Zu Besuch beim System

Da ist sie wieder: Die K-Frage. Ich stelle mir vor, dass die früher nur von Birkenstock-Nerds gestellt wurde, die sich ergingen in hitzigen Debatten vor einer Schüssel mit Dinkelmehl-Plätzchen und einer Kanne Grünem Tee. Heute gibt es die “Hedonistische Internationale”, deren Aktionen ein anarchischer Charme innewohnt und gleichzeitig absolut Hipster-tauglich ist (man denke nur an die Guttenberg Tortenaktion im schnieken BoHo-Friedrichshain); und nicht nur ist der Birkenstock der Schuh der Stunde, sondern grüner Tee ein Lifestyle Produkt – “Lemonaid” etwa, da würden sie staunen, die Alt Hippies. Als aufgeklärter, reflektierter Zeitgenosse muss man sich also mal fragen: Gibt es eine Alternative zu unserem Wirtschaftssystem? Und überhaupt: Wie wollen wir leben? Wer das System kritisieren will, muss es erst mal verstehen und wer es verstehen will, tut gut daran, es sich mal von innen anzuschauen. Unser Weg in die abgründigen Tiefen der postmodernen Gewinnmaximierungsagenten, in die Niederungen der menschlichen Gier, die Schattenseiten des Wohlfahrtstaates führt uns geradewegs in den Tempel des Kapitalismus: Zu Primark.

Scharf wacht der bullige Security an der Schleuse zum kommerziellen Thrill. Diebstahl lohnt sich nicht, raten uns gut gemeinte Aufklärungskampagnen, aber nur hier mag man dem uneingeschränkt zustimmen. Mal ehrlich: Wer nimmt das Risiko erwischt zu werden auf sich angesichts solch lächerlicher Preise? Mir fallen wenige Geschäfte ein, mal abgesehen von denen, wo sich Diebstahl wirklich lohnen würde, die von Sicherheitspersonal flankiert werden. Im Niemansland zwischen der ersten und zweiten Automatiktür, wo einem die Lüftung einen Schwall heißer Luft um die von der Kälte geröteten Ohren jagt, warten die gestapelten Einkaufskörbchen darauf, von manikürten Kundenhänden aufgelesen zu werden. Wobei mir Einkaufskörbchen eher wie ein Platzhalter vorkommt. Der Diminutiv ist jedenfalls unangebracht. Wie aber nennt man diese Ungetüme, die, wenn man sie auf den Boden stellt, der durchschnittlichen Primark-Kundin locker bis zur Hüfte reichen? Noch dazu sind sie so konstruiert, dass sie nicht stehen bleiben, sondern allsbald wie müde Plastiksäcke in sich zusammensinken. Seine volle Pracht entfaltet der Primarksack/-korb/-beutel nämlich erst, wenn er randvoll gefüllt ist. Netterweise gibt es ihn auch in der Size Zero-Version: Als ebenfalls quadratisches Körbchen, wenn es schnell gehen muss. Unmobil wie man von nun an ist, passiert man die zweite Automatiktür und sofort steigt der Lärmpegel in kaum erträgliche Höhen. Es ist eine diffuse Kakophonie aus Stimmen (weiblich, natürlich: Verzücktes Kreischen, grunzende Konkurrenzlaute, wenn es darum geht, die letzte Medium abzustauben, als warteten nicht Dutzende weitere Mediums im Lager), Registrierkassen-Gebimmel, Kleiderbügel-Geklapper und quietschenden Schuhen auf schneenassen Fliesen.

Am Besten, man stellt sich der Herausforderung allein. Wer in Begleitung shoppt, läuft nämlich Gefahr, sich bald in den labyrinthischen Gängen zu verlaufen, im Voraus festgesetzte Treffpunkte nicht zu finden und zu allem Überfluss ist vielleicht das Mobilfunknetz überlastet, weil all die anderen Shopperinnen ebenfalls telefonieren. Hier bei Primark ist jeder Tag ein Schnäppchentag. Umso absurder mutet das “Sale!”-Schild an, das einen 50%igen Rabatt auf Schmuck und Stirnbänder verkündet. So kommt es, dass ein Armband, das vorher vier Euro gekostet hat, jetzt für zwei zu haben ist. Hier fruchten selbst klug gedachte Vorsätze nicht mehr, wie auch meine Regel (die überall sonst funktioniert), reduzierte Ware nur dann zu kaufen wenn ich bereit wäre, dafür auch den ursprünglichen Preis zu bezahlen oder sagen wir: Zumindest ein bisschen mehr. Dem schrankenlosen Konsum stellt sich nichts, aber auch gar nichts in den Weg, was dazu führt, dass man gar nicht überlegt, ob man etwas wirklich gerne haben möchte (geschweige denn braucht), sondern einfach: Husch husch ins Körbchen. So wie ich mir auch nicht vorstellen kann, dass die Damen an der Kasse besonders oft von Umtausch-Kundinnen belästigt werden, dafür lohnt sich der Weg nicht. Und so ist es bezeichnend, wenn meine Schwester (die ich natürlich während des Einkaufs gefühlte achtmal aus den Augen verloren habe) mich am Abend fragt, ob ich das Stirnband, das sie für einen Euro erworben hat, nicht geschenkt haben möchte.

Zwei Dinge sind darüber hinaus erwähnenswert: Die Kassen und die Umkleidekabinen. Die Kassen, weil man hier abgefertigt wird wie beim Bürgeramt. Rote Digitalziffern informieren über die nächste freie Stelle, wo man dankbar endlich sein Geld in den Warenkreislauf einspeist. Auf dem Weg dahin locken noch mal kleine unnütze Dinge wie Abschminktücher, Taschentücher, falsche Wimpern. Prima, um den Bertrag aufzurunden. Immerhin ist eine Einkaufstüte im Minimalpreis einbegriffen. Und die Umkleidekabinen? Dazu kann ich nichts sagen. Weil der Weg dorthin die Mühe nicht lohnt. Bei einem Kleidungsstück, das weniger kostet als mein Mittagessen, bin ich schlichtweg zu faul, mich in die Endlos-Schlange einzureihen.

Hier fletscht das Kapitalismus-Raubtier sein Gebiss. Man ist versucht zu sagen: Wenn in Athen dieser Tage Starbucks-Filialen in Flammen aufgehen, dann doch nur, weil es da wahrscheinlich noch keinen Primark gibt. Denn wenn sich der Zorn des vom System enttäuschten Wutbürgers an etwas abreagieren kann, dann ist Primark die denkbar beste Wahl. Das ist Globalisierung in seiner Vollendung, denn die Trends, die hier, teilweise durchaus gelungen, imitiert werden, waren zuvor auf den Laufstegen von Mailand bis New York zu sehen und natürlich kann man in der Filiale in London dieselben Fummel kaufen wie in Saarbrücken. Am eigenen Leib lässt sich hier das große WIrtschafts-Einmaleins erfahren, sozusagen. Dabei – und das ist die interessanteste Beobachtung – versucht Primark anders als etwa H&M, wo man sich neuerdings mit einer “Conscious Collection” die kapitalistische Seele grün wäscht, gar nicht erst, so zu tun, als habe man etwas mit Nachhaltigkeit am Hut. Zumindest nicht öffentlichkeitswirksam. Auf seiner Website proklamiert Primark hingegen: Fair is important for us. A fair deal for all. Nur: Wer besucht die schon (Online Shopping bei Primark? Tztz…)? Das Label “Ethical Trading” unter dem, nebenbei bemerkt, ausgesprochen unansprechend gestalteten Schriftzug überzeugt mich jedenfalls nicht. Wer als Endverbraucher fünf Euro für ein T-Shirt bezahlt oder sieben für ein Paar Wedges (und hey, so schlecht sehen sie gar nicht aus!), der fragt besser nicht, welches unterernährte Kind da in welchem Entwicklungsland für gelitten hat. Das ist grausam, aber es ist konsequent. Man kann Primark vieles vorwerfen. Heuchelei gehört nicht dazu.

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Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

Am Anfang war die Frage. Den Schrank voll Klamotten und nichts anzuziehen oder so ähnlich. Schließlich ein schwarzes Kleid, Schuhe, mit denen man eigentlich nicht mal zur Tramstation kommt, was dazu führt, ein weiteres Mal all der tapferen, leiderprobten Frauen weltweit und ganz besonders in Paris zu gedenken, die tagein, tagaus einen Kampf gegen sich selbst und die Kopfsteinpflaster ihrer Stadt führen; außerem sparsam eingesetzte Accesoires, was ja auch die Glamour bestimmt gut fände. Fusion Bändchen am Handgelenk statt Bread&Butter.
Ganz Berlin ist dieser Tage ein Laufsteg. All die sowieso vorhandenen schönen, gutangezogenen Menschen scheinen sich vervielfacht zu haben und man weiß gar nicht, wohin zuerst schauen. Würde man an all den Partys, Shows, Dinners, Dinnerpartys, Store-Opening-Partys, After-Fashion-Show-Partys, Pre-Opening-Partys etc.pp. teilnehmen, man hätte keine Gelegenheit zu schlafen, wie es sich in Berlin ja durchaus auch an einem normalen Wochenende verhalten kann. Vorausgesetzt natürlich, man hat eine Überdosis Vitamin B gekriegt, sozusagen.
Meine erste und einzige Station ist der Green Showroom, der sich als Plattform für ökologisch korrekte Mode versteht und sich selbstbewusst im Umfeld der übrigen High Fashion positioniert. Das erklärt schonmal, warum sich eine aktuelle Ausgabe der ELLE in das braune Papiertütchen verirrt hat.
Freitag Nachmittag finde ich mich also wieder auf einem dekadent ausladenden Polstersessel im ersten Stock des Adlon. Eins vorweg: Der vermeintliche Glamour, den man diesem Ort allzu leicht attestiert, stellt sich als Patina heraus, so wie ja auch das Dach, wie ich mich dumpf im Rückblick an das Architekturmentorium erinnere, seine besten Zeiten hinter sich hat und mal ausgetauscht werden musste. So kann man sich den Ort eher als gesetzte, ältere Dame denn als hippes Fashion Victim vorstellen. Das wiederum geht nicht so recht zusammen mit dem Anspruch, der hier im Rahmen der Fashion Week gestellt wird: Grün soll es sein, grün und also ökologisch korrekt. Bei den meisten Modellen glaubt man das gerne und zwar insofern, als dass sich hier leider das Klischee von spießiger Ökomode Bahn bricht. Mache Models sehen aus, als hätten sie sich gerade für einen Waldspaziergang zurechtgemacht oder für den Wandertag mit Mutti. Hauptsache das Schuhwerk ist robust!
Auch die musikalische Untermalung – Klassische Interpretationen von Bratsche und Violine – trägt nicht gerade zur Steigerung des Coolness Faktors bei. Und kaum hat man den richtigen Blickwinkel gefunden, bzw. sich bei den Nachbarn die richtige Gestik und Mimik abgeschaut (1. ein dezentes Naserümpfen und/oder Augenbrauen zusammenziehen für “geht gar nicht”, 2. ein kaum merkliches kurzes Nicken für “das geht in die richtige Richtung” und als ultimativen Gefühlsausbruch, sozusagen, 3. ein subtiles Lächeln für “I like!”), ist die Show auch schon wieder zu Ende. Die im Anschluss im Salon einzunehmenden angekündigten “Cocktails” entpuppen sich als Biolimonade. Es bleibt die Erinnerung an ein vielversprechendes Label mit dem zauberhaften Namen Ica Watermelon, fernab von jeder Countryside Ästhtetik.
Dann wären da noch die “Showrooms”: In zwölf Suiten präsentieren sich weitere Designer (auch diese, nur der Vollständigkeit halber zu erwähnen, ökologisch korrekt). Es geht um Fairtrade und Co2-arme Produktionsbedingungen und auf dem Flur riecht es verdächtig nach Bio-Raumspray und ich gedenke der Dr.Hauschka Gesichtsmaske, die ich ebenfalls in der Tüte auf meinem Stuhl vorfand. Förmlich aufdringlich empfindet man den Monolog über die Geschäftsphilosophie einer italienischen Designerin, die sie einem in einem ungeschützten Moment aufzwingt.
Umso amüsierter höre ich dagegen der Dame zu, die erklärt, dass die Kinderbücher, die ihre Modekollektion ergänzen, aus Elefantendung hergestellt sind. “Richtige Scheissbücher”. Das ist die Art von Selbstironie, die man nicht zwangsläufig bei der Fashionweek erwartet, die aber einen schönen Ausgleich für den fehlenden Glamourfaktor bieten würde.
Whatever: Die besten Trends, das wusste schon der Satorialist, liegen sowieso auf der Straße.

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Ausweitung der Kampfzone

Morgens halb zehn in Deutschland. Samstag, erwache und lache! Ich staune über das schöne Wetter und darüber, wieviele Menschen schon unterwegs sind. Die Luft summt; es gibt es also, das Samstagmorgengefühl (nicht zu verwechseln mit dem matschigen Sonntagmorgengefühl). Aus unerklärlichen Gründen (aber die braucht es ja schon lange nicht mehr) kommt einem die BVG wieder mal in die Quere, was dazu führt, dass ich zwanzig Minuten später mein Ziel erreiche als sorgfältig am Abend zuvor geplant. Zwanzig Minuten reichen aus, um die Filiale eines schwedischen Modekonzerns- rate mal welcher!- in ein Schlachtfeld zu verwandeln. N24 berichtet live vom Kriegsschauplatz; der ambitionierte Reporter riskiert viel, um ganz nah am Geschehen dran zu sein.

Eine einfache Rechung:
x= Fläche, auf der sich die Gesamtzahl der Produkte befindet, in qm
x hoch 15= Anzahl der weiblichen Wesen, welche auf der Fläche x zu lokalisieren sind
x hoch 15 plus y= Anzahl der männlichen Wesen auf der Fläche x, die die Beute ihrer Begleiterinnen verteidigen

Ich kann es kaum glauben und nehme mir ganz fest vor, diesen Zirkus nie wieder mitzumachen (ungern erinnere ich mich an einen Samstag Ende letzten Jahres, an dem ich frühmorgens um 9.45 Uhr mit einer Freundin zum Frühstück verabredet war; davor wollten wir nur ganz kurz einen Blick auf die Unterwäsche werfen, die einen seit Wochen überalll in der Stadt von Plakaten anschrie; nur um dann stundenlange Wartezeiten an der Umkliedekabine in Kauf zu nehmen und schließlich überglücklich ein völlig überteuertes Teil zur Kasse zu tragen).
Abgründe tun sich auf: Ich sehe Frauen mittleren Alters (Euphemismus!), vorwiegend osteuropäischer Herkunft, die sich, bewaffnet mit Handtaschen und einem furchteinflößenden Akzent, durch die Gänge schieben und bis aufs Blut ihre aufgetürmten Stapel mit Teilen der Kollektion verteidigen.
Eine Frau mit wasserstoffblondem Pagenschnitt baut sich vor dem Mädchen an der Umkleidekabine auf und nutzt ihren beträchtlichen Körperumfang, um sie qua ihrer dominanten Erscheinung dazu zu bringen, ihr einen der Kinderhaarreifen zu überlassen, die eine pflichtbewusste Kundin- ich!- zuvor dort abgegeben hat (keine Accesoires in den Kabinen).
Ich sehe Muttis, die zu klein geratene Strickpullöverchen begutachten, die die Brüste ihrer Töchter bedenklich stark in den Mittelpunkt rücken, um kurz darauf selbst vor dem Spiegel zu posieren, in einem Oversize Pullover, der nicht mal an den Models auf den unvermeidlichen Plakaten gut aussieht. Passend dazu die most-fashionable Kopfbedeckung mit plump- glitzernden Strasssteinen.
Das Verkäuferin rollt mit den Augen und erzählt mir, dass die ersten Fashionistas bereits seit sieben Uhr morgens in Position gegangen sind. Da bekommt das Wort Fashion Victim einen ganz neuen Beigschmack-
Nachdem ich mir tapfer drei Teile erkämpft habe, stelle ich fest, dass ich nur eines davon überzeugend finde. Seufzend bahne ich mir den Weg zu einer der fünf Kassen und sehe während ich warte, wie zehn, zwanzig Teile in den überdimensionalen Tüten meiner Konkurrentinnen verschwinden und die Kassiererin mit flottem Schwung die Kreditkarte durch das Kreditkartengerät zieht und mit einem koketten Augenaufschlag “Vierhunderteinundzwanzig Euro Siebenundachtzig” flötet.
Draußen an der frischen Luft fasse ich den festen Entschluss, dass ich mich zum letzten Mal auf feindliches Terrain begeben habe.
Ganz sicher.

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