Liebe Christiane, ich hab auch immer Zeit!

Wieder mal ein Tag verschenkt! So formulierte es dereinst eine Band, die das non-kulturkonforme – das Böse! – schon im Namen trug und die ich hier gar nicht zitieren mag, weil mir selbst diese eine Zeile auswendig zu können wirklich peinlich ist. Wobei das Lied sowieso Melancholie und Lebensvedrossenheit und Dorfjugendtristesse verbreitet – und in diesem Blogpost soll es doch endlich wieder einmal lustig zugehen…!

So wie bei Christiane Rösinger. Geboren in Rastatt, aufgewachsen “im badischen Hügelsheim”, heute eine Art Schutzheilige der aus-dem-Süden-nach-Berlin-Gezogenen, da lebender Beweis, dass man nach so und so viel Jahren auch als Nicht-Berliner eine Hauptstadt-Coolness in sein Umfeld aspiriert, als wäre man nicht im Kreiskrankenhaus Sigmaringen, sondern in der Neuköllner Urbanklinik zur Welt gekommen. Rösinger ist in erster Linie Kreuzberger Lokalpatriotin Schrägstrich Lebefrau, das heißt sie schreibt, macht Musik und diverse andere Projekte; hauptsächlich, glaube ich, schreibt sie. Während mir ihre musikalischen Dinger zu diskurslastig sind, liebe, ich wiederhole: Liebe ich ihre Essays, ganz besonders jenen mit dem schmissigen Titel Das Leben der Lo-Fi-Boheme, erschienen 2008 in Rösingers erstem Buch Das schöne Leben. Bei dem Neologismus “Lo-Fi-Boheme” dachte ich im ersten Moment an Sascha Lobo und seine “Zentrale Intelligenz Agentur”, aber halt, das war die “Digitale Boheme”. Das mit dem Lo-Fi hat sich Frau Rösinger ausgedacht. Deren Erwerbstätigkeit setzt sich ihr zufolge zusammen aus  “50% künstlerischer, also unbezahlter Arbeit, (…) 25% freiberuflicher, kaum vergüteter Tätigkeit bei einer kulturellen Institution und, um den Anschluss ans wahre Leben nicht zu verlieren, aus 25% tatsächlich bezahlter Arbeit, den sogenannten Brotjobs.” Da reihe ich mich als Masterstudentin der Theaterwissenschaft doch gleich mit ein, glücklich meine Selbstreflexion wieder ein ganzes Stück voran getrieben zu haben. Mit dem Versuch, eine Struktur in den praktisch strukturlosen Alltag zu bringen, geht es mir nämlich wie Christiane: “Die Tage ziehen sich. Lange schlafen, ewig Zeitung lesen, immer wieder Kaffee trinken, am Schreibtisch sitzen, in der Wohnung umhergehen, (…) und endloses Sitzen in den immergleichen Cafés.” Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Hat man sich eben erst freiberuflerisch-kreativ neue Betätigungsfelder ausgedacht, bricht das ganze System schon wieder in sich zusammen, tun sich neue Zeitfenster auf, wo man eben noch eine liegen gebliebene Aktivität wähnte.

Was also anfangen mit der Freiheit eines geisteswissenschaftlichen, noch dazu von elterlicher Seite sanktioniertem Studium? SPIEGEL online lesen, die Tagesschau vom vorhergehenden Abend schauen (weil man um 20.15 Uhr eh nie daheim ist), seinen Wahrnehmungsbegriff anhand ausgewählter philosophischer Grundlagentexte überprüfen, Filmkritiken lesen, Filmkritiken vergleichen, gegeneinander abwägen und schließlich: Filme schauen; sich auf die Suche nach dem besten Cheesecake Berlins begeben, dem glamourösesten Späti, der hippsten Eisdiele und der interessantesten Eissorte und, wenn das Geld reicht, sich pausenlos durch neue Frühstückscafés, Brunchbuffets, Falafelläden, Weinstuben, Absinthbars durchprobieren. Letzteres natürlich nach Sonnenuntergang, womit wir beim schönsten Aspekt wären, nämlich den nicht inexistenten Gründen morgens früh aufzustehen. Um noch einmal Christiane zu zitieren: “Die Nächte ein ewiges Ins-Kino-Gehen, Was-Trinken-Gehen, Auf-Konzerte-Gehen, In-Clubs-Gehen, Auf-Partys-Gehen, Nach-Hause-Gehen.” Auch bemerkt sie sehr richtig, dass das Gesetz der zwanghaften Wochenendegestaltung bei Anhängern der Lo-Fi-Boheme ins Leere greift, denn es ist ja jeden Tag Feier-Tag – Feier-Tag mit Bindestrich, viel besser als Feiertag ohne, denn da haben die Geschäfte zu.

Leider sind viele der bis hierhin aufgezählten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit Geld Ausgeben verbunden und das stellt uns Lo-Fier vor ein ernsthaftes Problem: Dass es nicht an Ideen zum Konsumieren mangelt, wohl aber an den Mitteln. Deswegen hier noch zwei weitere Möglichkeiten, soll heißen, Überlebensstrategien, die freie Zeit zu verbummeln (auch, um dem gefürchteten Bore-out, dem kleinen, hundsgemeinen Bruder des Burn-outs vorzubeugen):

Punkt 1 – Ämter, Ärzte und Behörden: Wer hätte gedacht, dass das Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg eigens eine Sprechstunde für “Berufstätige, Schüler, Studenten” anbietet, Donnerstag von 13.30 Uhr bis 17.30 Uhr? Was im Umkehrschluss bedeutet, dass all jene, die nicht in die Kategorie “Berufstätige, Schüler, Studenten” fallen, außerhalb dieser kurzen Zeitspanne immer willkommen sind? Mir ist zwar nicht ganz klar, warum das Gesundheitsamt Studenten und Berufstätige so freimütig in einen Topf wirft, bin ich doch selbst Studentin und trotzdem notorisch unausgelastet, darauf basiert doch der ganze Text hier! Sei es drum, in der Praxis bedeuten solch bürokratische Paradoxe, dass man sich den Aufenthaltsraum nicht mit dem Pöbel teilen, nicht beim Ziehen der Wartenummer an der Schlechtigkeit des deutschen Beamtenapparats verzweifeln muss. Ganz gleich verhält es sich mit Arztterminen. Oft stelle ich mir das verzückte Gesicht der Sprechstundenhilfe vor, wenn ich auf ihre Frage “vormittags oder nachmittags?” gönnerhaft in den Hörer flöte: “Ach, wie es Ihnen passt!” Und erst die würdevolle Ruhe des fast leeren Wartezimmers, nur selten unterbrochen vom einzigen außer mir anwesenden Mitpatienten, der sich sachte durch das üppige Zeitschriftensortiment blättert. Selbstverständlich kann man das aktuelle SZ-Magazin lesen und nicht das von letzter Woche! Unbeobachtet gibt man sich anschließend der lustvollen Lektüre der Bunten, Glamour und Essen & Trinken hin, ohne Schamgefühl, als freier Mensch, als mündiger Bürger (mit der Auswahl der Magazine im Wartezimmer steht und fällt natürlich die Qualität eines Arztes, das wissen alle Lo-Foier, aber das ist ein anderes Thema und soll an dieser Stelle nicht vertieft werden).

Punkt 2 – Was koche ich morgen? Immer wieder aufs Neue staune ich über die mannigfaltigen Möglichkeiten der Zeitverschwendung, die einem Essen bietet. Das fängt an bei ausgedehnten Supermarktbesuchen, gerne auch verschiedener Ketten, denn schließlich hat nur KAISERS die richtige Chorizzo, gibt es nur im Bioladen den delikaten Mandel-Nuss-Tofu und nur bei ALDI das Rosmarin-Knobluach-Forcaccia. Wer schon zu vertraut ist mit dem Sortiment der bekannten Supermärkte (ein Zeichen hierfür könnte sein, dass man die Angebote in den Anzeigeblättchen vergleicht), dem kann ich nur empfehlen, sich auf die saisonalen Herausforderungen der heimischen (oder meinetwegen importierten) Lebensmittel einzulassen. Glücklicherweise findet in Berlin an jedem Tag der Woche irgendwo ein Wochenmarkt statt. Daran knüpft sich natürlich die Frage: Was mache ich mit Chicorée? Mit Grünkohl? Mit Löwenzahn? Abhilfe schafft mir neuerdings Niki Segnits “Geschmacksthesaurus”, mehr Lexikon als Kochbuch, das unkonventionelle Zutatenkombinationen vorstellt und so eine unerschöpflicher Quelle kulinarischer Experimente darstellt. So kam es, dass ich vor einigen Tage über mich selbst staunte, wie ich mit roter Küchenschürze, Rhabarberkompott-einkochend und Vakuumverschlüsse-produzierend in der Küche werkelte wie ein kleines WG-Heinzelmännchen oder eine 50er Jahre-Vorzeigemama.

Und am Ende des Tages erntet man die Früchte seiner Arbeit: Zig Einweckgläser voll Rhabarber-Erdbeerkompott (Christiane sagt hierzu: “Während vor zwei Jahrzehnten noch das Gespenst der entfremdeten Arbeit herumgeisterte (…), träumt der Lo-Fi-Bohemien heute hin und wieder von einer relativ stumpfen, vielleicht leicht ordnenden oder überwachenden Tätigkeit als Erholung von der ständigen Zwangskreativität.”). Tatsächlich kann hier von Zeit verschenken gar keine Rede sein. Weil wir, das heißt Christiane, ich und all die anderen Lo-Fi-Bohemiens ja nicht nichts machen! Kurz vor dem Bore-out habe ich begonnen, auch Tätigkeiten, die nicht in das strikte Tauschsystem fallen (Arbeit gegen Geld), als produktiv anzuerkennen. Lang lebe der verschenkte Tag! Was mir aber mindestens genauso wichtig scheint: Lo-Fi-Menschen sind sehr angenehme Zeitgenossen, möglicherweise sogar die besseren Freunde. Denn so umfassend informiert ich über die aktuelle Tagespolitik im In- und Ausland und die Feuilletons sämtlicher ernstzunehmender deutschssprachiger Tageszeitungen bin, so genau beobachte ich die Aktivitäten meiner Freunde auf Facebook, feinfühlig und empathisch nehme ich an ihrem Leben teil, Abgesehen davon, dass ich stets neue lokale Entdeckungen auffahren kann, lohnende Bars, Cafés, Restaurants, über die ich auf einem meiner ausgedehnten Spaziergänge gestolpert bin (was dazu führt, dass ich mittlerweile als eine Art wandelnder Gastronomieführer oft um Rat gefragt werde); abgesehen davon, dass ich immer gerne private Literaturlisten herausgebe oder Tips für Ausstellungen, Theater (vor allem Theater) und den ganzen hauptstädtischen Kulturappara – abgesehen davon lohnt es sich auch sonst total, mit mir befreundet zu sein. Weil es bestimmt beim nächsten Besuch im Hause Perla wieder Kuchen oder Waffeln oder Frappé gibt. Weil ich nicht bloß einer Deiner 389 Facebookfreunde bin, sondern auch für einen analogen Kaffee zu haben. Und weil ich immer Zeit habe.

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Wasted Berlin Youth

“Berlin ist ein Spieplatz für alle, die nicht erwachsen werden wollen” Zu diesem Urteil kam meine Freundin Su angesichts der alljährlichen Remmi-Demmi-Situation des 1. Mais (korrekt zitiert mit freundlicher Genehmigung der Urheberin, es muss ja seine Ordnung haben). Dabei beschränkt sich dieser Spielplatz-Befund keineswegs auf den “Tag der Arbeit”. Wie viel infantiles Potential steckt in einer Stadt, wo via Facebook Kissenschlachten organisiert und brach liegende Freizeitparks okkupiert werden, wo es Hochzeitskapellen in Szeneclubs gibt und Secondhand-Läden mit einem unendlichen Angebot an absurden Kostümen! Der homo ludens, in Berlin kommt er endlich, endlich zu seinem Recht. Man bedenke, wie viel Aufregung in diesen Tagen eine semi-ernste Dokumentation über einen Club auslöst, den es seit zwei Jahren nicht mehr gibt, dafür einen Zwilling auf der anderen Seite des Flusses, der seinem Vorgänger zum Verwechseln ähnlich sieht und der immer noch für die globale Easyjet-Sehnsucht nach ein bisschen Berliner Entgrenzung steht. Selbst Spiegel online war sich nicht zu fein, einerseits über den Film selbst zu berichten (aus der Position des Zaungastes heraus: Halb sensationsgeil, halb neidisch, weil er selbst keinen Zutritt bekommt; und liegt darin nicht das Geheimnis der Aura eines sogenannten Szeneclubs?) und andererseits über das Premieren-Trara drum herum. Weil nämlich eigens für diesen Anlass noch einmal ein paar Bretterbuden aus dem bereits quasi weg-sanierten Gelände gestampft wurden, nicht zu vergessen die obligatorische Kindergeburtstags-Deko, bestehend aus bunten Lichtern in den Bäumen, lustigen Schildern, Konfettikanone, Fotoautomat etc. – aber halt, ich muss gestehen, dass ich selbst bei dieser Filmpremiere nicht anwesend war, also gar nicht befugt bin, detailgetreue Auskünfte zu geben. Ich erinnere mich lediglich daran, wie es damals aussah – und, ach, die Schaukel über der Spree, die war schon toll. Spiegel online dagegen interessierte sich ganz besonders für die “Wodkarutsche”, wo der Alkohol über eine Eisbahn direkt in den Mund der am Ende Hockenden fließt, die sich anschließend küssen müssen, weil Liebe einen total hohen Stellenwert im Konzept dieser total verrückten Berliner Ex-Institution hat.

Kurzum: Nirgendwo kann man so hemmunglos dem Erwachsensein entfliehen wie hier. Meine Freundin Su nennt das den “Peter Pan-Effekt” und vielleicht gibt es dieses Terminus bereits, wenn nicht, danke Su an dieser Stelle. Wenn aber alle ab und zu Kind sein wollen, was ist dann mit jenen, die nicht erwachsen sind, weil sie es nicht sein wollen, sondern wirklich minderjährig? Es liegt auf der Hand, dass kleine Menschen im wilden Großstadt-Techno-Dschungel nichts, aber auch gar nichts verloren haben. Schließlich haben die eingangs erwähnten Vergnügungen auch eine Kehrseite und die hat meistens etwas mit Drogen oder Sex, meist Beidem zu tun. Ja, man muss das Kind beim Namen nennen! Es ist doch reichlich naiv anzunehmen, die ganze Euphorie über Konfettiregen und Zirkusarena käme von ungefähr, bzw. von der rein theoretischen Lust am Ausnahmezustand. Genauso wie es naiv ist zu glauben, man könne drei Tage (oder wie es ein Bar 25-Besucher sehr schön formulierte: “Zweiundsiebzigeinhalb Stunden”) durchtanzen, wenn man nur genug Club Mate trinkt. Die ganze Stadt schreit geradezu “MDMA”, zumindest das Dach eines Hauses nahe des Görlitzer Parks, oder wahlweise LSD, Kokain, Chrystal Meth etc. p.p. Und wohin mit der ganzen Liebe, die dann so über einen kommt wenn man von der bunten E-Bowle gekostet hat? In den 70ern nannte man das “Freie Liebe”, in der Berliner Gegenwart geschehen nicht nur im berühmten Berghain Dinge dieser Art.

Wo anderswo unnachgiebige Türsteher die Sache regeln (das Mindestalter für die meisten lohnenswerten Berliner Clubs liegt nicht umsonst bei einundzwanzig Jahren), versagt bei Veranstaltungen der subversiveren Art jeder Selektionsmechanismus. Die Folge ist, dass man in letzter Zeit auffallend vielen, auffallend jungen Menschen auf jenen Parties begegnet, die man selbst ihrer scheinbaren Subversivität wegen gewählt hat. Berlin im Sommer, das klingt nach Afterhour auf dem Dach und Picknicken an der Spree und Straßencafé-Athmosphäre wie in Südeuropa, aber vor allem klingt es nach Open Air. Nirgendwo sonst, wage ich zu behaupten, findet man ein vergleichbares Phänomen: Ein paar Lautsprecher, ein DJ-Pult, eine improvisierte Bar oder der Hinweis auf Selbstversorgung beim nächstgelegenen Späti oder der Tankstelle um die Ecke und eine Schar gut gelaunter, hedonistisch-inspirierter Menschen mit Sonnenbrille, Glitzer im Gesicht und Seifenblasen-Ding in der Hand (mal ehrlich, hat das Teil, durch das man pustet, einen Namen?). Da Veranstaltungen dieser Art in der Regel in die Kategorie “illegal” fallen, wohnt dem Ganzen schon per se der Zauber des Verbotenen inne. Wichtig ist deshalb die Location, je abwegiger, desto besser. Auskunft darüber geben SMS-Verteiler, Mund-zu-Mund-Propaganda oder kryptische Zahlenreihen, die man bei Google Earth eingibt. Nicht zu vergessen das sehr geheime, sehr inklusive virtuelle Netzwerk, dessen Name schon klingt wie das Versprechen, sich mal vom wirklichen Leben abzumelden. Da haben wirs! Weil mittlerweile jeder Siebenjährige mehr vom Internet versteht als seine Eltern und weil das Netz ja per se demokratisch und anti-diskriminierend auch im Hinblick auf das Alter ist, kriegen auch die kleinen Berliner Schlingel raus, wo die nächste große Sause stattfindet. Alternativ über die Gruppeneinladung bei Facebook. Nicht umsonst hat sich der treffende Ausdruck der “digital natives” etabliert.

Das ist natürlich zunächst einmal sehr elitär gedacht. Schließlich war ich auch mal fünfzehn und weiß noch ganz genau, wie es war, an der Tür irgendeiner blöden Dorfdisko abgewiesen zu werden (oder nur reinzukommen, weil man die letzte Zahl des Geburtstdatums im Schülerausweis ausradiert hat). Hätte ich dereinst die Möglichkeit zu auch nur annähernd so hippen Parties gehabt, hätte ich sie ganz klar genutzt. Und natürlich hätte ich mich auch geärgert über Leute, die vielleicht selbst erst Anfang, Mitte zwanzig sind und meinen, ein Urteil über mich aufgrund meines Alters fällen zu können (okay, so hätte ich das damls nicht ausgedrückt). Aber, come on, was haben Mädchen auf Open Airs verloren, die kaum in der Pubertät sind, geschweige denn volljährig, dafür ausgestattet mit allen Insignien des trendbewussten Großstadtadoleszenten (handbemalter Jutebeutel, Chelsea Boots und, na klar, Glitzer im Gesicht)? Noch schlimmer als diese Girlies, die auf fast schon gruselige Weise den Habitus der Großen (und darum auch irgendwie meinen Eigenen) imitieren, finde ich ihre männlichen Artgenossen. Die stecken auch noch in den Kinderschuhen, tatsächlich aber bereits in Chucks, dazu tragen sie, na klar, Undercut und Röhrenjeans und, mein Gott, sind meistens so besoffen oder andersweitig berauscht, dass man einen möglichst weiten Bogen um sie macht. Mit Grauen denke ich an eine Party im Horst X-Berg zurück, wo meine Begleitung und ich uns wiederfanden in einer Menge unglaublich wütender, druckgeladener Jugendlicher, die auf der Tanzfläche um sich schlugen, als hätten sie eine ganze Menge zu kompensieren. Oder, noch schlimmer, im Ritter Butzke, wo sich passenderweise das Label “Wasted German Youth” die Ehre gab und man sozusagen flüchten musste, angesichts dieses Exzesses, einer Mischung von Hormon-Überproduktion, übermäßiger Alkoholinfusion und dem unbedingten Willen, es sich mal so richtig zu geben.

Dabei frage ich mich: Woher kommt meine Aversion? Kann es daran liegen, dass ich mich selbst in jenen jungen Partygängern wiederfinde? Dass ich sie als die kommende Generation anerkennen muss und so bereits jetzt, mit Anfang zwanzig, eine Ahnung vom alt werden bekomme? Oder haben wir es vielleicht mit Bourdieus Konzept des Habitus zu tun, das besagt, dass man sich durch sein Aussehen, die Wahl seiner Kleider, der Orte, die man aufsucht usw. einer Gruppe zugehörig macht und diese Gruppe kollektiv nach außen hin abschirmt, weil man potentiell Eindringende als Bedrohung empfindet? Klingt nach einem guten Thema für die nächste Hausarbeit.

Ich kann nicht umhin, ein bisschen Kulturpessimismus anzubringen, angesichts dieser folgenden Generation von Feiernden, die, kaum der Unterstufe entkommen, schon jetzt so wasted erscheint, wie mancher Technoveteran. Einer Generation, die aggressiver tanzt, hemmungsloser konsumiert, sich konsequenter der zerstörung hingibt, kurz: Härter feiert als wir alle zusammen. Man hat den Eindruck, diese jungen Dinger haben das Prinzip dieser wunderbaren Berliner Feierkultur nicht verstanden: Dass es hier nicht darum geht, sich abzuschießen, zumindest nicht in erster Linie, sondern darum, mit entspannten Menschen eine schöne Zeit zu haben. Mit Menschen, die sich entschuldigen, wenn sie einem auf den Fuß treten, die gerne ihr Bier und ihren Glitzer teilen, die sich freuen, dass die Musik in letzter Zeit wieder so schön melodisch ist und vocal-lastig und manchmal von Liebe gesungen wird. Man kann nur hoffen, dass sich diese Szeneküken nur austoben müssen und sich auf dem Weg zur Erkenntnis nicht vollständig den Verstand wegfeiern. Es hilft ja auch nichts, Leute von dieser Draußenkultur ausschließen zu wollen, denn schließlich bildet sie einen Gegenpol zur restriktiven Türpolitik der Clubs und dazu gehört eben gerade das in der Theorie so schöne Demokratieprinzip. Aber hier tanze ich und kann nicht anders: Manchmal wünsche ich mir die fiesen Türsteher vom Berghain zurück.

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Facebook hat mir unrealistische Vorstellungen von Freundschaft vermittelt

Wenn es mal den idealen Ort gab, um reale Freundschaften zu pflegen, dann war es das KPTN in der Simon-Dach-Straße. Man braucht ja als WG unbedingt eine Stammkneipe (die Bezeichnung “Kneipe” hat keine Daseinsberechtigung, außer in Verbindung mit “Stamm-”), wohin man sich zurück ziehen kann, wenn es sein muss jeden Abend. Dabei gilt die Faustregel: Je näher, desto besser! Noch viel früher, in der Prä-KPTN Ära sozusagen, war dieser Ort für mich das “Moviemento”, was umso toller ist, weil das “Moviemento” ein Programmkino ist und wir, das heißt meine damalige WG und ich, irgendwann rausfanden, dass Bewohner des Hauses immer freien Eintritt haben. So kam es, dass wir manchmal nach dem Abendessen noch mal “auf ein Filmchen” zwei Stockwerke runtergingen, wie andere auf ein Bierchen. Nach dem Umzug dann also wieder die drängende Frage: Wohin mit sich selbst und den anderen und allen, die wir kennen? Anno 2009 setzte sich das KPTN gegen die übergroße Konkurrenz durch (schließlich wohnen wir im “Kneipennest”, auf dem Ballermann Ostberlins): Aufgrund seiner Nähe zur eigenen Wohnung, seiner unschlagbar billigen Getränkepreise (Wodka-Rhabarber 0,4 l für 2,70 €) und des Kickertisches, auch wenn ich mich da immer vornehm zurückhielt (außer, es ging um die Gewinnbeteiligung beim Kickerturnier). Irgendwann, anders kann ich es mir nicht erklären, muss unser “verlängertes Wohnzimmer” (auch so eine dümmliche Redewendung, aber es trifft die Sache gut) Eingang in den “Lonely Planet” gefunden haben, vor allem in den Spanischen. Es ist jetzt immer voll, es gibt neuerdings Pfand auf Gläser und leider auch auf die schönen Weinkaraffen und es kann schon passieren, dass man erst mal auf Englisch gefragt wird, was man trinken mag. Das macht mich traurig und wütend, was natürlich insofern problematisch ist, als dass ich selbst den Status einer “Zugezogenen” habe und die mag man als Berliner genauso wenig wie die saufenden Spanier, vor allem nicht die Süddeutschen! Das Jammern über die hohe Touri-Dichte schmeckt noch dazu sehr nach Gentrifizierungs-Larmoyanz und nach Freizeit-Snobismus – aber hilflos sehe ich mich mit meinen kleinlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert.

Dabei soll es hier gar nicht um die Vertreibung aus unserem Kickerparadies gehen, sondern um etwas ganz anderes. Das war nämlich so: Am Ende einer mittellangen Nacht strandeten meine Freundin und ich wie schon unzählige Male davor in eben dieser unserer ehemaligen Stammkneipe. Ein letztes Gläschen Dornfelder (früher 2 €, jetzt 2, 20 €!) sollte uns den Heimweg erträglicher machen. Plötzlich an der Bar stand da einer und begann, mir Dinge zu erzählen, die konnte er eigentlich gar nicht wissen. Weil, den da, den kannte ich nicht! Je mehr Details er zum Besten gab, desto skeptischer wurde ich. Bis zu seinem Ausruf: “Aber wir sind doch bei Facebook befreundet!” Also nein, da musste jetzt wirklich ein Missverständins vorliegen! Also wirklich, das wüsste ich! Weil dies aber schließlich nicht nur das Zeitalter von Facebook ist, sondern auch das Zeitalter des Smartphones, hielt er mir selbiges unter die Nase und wirklich, ich hatte es weiß auf blau: Meinen eigenen Namen in seiner Kontaktliste. Eine Peinlichkeit diesen Ausmaßes versucht man am Besten gar nicht erst kleinzureden. Es hilft da nichts mehr als Reue zeigen und Beschämung.

Facebook – Noch so eine Kerbe, in die ich eigentlich nicht hauen mag. Selbst meine Eltern sind mittlerweile entweder Mitglied oder überzeugtes Nicht-Mitglied, wegen Datenklau und so. Jeder Grundschüler, der ja zugleich ein digital native ist, weiß mittlerweile, dass Facebook Dir hilft, Deine sozialen Kontakte auf die Reihe zu kriegen, aber auch mit perfiden Maßnahmen daran arbeitet, Dich zum gläsernen Bürger zu machen. Es gibt die Freunde (die echten, meine ich), die sich abmelden, weil sie jetzt endlich nach einem Selbstfindungsprozess glauben, über der Sache zu stehen; es gibt die Freunde, die einfach immer online sind und hungrig nach Netzneuigkeiten und Youtube-Videos von Kettensägen-imitierenden-Katzenbabys und Bikinifotos der heißen Kommilitonin schnappen und es gibt die Freunde, die sich jetzt anmelden (hallo, wo wart ihr denn die letzten drei Jahre?), manche davon nur für kurze Zeit: Vor ihrem baldigen digitalen Ableben wollen sie ihr Adressbuch mit der Realität abgleichen, soll heißen, Leute, die sie aus den Augen verloren haben, wiederfinden. Sehr löblich finde ich das.                                  Anstrengend dagegen finde ich diejenigen, die meinen, Facebook sei (bitte einsetzen:) überbewertet/ mainstream/ der Teufel im Eichhörnchenkostüm. Ja schon – aber dann bitte auch konsequent sein mit der eigenen virtuellen Unschuld, also nicht googeln, kein Online Banking, kein ELSTER (das, liebe Leser, ist das Programm, mit dem man seine Steuererklärung online machen kann, freie Fahrt für Datenklau sozusagen) – am Besten, man hört jetzt sofort ganz und gar auf mit dem Internetquatsch.

Warum ich trotzdem auch noch mal in die Facebook-Kerbe haue? Neben oben stehendem Erlebnis, das in Kombination mit anderen Unschönen dazu führte, dass mir die diesjährigen Osterfeiertage als, pardon, ganz besonders beschissen in Erinnerung bleiben werden, gibt es noch ein paar andere lustige Netzwerkgeschichten zu erzählen. Es kann einem zum Beispiel passieren, dass man mutterseelenallein (wo kommt eigentlich dieses bezaubernde Wort her?) durch Südeuropa backpackt und plötzlich einen seiner Facebookfreunde, der ebenfalls in die Kategorie “eher nicht so präsent im realen Leben” fällt, in eben der Stadt antrifft, in der man sich gerade befindet. Nur aufgrund der eigenen Statusmeldung (“Barcelona”), die von einigen geliked und von jenem mit launiger Flapsigkeit kommentiert wurde: “Ich auch.” Und man infolgedessen immerhin einen halben Tag gemeinsam am Strand verbrachte, dabei Freundesfreunde kennenlernte, mit denen man dann den anderen halben Tag Tapas essen ging.

Wie einem Facebook überhaupt eine Vorstellung des leichten Daseins suggeriert! Es ist wie mit der “Random App” – Rest in peace, Steve – die mir bis vor Kurzem tatsächlich vorkam wie die Lösung aller Probleme, so einfach, so genial (weil ich jetzt schon zum zweiten Mal davon berichte, hier ein kurzes Update für diejenigen, die nicht wissen, was es mit der “Random App” auf sich hat: Bei dieser Application fürs Smartphone bestimmt ein Zufallsmechanismus eine Zahl innerhalb einer beliebig großen Zahlenmenge, die man zuvor angegeben und klassifiziert hat. Man schüttelt dazu das iPhone und es vibriert so schön. Es geht also darum, Entscheidungen zu treffen. Also: Gehen wir heute zum Italiener (1), zum Griechen (2) oder zum Vietnamesen (3)? Schüttel schüttel: 2! Die Griechen können es eh besser gebrauchen als die Italiener. Danke!). Aber, was soll ich sagen? Der iPhone Gott gibt, der iPhone Gott nimmt. Nach vier Tagen der kompletten sozialen Isolation kann ich gar nicht genug lobende Worte für das heimische WLAN finden, das verhinderte, dass der Feiertagsfrust noch seltsamere Blüten trieb als meine Idee, die Gardinen zu waschen, den Kühlschrank zu putzen und mir neue Systeme für unsere Küchenschubladen auszudenken. Facebook gab mir das Gefühl, doch irgendwie da zu sein, vielleicht nicht so was von da, aber doch mehr da als ohne.

Es scheint mir also als zeitgemäßer junger Mensch, der ich nun mal bin, in vielerlei Hinsicht nicht unklug, mir dieses Facebook-Ding zu Nutze zu machen. Manchmal fragt man sich schon, wie vorherige Generationen ihre soziale Existenz gemeistert haben. Man müsste halt wieder mit den Brieffreundschaften anfangen. Minimal wehmütig stelle ich mir vor, wie sehr man sich dereinst über den lang ersehnten handschriftlichen Brief des Freundes gefreut haben muss; wie wertvoll das Geschriebene gewirkt haben mag, wie sorgsam es aufbewahrt wurde, in welch groteskem Gegensatz es stand zum wuchernden Datenmüll, der einen heute täglich überrollt. Erinnert sich noch jemand an die schrullige Eigenart des Poesiealbum-Verleihens in der Grundschulzeit? Macht heute keiner mehr, es gibt ja die Timeline. Man hat sich ja nicht weniger zu sagen, als die Leute früher, es ist nur so viel einfacher, das Überflüssige kund zu tun. Die Folge sind dann Statusmeldungen wie “Guten Morgen!” oder “Mein Tageshoroskop” und Nachrichten, in denen man die Mitbewohnerin, die zwei Zimmer weiter sitzt, eine Veranstaltungseinladung für die WG Party am kommenden Wochenende sendet.

Nach vier, fünf Jahren sammeln sich zudem zwangsläufig ein paar jener Kontakte an, die in die Kategorie “Not my business” fallen. Es empfiehlt sich, diese mit dem Label “eingeschränkt” zu versehen und zu hoffen, dass sie nie wieder aufs eigene Profil klicken, weil es schon komisch wirkt, wenn es plötzlich nichts mehr zu stalken gibt. Dann besser den ehrlicheren Weg gehen und die ungeliebte Person löschen: Hinunter damit in den Orkus der virtuellen Freundschaften! Und auch der Analogen, denn wer mich bei Facebook löscht, kann mir auch am Tresen meiner Stammbar gestohlen bleiben.  Jeder, der übrigens jetzt behauptet, er wäre kein Facebook-Stalker, der ist entweder nicht bei Facebook, oder er lügt oder er hat andere, weitaus schlimmere voyeuristische Neigungen. Welchen Mann vor einigen Jahren bei “Sex and the City” noch das nackte Grauen überkam (“Sowas erzählt ihr Euren Freundinnen?”), dem sei versichert, dass das nichts ist im Vergleich zu heutigen Zuständen. Man nehme eine Handvoll beste Freundinnen, einen internetfähigen Computer und heraus kommt die unerbittliche Prüfung der männlichen virtuellen Existenz. Es gibt ja so viel zu sehen! Und ehe man alle Fotoalben durchgeklickt und alle Likes auseinander genommen hat, glaubt man zu wissen, mit was für einer Art Mensch man es zu tun hat.

Eigentlich bin ich nicht so. Eigentlich ziehe ich reale Kontakte den Virtuellen vor. Eigentlich bin ich gar nicht so oft online und eigentlich lässt es sich auch ohne iPhone ganz gut leben. Jaja. Facebook ist ein Eichhörnchen und Zuckerberg das personifizierte Böse. Leider kann ich diesem Internet noch nicht ganz abschwören. Für die Zukunft nehme ich mir aber unbedingt vor, öfter mal auf die Gesichter in meiner Freundesliste zu achten – damit ich sie wiedererkenne, wenn sie vor mir stehen.

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Alles hat ein Ende, nur die Placebowurst hat keins

Käsekrainer, die: Leicht geräucherte Brühwurst mit grobem Brät aus Schweinefleisch und einem Anteil von 10 bis 20 % Käse (z. B. Emmentaler) in kleinen Würfeln. Ich ergänze: Es handelt sich bei der Käsekrainer um eine Art österreichisches Nationalheiligtum, gegen das Banalitäten wie die gemeine Berliner Currywurst keine Chance haben. Man “genießt sie am besten frisch an einem Würstlstand. Wer sich dort ‘a Eitrige’ bestellt, bekommt eine leckere Käsekrainer mit Senf im Brötchen” (dieses Zitat entnehme ich der Website www.meisterwurst.de, die etwaiigen Hasstiraden aufgebrachter Vegetarier mit niedlichem Humor begegnet). Spätestens beim Mundart-Begriff “Eitrige” wird klar, dass es sich bei dieser Spielart der Imbissspeisen um ein perverses Vergnügen handelt. Wenn man hineinbeisst, läuft der heiße Käse heraus, das Brötchen aus sündigem Weißmehl ist ganz bestimmt nicht vom Biobäcker und die fettige Wurst wahrscheinlich auch nicht vom glücklichen Schwein. Trotzdem schmeckts. Oh ja, ich gebe zu, es kann einem vorkommen, wie ein Stück vom Glück, wie eine gütige Gabe des Fleischfressenden Gottes, besonders nachts, mit dem bekanntlich vom Alkohol geschürten Heisshunger.

Bei meinem letzten Wien-Besuch stellte ich fest, dass meine Lieblingsbar “Donau” das Sortiment des liebevoll bestückten Kiosk neben der Tanzfläche um eine “vegane Käsekrainer” erweitert hatte. Das macht in etwa so viel Sinn wie Berghain ohne Techno, nämlich gar keinen. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Placebowurst dabei ist, die Welt der Karnivoren zu erobern – und das auf ganz und gar perfide Weise! – dann wundert man sich höchstens noch, dass man gerade in Österreich ist.

Eins vorweg: Die Entwicklung, die Großstädter allgemein und Berliner insbesondere und aufgeklärte Studenten ganz besonders gerade durchmachen – weg vom bloßen Stillen eines Bedürfnisses, hin zu einem bewussten Umgang mit Essen – finde ich ganz und gar begrüßenswert. Es stimmt ja gar nicht, dass auf den WG-Speiseplänen dieses Landes entweder Tiefkühlpizza oder Spiegelei stehen und zum Monatsende hin maximal Nudeln mit (Tomaten-) Soße, genauso wenig, wie ich niemanden kenne, der von Döner und Burger allein lebt (wobei die Burger-Manie in meinem direkten Umfeld zuletzt groteske Züge angenommen hat, wie schon an anderer Stelle beobachtet). Mag sein, dass für frisch dem Elternhaus Entkommene die allerwichtigste Nummer die des Sushilieferanten oder von “Joey’s” ist. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass viele Leute in meinem Alter dämliche Titel wie “Das große Studentenkochbuch” gar nicht nötig haben. Weil Kochblogs mittlerweile so beliebt sind wie Fashionblogs. Ein schönes Beispiel für die Begeisterung am Essen sind gemeinsame Kochabende (immer eine feine Idee: Wein und Käseverkostung, Tapasrunde und endlich, dem neuen WG-Waffeleisen sei Dank: Waffelparties!), WG-Großeinkäufe im Biomarkt und Rezepte, die im Freundeskreis herumgereicht werden (wirklich, in luziden Momenten fühle ich mich dem Hausfrauendasein schon sehr nahe).

Discounter bedienen den Wunsch nach bewusstem Essen ebenso wie Cafébetreiber von Neumünster bis Neustrelitz mit dem Angebot von laktosefreier Milch (das ich dankend annehme), regionalen Zutaten (warum nicht? Solange ich den Winter über nicht nur von dem leben muss, was mit dem “Biokistel” ins Haus flattert) und dem beinahe schon lächerlich überstrapazierten Label “bio”. In diese Kerbe will ich gar nicht schlagen, das haben schon zu viele vor mir gemacht, schließlich weiß jeder, dass nicht überall “bio” drin ist, wo “bio” drauf steht usw. usf. Sowieso verkauft mittlerweile selbst ALDI Süd in meiner schwäbischen Heimat Bioeier und Biomilch, sodass sich Foodavantegardisten etwas Neues einfallen lassen mussten. So kommt es, dass es nicht mehr reicht, das biologische Gewissen mit dem wöchentlichen Besuch bei “Alnatura” zu beruhigen, nein, en vogue ist jetzt, wer auf vegan umstellt.

Noch hat man als veganer Zeitgenosse nicht viel zu lachen. Dem Bericht einer guten Freundin, der eigentlich eine Leidensgeschichte ist, entnehme ich, dass von fünf Berliner Bäckern im Durchschnitt vier nicht sagen können, was in ihrem Brot drin ist. Ferner, welchem Martyrium die Mittagspause gleicht, die größtenteils für die Suche nach einem veganen Snack drauf geht – und das selbst im trendy Mitte. Ganz abgesehen von den Freuden des gemeinsamen Kochens und Essens mit Nicht-Veganern, weil für einen selbst maximal ein bisschen Salat abfällt, ohne Dressing, denn da ist Honig oder Joghurt oder sonst was dran. Trotzig wie sie ist, stellte sich meine Freundin der Herausforderung, erfreute sich an kleinen Erfolgserlebnissen wie der Entdeckung eines veganen Supermarktes am Prenzlauer Berg oder des veganen Cupcake-Ladens im eigenen Kiez oder dem Austausch mit anderen mehr oder weniger frustrierten Leidensgenossen – bis sie nach einigen Monaten angesichts der Schlechtgkeit der karnivoren Welt kapitulierte. So wie meiner Freundin, stelle ich mir vor, muss es dem Erfinder der Placebowurst ergangen sein. Tofu ist nämlich so last year – diese Saison gehört dem Seitan. Dabei handelt es sich um eine Substanz, die verblüffende Ähnlichkeit mit einem Stück totem Tier hat und die sich auf vielerlei Art durchaus schmackhaft zubereiten lässt, wobei eine Geschmacksnuance immer fehlt: Die von echtem Fleisch.

Um den Verdacht, den der Leser jetzt haben mag, ein für alle Mal zu klären: Ja, ich esse Fleisch, relativ selten, aber unglaublich gerne, ja, ich achte mittlerweile auch darauf, woher es kommt, aber nein, es ist für mich keine Option, jemals darauf zu verzichten, denn ja, ich glaube, dass der Mensch zum Fleisch essen gemacht ist. Zwar lasse ich für einen Tofuburger beim “Frittiersalon” jedes Beef-Ding stehen und wenn ich an die veganen Panini im Hamburger “Café Latte” zurück denke – auf dass es noch viele Jahre so prosperiere! – gerate ich noch heute ins Schwärmen. Fleischlos glücklich geht schon. Rätselhaft ist mir deshalb, warum jene, die glauben, der Mensch sei nicht zum Fleisch essen gemacht, nach Produkten verlangen, die Fleisch so gut als möglich imitieren. Was haben die Veganer bloß mit ihren Pseudowürsten? Man kann doch beim Barbecue auch Falafel grillen oder mariniertes Gemüse, ohne neidisch auf das Nackensteak des Nachbarn zu schielen. Warum brauchen wir vegane Schnitzel, vegane Nürnberger, vegane Currywurst?

Neben dem Biomarkt-Sortiment werben mehr und mehr Restaurants mit dem geilen, weil verbotenen Kitzel des Fleischgenusses. Im heimischen Kiez etwa der “Vöner” (ein zugegeben sehr origineller Neologismus aus “vegan” und “Döner”), der ein breites Publikum anzuziehen scheint, gemessen an der Tapferkeit, mit der er sich im unerbitterlichen Konkurrenzkampf um die saufenden Simon-Dach-Touristen bislang schlägt. Oder der Hamburger Asiate “Loving Hut.” Der dortige Besuch stand von Anfang an sozusagen unter keinem guten Stern. Auf meinen Ärger über die fehlende Weinkarte (der Besitzer war, und das ist jetzt kein Scherz, Mitglied einer Art Sekte, möglicherweise der Sekte der “lachenden Hütte” oder “des lachenden Hutes”, weswegen er der Überzeugung war, nicht nur Fleisch und tierische Produkte seien eine Sünde, sondern auch Alkohol) folgte meine Überraschung abgesichts der Konsistenz meines fleischlosen Rindfleisches. Es wäre gelogen zu sagen, es schmeckte nicht – aber es schmeckte halt nicht nach Rindfleisch, gell. Als Krönung folgte die Moralpredigt, die zusammen mit der Rechnung über mich kam: Vom Menschen, der sich an Mutter Erde vergeht, von Kindern, die vegan erzogen werden und sich ganz prächtig entwicklen und der unbedingten Empfehlung, jetzt sofort mit dem bösen Fleischkonsum aufzuhören.

Bei meinem letzten Wien-Besuch verschlug es mich ins Restaurant “Vegetasia.” Man kann sagen, ich kam ein weiteres Mal zum veganen Essen wie die Maria zum Kinde – unvorbereitet, unschuldig, auch ungewollt. Lieber wäre ich zum Italiener. Aber gut, man müsse das mal probiert haben, asiatische Küche auf höchstem Niveau, mit allem, was dazu gehört, inklusive knusprig gebackener Ente in Gänsefüßchen und Hühnchen süß-sauer. Die Speisekarte wartete mit kuriosen Wortspielen wie “Knuspriges Schweine-Vleisch”, “Visch à la Vegetasia” und “Vaschiertes” auf (Hackfleisch nennt man in Österreich “Faschiertes”). Desweiteren entnahm ich ihr, dass “die vegetarischen Fleischersatzspeisen aus Sojaprodukten, Gemüseextrakten, Shiitake-Pilzen und Seetang dem ursprünglichen Geschmack und Aussehen nachempfunden sind” und: “Aus diesem Grund schreiben wir Visch und Vleisch mit dem ‘V’ unseres Logos” (das dachte ich mir schon). Nach langem Hin und Her (und, zugegeben, dem Einsatz meiner ganz hervorragenden neuen “Random-App”, die mir das Leben tagtäglich erträglicher macht) entschied ich mich für “Ji-Xiang-Ruyi”, was, wie mir die aufmerksame Bedienung erklärte, “vierfaches Glück” bedeutet. Ich kann es mir nur so erklären, dass mit dem vierfachen Glück die vier verschiedenen “Vleischsorten” gemeint waren, wobei ich da geschmacklich keinen Unterschied feststellen konnte, optisch auch nicht. Mein Nebensitzer war genauso wenig wie ich davon zu überzeugen, das, was er vor sich habe, schmecke “ganz genau wie normales Rind.” Noch dazu waren die Portionen winzig und das zu einem, euphemistisch gesagt, selbstbewussten Preis. Ich jedenfalls war nach dem Essen keineswegs vier Mal glücklicher als zuvor, eher halb hungrig und ziemlich schlecht gelaunt.

So hungrig, dass ich mir nach dem Restaurantbesuch beinahe eine sündige Käsekrainer am Würstelstand gekauft hätte. Später an diesem Abend dann die Entdeckung im Donau. Da war der Hunger längst verflogen und die Erinnerung an mein veganes Experiment so präsent, dass ich empört ausrief: “Niemals werde ich eine vegane Käsekrainer essen!” Dabei weiß man ja, wie Erinnerungen im Nachhinein nostalgisch verklärt werden, also, okay, vielleicht probiere ich sie doch. Dabei bin ich mir schon jetzt sicher, dass sie schmecken wird. Genauso sicher bin ich mir aber auch, dass sie nicht wie eine Käsekrainer schmecken wird. In einem solchen Fall wird es mir dann vielleicht ergehen wie meiner österreichischen Begleitung an meinem letzten “Donau”-Abend. Wenn er vegetarisch koche, meinte er, schmecke das meistens recht lecker. Danach habe er aber stets das Gefühl, etwas essen zu müssen.

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I heart Tidiness oder: Das Genie braucht kein Chaos

Voilà: Eva Perla, ordentlichster Mensch unter der Sonne, in manchen Momenten nahezu verliebt in dieses Etwas namens Reinlichkeit, Aufgeräumtheit, diesen Zustand, wo alles seinen Platz hat. Es ist die Welt der Post-Its, der To-Do-Listen, wobei grundsätzlich der Anteil der schon erledigten Aufgaben überwiegt, der kleinen Kicks, die einem jeder weitere Haken auf diesen Listen bringt. Treuster Begleiter: Der Moleskine-Jahreskalender in Taschenformat (immerhin, so beruhige ich mich in neurotischen Momenten, reicht noch das A6-Format, es soll ja Leute geben, die eine DIN A4 Seite pro Tag benötigen!). So fortschrittlich, ja in mancherlei Hinsicht geradezu avantgardistisch ich mich fühle, so stur wehre ich mich gegen eine elektronische Lösung wie den iCalendar. Apple hat ja praktisch die Vollmacht über mich, was meine Musik, meine Fotos, meine Emails betrifft; dieses letzte Refugium, meine Tagesplanung, auch meine Adressliste und Sozialversicherungsnummer, will ich mir bewahren. So kommt es, dass ich stets mindestens einen Kugelschreiber, sowie einen Bleistift und einen Textmarker in Neon bei mir trage. Meine Pedanterie ergänzt nämlich noch ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik, der mir diktiert, meinen Moleskine-Jahreskalender nicht bloß zweckmäßig vollzuschreiben, sondern auch noch fürs Auge ansprechend, also möglichst bunt, mit verschiedenen Typografien und immer wieder sinnvoll ergänzt durch liebevoll ausgeschnittene Bildchen, Ausgehtips, Rezepte etc. Der ideale Ort, um die nächsten vierzehn Tage oder das nächste halbe Jahr zu planen, ist demnach mein eigener Schreibtisch (definitiv Schreibtisch-Übergöße, leider keine Spezialanfertigung, sondern von IKEA, dafür Platz genug für das Sortiment einer Chefsekretärin), das Schlampermäppchen (ja, das heißt wirklich so! Alternativ auch Federmäppchen, aber das ulkige “schlampern” gefällt mir viel besser) in Reichweite, mit den Grundschul-typischen Utensilien wie Schere, Prittstift, Tesafilm, Bleistiftspitzer etc. Unnötig zu erwähnen, dass mein Schreibtisch weit davon entfernt ist, jemals auch nur kleinste Anzeichen von Chaos aufzuweisen. Alles, was da liegt, liegt, weil es so liegen soll, Kante auf Kante, jeder Bundeswehroffizier hätte seine helle Freude daran. Unter dem Schreibtisch reihen sich Ordner an Ordner, nach einem Lagerungsprinzip sortiert, auf das ich ganz besonders stolz bin. Da finden sich, neben den Unterlagen, die man halt so hat als Wohnungsbesitzer und deutscher Staatsbürger und lebender Mensch, die Kassenbons der vergangenen drei Jahre (nicht die von KAISERS, nur die großen Sachen, ganz so schlimm ist es dann doch nicht), für den Fall, dass mal etwa reklamiert werden möchte (und die Erfahrung zeigt: Es möchte durchaus), die Klarkomm-Man-Serie aus ZEIT Campus (Klarkomm-Man erklärt, welche Versicherung man braucht, wie man für später spart; “Klarkomm-Man wohnt schön und sein Vermieter kann ihm gar nichts”, “Klarkomm-Man besitzt die übermenschliche Kraft des Dinge-Erledigt-Kriegens” usw.), Praxisgebührbelege, Schufa-Auskünfte und eine nach Geschmacksrichtungen geordnete Rezeptsammlung.

Fischli und Weiss, diese Halbgötter der Schweizer Kunstszene, haben ein kleines Büchlein veröffentlicht mit dem Titel: „Ordnung und Reinlichkeit.“ Darin sezieren sie liebvoll-nachsichtig das Phänomen der Ordnungsliebe. Man bewegt sich da ja auf dem schmalen Grat zwischen gesundem Hygienebedürfnis und zwanghafter Pedanterie. Das Schweizer-Sein spielt eine nicht geringe Rolle bei den Beiden, man sagt den Schweizern ja so Einiges nach, wofür sie im Nachbarland belächelt werden und das Spiel mit Klischees ist nichts Neues. Passend dazu ist mir übrigens kürzlich die Rivella-Werbekampagne aufgefallen, die mit Slogans wie “Schweizer sind überpünktlich. Die trinken, bevor sie Durst haben” ebenfalls auf die Vorwegnahme einer Stereotypisierung setzt – bevor der Angreifer angreifen kann, gibt man sich selbst der Lächerlichkeit preis, indem man mit dem Grund des Angriffs kokettiert. Boshaftigkeit schlägt in Milde um.

Kürzlich stellte ein Autor, dessen Namen ich leider vergessen habe, die These vor, Leute, die gerne Stromberg schauten, seien überdurchschnittlich oft solche mit heimlicher Liebe zu bürokratischen Strukturen. Diesen viral um sich greifenden, exzessiven Serien-Konsum habe ich nie verstanden. Abgesehen von Sex and the City (was ich mir im Nachhinein mit dem Phänomen guilty pleasure erkläre, weil ich mit fünfzehn, sechzehn natürlich eine diebische Freude an allem hatte, was irgendwie nach Sex und Frauengesprächen und nicht nach Dr. Sommer klang) hat es keine Serie geschafft, mich länger als ein paar Folgen zu begeistern – mit Ausnahme von Stromberg, diesem Büro-Untermenschen, diesem kleinen Schlips-Diktator im Discounter-Drehstuhl. Was habe ich gelacht! Und das, obwohl der Büroalltag denkbar wenig mit meinem Eigenen zu tun hat. Liegt das wirklich daran, dass man sich als gefühlter Freiberufler/in (…doch, schon; alternativ auch: Teilzeitstudent/in, Kulturschaffende/r, Findungsphasezugehörige/r) insgeheim nach festen Strukturen sehnt? Nach einem Nine-to-Five-Job, nach Mittagspause in der Kantine und Raucherpause ohne Zigarette und Überstunden abfeiern (das, an alle Leser, die auch nicht im Büro arbeiten, heißt wirklich so. Gibt es ein schöneres Wort? Unsereins muss sich ja immer Gründe zum Feiern ausdenken)? Doch, schon. Andererseits hat es niemand treffender ausgedrückt als Christiane Rösinger in ihrem Essay „Wann? Ist egal, ich habe immer Zeit! – Das Leben der Lo-Fi-Bohème“ – kritisch, an manchen Stellen dem Zynismus nahe, aber alles in allem doch mit wohlwollendem Blick auf die Lebensrealität des Menschen ohne Anstellungsverhältnis.

Auch mein großes Vorbild Harald Martenstein, zu dem ich jede Woche angesichts seiner Kolumne im ZEIT magazin ehrfurchtsvoll aufblicke, hat sich kürzlich dem Thema Ordnung gewidmet, Konkret: Dem Aussortieren von Kleidungsstücken. Es gibt ja Leute, die sich von nichts trennen können, deren Schrankinhalt von Jahr zu Jahr ins Unermessliche wächst, die jedes Stück mit dem Argument verteidigen, es könnte ja irgendwann wieder in Mode kommen oder, noch gewitzter, ihre Kinder würden sich bestimmt mal darüber freuen. Stimmt, ich hab ja auch Mamas Fuchs eine Saison lang aufgetragen, obgleich ich täglich damit rechnete, von militanten Autonomen mit Farbbeuteln bespritzt zu werden. Dann soll es auch Leute geben, die gar nicht das Bedürfnis haben, neue Sachen zu kaufen, die standhaft jedem sogenannten Trend widerstehen wie die keusche Nonne den weltlichen Versuchungen. Dann geht das schon klar mit dem Horten. Oder man hat ein separates Zimmer/ Wohnung/ oder wie Herr Martenstein: Ein Sommerhaus mit Garten! für all die abgelegten Sachen. Weder das eine, noch das Andere trifft auf mich zu, also muss ab und zu sortiert werden, die Guten auf die Stange, die Schlechten in den Sack, wobei sich auch hier mein Hang, Dinge in Systeme einzuordnen, Bahn bricht. Es gibt den „Geht-gar-nicht-mehr-Stapel“, der sich dann gliedern wird in den „Flohmarkt-Sack“, den „Freundinnen-Tausch-Sack“, den „Freundinnen-Schenk-Sack“ und den „Rote-Kreuz-Container“ (zu gerne stelle ich mir vor, wie am anderen Ende der Welt eine junge Frau mit meinen Totenkopf-Chucks, meinem H&M Parka, meinen Miss-Sixty-Schlaghosen flaniert). Dann gibt es den „Geht-vielleicht-doch-noch-Stapel“, der einige Tage so bleibt wie er ist, auf dass sich die Teile darauf bewähren, um anschließend entweder dem ersten Stapel zum Opfer zu fallen oder Stapel Drei, dem „saisonalen Stapel“ zugeteilt zu werden (das sind die dicken Wollpullis und die Minishorts, was ich, zumindest im Fall der Wollpullis regelrecht zelebriere: Meine eigene kleine Winteraustreibung) oder Stapel Vier, dem „Schön-dass-ich-das-damals-gekauft-habe-Stapel.“ Funktioniert eigentlich ganz gut, mein System. Hat zweierlei angenehme Nebeneffekte: Mein Kleiderschrank, Schuhregal, meine Taschen-/ Gürtel-/ Accesoirekisten weisen stets jenen Grad an Aufgeräumtheit auf, den ich so schätze und es gibt immer einen Grund, neue Sachen zu kaufen, denn der gewonnene Platz will ja schließlich genutzt werden. Wunderbare Welt der Ordnung! Bei der letzten großen Ausräumaktion ist aber etwas sehr Bedauerliches geschehen. Verschiedene Faktoren (eine monatelange Abwesenheit, das Ende des Winters, ein neues Ordnungssystem in Form einer Kleiderstange) weiteten das Unterfangen zu einer mehrtägigen Aktion aus, an deren Ende ich die Stapel wohl selbst nicht mehr so recht überblickt habe. Einige Tage später nämlich kam es, dass ich unbedingt dieses eine Kleid tragen wollte. Jenes, das ich im letzten Sommer während meines Interrail-Trips in Barcelona von „völlig unbezahlbar“ auf „viel zu teuer, aber okay“ runtergehandelt habe. Das Kleid mit den pastellfarbenen Streifen, wegen dem ich mich – wie klischeehaft ist das bitte? – einige Tage lang nur von trockenen Brötchen und Billigkaffee ernähren konnte und immer den billigsten Wein trinken musste. Es war verschwunden. Eine vage Erinnerung überkam mich: Wie ich das Kleid aus der Umzugskiste holte, mich ein Gefühl von Wut und Unverständnis überkam, Wut über den hohen Preis und Unverständnis über den Grund der Reise als solche. Konnte das möglich sein? Konnte ich in einem Anflug von Unbeherrschtheit den falschen Stapel gewählt haben? War das Kleid aus Barcelona am Ende gar – im Restmüll gelandet? Ich habe es nicht wiedergefunden. Vielleicht, so stelle ich mir vor, fällt es mir eines schönen Tages wieder in die Hände, taucht an einem Ort auf, an dem ich es niemals vermutet hätte, den sich meine lebhafte Fantasie jetzt noch gar nicht ausmalen kann. Oder eben nicht. Dann hätte meine Ordnungsliebe ein erstes großes und tragisches Opfer gefunden.

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Fritsch, my president

Ein wenig fremdelt man als Feuilletonistin ja schon mit dem schwergewichtigen Topos “Poilitik.” Soll nicht heißen, dass ich, metaphorisch gesprochen, mit Scheuklappen durchs Leben gehe, zumal es ja eine ganze Bandbreite an politischen Themen gibt, die gar nicht abstrakt nach Brüssel und Straßburg schmecken, sondern einen im Alltag direkt betreffen, die Gentrifizierung etwa. Hach! Bald muss hier unbedingt etwas stehen über Zugereiste der ersten und zweiten Generation, über Hipster-Bashing und die saugemeinen Wohnungsgesellschaften, die so dreist die Mieten der Langzeit-Studenten nach oben treiben. Bald muss unbedingt auch von meiner Seite aus Senf zugegeben werden zum kollektiven Lamento über die doofen Zugezogenen und die herrschende Klasse, die sich so geil hermacht über von Künstlern und Alternativen mühsam ausgespähtes Gebiet, auf dass sie sich dieses einverleibe, auf dass dann auch das Letzte von sympatischen Autonomen besetzte Haus in eine (bitte einsetzen: Coffee Fellows-/ Starbucks-/ Urban Outfitters-Filiale) verwandelt werde. Aber nein! Nichts liegt mir ferner, als in die Rolle der beleidigten Spätzle-Schwäbin zu verfallen, die, doch selbst erst vor wenigen Jahren nach Freidrichshain gezogen (wohin auch sonst!), jetzt künstlich empört meckert über die Junggesellenabschiede, deren Teilnehmer ihr direkt vor der Haustür ekligen Schnaps und XXL-Kondome andrehen wollen. Lieber nähere ich mich dem dicken Brocken “Politik” über meine eigentliche Passion an: Dem Theater.

Vorher aber soll der jetzt doch irgendwie missglückte Einstieg geglättet werden: Wenn in diesen Tagen sich ein ganzes Land über einen Mann wundert, der die Nachfolge eines anderen antreten soll, wobei die angekündigte Wahl bereits als entschieden gilt und also eine Scheinwahl ist; weil nämlich dieser andere nicht ordentlich getrennt hat zwischen Mensch und Amt  – wenn sich also an einem Statement wie “XXX – My president” bzw. “XXX – Not my president” der Gefühlshaushalt eines Landes abzeichnet, dann spiele ich mal das Gedankenspiel einer direkten Wahl durch mit dem Ergebnis: Wenn einer, dann der Fritsch. Leider ist ja nun dem braven BRD-Bürger der Zugang zur totalen Demokratie verwehrt, denn wäre es nicht wunderbar, wenn man für dieses Amt, das de facto eh nur symbolisches (man könnte auch sagen: performatives) Gewicht hat, jedermann vorschlagen könnte? So wie früher bei der Wahl zum Klassensprecher? Vielleicht erinnert sich jemand an Island, wo im Sommer 2010 eine Art Spaßparlament ins Leben gerufen wurde, weil nämlich eine Art Spaßpartei einen unglaublichen Wahlsieg davontrug. Es soll, so entnehme ich den einschlägigen Medien, ganz gut funktionieren. Kein Wunder bei einem so klugen Namen wie „Besti flokkurin”, zu deutsch „Beste Partei!” Hat vielleicht auch damit zu tun, dass, wenn alles den Bach runtergeht, sowieso alles egal ist: Dann kann man wenigstens lachen. Meinem Land jedenfalls würde ein bisschen mehr Heiterkeit auch gut tun. Obwohl, wenn man Freitag Nacht mit der Linie M10, auch genannt: Die Partytram, Richtung Prenzlauerberg fährt, es einem vorkommt, als müsste das Wort “Heiterkeit” neu erfunden werden, in diesem dicken gelben Bauch der BVG-Spaßgesellschaft. Kann einem auch unter der Woche passieren, wie kürzlich in der U1, wo ein junger, recht verwahrloster Kerl die Aufmerksamkeit der Autorin erregte durch seine kehlig-krächzende Bitte, ihm ein wenig Geld zu geben für sein “delicious dinner”, woraufhin er den Star Wars-Soundtrack trompetete. Soll heißen, man braucht hier in Berlin gar nicht so oft ins Theater gehen, weil das sonderbarste Theater tagein, tagaus auf den Straßen dieser Stadt gespielt wird.

Ich hab es trotzdem mal wieder getan und mir Herbert Fritschs “(S)panische Fliege” in der Volksbühne angesehen. Nun ist die Volksbühne ja für mich das, was man ein “rotes Tuch” nennen könnte. Zu meinen allerersten Berliner Theatererfahrungen gehören zwei Castorff-Abende, je 5 und 6 Stunden lang, durch die es sich die hiesige Bühnenlandschaft beinahe mit mir verscherzt hätte. Das mag daran liegen, dass ich bis dahin nur recht biederes Provinztheater kannte und also einen kulturellen Schock erlitt. Nach Jahren der Sozialisation mit allerlei Krawalltheater, kann ich heute sogar Castorff gelegentlich goutieren; in die Volksbühne gehe ich trotzdem niemals auf Verdacht. Unbedingt aber, wenn Herbert Fritsch inszeniert. Beim Theatertreffen-Public Viewing im Sony Center vor zwei Jahren habe ich Tränen gelacht bei seiner “Nora oder ein Puppenhaus” und ebenso zuhause beim zweiten und dritten Mal anschauen auf dem ZDF Theaterkanal (ruhe sanft Du einzig sehenswerter Beitrag zur deutschen TV-Landschaft). Theater darf ja durchaus lustig sein, finde ich. Selten so gelacht! Vielleicht nie, außer bei “Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch” an der Schaubühne, über das an anderer Stelle bereits sehr wohlwollend von mir geurteilt wurde. Selbst zuhause entfaltete der Sloterdijk’sche Versprecher in Endlosschleife, von einer guten Seele in meine iTunes Mediathek importiert, noch seine ganze Wucht. Leider scheint dessen Regisseur Rodrigo Garcia bei dieser Produktion einen guten Flow gehabt zu haben, wenn ich bedenke, wie verärgert ich sein neuestes Werk “Gólgota Picknick” am Hamburger Thalia Theater verließ.

Mit Fritsch dagegen ist man auf der sicheren Seite. Nach zwei, drei Arbeiten kennt man seine Handschrift. Schlicht die von ihm selbst entworfenen Bühnenbilder, klar durch einen zentralen Einfall: Der Tannenbaum bei “Nora”, das Sofa beim “Raub der Sabinerinnen”, der Teppich bei der “(S)panischen Fliege.” Immer mit dabei: Eine variierende Anzahl an Trampolinen. Auch immer mit dabei: Boing Boing-Geräusche aus dem Off, jedes Mal, wenn einer der Schauspieler das Trampolin betritt. Maßlos übertriebene Kostüme, viel zu rot geschminkte Wangen, aufgetürmte Perücken, manchmal halb so groß wie deren Träger. Maßlos auch die Mimik, Gestik, Stimme: So übertrieben-theatralisch im allerfeinsten Sinn. Auch darin liegt für mich Fritschs Genie: Dass man seinen Figuren glaubt, auf eine artifizielle Art und Weise, weil sie zwar so hoffnungslos überzeichnen, aber all dem ein wahrer Kern innewohnt. Wann zuletzt eine Haarsträhne nach getaner Arbeit so non-chalant aus dem Gesicht gestrichen? Wann unbeholfen aus Ungeduld mit den Fingern geknibbelt und dabei nicht still gestanden? Diese perfekten Choreografien treffen den schmalen Grat zwischen Vertrautem und Fremdem. Man könnte Fritsch Vorhersehbarkeit vorwerfen, weil er stets aus dem selben Repertoire an Stummfilmkomik und bürgerlicher Komödie schöpft – dabei nutzen sich seine Einfälle auch in der Serie nicht ab. Und es hat doch auch etwas Beruhigendes zu wissen, dass man auf gewohnte Art auf seine Kosten kommen wird, gerade in der Volksbühne, wo ja, siehe oben, so manche böse Überraschung lauert.

Sich ein Fritsch-Stück anschauen ist, wie mit einem entfernten Bekannten Schnaps trinken gehen. Das Niveau bleibt zuhause, die schweren Themen auch, man lässt sich gehen und hat dabei extremst Spaß. Oft sind die Witze platt, sehr oft, wie das so schön heißt, “unter der Gürtellinie” und “politisch nicht korrekt.” Man lacht nicht über kleinwüchsige Menschen, nicht über homosexuelle Anspielungen. Warum aber über den fallenden, mit den Armen rudernden Vater, der kurz davor steht, seine Lebenslüge offenbaren zu müssen? Warum über ein Hausmädchen, das an Fritschs Trampolin verzweifelt? Humor und dessen Ventil, das Lachen, in Kategorien einzuordnen, scheitert gar zu oft. Warum sich also nicht darauf einlassen auf den Schutzraum Theater, nach dem Motto “What happens at Volksbühne, stays at Volksbühne” und lachen, wann einem dazu zu Mute ist? Das ist auch aus soziologischer Sicht äußerst aufschlussreich: Nie habe ich ein Publikum derart entfesselt erlebt. An Szenenapplaus wird nicht gespart, an Johlen, Buhs und empörten Zwischenrufen auch nicht. Ich selbst habe mich beim auf-den-Schenkel-Klopfen erwischt (schon mal im Theater auf den Schenkel geklopft?) und beim frenetischen Wuhuuu-Rufen, was mir meistens doch eher unangenehm ist (schon mal eine Wuhuuu! rufende Theaterkritikerin gehört?) und meine Sitznachbarin, etwa in meinem Alter, dabei, wie sie am Ende des Stücks mehrmals “Bravo!” rief und zwar in diesem Tonfall, den man sonst nur vom Abonentenpublikum auf den besten Plätzen kennt. So muss das zu Shakespeares Zeiten im Globe Theatre gewesen sein oder bei Molière, wo noch nicht staatliche Subventionen, sondern allein die Gunst des Publikums (und vielleicht die des Königs) über Aufstieg und Fall einer Theatergruppe entschied. Demokratie wie sie sich kein Staatsdenker lebhafter ausmalen könnte. Mal angenommen, unser Staatsoberhaupt in spe würde also nicht von einem obskuren Kreis Eingeweihter gewählt, sondern vom Volk selbst, einer wie Fritsch hätte beste Aussichten und meine Stimme sowieso. Ich stelle mir vor, dass dann wieder mehr gelacht würde in unserem Land. Auch, dass die Bürger freier ihren Impulsen und unbedingten Eingebungen folgten, dass sie pfiffen, wenn ihnen etwas nicht passte und großzügig klatschten, wenn etwas gefiel. Für das Niveau fühlten sich bestimmt immer noch genug andere verantwortlich.

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Zu Besuch beim System

Da ist sie wieder: Die K-Frage. Ich stelle mir vor, dass die früher nur von Birkenstock-Nerds gestellt wurde, die sich ergingen in hitzigen Debatten vor einer Schüssel mit Dinkelmehl-Plätzchen und einer Kanne Grünem Tee. Heute gibt es die “Hedonistische Internationale”, deren Aktionen ein anarchischer Charme innewohnt und gleichzeitig absolut Hipster-tauglich ist (man denke nur an die Guttenberg Tortenaktion im schnieken BoHo-Friedrichshain); und nicht nur ist der Birkenstock der Schuh der Stunde, sondern grüner Tee ein Lifestyle Produkt – “Lemonaid” etwa, da würden sie staunen, die Alt Hippies. Als aufgeklärter, reflektierter Zeitgenosse muss man sich also mal fragen: Gibt es eine Alternative zu unserem Wirtschaftssystem? Und überhaupt: Wie wollen wir leben? Wer das System kritisieren will, muss es erst mal verstehen und wer es verstehen will, tut gut daran, es sich mal von innen anzuschauen. Unser Weg in die abgründigen Tiefen der postmodernen Gewinnmaximierungsagenten, in die Niederungen der menschlichen Gier, die Schattenseiten des Wohlfahrtstaates führt uns geradewegs in den Tempel des Kapitalismus: Zu Primark.

Scharf wacht der bullige Security an der Schleuse zum kommerziellen Thrill. Diebstahl lohnt sich nicht, raten uns gut gemeinte Aufklärungskampagnen, aber nur hier mag man dem uneingeschränkt zustimmen. Mal ehrlich: Wer nimmt das Risiko erwischt zu werden auf sich angesichts solch lächerlicher Preise? Mir fallen wenige Geschäfte ein, mal abgesehen von denen, wo sich Diebstahl wirklich lohnen würde, die von Sicherheitspersonal flankiert werden. Im Niemansland zwischen der ersten und zweiten Automatiktür, wo einem die Lüftung einen Schwall heißer Luft um die von der Kälte geröteten Ohren jagt, warten die gestapelten Einkaufskörbchen darauf, von manikürten Kundenhänden aufgelesen zu werden. Wobei mir Einkaufskörbchen eher wie ein Platzhalter vorkommt. Der Diminutiv ist jedenfalls unangebracht. Wie aber nennt man diese Ungetüme, die, wenn man sie auf den Boden stellt, der durchschnittlichen Primark-Kundin locker bis zur Hüfte reichen? Noch dazu sind sie so konstruiert, dass sie nicht stehen bleiben, sondern allsbald wie müde Plastiksäcke in sich zusammensinken. Seine volle Pracht entfaltet der Primarksack/-korb/-beutel nämlich erst, wenn er randvoll gefüllt ist. Netterweise gibt es ihn auch in der Size Zero-Version: Als ebenfalls quadratisches Körbchen, wenn es schnell gehen muss. Unmobil wie man von nun an ist, passiert man die zweite Automatiktür und sofort steigt der Lärmpegel in kaum erträgliche Höhen. Es ist eine diffuse Kakophonie aus Stimmen (weiblich, natürlich: Verzücktes Kreischen, grunzende Konkurrenzlaute, wenn es darum geht, die letzte Medium abzustauben, als warteten nicht Dutzende weitere Mediums im Lager), Registrierkassen-Gebimmel, Kleiderbügel-Geklapper und quietschenden Schuhen auf schneenassen Fliesen.

Am Besten, man stellt sich der Herausforderung allein. Wer in Begleitung shoppt, läuft nämlich Gefahr, sich bald in den labyrinthischen Gängen zu verlaufen, im Voraus festgesetzte Treffpunkte nicht zu finden und zu allem Überfluss ist vielleicht das Mobilfunknetz überlastet, weil all die anderen Shopperinnen ebenfalls telefonieren. Hier bei Primark ist jeder Tag ein Schnäppchentag. Umso absurder mutet das “Sale!”-Schild an, das einen 50%igen Rabatt auf Schmuck und Stirnbänder verkündet. So kommt es, dass ein Armband, das vorher vier Euro gekostet hat, jetzt für zwei zu haben ist. Hier fruchten selbst klug gedachte Vorsätze nicht mehr, wie auch meine Regel (die überall sonst funktioniert), reduzierte Ware nur dann zu kaufen wenn ich bereit wäre, dafür auch den ursprünglichen Preis zu bezahlen oder sagen wir: Zumindest ein bisschen mehr. Dem schrankenlosen Konsum stellt sich nichts, aber auch gar nichts in den Weg, was dazu führt, dass man gar nicht überlegt, ob man etwas wirklich gerne haben möchte (geschweige denn braucht), sondern einfach: Husch husch ins Körbchen. So wie ich mir auch nicht vorstellen kann, dass die Damen an der Kasse besonders oft von Umtausch-Kundinnen belästigt werden, dafür lohnt sich der Weg nicht. Und so ist es bezeichnend, wenn meine Schwester (die ich natürlich während des Einkaufs gefühlte achtmal aus den Augen verloren habe) mich am Abend fragt, ob ich das Stirnband, das sie für einen Euro erworben hat, nicht geschenkt haben möchte.

Zwei Dinge sind darüber hinaus erwähnenswert: Die Kassen und die Umkleidekabinen. Die Kassen, weil man hier abgefertigt wird wie beim Bürgeramt. Rote Digitalziffern informieren über die nächste freie Stelle, wo man dankbar endlich sein Geld in den Warenkreislauf einspeist. Auf dem Weg dahin locken noch mal kleine unnütze Dinge wie Abschminktücher, Taschentücher, falsche Wimpern. Prima, um den Bertrag aufzurunden. Immerhin ist eine Einkaufstüte im Minimalpreis einbegriffen. Und die Umkleidekabinen? Dazu kann ich nichts sagen. Weil der Weg dorthin die Mühe nicht lohnt. Bei einem Kleidungsstück, das weniger kostet als mein Mittagessen, bin ich schlichtweg zu faul, mich in die Endlos-Schlange einzureihen.

Hier fletscht das Kapitalismus-Raubtier sein Gebiss. Man ist versucht zu sagen: Wenn in Athen dieser Tage Starbucks-Filialen in Flammen aufgehen, dann doch nur, weil es da wahrscheinlich noch keinen Primark gibt. Denn wenn sich der Zorn des vom System enttäuschten Wutbürgers an etwas abreagieren kann, dann ist Primark die denkbar beste Wahl. Das ist Globalisierung in seiner Vollendung, denn die Trends, die hier, teilweise durchaus gelungen, imitiert werden, waren zuvor auf den Laufstegen von Mailand bis New York zu sehen und natürlich kann man in der Filiale in London dieselben Fummel kaufen wie in Saarbrücken. Am eigenen Leib lässt sich hier das große WIrtschafts-Einmaleins erfahren, sozusagen. Dabei – und das ist die interessanteste Beobachtung – versucht Primark anders als etwa H&M, wo man sich neuerdings mit einer “Conscious Collection” die kapitalistische Seele grün wäscht, gar nicht erst, so zu tun, als habe man etwas mit Nachhaltigkeit am Hut. Zumindest nicht öffentlichkeitswirksam. Auf seiner Website proklamiert Primark hingegen: Fair is important for us. A fair deal for all. Nur: Wer besucht die schon (Online Shopping bei Primark? Tztz…)? Das Label “Ethical Trading” unter dem, nebenbei bemerkt, ausgesprochen unansprechend gestalteten Schriftzug überzeugt mich jedenfalls nicht. Wer als Endverbraucher fünf Euro für ein T-Shirt bezahlt oder sieben für ein Paar Wedges (und hey, so schlecht sehen sie gar nicht aus!), der fragt besser nicht, welches unterernährte Kind da in welchem Entwicklungsland für gelitten hat. Das ist grausam, aber es ist konsequent. Man kann Primark vieles vorwerfen. Heuchelei gehört nicht dazu.

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Witness the Fitness

Zu den skurrilsten Freizeitbeschäftigungen gehören Ausflüge an Orte, die man für gewöhnlich nicht aufsucht. Man muss nicht einmal große Distanzen überwinden; oft warten sie sogar in der unmittelbaren Umgebung darauf entdeckt zu werden, quasi in der Peripherie des eigenen Lebens. Für besonders geeignet werden eingetragene Vereine, Kleingartenkolonien, Volkshochschulkurse (Seidenmalerei!) und öffentliche Verkehrsmittel in der Provinz befunden (wer je die ganz bezaubernde Melodie gehört hat, mit der in den Regionalbahnen des Berliner Umlandes die Haltestationen angekündigt werden, wird mir sicherlich zustimmen). Das Abartige liegt so nah! Es ist immer ein bisschen so, wie wenn man im Zoo exotische Tiere bestaunt oder man bei Mitfahrgelegenheiten auf kleinstem Raum mit einer Handvoll Menschen zusammengepfercht wird, mit denen man nicht mal Kaffee trinken gehen würde: Eine Schule des Lebens, bereichernd, lehrreich, mit großem Aha-Effekt.

Ein Fitness Studio ist so ein Ort. Meinen von analytischem Interesse geleiteten Blick lasse ich durch den Turnhallen-artigen Raum schweifen. Gottseidank riecht es nicht so, wie man angesichts all der heterogenen Ausdünstungen vermuten könnte. Ein bisschen fühle ich mich wie in einem Bühnenbild von Christoph Marthaler, inklusive der Stellvertreter-Statisten in Trainingsanzügen, die sich in unbequemen Leibesübungen ergehen. An den Wänden hängen schlecht designte, ergo wenig ansprechende Plakate, die für Energydrinks und den Spinning-Kurs um 18.30 Uhr werben (auch “Indoorcycling” genannt). Besonders eklatant fällt der stumpfe Blick der Protagonsiten dieser Powerkulisse auf. Während der Übungen verziehen sich ihre Gesichter zu grotesk gequälten Masken, in den Ruhepausen fällt die Mimik in sich zusammen, sozusagen, und weicht einem ziellosen Stieren.

Was für ein herrliches Biotop der Subkulturen da gedeiht! Rechter Hand walkt (oder wie es so schön in Immer nie am Meer heißt: “geht” – Eine Geherin!) die BWL-Studentin bei soliden 3 km/h, vor sich die Beautyseiten der “Glamour” ausgebreitet; zur Linken die Hausfrau mit der schauerlichsten Retro-Frisur, die man sich vorstellen kann, fransiger Kurzhaarschnitt in Aubergine, die Spitzen im Farbton Sunset Red, die ihre Nase in die aktuelle “BUNTE” steckt, zwei Laufbänder weiter keucht der Frührentner mit Walross-Schnauzer, dass man sich fühlt wie im Lungensanatorium. Geradeaus läuft auf einer Leinwand ein Musikkanal, Marke Bezahlfernsehen, mit dem Schlechtesten der vergangenen zwanzig Jahre, immerhin aber auch “Lass die Sonne rein” von den Fantastischen Vier, auf einem kleineren Flachbildfernseher “gotv”, seinem Selbstverständnis nach “Österreichs erster TV-Sender für junge Leute”, der viel Wert auf Musikclips mit dem Prädikat “Made in Germany” legt. Als Schmankerl zwischen Sasha und Bel Book and Candle gibts eine wilde Tanzparty mit schwarzen Mädchen in Bustiers und orangerotem Lippenstift und einem Typ mit Nerd-Brille und Hipstertolle. Das leitet über zu der Frage, ob es sich hierbei um eine äußerst geschickt persiflierte Bad Taste Party handelt oder einfach um irgendeinen Clip aus den 80ern, den ich als Folge der Überflutung kultureller Codes und sozialer Zeichen sofort in meine Gegenwart hinein interpretieren muss. Überhaupt rauschen diverse theoretische Exkurse durch mein mit ungewöhnlich viel Sauerstoff versorgtes Gehirn: Fragen der Biopolitik, des Jugendkultes und der Über-Ästhetisierung von Durchschnittskörpern. Ich frage mich nämlich, wie viele der Anwesenden mit ihrem Workout Komplexe kompensieren, respektive glauben, ein attraktiver Körper führe zu Erfolg, Liebe etc. pp., wobei der attraktive Körper natürlich eine Frage der Definition ist. Ich für meinen Teil finde die aufgepumpten Oberarme und glattrasierten und ölig glänzenden Waden nur mäßig erregend. Auch der milchgesichtige Typ in Tarnfarben-Jogginghose und Muskelshirt, der all seine Übungen so ausführt, dass er sich dabei im Ganzkörperspiegel beobachten kann, wäre jetzt eher kein Wunschkandidat. Vielleicht aber der Sportwissenschaftsstudent hinter der Saftbar? Marius studiere in Frankfurt/Main und jobbe hier in der vorlesungsfreien Zeit. Ein ganz Netter sei das, wispert mir eine Stimme ins Ohr, ob das nicht mein Typ sei?

Dicht an dicht drängen sich die Geräte aneinander wie mittelalterliche Folterinstrumente. So anders wird eine Streckbank auch nicht ausgesehen haben, zumal sie wirklich höllische Schmerzen bereitet. Ständig fürchte ich, dass gleich einer der vitalen Mitarbeiter kommt, das blondierte Mädchen von der Getränketheke (Eiweiß Shake klein: 1,40 €, Eiweiß Shake groß: 2 €) oder, noch schlimmer, Marius, um mir zu sagen, dass ich mich völlig falsch bewege, das Gerät quasi missbrauche und so garantiert mehr falsch mache als richtig. Erschwerend kommt hinzu, dass ich eigentlich auf diesem Sitz, der mich an die Euro-Mir-Achterbahn im Europa Park erinnert (wegen dieser Vorrichtung, die von oben herunterfährt und auf Schultern und Brustkorb drückt) meine Bauchmuskeln spüren sollte, bei mir aber nur die Wirbelsäule unangenehm knackt. Zweifellos das größte Leidens-Potential hat ein Gerät, auf der man eine Position einnimmt, die jener auf diesem Beine-Spreiz-Stuhl beim Gynäkologen verdächtig nahe kommt. Wer nicht wagt!, denke ich – und fühle mich Sekunden später wie bei der Geburt des ersten Kindes.

Während ich noch überlege, welche Bewegungen ich morgen nicht werde ausführen können (Vermutung: Fast alle), schleppe ich mich zum Side-Stepper, das ist dieses Ding mit den Nordic Walking Stöcken an der Seite, das einen Aufstieg simuliert (wie es ja überhaupt bei allem hier darum geht, irgendetwas zu simulieren). Scheint erst mal Spaß zu machen, ist aber wie alles sehr viel anstrengender, als es aussieht. Nach lediglich sieben (!) verbrauchten Kalorien werfe ich das Handtuch, sozusagen, das aus hygienischen Gründen immer den Sportlerkörper vom Sportgerät zu trennen hat. Zum Schluss also lieber Laufband. Zwanzig Minuten, gute 10 km/h, da muss man sich auch vor der Nebenläuferin nicht schämen. Deren Pulswärmer sind farblich auf ihre sehr tighten Leggins abgestimmt und ihrem Make Up nach zu urteilen, zieht sie direkt im Anschluss weiter in den R’n B Club. Klar, es geht ja im Fitness Studio nicht zuletzt darum, ein bisschen zu flirten oder vielleicht sogar einen Partner für private Leibesübungen zu finden (ich konnte der Metapher nicht widerstehen). Auf die anschließende Dusche verzichte ich vorsichtshalber, das heißt, hebe sie mir für zuhause auf. Das liegt weniger an der unsäglichen Fliesendekoration im Waschraum (Sonnenblumen und pinke Tulpen), als vielmehr an einer von klein auf anerzogenen Fußpilz-Phobie. Genug für heute mit der theoretischen Fleischbeschau und dem beschwerlichen Selbstversuch! Selten hat ein Ausflug ins Submilieu solchen Muskelkater bereitet.

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Wer reist hat recht?

Wenn einer eine Reise tut, hat er was zu erzählen. Klingt verdächtig nach einer von Omas Nähkästchenweisheiten, trifft aber zumindest im Fall dieses recht jungen Phänomens namens „Mitfahrgelegenheit“ zu. Charakteristisch ist, dass alle Mitfahrenden froh sind, heil am Ziel anzukommen, noch besser, ohne akustische Vergewaltigung durch Lokalradiosender oder dem Hörbuch von Dieter Bohlen. Im allerbesten Fall kriegt man während dem halbfreiwilligen Beisammensein (was die Zusammensetzung angeht, sind Mitfahrgelegenheiten ja die reinste Wundertüte) ganz unglaubliche, ganz krasse Geschichten zu hören, die so nicht mal die BILD Zeitung erfinden könnte. Einmal war ich von der Rückbank aus (da sitze ich immer, denn man wird tendenziell weniger wahrscheinlich dem Redeschwall des Fahrers zum Opfer fallen als jemand, der neben diesem sitzt) Zeugin einer hitzigen Diskussion zwischen einem Soldat bei der Luftwaffe (am Steuer) und einem links-aktivistischen Rhetorik-Studenten aus Tübingen, wobei der Begriff „Pazifismus“ für den Fahrer Grund genug war, beide Hände vom Lenkrad zu nehmen und wild gestikulierend ungesund rot anzulaufen. Ein anderes Mal erzählte ein etwas einfach gestrickter Azubi von seiner kürzlichen spirituellen Erleuchtung in Mannheim und seinem Plan, jetzt mit seiner Schwester im Geiste zusammenzuziehen, die er am Wochenende zuvor auf dem dortigen Guruworkshop kennengelernt hatte. So amüsant solche Tatsachenberichte sein können, so unzumutbar und oft hilft nur, sich die schallisolierenden Kopfhörer aufzusetzen und sicherheitshalber mit geschlossenen Augen kommunikativen Unwillen zu signalisieren.
Kürzlich auf der Strecke Hamburg – Berlin passierte Folgendes: Nach einer erfreulich anregenden Diskussion, ob das Böse im Menschen angelegt sei oder nicht, fragte die Fahrerin, ihrerseits glühende Anhängerin Rudolf Steiners und dessen Eurythmielehre, wohin wir, das heißt meine Mitfahrerin und ich, denn schon “so gereist” seien. Ihre beiden Söhne seien ja derzeit auf Weltreise, die auch eine Art Selbstfindungsprozess sei; einer in Israel, der andere in Australien und natürlich hätten sie da ihre volle Unterstützung. Es folgte ein ausufernder Monolog über die Reisen der Fahrzeughalterin, damals mit siebzehn im Stundenhotel in Paris usw. usf. und obwohl sie mir sehr sympathisch war und manche ihrer Anekdoten wirklich nett, hatte ich wie schon öfters das Gefühl, mich für eine Leerstelle in meiner Vita, nämlich jener zwischen Abi und Studium, die ja genau genommen eine Vollstelle ist, rechtfertigen zu müssen. Denn es ist klar, dass der Party-Bus-Cliquen-Urlaub in Calella nicht zu jener Art Erlebnis gehört, das an dieser Stelle erwartet wird, nämlich dem, sich auf einer mindestens einmonatigen Reise selbst kennenzulernen.

Der Grund für meinen Ärger kommt nicht daher, dass kein theoretisches Interesse am Gegenstand vorhanden ist. Bei der ZEIT-Lektüre folgt auf den Feuilleton immer der Reiseteil. Wenn Bücher nicht so eindimensional-dumm sind wie „1000 places to see before you die“ oder „Frühstück mit Kängurus“ macht es gar nichts, wenn sie vom Reisen handeln. Auf den Zugang kommt es an! Vorzeigbare Beispiele sind etwa „Deutschlandreise“ von Roger Willemsen oder Wladimir Kaminers Betrachtungen urdeutscher Befindlichkeiten. Und dann war da dieser französische Denker Xavier de Maistre, der mit seinen „Zimmerreisen“ Ende des 18. Jahrhunderts die Auffassung vertrat, man könne praktisch vom Fauteuil aus die ganze Welt entdecken. Mit dem Macbook auf dem Schoß heute kein Problem, aber das ist eine andere Geschichte.

Woran ich mich störe, ist der implizite Zwang zu „reisen“, der pünktlich mit der Volljährigkeit einsetzt. Oder gibt es den gar nicht und ich bilde mir nur ein, dass jeder nach bestandenem Abitur, besser bereits in der Oberstufe, allerspätestens aber im Studium mal was von der Welt sehen muss? Darf, würden jetzt vermutlich Angehörige älterer Generationen einwerfen. Für meine Mama waren die Campingurlaube am Alpsee wie Aufenthalte am Rand der Zivilisation und meine Oma ist, soweit ich weiß, nie über Baden-Württemberg hinausgekommen. Dafür gibt es tolle Geschichten von Käfertouren an die Riviera und wilden Sommern in Ostseestrandbädern. Einmal erzählte mir jemand, er habe unbedingt wissen wollen, ob es in Napoli tatsächlich die delikatesten Spaghetti gäbe und habe das persönlich überprüft, seine besten Freunde ins Auto geladen und nach Italien gefahren. Wie es der Zufall will, waren mein bester Freund und ich da gerade unterwegs nach Zürich. In der Nacht zuvor hatten wir nämlich in unserem jugendlichen Übermut beschlossen, einfach mal ins Blaue hineinzufahren, sozusagen, genauer: Hatten den ranzigen Schulatlas geholt, mit geschlossenen Augen den Zeigefinger über Mitteleuropa schweben lassen und so unsere Destination erkreiselt. Ich persönlich plädierte zwar für den Gardasee, weil ich daran nur gute, ich muss gestehen, Kindererinnerungen hatte, hauptsächlich an den Vergnügungspark „Gardaland“; nun war aber der Gardasee doch ein gutes Stück von unserem schwäbischen Dorf entfernt, zumal ich zwei Tage später zurück sein musste. Da kam meine Mama nämlich aus dem Kurzurlaub zurück, das spielt in meiner Geschichte keine unerhebliche Rolle, denn Pläne dieser Art sind schwer in die Tat umzusetzen, wenn man unter permanenter mütterlicher Fürsorge zu ersticken droht, wie es im Hause Perla der Fall war. Kurzum, wir hielten uns weitestgehend an das per Zufall entschiedene Ziel und beschloss noch in derselben Nacht loszufahren, auf dass wir rechtzeitig zur Frühstückszeit in Zürich einliefen. Heute kaum vorstellbar, reisten wir, soweit meine Erinnerung da nicht nostalgisch verklärt ist, ohne Navi. Smartphones gabs eh noch nicht. Kann es wirklich sein, dass ich auf dem Beifahrersitz saß, den Hintern wunderbarerweise von der Sitzheizung gewärmt – denn es war der BMW der Mutter meines Freundes, stilvoll! – mit dem ADAC auf den Schenkeln? So rasten wir dahin, auf süddeutschen Autobahnen erst, passierten die Grenze irgendwo am Bodensee, die Pinkelpause nutzten wir für alberne Fotos (noch heute auf Facebook zu bestaunen!), mit dem Soundtrack eines aus heutiger Sicht indiskutablen Schweizer House DJs, der mir noch von so mancher Abiparty in den Ohren klingt. Unser Frühstück nahmen wir – stilvoll! – im Café Odéon ein, pittoresk sprudelte die Limmat vorbei, was nicht ganz den enormen Preis des Essens rechtfertigte, dafür schmeckten die Croissants mindestens so gut wie in Paris und schließlich knausert selbst der Schwabe nicht fernab der Heimat. Mit vollen Bäuchen kugelten wir durch die Stadt, aßen Marble Cake bei Starbucks (damals schon Exotik genug) und fuhren am frühen Abend wieder nach Hause. Nun ist Zürich ja nicht gerade die Stadt, für die man sich einen Lonely Planet kauft. Mit schweizerischer Gelassenheit nehme ich das hin und verbuche diese Spazierfahrt als wertvolle Erfahrung.

Work and Travel in Australien, Au-pair in Frankreich, Schüleraustausch in die USA – was für ein Quatsch. Keinesfalls abstrafen will ich jene Schulabgänger, Jugendliche, junge Erwachsene, die ein ernsthaftes, tief empfundenes Fernweh in sich spüren, die mit stürmerisch-drängerischer Energie alles daransetzen, dafür das nötige Geld zusammen zu bekommen. Es liegt mir fern, über Mitmenschen zu spotten, denen es nicht genügt, sich fremde Kulturen über Youtube, Ramschliteratur oder über die Urlaubsfotos der Sozialen Netzwerkfreunde anzueignen; die dabei sein wollen, mit allem Leid und Schmerz und Magenproblemen, die ein Backpacktrip durch Vorderasien mit sich bringt. Was aufhören muss, ist dieser allgemeingültige Imperativ zum „Reisen“, der sich ja schon beinahe perfide in das Lebenslaufoptimierungsschema schleicht (Stichwort „Weltwärts“, dieses seltsame Projekt des Bundes, das erwiesenermaßen viele aus gar nicht altruistischen Gründen nutzen, um der zukünftigen Personalabteilung die eigenen emphatischen Qualitäten schmackhaft zu machen).

Wenn ich Leute höre, die stolz berichten, dass sie alle Sightseeingpunkte einer Stadt abgeklappert haben, die ihnen ihr Stadtführer als „unbedingt anschauen!“ verkauft hat, nur um im selben Moment die Beweisfotos herumzureichen, wobei selbst simple Nachfragen jegliches Interesse am Abfotografierten missen lassen, dreht sich mir der Magen um. Im Googlezeitalter lässt sich problemlos jeder Ort der Welt auf den Bildschirm holen. Warum braucht es ein Foto vom Buckingham Palace mit dem eigenen Profil? Um sich selbst zu vergewissern: Ich war da? Entweder der Buckingham Palace interessiert mich, dann muss ich das nicht mit meiner Digicam festhalten, weder, um mich daran zu erinnern oder, noch schlimmer, um später anderen zu zeigen: Da war ich auch schon! – oder er interessiert mich eben nicht, dann fahre ich nicht hin. Vielleicht sitze ich stattdessen lieber in einem kleinen Café, esse ein Stück Banoffee Pie und beobachte die Leute um mich herum.

Selbst auf Reisen muss sich der Reisende noch seines Reisens vergewissern: Deswegen begegnen einem überall Sätze wie The world is a book – And he who stays at home reads only one page (Schaufenster in Stockholm), Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt (Backpacker-Bar in Barcelona) und Bon Voyage! (Bahnhof in Valencia), damit man auch ja nicht vergisst, wie weltoffen und open-minded man gerade ist.

Auch ich bin diesem impliziten und doch übermächtigen Imperativ im vergangenen Sommer gefolgt, als ich glaubte, etwas nachholen zu müssen, was ich meinem Selbstbild zufolge eigentlich schon fünf Jahre früher hätte tun sollen: Drei Wochen Interrail. Mit einem beinahe zwanzig Kilogramm schweren Rucksack erlief und erfuhr ich mir in glühender Hitze Südeuropa, schlief in stinkenden Schlafwagenabteilen, bei gruseligen Couchsurfern und in einem Zeltlager voller pubertierender Jugendreisen-Teilnehmer; und empfand das größte Glück ganz am Ende meiner Reise, als ich nämlich aus dem Zug in Bregenz ausstieg und bald darauf in mein eigenes Bett fiel, mit der festen Überzeugung, jetzt erst einmal Urlaub vom Urlaub zu brauchen.

Aber die Erinnerungen! werden jetzt viele ausrufen. Die Liebste von allen ist das Reisetagebuch, mit dem ich manisch schreibend so manchen tristen Tag gerettet habe und das Sommerkleidchen aus dem kleinen Laden in der Altstadt von Barcelona, um das ich drei Tage lange herumschlich und das ich schließlich, zwinker zwinker, zu einem generösen Rabatt bekam. Natürlich gab es auch schöne Momente. Als Resümee aber bleibt die Frage, welcher Teufel mich beim Kauf dieses verdammten Tickets geritten hat und immerhin die Erkenntnis, dass ich einfach nicht gemacht bin zum Backpacken. Was nicht heißen soll, dass ich kein Interesse an fremden Kulturen und fernen Ländern habe (durchaus auch ferner als Südfrankreich), aber nicht zu den Konditionen, die ein studentisches Budget mit sich bringen. So lange ich für eine Fernreise wenn nicht am Hungertuch nagen, so doch mir viele andere Freuden absparen muss, erfreue ich mich an weniger exotischen Zielen. Dafür mit lieben Menschen, siehe oben. Denn wenn ich noch etwas gelernt habe – abgesehen von dieser fulminanten Erkenntnis, dass ich eben doch mehr “der Urlauber“ bin als “der Reiser“ – dann das: Auf die Begleitung kommt es an.

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Stilvoll abgestürzt

Gerade als Geisteswissenschaftler träumt man ja insgeheim von einer „echten“ Tätigkeit. Davon, etwas „mit den Händen zu machen.“ Das soll nicht heißen, dass mentale Arbeit im weitesten Sinn keinen Sinn macht; es ist halt was anderes, gell. Ich jedenfalls habe genug Freunde, die sich als verhinderte „Praktiker“ outeten. Auffallend oft geht es dabei um Kulinarisches. A. träumt von einem kleinen Café, wo sie ihren Gästen, die auf den zierlichen Metallstühlen mit den rosafarbenen Sitzkissen Platz nehmen, hausgemachte Zitronentartes und Chai Latte serviert; L. sieht sich Cocktail shakend in ihrer Strandhütte in Costa Rica und C. kämpft sich zwar tapfer durch die Japanischklausuren, würde ihr Fern-Ost-Faible aber viel lieber in der Küche ausleben.

Über solche kleinteiligen sozialen Verästelungen kamen S. und ich kürzlich auf das Gedankenspiel, wie sie denn aussehen würde, unsere eigene Bar. Es war eines jener wunderbar mäandernden Gespräche, irgendwo zwischen unglaublich tiefsinnig und unglaublich flüchtig, wie man sie nur haben kann, wenn man dabei auf einem Barhocker sitzt und trinkt. Schade, dass der Tresen vor uns gleich als erstes Negativbeispiel herhalten musste.

Es war Freitag, es war nach Mitternacht, es war die Schanze und, was man sich als Wahl-Berliner so gar nicht vorstellen kann, wie immer zum Wochenende hin, unsagbar voll. Eines der Paradoxe, die ich nie an Hamburg verstanden habe: Warum geht unter der Woche gefühlt niemand aus und am Wochenende alle? In Berlin gehen die Leute entweder immer aus oder verteilen sich wenigstens praktischerweise auf einer Fläche, die annähernd jener der Hansestadt entspricht (Wenn nur jede Faustregel so einfach wäre!). Faktoren, die unsere Entscheidung, an jenem Tresen Platz zu nehmen, beeinflussten, waren: Es war die einzige Bar, die wir noch nicht kannten und eine der wenigen, wo man nicht gezwungen war zu stehen. Seinen Mantel konnte man an einem dafür vorgesehenen Haken aufhängen. Geradeaus: Eine fast meditativ anmutende Blumentapete. „Ich finde die Blumentapete sehr schön, wenn auch ein wenig zu meditativ“, sagte ich. „Ich finde sie schrecklich“, sagte S. „Ich mag die Lampen, auch wenn sie von IKEA sind und in jeder zweiten Studenten WG hängen, in meiner auch“, machte ich einen neuen Versuch. „Eine Bar muss ein neues Konzept wagen“, behauptete S. Das Gespräch dauerte lange.

Im Folgenden unser Stilvoll abgestürzt: Das Einmaleins des Barkeepings, völlig subjektiv natürlich, aber dafür nicht patentiert und garantiert in der Stimmung entstanden, die als repräsentativ für einen erheblichen Teil der Zielgruppe, also der Gäste, gelten muss.

Die Einrichtung. Mit dem Raum muss man als Betreiber natürlich Glück haben, trotzdem gilt: Ein geschicktes Händchen verwandelt selbst eine ranzige Ruine in the place to be (bestes Beispiel steht an der Spree und trägt die Bar sogar im Namen). Bunt zusammengewürfelte Vintagemöbel schmecken zwar nicht mehr nach Avantgarde, sind aber trotzdem eine solide Wahl und immer noch der IKEA-Tischgruppe vorzuziehen. Idealerweise steckt hinter dem vermeintlichen Tohuwabohu sogar ein Konzept, zum Beispiel morsche Tische weiß zu lackieren und wunderschöne Buchenholzplatten drauf zu setzen. Was gar nie geht, sind Werbeartikel als fester Bestandteil des Mobiliars. Gruselig, wenn aus allen Ecken kapitalistische Insignien quillen: Absolut Vodka auf dem Aschenbecher, Moet auf dem Sektkühler (okay: In unserer Bar stünde sowieso kein Sektkühler), Lucky Strike auf den Bierdeckeln und Bionade auf dem Longdrinkglas. Womit wir erneut bei IKEA wären, da kostet eine Sechserpackung dieser Standard-Caipi-Gläser circa 3,50 €. So viel wäre mir als Ästhet der Spaß wert. Notfalls Pfand verlangen (wobei, das macht dem Gast auch keinen Spaß. Man sucht dann immer entweder den Chip dazu oder… eigentlich sucht man immer den Chip dazu und findet ihn erst wieder in der Waschmaschine). Kunst sparsam dosieren. Wenn überhaupt. Ich habe keine Lust, den ganzen Abend auf die unsäglichen Experimente in Aquarell sogenannter lokaler Künstler oder die öligen Selbstfindungstrips verhinderter Talente zu starren. Selbst Arbeiten, die meinem sehr kritischen Urteil standhalten (zum Beispiel die Banksy-artigen Charakterkids in der Luzia) erschöpfen sich nach drei Jahren. Fairerweise muss hinzugefügt werden: Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten (siehe unser Beispiel der Blumentapete). Andererseits, wenn ich über Kunst diskutieren will, besuche ich eine Vernissage.

Die Musik. Heikles Thema. Steht und fällt in erster Linie mit dem persönlichen Gusto und dem Konzept (selbstverständlich hat unsere Bar ein Konzept). Bei mir liefe, wenig erstaunlich, irgendwas Elektronisches. Keine Fahrstuhlmusik! Kein harter Techno und auch nichts, was das Ohr, ergo die Aufmerksamkeit übermäßig fordert. Das klingt traurig und ich halte den Begriff „easy listening“ für so bedenklich wie wir alle (jeder Musikschaffende wird mir dafür ewige akustische Verdammung wünschen). Wenn aber auch die primären Gründe für einen Barbesuch verschieden ausfallen können, „Musik hören“ gehört nicht dazu. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass dezidiert schlechte Musik nicht unbedingt schlecht platziert ist, wenn nur das Ambiente stimmt. Dann aber bitte aufrichtig trashig und mit dem unbedingten Willen zur Peinlichkeit. Positives Beispiel: Andrea Berg im Na und? Negatives Beispiel: Rihanna in Omas Apotheke. (Ein Fernseher hat in keiner Bar etwas verloren. Umso schlimmer, wenn Videoclips laufen, aber auch pseudo-hippe Dokus und arte geht nicht. Nichts geht. Einzige Ausnahme: Die Arthouse-Filme in der 9mm Bar.)

Das Publikum. Oha. Jetzt wird es fast moralisch. Gesichtskontrolle und Schuhselektion gehört verboten oder wenigstens den Clubs vorbehalten, in die nun mal alle reinwollen, wo man potentiell deplatzierten Nachtgestalten vielleicht sogar einen Gefallen tut (aber: Heikles Terrain). Ernsthaft: Im Idealfall selektiert sich das Publikum von ganz allein. Eine Option, die immer geht und sich keinen Diskriminierungsvorwurf gefallen lassen muss, ist die U-21-Regel. Dann bleibt nur noch zu hoffen, dass sich selten oder besser: Nie Horden von hormongesteuerten BLW-Studenten mit hochgestelltem Kragen und glasigem Blick Mexikaner bestellen oder kreischende Sex and the City-Lookalikes auf Junggesellinnenabschied nach der Cocktail-Happy-Hour fragen.

Happy-Hour gibt’s eh nicht. Was gibt’s zu trinken? Schließlich sind wir nicht hier, um (siehe oben) Musik zu hören, Kunst zu kucken und nur bedingt zur Konversation. Andere Faktoren (Knutsch-Potential, Frequentierung, in München: Die Sperrstunde) lassen sich kaum beeinflussen, allen voran die Stimmung, der Flow, wie auch immer man das mit Worten zu beschreiben sucht: Das passt oder halt nicht. Die Auswahl an Drinks sagt dagegen viel aus. Mir graut vor Cocktailkarten, die länger sind als mein Haushaltsbuch, für deren Durchsicht man doppelt so lange braucht wie die Geduld der Durchschnittsbedienung ausreicht. Mag auch daran liegen, dass ich nun nicht gerade zu den entscheidungsfreudigsten Menschen gehöre; umso mehr weiß ich eine kluge Vorauswahl zu schätzen. Zwei Cocktails pro Spirituose reichen völlig, dazu die Standardlongdrinks, meinetwegen (wobei entartete Kombinationen wie „Jägermeister-Bull“ und „Campari-O“ bei mir nicht auf den Tisch kämen, sozusagen). Unnötiges aus dem Gewürzregal braucht es an Zutaten nicht, jedes vernünftige Getränk kommt ohne Zimt, Salz oder Tabasco aus (na gut, nicht alle Bloody Mary-Liebhaber sind Geschmacksbanausen). Wie es auch keine eigene Weinkarte braucht und es dem Barpersonal verziehen sei, wenn es die Geschmacksnuancen des Shiraz nicht runterleiern kann. Trotzdem kriege ich immer wieder schlechte Laune, wenn auf meine Nachfrage die Reaktion folgt: Ungläubiger Blick, schlurfende Schritte zu den eingestaubten Flaschen ganz oben im Regal, Etikett nah an die Augen halten, schlurfende Schritte zurück und die Antwort: Weiß und Rot. Rot ist dann immer, immer Merlot. Mit auf die Karte kommt ­ unnötig zu erwähnen, dass sie ansprechend gestaltet ist; nicht wie im Süß war gestern, wo sich ein Illustrator mal so richtig ausgetobt hat, sodass man den Drink vor lauter Hasen und Sternen nicht sieht und auch nicht wie jene Exemplare, die auf pastellfarbenes Druckerpapier gedruckt sind, zerfleddert und durchgeweicht und nirgends hingehören als direkt in den Müll ­ : White Russian mit Sahne oder laktosefreier Milch und Moscow Mule. Das, liebe Hamburger, ist der Name jenes Getränks, das aus Wodka, Ginger Beer (oder Ale) und Gurke besteht und hier fälschlicherweise als „Gurkenwasser“ kursiert.

Und leider muss selbst ich als abstinente Ex-Raucherin zugeben, dass in einer anständigen Bar geraucht wird. Gerne in einem abgetrennten Bereich; dann erlaubt es ja glücklicherweise das deutsche Gesetz, Essen anzubieten und das ist nicht zwingend, aber doch sehr schön. Keine Salzstangen oder Erdnüsse, dafür Tapas und frisches Brot.

Unser Nachtwerk war vollbracht. S. und ich freuten uns sehr, dass wir nun endlich einen adäquaten Katalog vor uns hatten, gedanklich wenigstens. Nur für den Fall, dass wir es uns doch noch anders überlegen mit den Geisteswissenschaften.

Unsere Lieblingsbars in Hamburg? Saal II, Klingel und Toast Bar. Und die Prinzenbar, auch wenn die streng genommen ein Club ist, dafür aber so schön wie Ludwigs Grotte im Schloss Lindenhof.                                                                                              Meine Lieblingsbar in Berlin? Place Clichy, Belman’s und Farbfernseher. Und das Bateau Ivre. Da kann man sogar so gut frühstücken wie fast nirgendwo sonst.

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