensionalen Betonquader, der an einer Schnur baumelt, die dann angezündet wird und lautstark auf Gretchen herunterfällt.
Die offensichtlich anwesenden Schulklassen honorieren das Spektakel mit zahlreichen “Oooohhs” und “Ahhhs” und “Geil!” und immer wieder hört man ein ungläubiges Flüstern: “Wie machen die das?” Man fühlt sich dadurch zwar zumindest ansatzweise in seiner Kontemplation gestört, aber auch nicht mehr, als von dem Bildungsbürgerehepaar eine Reihe weiter hinten, das nicht widerstehen kann, ganze Passagen auswendig mitzusprechen.
Und dann das Ensemble! Ohne Ausnahme wunderbare Schauspieler und ein Chor, der reinster Luxus ist, denn natürlich hätte man die Passagen auch von einzelnen Darstellern rezitieren lassen können.
Angesichts der Tatsache, dass es die erste Faust-Inszenierung der Rezensentin ist, vermag sie keine Vergleiche anzustellen, aber die Vermutung liegt nahe, dass eine solche Aufführung anderswo, ja, zum Beispiel in Berlin, so nicht vorzufinden wäre, weil dort nämlich alles, Ensemble, Requisiten, Bühnenvorgänge jeder Art, gestrafft, das heißt ausgedünnt worden wären. Das Problem der sterbenden Stadttheater scheint hier nicht zu existieren und, nebenbei bemerkt, kostet eine Karte für das Burgtheater 5 € oder 2,50 € für einen Stehplatz.
Man könnte nun natürlich argumentieren: Weniger ist mehr, viel Optik, wenig Inhalt undsoweiterundsofort. Fakt ist, dass es an der Inszenierung nichts auszusetzen gibt, dass hier eben nicht mit viel Geld und Aufwand eine möglicherweise fehlende Tiefe zu verstecken gesucht wurde, sondern niemals überzogene Regieinfälle mit tollen Schauspielern eine Verbindung eingehen. In Wien hat Kunst, Kultur, Theater wohl einen anderen Stellenwert als zuhause, was nicht zuletzt an der herrschenden Klasse des Bildungsbürgertums liegen mag und das kann man jetzt langweilig finden oder prätentiös, aber nach einem Abend im Burgtheater drängt sich die zaghafte Vermutung auf: Arm ist eben nicht immer sexy.

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“Wie andere in den Park oder in den Wald, lief ich immer ins Kaffeehaus, um mich abzulenken und zu beruhigen, mein ganzes Leben.” (Thomas Bernhard)

Wie das so ist, wenn man sich fernab der Heimat aufhält und bereits bei der Planung dieses Aufenthalts glaubt, gewisse Dinge unbedingt tun zu müssen, weil es diese Dinge so nur an diesem Ort gibt und man sie so, wie man sie dann machen möchte, nur an diesem Ort machen kann. In Wien sind das die Kaffeehäuser. Ich für meinen Teil habe schon relativ früh beschlossen, dass dort, in einem zunächst nicht weiter definierten Exemplar (denn eine Vorauswahl konnte zu diesem Zeitpunkt aufgrund meiner Unkenntnis nicht getroffen werden) ein großer Teil meiner Zeit verbracht werden müsse. Man sitzt dann da, dachte ich mir, ganze Nachmittage, Abende lang und liest die wunderbaren österreichischen Qualitätszeitungen und abwechselnd all die Bücher, für die man in der aufregenden Heimat keine Zeit gehabt hat und trinkt Einspänner – dass man in Wien nämlich unter gar keinen Umständen einen Kaffee bestellen darf (am allerwenigsten mit Betonung auf der ersten Silbe), das habe ich bereits im Vorfeld verinnerlicht – und isst Powidltascherln und Sachertorte und von Zeit zu Zeit blickt man durch die großen Fenster, die von der Kälte beschlagen sind und sieht auf die dunkle Straße hinaus und natürlich schneit es draußen. Die Luft ist schwer vom Rauch und abgesehen davon, weht der Geist von, zum Beispiel, Horváth durch den hohen Raum.
Wie das so ist, kommt irgendwann der Moment, wo diese gedanklichen Ausschweifungen korrigiert, nämlich der Realität angepasst werden müssen. Die Wahl fällt zunächst auf das “älteste Kaffeehaus Wiens”, großspurig als historisch einmalige und unbedingt zu besuchende Institution angepriesen, deren Name ich schon wieder vergessen habe. Noch schneit es nicht und noch zweifelt man an dem Wahrheitsgehalt des Schildes “Seit Achtzehnhundertirgendwas”. aber die Polster kommen der Vorstellung von historisch sehr nahe; man sitzt also in diesem tiefen, weichen Sessel und freut sich, dass da tatsächlich ein Aschenbecher auf dem Tisch steht. (Nebenbei bemerkt wird nämlich in Österreich üblicherweise der Nichtraucherbereich vom Raucherbereich abgetrennt, nicht umgekehrt). Am Nebentisch sitzen zwei echte Ortsansässige, eine schöne Frau und ein gut gekleideter Mann mittleren Alters, beide trinken am frühen Nachmittag Wein und scheinen eine Grundsatzdiskussion zu führen. Leider ist der prozentuale Anteil von Touristen trotzdem sehr hoch, was die Reiseführer, die auf jedem zweiten Tisch zu liegen scheinen, bestätigen.
Noch bevor man wirklich Zeit hatte, einen Blick in die Karte (Ledereinband!) zu werfen, rauscht auch schon der Ober heran und man kommt gar nicht auf die Idee, ihn als Kellner zu bezeichnen, ihn, mit seinem schwarzen Frack. Froh darüber, dass man aufgrund jahrelanger Kaffee-trinken-gehen-Erfahrung weiß, wie die Konversation zwischen Kellner und Gast abläuft – denn der noch ungewohnte Akzent macht es beinahe unmöglich, ihn zu verstehen – fragt man höflich nach laktosefreier Milch. Er schüttelt den Kopf und ist schon dabei, einem die Karte aus der Hand zu reißen und in großer Verzweiflung bestellt man das, was man zuletzt gelesen hat. Es handelt sich, wie man wenige Minuten später feststellt um geschätzte 2 cl starken Kaffee mit einer geschätzten 5 cm Sahneschicht darüber. Man beachte: Die Vokabel Sahne kommt im Österreichischen so nicht vor, das heißt nämlich Schlagobers. Dieses zauberhafte kleine Nicht-Getränk kostet dann unglaubliche 4,60 € (da lacht das Schwabenherz nicht).
Einmal ist keinmal, also weiter zum Café Sperl. Irritierend zunächst das Nichtraucherschild am Eingang – gehört Rauchen hier nicht zum guten Ton und wieso sind dann die Wände drinnen trotzdem so gelb? Nach einer Zigarettenpause vor der Tür ist dann auch wirklich ein Sofa frei, von dem aus man den Blick schweifen lassen kann durch einen Raum mit gefühlten 8 m hohen Decken, wie bereits erwähnt verdächtig gelblichen Wänden, einem unglaublich großen Spiegel und einer Standuhr, die sofort Assoziationen an Titanic weckt. Die Mohnschnitte ist erwartungsgemäß überteuert, aber vollkommen, und zum Kleinen Braunen wird ein Glas Wasser serviert, ein Luxus, an den man sich bereits gewöhnt hat, woraufhin sich die Frage stellt, warum das in Deutschland so ein Problem zu sein scheint. Für das ausschließlich weibliche Personal scheint Freundlichkeit ein Fremdwort (ein deutsches?) zu sein, aber auch daran hat man sich ja schon irgendwie gewöhnt. Der Geist von Horváth lässt auf sich warten, dafür erinnert man sich daran, gehört zu haben, dass das Hitlers Lieblingscafé gewesen sein soll, eine Zusatzinformation, die hier dezent unter die niedlichen Jugenstiltische gekehrt wird, sozusagen. Das Zeitungsangebot umfasst wieder einmal den Standard, das Wiener Stadtmagazin Falter – in dem ich auf die Rezension eines neuen Clubs stoße, in welchem die Autorin bemerkt: “Man fühlt sich wie in Berlin!” – und wenn die Augen wehtun vom vielen Lesen im schummrigen Licht, kann man Billard spielen. Der Wasserhahn auf der Damentoilette – ein vergoldeter Karpfen – ist der mit Abstand Schönste, den ich jemals in meinem ganzen Leben gesehen habe.
Und dann: Ein Schild, das darauf verweist, dass Handys, beziehungsweise telefonieren und vielleicht auch im Internet surfen verboten sind. Man kann gar nicht aufhören zu staunen über soviel Traditionalismus und Standfestigkeit und erinnert sich dann doch wieder daran, dass das hier ja schließlich Wien ist, wo die U-Bahnen erst seit diesem Monat und, wie ich gehört habe, nur unter enormen Protesten und dem Widerstand der fast kompletten Bevölkerung am Wochenende durchfahren und wo es niemals, heute ebensowenig wie in zwanzig Jahren, in irgendeinem Kaffeehaus laktosefreie Milch geben wird und wo die Zeit wirklich stehen geblieben zu sein scheint, wie die wunderschöne Standuhr unter dem großen Spiegel im Café Sperl.

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Das Ziel ist der Weg

Abhängen auf dem verstörend hässlichen steinharten Sitz der zweiten Klasse im Bummelzug. Musikhören scheint das Äußerste zu sein, der Superlativ der möglichen Aktion, die höchste Stufe der Umtriebigkeit. Rhabarberschorle gegen den aufkommenden Kater, der möglicherweise auch der Grund dafür ist, dass der Typ hinter mir (Tscheche? Traveller?) bald davon ablässt, ein Gespräch anfangen zu wollen, der Kater und mein damit verbundenes unsoziales Auftreten. Bahnfahren als Zumutung als solche. Da braucht es nicht erst das Klischee des eratischen Anglizismus, es reicht, mehrere Minuten auf den Hinterkopf des Vordermannes zu starren oder auf die Zugtoilette zu gehen: Warum riecht ausnahmslos jede Zugtoilette, bundesweit, nach Rauch? Zeit und Gelegenheit, die Untersuchung auf Österreich auszudehnen.
Ich lese ganze Nachrichtenverläufe – ja, sowas kann mein Handy – und vieles muss ich mehrmals lesen und so vergeht eine ganze Weile, zusammengekauert im verstörend hässlichen steinharten Sitz.
Whiskey, Absinth und Rotwein, das sind fraglos zwei alkoholische Getränke zuviel. Rückwärts fahren sowieso. Man hätte – nur dieses eine Mal – doch den Rat der Dame am DB Schalter beherzigen sollen, wie sie so verschmitzt hinter ihren Brillengläsern vorschaute und einem die Sitzplatzreservierung empfahl, freie Platzwahl für nur 2,50 €.
Die folgenden zwei Stunden verbringe ich abwechselnd mit Lesen, Seufzen, Telefonieren, Nacken stützen. In Dresden treffe ich die Entscheidung, mich umzusetzen, in Fahrtrichtung, die sich als wirklich gut erweist. Die Kleingruppe vor mir mit ihrem unerträglichen sächsischen Sing-Sang öffnet die erste Flasche Sekt.
Historischer Moment: Im osteuropäischen Ausland (Tschechien? Ich schäme mich für meine Ignoranz) pfeift und heult es plötzlich auf, das ist nämlich die Lautsprecherdurchsage, und man fühlt sich wie in einem Horrorfilm, aufgeschreckt aus dem Sekundenschlaf. Schaurig ist das! Dazu die fremde Sprache mit dem schönen Klang und dem Englisch des Sprechers, das jenseitig weit von verständlich liegt. Hier täte eine Reduzierung der englischen Durchsagen wirklich Not, aber die Leute haben scheinbar andere Probleme oder das Herz am rechten Fleck, jedenfalls redet der Sprecher ziemlich lange und das mit einer Beharrlichkeit, die einen ehrfürchtig werden lässt. Ich nehme mir vor, einen Leserbrief zu schreiben, vielleicht an die Bahn?
Der Blick nach draußen: Schön ist das. Gegen die Gewissheit, noch immer im selben Zug zu sitzen, fühlt man sich wie verzaubert. Auch die Landschaft. Sanft wölben sich die Berge… die eben gelesene Siebeck Kolumne mit ihrer blumigen Sprache hat sichtbare Spuren hinterlassen.
Prag: Die Brücken sind durch Glasscheiben von der Stadt getrennt, darauf kleben diese Volgelaufkleber, als Warnung für, nun ja, Vögel, und ich finde das unvorstellbar bewegend, weil rücksichtsvoll. Fast alle steigen aus. Es kommen dafür Backpackerinnen, beladen wie Packesel, und tschechische Mädchen mit Coffee-to-go und Pferdegebiss und grobe, alte, tschechische Männer.
Dann schlafe ich tatsächlich. Sowieso fallen mit jedem Kilometer Distanz zur Heimat die Hemmungen bis man wirklich liegt und man merkt es an der Art des Gehens, dass das die Vorbeigehenden als Belastung empfinden, ehrlich.
Dann bin ich wach, staune über die Gleichförmigkeit tschechischer Bahnhöfe, stelle fest, dass ich auf meinem Portemonnaie geschlafen habe und muss lachen über soviel Stereotypie in meinem Kopf, die da noch Platz zu haben scheint, zwischen all den feinen und wilden Gedanken.

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