“400 Gipfel, 400 Girls, here I am!”

Vor vielen Jahren las ich ein Buch mit dem Titel “Cool Girl.” Geschrieben hat es Blake Nelson, es geht um ein junges Mädchen, das es in Portland, Oregon ordentlich krachen lässt. Sex, Drugs and Rock’n Roll, altbekannter Stoff, aber auf eine derart emphatische Art erzählt, dass sich jedes junge Mädchen auch außerhalb von Portland, Oregon darin wiederfindet. Erst gegen Ende der Lektüre habe ich gemerkt, dass Blake kein Frauenname, sondern der Autor ein Mann ist. Natürlich leiden Männer genauso an der ersten zerbrochenen Beziehung wie Frauen, natürlich spüren auch sie eine vage Sehnsucht, wenn sie nachts betrunken auf dem Rücksitz durch Portland, Oregon fahren. Aber wie kann ein Mann wissen, wie sich Sex für eine Frau anfühlt? Dieses Geschlechterding brachte meine Weltbild ins Wanken und setzte zugleich literarische Maßstäbe. Seither besteht für mich die wahre Prosakunst im Beschreiben jener Welten, die dem Schreibenden am Fernsten sind. Der Rest ist Autobiografie.

Ganz ähnlich ging es mir mit Verena Günters “Es bringen”, allerdings unter umgekehrten Zeichen. Günter, 1978 in Ulm geboren, unzweifelhaft weiblichen Geschlechts, erzählt die Geschichte des fünfzehnjährigen Luis, der mit seiner Mutter im fünfzehnten Stock einer Hochhaussiedlung wohnt. Das zu erwähnen ist wichtig, weil Luis einerseits unter Höhenangst, kurz HA leidet, und andererseits niemals den Aufzug nimmt, sondern Treppen steigend den Anwesisungen seines inneren “Trainers” folgt. Luis hat den gesellschaftlichen Leistungsimperativ voll und ganz verinnerlicht. Disziplin zeigt er auch auf anderem Gebiet. Innerhalb seiner Jungsclique haben die “Fickwetten” Hochkonjunktur, bei denen es darum geht, fremde Mädchen zum spontanen Geschlechtsverkehr zu bewegen. Luis gewinnt sie fast immer.

Unausgesprochener Referenzpunkt all seiner Eroberungen ist seine Mutter: “Diese Frau gilt’s zu schlagen, Girls.” Freud hätte seine Freude an diesem inzestuösen Mutter-Sohn-Komplex. Luis’ Mutter ist selbst noch ein halbes Kind, eine White-Trash-Lolita mit zehn verschiedenen Farben auf den Fußnägeln, die genauso wenig Lust hat, die Germknödelreste vom Boden aufzusammeln wie ihr Sohn und von diesem nach durchzechter Nacht hochgepäppelt werden muss. Immer sucht Luis ihre Nähe, imitiert ihre Zahnlückenpfiffe und sehnt sich nach mehr als einem “Kinderkuss”, obwohl er weiß: “Ne Zunge ist nicht drin bei deiner Ma.”

Eine ähnliche ödipale Versuchsanordnung zeigte der Film “Winterdiebe”, der ebenfalls in einem abgewrackten Hochhaus spielt in unmittelbarer Nähe zu den Bergen. Auch dort ging es um eine sehr junge Mutter (Léa Seydoux, so jung, dass sie bis zur Pointe die Schwester zu sein scheint) und ihren Sohn Simon, zwei Verlorene im Alpenpanorama-Plattenbau. Simon ist ein wenig jünger als Luis, seine Mutterliebe von der selben verzweifelten Unerwiderbarkeit. Wie Luis glaubt er auf dem Berggipfel etwas zu finden, von dem er noch nicht genau weiß, was es ist. Beide haben mit einer Mutter zu kämpfen, die ihrerseits lost ist und einem Dasein an der Armutsgrenze.

Für Angehörige dieser Schicht hält die Politik den Begriff “Prekariat” bereit, das Privatfernsehen spottet “Unterschicht.” Der Kosmos des Protagonisten in “Es bringen” mag durch Mamas prügelnde Ex-Lover und eine mikrowellenbasierte Ernährung davon gezeichnet sein. Summa summarum unterscheidet sich dieser Kosmos jedoch kaum von dem anderer Fünfzehnjähriger. Es geht um Girls, Gipfel (der Erregung, aber auch um reale, als Metapher für die Pubertätswehwehchen und Luis’ Höhenangst) und Gingelage. Am Wochenende findet Druckbetankung an der Tanke statt und die Ehrfurcht vor dem Alter drückt sich in der Beobachtung des “Rumgeschimmeles der über Fünfzigjährigen” aus.

Dem männlichen Leser ploppt vermutlich die eigene Adoleszenz wieder auf, die Leserin versteht rückwirkend manchen Faux-Pas des Klassenschwarms. Alles ist Competition, nicht nur der vielzitierte Schwanzvergleich, sondern auch die Ausdauer beim Pinkeln und natürlich vor allem das Abchecken der Girls. Glücklicherweise sind diese Girls bei Vererna Günter mindestens so tough wie Luis und seine Playerkollegen. Die dumme Frage, ob sie eine Schlampe sei, pariert Luis’ Bettgespielin Jenny mit der einzig richtigen Gegenfrage “eine Schlampe wie Du?”, um ihn dann mit den Worten “Du darfst jetzt gehen, Luis. Dein Dienst ist für heute verrichtet” zu entlassen. Es sind Mädchen, die der Intimhygiene so furchtlos gegenüberstehen wie die Heldin in Charlotte Roches “Feuchtgebiete” und ähnlich wie diese Helene ihr Immunsystem durch Schwimmbadgitter-Ablecken auf Trab halten. Das spricht vielleicht für die These der “Generation Porno”, vielleicht aber auch für eine neue Weiblichkeit, die sich selbstverständlich nimmt, was sie möchte.

“Es bringen” steht in der Tradition der Coming-of-Age-Romane, Sailingers “Der Fänger im Roggen”, “Unter Wilden” von Dirk Wittenborn, zuletzt Wolfgang Herrndorfs “Tschick.” Wie Verena Günter diese Mischung aus Posertum und “uncooler” Sehnsucht (“Schaue nach oben und betrachte die Sterne, die mag ich, aber jeder mag ja eigentlich Sterne.”) so überzeugend in einen niemals peinlichen Jugendsprech packt, ist beeindruckend. Es kann ja so viel schiefgehen, wenn sich Erwachsene in den Kopf eines Pubertierenden hineinfabulieren. Gut möglich, dass sich Fünfzehnjährige in Wahrheit ganz anders artikulieren, dass man Mädchenhintern keine “Karriere ohne Cellu” wünscht, dass man mit Beschreibungen von “Lenden, die von Herzen schmerzen” nicht der Star auf dem Pausenhof ist. Das kann ich nicht beurteilen, ohne mich auf einen Pausenhof gestellt zu haben. Der postpubertäre Leser wird jedenfalls großartig unterhalten und spürt im selben Moment die Kluft zwischen den Generationen. Luis und seine Jungs sind stolz, dass sie nicht rauchen und sammeln leere Dosen auf, weil “Umwelt wichtig ist.” Das habe ich anders in Erinnerung. Andere Tatsachen wiederum sind unverrückbar, etwa das beiläufig am Schwimmbadkiosk “reingeknallte” Bum Bum.

Sich als weit der Pubertät entwachsene Frau in den testosterongeschwängerten Halbkindskopf eines Fünfzehnjährigen hineinzuversetzen, empfinde ich als eine ähnliche Leistung wie das damals bei “Cool Girl” der Fall war. In einen Fünfzehnjährigen, für den Weinen “ein Event” ist, weil es so selten passiert (soviel zu den “Schmerzensmännern”) und der Halt sucht an selbstauferlegten Sexregeln. “Erstens: Er muss knallhart sein. Zweitens: Stöße müssen immer mitgezählt werden, vom ersten bis zum letzten darf keiner durchrutschen, auch kurz vorm Kommen darf kein Stoß verloren gehen, das ist schwer, sauschwer, muss ich keinem von euch erklären, was kurz vorm Spritzen los ist in der Stube.” Mir musste das mal jemand erklären. Danke dafür!

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