Männer, die Fische kaufen

… kehren, ähnlich wie vom Zigarettenkauf, selten zurück. Das ist eine der vielen Moralen von Berthold Brechts Stück “Mann ist Mann”. Am Berliner Ensemble dient es als lose Rahmenhandlung für eine Werkstattinszenierung des Künstlers Olaf Nicolai, wobei Werkstatt wörtlich zu verstehen ist, denn Schauplatz ist ein KFZ-Betrieb am Prenzlauer Berg. Was ich bei “Brecht in der Autowerkstatt” gesehen und vor allem gerochen habe, steht in der Welt.

Fummeln wäre das Größte

Susanne Kennedy gehört für mich zu den interessantesten Regisseurinnen der Gegenwart. Nicht alles, was ich sah, mochte ich – schlimm etwa sind meine Erinnerungen an ihr niemals enden wollendes, an der Volksbühne gezeigtes Stück “Women in trouble” – aber Theater ist, finde ich, auch nicht dazu da, gemocht zu werden. Für Die Welt habe ich die gebürtige Friedrichshafenerin bereits vergangenes Jahr bei den Proben zu ihrem Stück “Die Selbstmord-Schwestern” an den Münchner Kammerspielen besucht. Jetzt wird das Stück bei den Wiener Festwochen gezeigt und ich hatte die Ehre, den Text für den Programmzettel schreiben zu dürfen.

“Vom männlichen Blick ist ja auch die Geschichte der Lisbon-Schwestern dominiert. Ihr Freitod ist ein Triumph über ein bigottes Elternhaus, eine der weiblichen Lust feindselig gestimmten Gesellschaft und vor allem den Besitzanspruch jener Nachbarsjungen, die tagein, tagaus von Lieblingsgerichten mit Fischaromen fabulieren. Fummeln wäre das Größte.”

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Man spricht Deutsch

Dea Loher hat nichts mit dem am Hut, was am Theater gerade so trendet. Keine Postdramatik, keine ironischen Textflächen, kein Geschlechtertohuwabohu, außerdem spricht man Deutsch.  Den Begriff politisches Theater findet sie “scheiße”. Trotzdem – oder gerade deswegen – kommt ihre Arbeit sehr, sehr gut an. Für Die Welt habe ich mit der mistgespielten deutschen Dramatikerin ein E-Mailgespräch geführt.

Liebe Deine Krise

“Meine Generation fragt sich, was das ist: Leben. Abgesehen davon eint sie eine Sehnsucht nach einer bürgerlichen Existenz, dem, was Sargnagel mit ‘Schrankwand’ meint. Man rebelliert gegen diese Spießigkeit und bedauert gleichzeitig die eigene Haltlosigkeit.”

Für das Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater habe ich mit der tollen Regisseurin Christina Tscharyiski über unsere kleinen Krisen, ihre großen Erfolge – zum Beispiel das von Stefanie-Sargnagel-Texten inspirierte “Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis”, das ich für die Welt besprochen habe – und die nachlassende Grantigkeit Wiener Kaffeehauskellner geplaudert. Und Wien. Ach, die Tschocherln! Ach, der Grind!

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Gut gelaunt? Heute schon

Kritiker sind von Natur aus grummlig und haben immer was zu meckern? Stimmt nicht. Entgegen der allgemeinen Meinung – der Schauspieler Fabian Hinrichs bekannte, sein Mitleid mit den Schauspielern sei groß, er habe viele Aufführungen vorzeitig verlassen und überhaupt sehr gelitten – hat mir die 55. Ausgabe gut gefallen. Wie viel Spaß Theater machen kann, fällt einem ja erst auf, wenn man mal welchen hat.

Zum Abschluss habe ich mich mit Janis El-Bira für den Theatertreffenblog zurückerinnert an einstürzende Bühnenneubauten (Christopher Rüpings “Trommeln in der Nacht”), Erbsenzähler vor dem Herrn (Ulrich Rasches “Woyzeck”) und ganz kurz auch an Joachim Meyerhoffs fotokopiertes Geschlechtsteil, weswegen ich mit Recht behaupten kann, einmal in einem Podcast das Wort “Penis” untergebracht zu haben.

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Kann denn Frausein Sünde sein?

Ein kleines, feines Buch, das mir sehr am Herzen liegt: Für Zeit Online habe ich Connie Palmens “Sünde der Frau” besprochen, in dem die Autorin die beängstigende These vertritt, dass weibliche Genies von unserer patriarchalen Gesellschaft zur Selbstzerstörung genötigt werden. Man kann nur hoffen, dass Palmen irrt. Und nicht oft genug dagegen anschreiben.

Fuck you, dann spiele ich Onkel Wanja eben mit Tränen in den Augen

Was macht man, wenn das Publikum an allem, was man tut, etwas auszusetzen hat? Auch und hauptsächlich, weil ihm nicht-heteronormative Körperbilder nicht gefallen? Und Akzente, die nicht nach AfD-Deutsch klingen? Man denkt Fuck you, richtet sein Krönchen und geht weiter seinen eigenen Weg. Dieser Weg hat Benny Claessen an viele große Theater geführt, er arbeitet mit den wichtigsten Regisseuren der Gegenwart zusammen. Beim diesjährigen Theatertreffen ist er zum dritten Mal dabei, mit einer unglaublichen, unglaublich überdrehten und mit dreieinhalb Stunden nicht einer Schnappatmung zu kurzen Inszenierung von Elfriede Jelineks “Am Königsweg”.

Für die Jubiläumsausgabe des Theatertreffenblogs habe ich den Schauspieler mit der beeindruckenden Mischung aus Verletzlichkeit und Don’t give a shit-Attitüde auf einen Cappuccino im Kreuzberger Café Südblock getroffen. Es ging um jemenitische Girlbands, missglückte Tätowierungen und einen Bruder, der Lieder über weibliche Hintern singt.

Fleckenfreies Kunstblut

Letztes Jahr hatte ich das Glück, an den Münchner Kammerspielen einen ganz und gar ungewöhnlichen “Hamlet” zu sehen. Wir saßen in der zweiten Reihe – oder war es die erste? – also nicht weit genug hinten, um vom Kunstblut verschont zu bleiben. Und ja, es fließt, tropft und spritzt viel Kunstblut in dieser Inszenierung, die Süddeutsche Zeitung spricht von 240 Litern. Nach dem Stück kamen wir mit einer Bühnenmitarbeiterin ins Gespräch – oder war es die Requisiteurin Dagmar Dudzinski persönlich? – die mit ein bisschen Wasser sämtliche Flecke aus unserer Kleidung entfernte. Ich fand ja, dass das Kunstblut nach Lebkuchen roch, tatsächlich basiert das Spezialrezept auf Roter Bete. Anlässlich des Berliner Theatertreffens durfte ich nun den Regisseur der “Hamlet”-Inszenierung für die Welt porträtieren. Bei der Vorabrecherche bin ich auf einen meiner eigenen Texte gestoßen, in dem eine frühere Inszenierung von Christopher Rüping nicht ganz so gut wegkommt. Seine “Trommeln in der Nacht” hingegen mochte ich wieder. So ist das bei einem Künstler, der sich für jede Arbeit neu erfindet.

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Rote-Bete-Massaker: die Bühne der Münchner Kammerspiele nach Christopher Rüpings “Hamlet”-Inszenierung

Theater, das die Welt braucht

Auch dieses Jahr versammelt das Berliner Theatertreffen die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen. Eine davon kenne ich bereits von meiner Nachtkritik aus Wien; sie gehört zu meinen absoluten Favoriten des Jahres 2017. Für die Berliner Zeitung habe ich noch mal aufgeschrieben warum:

Ist die Welt krank, oder bin ich es? Kaum einer kann diese Frage besser bespielen als Joachim Meyerhoff. Aufgewachsen in der elterlichen Psychiatrie, hat er diese Erfahrung in autobiografischen Büchern verarbeitet. Hier verkörpert er den Autor Thomas Melle, der diesem tragischen Zwiespalt ausgesetzt ist. Melle ist bipolar, sein Leben pendelt zwischen Kopf-in-den-Wolken und Kopf-in-der-Schlinge. Drei Stunden lang spielt sich Meyerhoff, der zu den im positiven Sinn verhaltensauffälligsten Schauspielern der Gegenwart zählt, in Jan Bosses Inszenierung selbst an die Wand, den Pingpongtisch, das Ariadnelabyrinth. Die Welt ist krank, und Hoffnung lauert überall, wo so Theater gemacht wird.

Schade, dass der Tod so kurz kommt

Ferdinand Schmalz gehört für mich zu den spannendsten Autoren des zeitgenössischen Theaters. Sein Siegertext beim Bachmann-Wettbewerb hat mich theoretisch und praktisch umgehauen. Jetzt hat der Grazer für das Burgtheater eine neue Version des Jedermann geschrieben. Leider ist  Stefan Bachmanns Inszenierung von Jedermann (stirbt), über die ich für die Welt berichtet habe, sehr, sehr, sehr offensichtlich geldgeil und fehlt der morbide Charme der Vorlage fast komplett. Was soll’s: Jedermann ist mal nicht in Hochform.

Die geistige Leere schwarzer Löcher

Am Anfang von Yael Ronens neustem Stück “A Walk on the Dark Side” steht der Monolog eines Astrophysikers über Sternenstaub und Planksche Sekunden, dem natürlich niemand folgen kann. “Seid ihr auch alle ausgestiegen?”, fragt daraufhin dessen Bruder, seines Zeichens ebenfalls Wissenschaftler und TED-Talk-Redner. Das kann ja heiter werden, dachte ich mir. Wurde es nur bedingt. Eher hatten wir es mit einem Well made Play zu tun, das einen ähnlich kalt lässt, wie die unendlichen Weiten des Universums. Warum, habe ich bei Deutschlandfunk Kultur erklärt.

Ein bisschen Bitch muss sein

Viele Kunstwerke werden derzeit auf Spuren des Patriarchats abgeklopft. Die DDR-Ikone Christa Wolf war Avantgarde. Ihr Roman “Medea. Stimmen” erschien bereits 1996. Am Deutschen Theater hat Tilmann Köhler (ein Mann!) den Stoff inszeniert, mit einer soliden, etwas eindimensionalen Medea und einigen spannenden Nebenfiguren. Auch Männern! Warum es ohne die nicht geht und auch nicht ohne eine Prise Bitch, habe ich für Nachtkritik aufgeschrieben.

Saigon Kiss

Eigentlich wollte ich mich nicht noch mal tätowieren lassen. Dann kam der Vietnamurlaub und unsere tolle Idee, diesen wenigstens teilweise mit dem Motorroller zu bestreiten. Das hab ich jetzt davon: Eine Brandnarbe an der linken Wade. Die Einheimischen sprechen von Saigon Kiss. Wie es dazu kam, habe ich für die Welt am Sonntag aufgeschrieben.

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In den Keller gekehrt

Klassiker: Ulrich Seidls Im Keller. Austrophile wie ich wissen, dass es wirklich so ist mit den Österreichern und ihrer Tendenz, Dinge unter den Teppich zu sperren oder in den Keller zu kehren. Yael Ronen stammt aus Israel, hat aber österreichischen Wurzeln. Am Wiener Volkstheater inszenierte sie Gutmenschen, ein Stück, das nach dem „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Prinzip“ funktioniert. In weiten Teilen sehr gut, wie ich in der Welt befand. Weil es dort, wo es weh tut, oft sehr lustig ist.

Daddy Issues

Mareike Nieberding ist Journalistin, Aktivistin und Tochter. Über letzteres hat sie ein Buch geschrieben. „Ach, Papa“ umkreist das Verhältnis zu jemandem, der einem über die Jahre fremdgeworden ist. Das Vater-Tochter-Verhältnis ist ein Lieblingsthema der Psychologie, Stichwort Vaterkomplex oder, etwas heutiger ausgedrückt, Daddy Issues. Für den Fluter habe ich mit der Dreißigjährigen geskypt. Gerade ist sie mit ihrem Freund, der ebenfalls Journalist ist, von Hamburg nach München gezogen. Was ihr dort am besten gefällt: “Eataly. Da haben wir vergangenes Wochenende ein Vermögen ausgegeben.”

Vielleicht, vielleicht auch nicht

Wenn man als freie Autorin gefragt wird, ob man seine Meinung zu #metoo im deutschen Stadttheater zum Besten geben will, lehnt man nicht einfach ab. Vor allem nicht, wenn man gerade in Neukölln überteuerte Cocktails trinkt. Also habe ich nachgedacht, war mit Ersan Mondtag Kaffee trinken in Neukölln (gar nicht teuer), hab weiter nachgedacht, kam zu keiner endgültigen Meinung und habe dann trotzdem diesen Text geschrieben.

Quoten und Despoten

Bei unserem Treffen hatte Ersan Mondtag Blumen dabei. Hatten die etwas mit dem anstehenden Valentinstag zu tun? „Nö.“ Kurz zuvor hatte er einem Mann mit Kinderwagen die Tür des Neukölln Cafés aufgehalten. Das Enfant Terrible des deutschen Stadttheaters hatte ich mir anders vorgestellt. Nur dass er humpelte, passte zu seinem Image. Ein Probenunfall, bei dem er vor Wut gegen einen Sessel getreten und sich dabei den Zeh gebrochen hatte.  Das Interview erschien in der Berliner Zeitung.

Tischdeckengeister im Frühstückssaal

Die besten Sätze eines Texts stehen manchmal gar nicht drin. Kill your darlings nennt man diese Schreibtechnik. Zugegeben benutze ich sie nicht sehr oft, weil ich eitel bin und schöne Sätze sehr gerne mag. Im Fall der Premierenkritik von Hotel Strindberg am Wiener Akademietheater habe ich eine Ausnahme gemacht. Eine besonders schöne Szene war jene, in der Hotelgäste im Frühstückssaal saßen mit Tischdecken über dem Kopf. Warum? Weil es schön aussah. Ich musste an den Film A Ghost Story denken, den ich nicht gesehen habe und an Christoph Marthaler, der nie wieder in der Volksbühne inszenieren wird. Nichts davon steht in dem Text, den ich für die Welt geschrieben habe.

Es geht, wie gesagt, um mich

Eins, zwei oder drei? Für die Zeit habe ich mich mal wieder ausführlich mit mir selbst beschäftigt. Dieses Mal war der Aufhänger das Enneagramm, ein Persönlichkeitsmodell, dessen direkter Nachbar im Gefühlshaushalt die Esoschublade ist. Neun Typen gilt es zu unterscheiden, das kann schon mal ein paar Nächte/Semester/Lebensabschnitte dauern. Zum Glück habe ich es oft in Gesellschaft anderer Narzissten getan. Denn eines ist sicher: In ihrer Selbstbezogenheit ist meine Generation erstaunlich sozial.

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Endlich cool

Ein böser Scherz unter Kritikern: Wer will übers Berliner Ensemble schreiben? Wird ein freier Abend, weil man eh weiß, wie‘s werden wird. Dann kam die Spielzeit 2017/18. Von Inszenierungen mit magischer Schulklassenanziehungskraft zu Ersan Mondtag und Stefanie Reinsperger: Plötzlich kann ich Leute guten Gewissens ins BE schicken. Warum, habe ich für Traffic News To Go aufgeschrieben.

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Lass Dich heimgeigen, Eva

Thomas Bernhard ging zur Beruhigung auch ins Kaffeehaus. Das Gute an den Wiener Kaffeehäusern ist ja nicht nur deren tadelloses Mehlspeisensortiment, sondern dass sie auch nach zwanzig Uhr noch offen haben, also dann, wenn Theatervorstellungen beginnen. Einige der bekanntesten (Landtmann, Schwarzenberg) befinden sich in unmittelbarer Nähe der großen Häuser und viele Abonnenten gönnen sich nach der Premiere noch ein Achterl oder ein Seidel oder einen Tafelspitz. Ich gönnte mir einen Heideboden von Judith Beck, dabei konnte von Gönnung keine Rede sein, eher saß ich die Schande aus, mit Blick auf die Musik. Im hinteren Teil des Café Schwarzenberg stand ein Flügel und an diesem saß eine Frau in weißer Bluse, schwarzer Hose und düsterem Kajalstrich. Ihr trauriger Blick passte nicht zu den vergnügten Stücken, die sie spielte. Neben ihr posierte ein Geigenspieler, wie man ihn sich nicht besser ausdenken hätte können, weil Original: Wichtig zitternder Backenbart, ums Handgelenk schlackerndes Goldkettchen, sonnengeküsst. Ich saß dort, weil ich es vergeigt hatte.

Zehn Minuten vor der Zeit ist auch des Kritikers Pünktlichkeit. Zu spät kommen wird in vielen gesellschaftlichen Situationen ähnlich gehandhabt wie Namen-Vergessen (Gesichter übrigens nicht), schön ist es nicht, aber es geht ja allen gleich. Das Theater bildet da leider eine große Ausnahme. Aus eigener Erfahrung kenne ich die Nacheinlasspolitik vieler Häuser im deutschsprachigen Raum. In fast jeder Inszenierung gibt es einen Moment, in dem Zuspätkommende in den Saal geschleust werden, üblicherweise an einer „lauten Stelle“. Netterweise denkt die Regie schon bei der Probe an das Allzumenschliche. Man steht als Zuspätkommender dann in einer mehr oder weniger großen Gruppe im Foyer herum, einer Schicksalsgemeinschaft, der nichts, aber auch gar nichts mehr peinlich ist. In meinem knappen Jahrzehnt als Intensivzuschauer und notorischem Zu-Spät-Kommer wurde mir nur einziges Mal der Einlass verwehrt, 2011 im Deutschen Theater Berlin. Keine laute Stelle. Erst neulich tadelte mich die Pressesprecherin des Burgtheaters schriftlich, die Pressekarte für Schlechte Partie nicht pünktlich genug abgeholt zu haben, man könnte auch sagen: zu spät. Ausgerechnet das Burgtheater lehrte mich an diesem Abend die möglicherweise endlich fällige Lektion. Das Burgtheater mit seinen vier verschiedenen Spielstätten, die ich (auch das nicht zum ersten Mal) durcheinandergebracht habe, was in einer Verkettung ungünstiger Umstände dazu geführt hatte, dass ich sieben Minuten nach acht keuchend am Kasino angekommen war. Von der großen Modekritikerin Anna Wintour heißt es, keine Modenschau fange ohne sie an, für eine Theaterkritikerin gilt das leider nicht. Egal, wie sehr ich die Mitarbeiter von meiner unbedingten Anwesenheit im Theatersaal zu überzeugen versucht hatte, war ich nicht weiter als bis ins Foyer gekommen. Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.

Kürzlich lobte einer meiner Auftraggeber experimentelle Texte. In allerbester Erinnerung blieb mir der eines Kollegen aus Leipzig, der folgendermaßen begann: “Um es gleich zuzugeben: Ich kenne nur den halben Abend. Nach einer Stunde bin ich gegangen. Länger habe ich es nicht ausgehalten.” (Leser finden solche Ansätze oft furchtbar eitel. Ich nicht). Könnte man, hatte ich in rasender Verzweiflung, das Kasinofoyer durschreitend, gedacht, sich nicht das Stück von jemand anderem nacherzählen lassen? Schließlich hatte ich den Text gelesen, wusste also schon mal, worum es ging. Ein verlorener Sohn begeht schriftlichen Vatermord, das Ganze spielt in Kärnten, dem, wie man weiß, nationalistischsten Bundesland Österreichs. Zu allem Überfluss hieß es auch noch Lass dich heimgeigen, Vater. Könnte man also nicht was übers Vergeigen schreiben?

Auf die Haltung kommt es an, dachte ich mir, um zwanzig nach acht im Café Schwarzenberg sitzend. Dort wollte ich bis zum Ende der Premiere warten, ohne zu wissen, was das bringen sollte. Es war ein Jammer. So wie die musikalische Untermalung im Café Schwarzenberg – dass der Goldkettchenträger sein Instrument beherrschte, konnte keiner behaupten. Kleine Patzer überspielte er durch heftiges Vibrato. Seine Kollegin schaute noch trauriger als der Ober zum wiederholten Mal ihren Espresso vergaß. Mit ihren Heideboden-Rot gefärbten Haaren und der damenhaft hängenden Wangenpartie ähnelte sie der Einlassdame im Volkstheater auf unheimliche Weise. Auch das Volkstheater hat drei Spielstätten und auch hier kann ich aus Erfahrung berichten, dass eine Verwechslung nicht zwangsläufig dazu führt, dass man das Stück verpasst. Bei guter Verkehrslage ist die Strecke Haupthaus – Volx Margareten in achtzehn Minuten zu schaffen. Traurig wirkt die Volkstheatereinlassdame nie, eher wie jemand, der sich selbst bei Laune halten muss mit dem immer gleichen Satz bei der Ticketkontrolle: „Vergessen Sie bitte nicht, nach Ende der Vorstellung ihr Telefon wieder anzuschalten.“ Irgendjemand lacht eigentlich immer und bestimmt ist jedes Mal jemand dabei, der dies aus Erleichterung tut, weil er gerade noch rechtzeitig ins Theater gekommen ist. Wer zuletzt lacht, lacht dann eben in der Schicksalsgemeinschaft der Nacheingelassenen.

So prominent, wie das Piano platziert war, stand es allen Toilettengängern aufs Unangenehmste im Weg, gewissermaßen durchquerten sie das Bühnenbild dieses Schwarzenberg-Mini-Orchesters. Das Bühnenbild war auch der Grund, warum ich im Theater abgewiesen wurde. Sie habe, hatte die Dame vom Einlass eiskalt verkündet, von der Regisseurin die strenge Anweisung erhalten, niemanden mehr einzulassen. Sehr viel mitfühlender war ihr junger Kollege gewesen, offenbar Student ohne nennenswertes Theaterinteresse. Wir hatten geplaudert. Wie viele Stücke ohne Nacheinlass auskommen? Eines von zehn. Wie viele Zuschauer im Schnitt pro Vorstellung zu spät kommen? Drei oder vier. Wie viele Zuschauer während der Vorstellung gehen? Kommt auf das Stück an. Manchmal, wie bei der Kastrationsszene bei Heinrich VIII, der halbe Saal. Nennen wir es Schicksal, aber ausgerechnet heute war mein Text in der Welt erschienen, in dem ich dafür plädierte, schlechte Vorstellungen frühzeitig zu verlassen. Das hatte meinen theaterskeptischen Gesprächspartner amüsiert und er hatte vorgeschlagen, jetzt in den milden, typischen Wiener Zynismus verfallend, ich solle doch einen Text schreiben, warum man pünktlich kommen muss zum Theater.

                                                                      (Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.

                                                                      Ich darf nicht zu spät kommen ins Theater.)

Dann hatte ich ihn gefragt, wie viele Theaterkritiker bei irgendeiner Premiere abgewiesen worden waren. Keiner außer mir. „Zigarette?“

Der Migrationshintergrund des Geigers im Café Schwarzenberg, damit haben viele in Kärnten ein Problem, was mich zurück zum Stück brachte und der dankbaren Steilvorlage, die dieser Text einem Nachdenken über die gegenwärtigen politischen Zustände geliefert hätte, trägt der Vater des Erzählers doch immer einen blauen Arbeitskittel, blau, FPÖ und so weiter und so fort. Manchmal überkommen einen als Kritiker schon beim Lesen des Texts solche Anwandlungen,  Geistesblitze, universale Zusammenhänge, dass man am liebsten gleich und auf jeden Fall vor der Premiere losschreiben würde. Handke, dachte ich mir jetzt traurig im Kaffeehaus sitzend, ich hätte so gerne Handke erwähnt, seines Zeichens ebenfalls Kärntner und Vatermörder im übertragenen Sinn. Auffallend viele große österreichische Schriftsteller eint ihr Dasein als Nestbeschmutzer, als Verräter ihrer nationalen Identität. Allen voran Thomas Bernhard, der fand, Wien sei die abartigste Stadt der Welt und Österreich von Grund auf verdorben und im Prinzip kreisen seine wahnsinnig langen Sätze, die ja noch immer Vorbild sind für Nachwuchsschriftsteller landauf, landab, einzig und allein um seinen Herkunftsekel, naturgemäß ein Ekel, der sich, wenn nicht vollständig tilgen, so doch erheblich mindern ließe, mindern hätte lassen, wenn Bernhard sein ihm so verhasstes Heimatland verlassen hätte, aber bekannterweise blieb er sein Leben lang Wiener und schimpfte lieber aus Ohrensesseln heraus auf das Burgtheaterpublikum und dessen Schauspieler, anstatt einfach mal nicht mehr hinzugehen. Oder gelegentlich zu spät zu kommen. Erst kürzlich erzählte mir jemand, Bernhards größter Wunsch sei es gewesen, bei einem seiner ausgiebigen Spaziergänge (den Graben rauf, den Graben runter) erschlagen zu werden von einem wütenden Landsmann, was ich ganz ungeheuerlich, aber auch sehr lustig fand. Gehen beruhigt, das gilt nicht nur ab und an fürs Theater, sondern noch viel mehr, wenn das Gemüt in Aufregung ist.

Ich ging also den ganzen Weg vom Café Schwarzenberg zu Fuß nach Hause und schrieb diesen Text.

Circa 99 Luftballons

Militär als Lebensinhalt, Ehre über alles und viel k.u.k.-Staub: Joseph Roths “Radetzkymarsch” wirkt aus heutiger Perspektive sehr weit weg. Sehr nah sind hingegen in Johan Simons Romanadaption die vielen bunten Luftballons auf und über der Bühne des Burgtheaters. Einige davon schaffen es bis in den Zuschauerraum, wo sie von jenen zurückgestupst werden, die sich genau so langweilen wie ich. Warum, wieso, weshalb habe ich meinen Kollegen von Deutschlandfunk Kultur erzählt.

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Große Aufregung: Auch Frauen schauen Pornos. Und zwar auch solche, die schmutziger sind als ein benutztes Strandlaken bei Erika Lust. Für die Welt am Sonntag habe ich mich, nun ja, umfassend in die Materie eingearbeitet. IMG_8583 2

Irgendwas mit change

Eigentlich ganz erfrischend, mal von Joachim Meyerhoff als Arschloch bezeichnet zu werden, zumal ich ihn während meiner Hospitanz im Hamburger Thalia Theater als ausgesprochen friedlichen Zeitgenossen kennengelernt habe. Anlass ist die Premiere von Jette Steckels “Volksfeind” am Wiener Burgtheater. Es geht um den Wahnsinn der Gegenwart, um Glyphosat, Panama-Paradise und (meine Ergänzung), dass die Zeit jetzt das neue Album von Helene Fischer empfiehlt. Ich würde sagen: Die Zeit ist reif für change! All das nimmt Franz-Patrick Steckel zum Anlass, Ibsens Wutbürgerstück mal kräftig auseinanderzunehmen, auf dass der Putz der verseuchten Badeanstalt von den Wänden bröckele. Zum Glück inszeniert seine Tochter das  viel weniger Tagesschau-Brennpunkt-artig als befürchtet. Fast alle Kollegen waren genervt, ich eigentlich ganz gut unterhalten. Warum, steht bei Nachtkritik und in der Welt.