New sincerity

Aus unserer beliebten Serie Filme, die man schlimm finden will, aber es klappt nicht: Terrence Malicks “Knight of Cups”.

Story: nicht nachvollziehbar. Oder geht es um Peer Gynt? Anspruch: unerträglich prätentiös. Kameraführung: schlimmer als Fischauge. Frauenbild: wie schon beim letzten Mal eine Katastrophe.

Nein, man kann nicht alles sein, was man will. Nein, Lebenskonzepte werden im Imperativ (Fühle! Achte! Sei!) nicht automatisch wahrer. Nein, die Welt wird nicht durch Schönheit erlöst werden.

Trotzdem habe ich diesen Film geliebt. Wir tragen ja auch so viel Liebe in uns! Terrence Malick packt einen an Stellen, von denen man nichts wusste. Triggert Emotionen, gegen die kein Argument ankommt. Herz gegen Kopf: eins zu null. Bilder zum darin Ertrinken, eine verschwenderische Leinwandmeditation. Sinnlos wie das Leben. Puh. Super Soundtrack.

FullSizeRender

Meta-Flittern

Eine Theaterkritikerin will den Lamettavorhang bei René Polleschs “Glanz und Elend der Kurtisanen” fotografieren. Sie wird von einer Volksbühnenmitarbeiterin von der Bühne gescheucht. Holy Shit! Anschließend geht sie nach Hause, um die Kritik zum Stück zu schreiben. Dabei hält sie in der linken Hand eine Zigarette und in der rechten eine Tasse Kaffee: ”

 

 

 

.” Richtig erkannt: Sie hat keine Hand frei zum Tippen. Das sind meist die allerbesten Kritiken.

Dann kratzte sie sich am Kopf, obwohl es nicht juckte

Dieses Buch ist ein Geschenk. Die Schenkende empfahl es als “befremdlich, abstoßend, aber im Nachhinein faszinierend.” Geschrieben hat es Miranda July. Alles, was die Autorin sonst so macht, ist großartig. Sie liefert Kreativität auf Rezept, bringt Fremde zum Sprechen und hat die Lösung für Smartphonesucht. “Der erste fiese Typ” ist Julys erster Roman. Wenn ein Buch einen sowohl zum Lachen (laut, in öffentlichen Verkehrsmitteln) als auch zum Weinen (heimlich, in der Mitte der Handlung und ganz am Schluss) bringt, ist das eine ganze Menge. Gerade auf den letzten zwanzig Seiten passiert noch mal so viel, dass es weniger einfallsreichen Autoren für den zweiten Roman gereicht hätte.

Am meisten liebe ich “Der erste fiese Typ” für seine Beschreibung von Neurosen. Wie viele davon die Autorin der Wirklichkeit entnommen hat, welche ihre eigenen sind oder die ihrer Mitmenschen, bleibt ihr Geheimnis. Meine Favoriten:

* In der Firma der Hauptfigur Cheryl unterliegen Aufgaben einem ausgeklügelten Höflichkeitssystem: Bevor ein Mitarbeiter eine Aufgabe übernimmt, muss er erst beteuern, die anderen könnten das ja eigentlich viel besser. Fordert zum Beispiel Jim Michelle auf, bei der Vorstandssitzung Protokoll zu führen, sagt Michelle mit gesenktem Kopf: “John kann allein Protokoll führen; er kann das am allerbesten, aber ich kann ihm zur Hand gehen, auch wenn ich keine große Hilfe bin, weil ich nicht gut im Protokollieren bin.” Erst nach mehrfacher Bekräftigung der eigenen Unzulänglichkeit wird die Aufgabe erledigt. Auf diese Art erhofft man sich eine japanische Büroatmosphäre.

* Die alleinlebende Cheryl hält ihren Haushalt durch verschiedene ineinandergreifende Systeme so am Laufen, dass er praktisch von selbst läuft. Gegenstände bleiben bestenfalls, wo sie sind: “Bevor Sie einen Gegenstand weit von seinem angestammten Platz entfernen, denken Sie daran, dass Sie ihn auch wieder dorthin zurückbringen müssen – ist es das wirklich wert? Können Sie das Buch nicht auch lesen, während sie neben dem Regal stehen und den Finger in der Lücke halten, in die Sie es danach wieder schieben werden? Oder noch besser: Lesen Sie es gar nicht erst.” Müssen Dinge doch bewegt werden, bilden sie “Fahrgemeinschaften” von einem Raum in den anderen. Das Abwaschproblem erübrigt sich, wenn es für Süßes und Herzhaftes jeweils nur eine Pfanne gibt, aus der direkt gegessen wird. Sollte Cheryls angekratzte Psyche dem Alltag im Weg stehen, kann sie im Bett liegen bleiben, in eine Tasse urinieren und trotzdem wird ihr Haus nicht im Chaos versinken.

* Cheryl leidet an einem möglicherweise eingebildeten globus hystericus, einer dauerhaften, durch einen Knoten im Hals verursachten Schluckbeschwerde. In Zuständen größter innerer Unruhe greift sie auf “Schluck-Szenarien” zurück: Zerkautes Brot rutscht am Kloß vorbei mithilfe der Vorstellung, sie sei Blitz, der schwarze Hengst. Bei Wasser ist sie ” Heidi, die eine Schöpfkelle aus Metall in einen Brunnen taucht. Das ist gegen Ende, als sie wieder in den Alpen lebt.” Für jedes Getränk hält sie eine passende Fantasie aus Kindheitstagen bereit, außer für Alkoholisches, denn Kinder trinken keinen Alkohol.

* Und nicht zuletzt dieser eine Tick der Protagonistin, den man in seiner Beiläufigkeit leicht überließt: “Dann steckte ich mir das Haar hinter die Ohren.” Eine unnötige, für den Handlungsverlauf unerhebliche Geste, die den Leser einlädt, den eigenen Neurosenhaushalt zu sortieren. Vielleicht ergibt sich ja die ein oder andere Fahrgemeinschaft.

Le monde n’est pas à nous

Es ist noch gar nicht lange her, da war Paris fabelhaft. Wie gemacht für verhuschte Träumerinnen à la Amélie Poulain. In diesen Tagen gleicht die Stadt wohl eher dem Schauplatz eines anderen Klassikers des cinéma française.

Es ist das erste Mal, dass ich La Haine sehe. Und das mit großem Erstaunen: Eine solche Leichtigkeit hätte ich nicht erwartet. Nicht nur wegen seiner monochromen Bilder erinnert der Film eher an das schwarzhumorige Schwarze Schafe als ein Ghettoepos wie City of God. Vincent Cassel ist selbst nasebohrend noch unbeholfen sexy. Die bösen Vorstadtbuben halten sich beim Gähnen die Hand vor den Mund. Bis kurz vorm dann doch niederschmetternden Ende wecken wenigstens zwei Drittel von ihnen Sympathie.

Dass La Haine doch kein Feel-Good-Movie ist, liegt weniger an seiner filmischen Logik, als der gegenwärtigen Realität. Wer hätte ahnen können, wie laut man als anständiger Mensch auch zwanzig Jahre später noch “Nieder mit Le Pen!” rufen muss, auch wenn das Feindbild jetzt auf Pumps geht? Wie sehr noch immer Hautfarbe und der doppelte I-Punkt auf Saïd das Französischsein definieren? Wie feindselig Paris jemandem gegenüber steht, der keine Kulleraugen hat, sondern den Blick der Verzweiflung?

Hätte die kulleräugige Amélie mit dem Finger geschnippt, wären die Lichter des Eiffelturms sofort verloschen. Saïd muss ihm erst den Rücken zuwenden. Dass es außerhalb des Kinos auch ohne Magie dunkel wird – auch das gehört zur unerträglichen und doch auszuhaltenden Realität.

Krise der Kritik? Eine neue Version ist verfügbar

“Sie können bestimmte moderne Inszenierungen gar nicht mehr beurteilen, wenn Sie nicht häufig ins Kino gehen, häufig Fernsehen gucken und sich mit dem Internet ein bisschen auskennen.“ So beschreibt der Theaterkritiker Matthias Heine die Vorraussetzungen für seinen Beruf. Das Zitat stammt aus Vasco Boenischs 2008 erschienener Studie „Krise der Kritik? Was Theaterkritiker denken – und ihre Leser erwarten.“ So anregend die Lektüre ist, so eklatant deren Leerstelle: das Internet kommt bei Boenisch praktisch nicht vor.

Reicht es für einen Theaterkritiker, sich „ein bisschen mit dem Internet auszukennen?“ Wäre es nicht Zeit für ein Update seines Gegenstands? Fordern die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche nicht andere Formen der Kritik? Ich glaube ja und zwar aus zweierlei Gründen: Zum einen hat die Theaterkritik ein Relevanzproblem. Die alte Leserschaft stirbt im wahrsten Sinn des Wortes aus, für viele Angehörige der folgenden Generationen spielt Kritik keine Rolle, wenigstens nicht jene im Zeitungsfeuilleton. Zumal dieses Zeitungsfeuilleton im Besonderen und die Kulturkritik im Allgemeinen immer weniger Geld für diejenigen abwirft, die sie füttern. Zum anderen beeinflusst dieses Internet unsere Wahrnehmungsstrukturen und Kommunikationsformen. Steht Information bei einer Kritik wirklich noch an erster Stelle, wenn Information ein allseits verfügbares, ja inflationäres Gut ist? Wer wissen möchte, worum es im „König Lear“ geht oder was der Regisseur Stefan Pucher zuletzt inszenierte, braucht bloß zu googeln. Wer einen Eindruck der Inszenierungsästhetik vom neuen Pollesch-Stück bekommen möchte, sieht sich den Trailer auf der Website der Volksbühne an. Wer die Aufführung als ganzes sehen möchte, muss sie (noch) besuchen. Selbst das wird sich möglicherweise ändern, wenn man die Idee der Theaterwissenschaftlerin Tina Lorenz weiterspinnt, die den Theatern vorschlägt, ihre Aufführungen als Stream zur Verfügung zu stellen. Eine rein beschreibende Kritik ist spätestens dann überflüssig.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich glaube nicht, dass die Theaterkritik verschwinden wird. Die klassische Printkritik (zumindest vorerst) ebenso wenig wie die fundierte Expertise im Netz. Aber sie wird sich ändern. Vielleicht muss sie es sogar, wenn sie nicht sterben will.

Verschiedene Versionen stehen zum Update bereit. Erstens: Die Kritik nimmt eine eitlere und gleichzeitig bescheidenere Haltung ein. Während im US-amerikanischen Journalismus das Schreiben in der ersten Person nichts Ungewöhnliches ist, gilt hierzulande das Diktat der sogenannten Bescheidenheit. Statt des fehlbaren Subjekts, spricht die Stimme der Allwissenheit, in der Literatur spricht man vom auktorialen Erzähler. Für den Nachrichten-Journalismus mag das ja gelten, aber verlangt ein derart individuell-affektvoller Gegenstand wie das Theater nicht die Kenntlichmachung der eigenen Sicht? Denn der Kritiker ist so fehlbar wie sein Leser. Das soll keinesfalls heißen, dass ersterer das Feld räumen soll. Zugegeben braucht es die Expertise in der Informationsflut dringender denn je. Aber ein Schreiben in der ersten Person ist nicht gleich Selbstbespiegelung. Im Gegenteil: Die Betonung des subjektiven Aspekts impliziert mehr Bescheidenheit – Bescheidenheit das eigene, fehlbare Urteil betreffend.

Das zweite Update betrifft die Form. Größtenteils unterscheidet sich das professionelle Schreiben im Netz bislang nur unwesentlich vom Printfeuilleton. Zwar widerlegt dies alle Internet-Skeptiker, die den Medienwechsel mit Qualitätsverlust gleichsetzen, aber es ist schade um die ungenutzten Möglichkeiten. Warum nicht „ungeschützter, offener, dialogischer, experimenteller“ schreiben, wie es der Kulturjournalist Tobi Müller fordert? Von Seiten der Printfeuilletons ist Müller zufolge in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Warum nicht das Internet als Spielwiese nutzen? Nicht zwangsläufig bedeutet geht das mit einer intellektuellen Verknappung einher. Ich wehre mich entschieden gegen den Vorwurf, für die kurze Aufmerksamkeitsspanne meiner Generation müsse alles häppchenweise aufbereitet werden. Wahr ist jedoch, dass das Netz unsere Rezeptionsgewohnheiten grundlegend ändert. Warum nicht diesen Änderungen Rechnung tragen in Form pointierter, Blog-ähnlicher Formate wie den Shorties auf Nachtkritik als Ergänzung zu den bereits ausführlich besprochenen Inszenierungen, die sowieso online sind? Warum keine Erlebnisberichte, wie sie sich für experimentelle Theaterformen anbieten, etwa den 24-stündigen Performancemarathon „Unendlicher Spaß“ oder Vegard Vinges „12-Sparten-Haus“? Oder die Erweiterung des reinen Text hin zu anderen Formaten, wie es der diesjährige Theatertreffen Blog vormacht? Warum nicht „Sehen mit dem Smartphone in der Hand“, statt nur mit dem Stift?  An das Potential von Twitter im Theater glaubt nicht nur die Nachtkritik-Chefredakteurin Anne Peter. Auch ich fasse seit einiger Zeit nach jedem Theaterbesuch meinen Eindruck in einem Tweet zusammen. Nicht selten feile ich den ganzen Abend hindurch an diesen 140 Zeichen. Ich will nicht behaupten, dass dies eine mehrere tausend Zeichen lange Kritik ersetzt – aber etwas anderes, etwas neues entsteht.

Die dritte Version betrifft das Verhältnis zu den Lesern. Früher waren diese dem SZ-Kritiker Till Briegleb zufolge „die anonyme Masse.“ Heute beteiligt sich diese Masse am Diskurs. Wenn der Leser frei nach Roland Barthes vom Autor zum User und schließlich zum Kurator seiner digitalen Identität wird, wird er sein Recht auf Teilhabe auch im Bereich der Theaterkritik einfordern. Dies geschieht bereits in den Kommentarspalten auf Nachtkritik. Die Meinung des Autors einer Nachtkritik zählt nicht per se mehr als die seiner Leser, zumindest ist sie permanent auf dem Prüfstand. Manchmal ist das lästig, manchmal ärgerlich, vermeiden lässt es sich nicht. Wenn Wissen allumfassend, ortsungebunden und dual strukturiert ist (jeder trägt dazu bei und jeder kann es abrufen), dann lösen sich Allmachtsansprüche auf.

Wir alle, die wir Theater lieben und die Theaterkritik als den dazugehörigen notwendigen Diskurs, sollten uns fragen, ob diese im Stillstand verharren kann, wenn um sie herum der Sturm losbricht. Nicht, weil „die alte Zeit nicht wiederkommt“ (Dirk von Gehlen, von dem ich mir den Titel dieses Essays geborgt habe, über die dereinst paradiesischen Zustände der Kulturkritik), sondern weil eine neue Zeit angebrochen ist, eine, in der viel passiert und alles passiert gleichzeitig. Manchmal ist das anstrengend. Aber dieses Internet ist nun mal da und geht nicht mehr weg. Und manchmal verdanken wir ihm ja auch ganz wunderbare Ereignisse. Dann sitzen wir im Theater, feilen an Tweets, sehen anders, betrachten im Kollektiv, schreiben anschließend die Kritik, verlinken zu Wikipedia und Youtube, werden von einem Kommentator um Erklärung gebeten, sortieren unsere Gedanken neu, stolpern über Referenzen, sprechen mit Freunden darüber, zeichnen das Gespräch auf, stellen es ins Netz, twittern den Link, werden retweetet, berichtigt, bestätigt, widerlegt und immer fort und staunen über das Wahnsinnsfeuerwerk, vom Theater und diesem Internet in unseren Köpfen gezündet. Vielleicht kann eine neue Version der Theaterkritik dessen Zündschnur sein.

Dieser Text erschien als Gastbeitrag beim Theatertreffen Blog 2014.

IMG_3081.JPG

Tiermotive gehen immer

Wenigstens kann ich behaupten, meinen Fjällräven-Rucksack, der ja für schwedische Schulkinder entworfen wurde, schon vor sechs Jahren gekauft zu haben. Kommende Saison also ein Modell von Burberry Prorsum? Und dazu die Haare mit dem Kreppeisen bearbeiten? Und auf jeden Fall den Pulli mit Tiermotiv auftragen?