Der Geist ist schwach, das Fleisch sowieso

Vergangenen Freitag passierte etwas Sonderbares: Beim Aufschlagen des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung wäre mir vor Schreck beinahe die Kaffeetasse aus der Hand gefallen (die mit dem goldenen Stier, leider Teil des Redaktionsinventars, ach, wie ich sie vermissen werde!). Unter der kalauerlichen, dennoch herrlichen Überschrift „Bei Dänen peept’s wohl“ berichtete Johan Schloemann von einer neuen Talkshow in Dänemarks öffentlich-rechtlichem Programm. In “Blachman” sitzen zwei Männer auf einem Sofa, denen Frauen vorgeführt werden, zunächst im Bademantel, dann nackt. Minutenlang stehen die Frauen da, drehen und wenden sich, ähnlich den Models beim Defilee, nur eben ohne Kleidung. Mit einem Blick zwischen Kennerschaft und Geilheit geben der Moderator Thomas Blachman und sein Gast dann ihr Urteil ab. Mal bekommt das weibliche Geschlechtsorgan den befremdlichen Namen “Mysterium” zugewiesen (sic!), mal gesteht der Moderator, er habe  nie gewusst, was er mit großen Brüsten anfangen solle. Dem Autor Schloemann fällt dazu der treffende Vergleich zweier Besucher einer „Gemälde- oder Skulpturensammlung“ ein; vielleicht so wie die beiden älteren Herren in Thomas Bernhards „Alte Meister“? All das zur besten Sendezeit und finanziert von öffentlichen Geldern. Chapeau!

“Blachman” ist die performativ umgesetzte Situation des so seltsamen Begriffs Fleischmarkt. Ich glaube, da sind die roten Holzpferdchen mit den europäischen Nachbarn durchgegangen (oder gibt es die nur in Schweden?). Wie kann es sein, dass ausgerechnet ein skandinavisches, vermeintlich sexuell liberalisiertes Land wie Dänemark so völlig unironisch eine solche Unfassbarkeit versendet (Ironie ist, so entnehme ich dem SZ-Artikel, ausgeschlossen)? Dass man den gierigen, die Frau zum Objekt degradierenden Blick auch anders, nämlich skurril und entlarvend darstellen kann, beweist Ulrich Seidl. In „Der Busenfreund“ bietet der österreichische Regisseur seinem ehemaligen Mathelehrer René Rupnik eine Bühne für dessen sexuelle Phantasien Senta Berger betreffend. Vornehmlich geht es dabei um deren Brüste, die René für besonders gelungen hält, aber auch um ihre Hüften, ihren Hintern oder ihr Gesicht – das René nicht ganz so gerne mag , aber man könnte ihr ja etwas überziehen. Zwischendurch plädiert er für den Begriff „Weib“, der doch, von der lautmalerischen Seite betrachtet, so viel passender sei, als das sterile „Frau“ und schwärmt von den drallen Schenkeln seiner Tante mütterlicherseits. Bemerkenswert ist, dass der Protagonist so bereitwillig Auskunft erteilt, trotz seiner Stelle im öffentlichen Dienst, von der er hierzulande gewiss umgehend suspendiert würde, denn warum sonst stehen im deutschen Privatfernsehen die Erzähler pikanter Geschichten immer mit dem Rücken zur Kamera? Renés Weltsicht ist natürlich aus feministischer Perspektive hoch problematisch, aber gerade weil man diesen Sonderling, der obendrein seine senile Mutter ständig davon abhalten muss, den Gasherd aufzudrehen, nicht ernst nehmen kann, verkehrt sich sein lüsternes Gequatsche ins Gegenteil: Man bekommt Mitleid. Denn, come on, es ist klar, dass sich in die Messie-Wohnung der Kleinfamilie Rupnik keine Frau verirren wird. Und weil der Regisseur Ulrich Seidl ist, braucht es nicht einmal eine kommentierende Funktion. Ein Mathelehrer, der die Sinuskurve mit Brüsten vergleicht, ist Affirmation genug. 

Bei „Blachman“ liegen die Dinge ein wenig anders. Schon der Stempel öffentlich-rechtliches Fernsehen verleiht dem Ganzen gruselige Seriosität. Hinzu kommt, dass der Gastgeber und sein Gesprächspartner eben keine bierbäuchigen Waldschrate sind oder nur zu Gast in der Realität wie der ”Busenfreund”, sondern kultivierte, wenn nicht gar intellektuelle Persönlichkeiten. Den Rest an Autorität besorgt die reduzierte Studioästhetik, der dunkle, leere Raum, der Scheinwerfer, der ein Spotlight ist, die Ledercouch: eine Mischung aus retro und minimal wie hierzulande „Roche & Böhmermann.“ Trash-TV sieht anders aus. Soweit ich dem Artikel entnehme, parliert man nicht auf Herren-Witz-Niveau, stattdessen kulturell-untermauerte Assoziationen und Gedankengänge von philosophischem Ausmaß. O-Ton Moderator Thomas Blachman: „Den Frauenkörper dürstet es nach Worten, nach den Worten eines Mannes.“

Seit Freitag warte ich vergeblich auf Reaktionen. Mag sein, dass in irgendeiner Schublade wütende Leserbriefe gesammelt werden (ich hoffe!) oder dass es bereits eine Twittergruppe mit dem dänischen Wort für Aufschrei gibt (ich twittere nicht) – außer einem Artikel auf Focus Online ist nichts in dieser Richtung zu mir durchgedrungen. Passenderweise fiel die Entdeckung von „Blachman“ mit etwas ähnlich Groteskem zusammen, diesmal in der Mediathek der ARD.  Im Unterschied zum Großteil des bundesdeutschen Fernsehangebots unterstelle ich der ARD eine gewisse Ernsthaftigkeit, schließlich rechtfertigt die GEZ ihre Überfälle mit einem Bildungsauftrag. Und dann das: „Vernetzt verkuppelt verliebt“, zu sehen 14-tägig im Spartenkanal Eins Festival.  In der ”Datingshow für das digitale Zeitalter” lernt ein Single drei KandidatInnen kennen, die seine oder ihre Freunde ausgesucht haben. Heute ist das Marvin, 20, aus Sinsheim, der sich im Fitnessstudio die „Energie für lange Partynächte“ holt und auch beim Shoppen so richtig Gas gibt. Marvin hat aber auch eine weiche Seite: Während eines Spaziergangs im Abendlicht schweift sein Blick sehr Caspar David Friedrich-mäßig in die Ferne und er gesteht, dass er natürlich an die große Liebe glaube, sonst mache das alles ja keinen Sinn. Wo sind die Herzblätter für diesen sportlich-romantischen Supertyp? Eine Vorauswahl treffen die drei Menschen, die Single Marvin vorgeblich am Besten kennen, sein Zwillingsbruder Martin, sein bester Freund Udo und die beste Freundin Evelyn. Das Medium der Stunde ist wieder einmal Facebook.

Jeder kennt den Anblick eines kichernden Haufens, der sich um einen Computerbildschirm schart und, ähnlich einer Ratingagentur, Gesichter, Körper, ganze Menschen gnadenlos herauf- und herabstuft. Mit dem Unterschied, dass normalerweise keiner dabei zusieht. Lediglich der Umstand, dass es bei “Vernetzt verkuppelt verliebt” nicht die realen (und unbekleideten!) Frauen sind, die wie auf dem Fleischmarkt bewertet werden, sondern deren digitale Avatare, unterscheidet die Situation von „Blachman.“ Dabei kommen die niederträchtigsten Kommentare ausgerechnet von Marvins bester Freundin. Ihre Machtposition, die sie vor dem Laptopscreen fraglos hat, demonstriert Evelyn mit Aussagen wie „die ist ja auch nicht gerade schlank“ oder, den Kleidungsgeschmack der Kandidatin betreffend, „in die müsste man ein Jahr Arbeit reinstecken.“

„Vernetzt verkuppelt verliebt“ folgt den Gesetzen der Castingshows, denen per se eine Unerbittlichkeit anhaftet, sei es Heidis dämliches Foto oder Bohlens Fettweg-Kommentarfunktion. Es liegt vermutlich in der Natur des Menschen, sich von anderen abzugrenzen und sich im Vergleich seiner eigenen Vorzüge zu versichern. Wie es auch menschlich ist, sich am Anblick solcher Wettbewerbssituationen zu erfreuen, je niveauloser, desto besser; man nennt das guilty pleasure. Bedenklich nur, dass Formate dieser Art das Terrain Privatfernsehen verlassen haben und sich jetzt aufmachen, unter dem Deckmantel des Seriösen die Öffentlich-Rechtlichen zu erobern. In Dänemark. In Deutschland. Manchmal intellektuell. Manchmal unbekleidet.

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Trag ich heute Rock? Heute trag ich Rock!

Die Presse trägt Minirock. So würde die Schlagzeile meines Tages lauten, wenn Tage Schlagzeilen hätten. Am Anfang dieses Tages steht das wie immer praktisch nicht zu bewältigende Problem des Zeitmanagements, welches mal mehr, mal weniger dringlich erscheint; heute ist es akut. Weil ich nicht gerade ein alter Hase bin, was Pressekonferenzen, kurz PK, betrifft, will ich mich nicht auf die durch jahrelange Uni-Sozialisation durch und durch verinnerlichte akademische Viertelstunde, kurz CT, verlassen. Unter dieser Sozialisation leiden – und dafür möchte ich mich hier mal total unironisch entschuldigen – viele Personen in meinem näheren und weiteren Umfeld. Wobei ich da dem Bonmot „Pünktlichkeit ist die Kunst abzuschätzen, um wie viel sich der andere verspäten wird“ grundsätzlich zustimme und außerdem so kluge Menschen zu meinen Freunden zähle, die, um nicht warten zu müssen, unsere Treffen einfach immer fünfzehn bis zwanzig Minuten früher ansetzen. Wenn das Treffen jedoch besagte PK ist und das Gegenüber ein landesweiter Fernsehkanal, greifen solche Flapsigkeiten nicht mehr. Bis ich also keuchend, schwitzend in einem mir unbekannten Teil der Stadt ankomme, werden meine Gedanken in Beschlag genommen von der Frage: Schaffe ich es, pünktlich zu sein? Spätestens beim Passieren der Sicherheitszone jedoch, die so gar nicht nach Sicherheit aussieht, sondern lediglich flankiert wird von einem Securitymensch im dunklen Anzug, der freundlicher wirkt als die meisten seiner Kollegen bei ZARA, ertappe ich mich beim Zurechtzupfen meines Rocks.

Was zuvor geschah: Während die Minutenanzeige der BVG-App, die angibt, wann ich spätestens los gehen muss, um meine Verbindung zu kriegen, bereits rot ist, spielt sich das übliche Theater der Kleidungsfrage ab. Möglicherweise säge ich am eigenen Ast, wenn ich zugebe, dass täglich aufs Neue eine gebührend lange Zeit für Fragen dieser Art draufgeht: Welcher Rock passt zur lachsfarbenen Seidenbluse (keiner)? Müssen die Socken, die aus den grauen Halbschuhen rausschauen, schwarz sein? Gehen auch Feinstrümpfe? Warum ist der Parka in der Wäsche? Und der Blazer in der Reinigung? Und kann man Nikes zur Skinnyjeans tragen, ohne wie eine stillose 15-jährige mit Strähnchen im Haar auszusehen? Solche Probleme gehören nämlich nicht in das mentale Repertoire einer Frau, die sich über Horoskope in sogenannten Frauenzeitschriften erhaben fühlt. Eine Frau, die für voll genommen werden will, darf gut aussehen, geschmackvolles Make-Up tragen und eine Designerhandtasche. Wehe aber, sie gibt zu, noch zehn weitere davon zu Hause zu haben oder, schlimmer noch, für ihr Aussehen heute morgen mehr Zeit als mit Frühstücken verbracht zu haben.

Als reflektierter Mensch, für den ich mich halte, beschäftige ich mich mit diesen Fragen nicht zum ersten Mal. Seit kurzem aber wohnt ihnen eine nie dagewesene Dringlichkeit inne. War bislang die Straße der Laufsteg oder der Supermarkt oder der abgeranzte Club, so ist es jetzt der Arbeitsplatz. Der Arbeitsplatz! Am Unterschied des Dresscodes offenbart sich die Kluft zwischen Uni und Job in aller Deutlichkeit. Erstere ist ein Biotop von Subkulturen, zumindest, was die geisteswissenschaftlichen Institute der FU Berlin betrifft. Bodenlange Ledermäntel, kahl rasierte Männerköpfe, in deren Nacken ein lustiger Pferdeschwanz wippt, T-Shirts mit politisch fragwürdigen oder einfach nur lächerlichen Aussagen („Zahme Vögel singen von Freiheit. Freie Vögel fliegen“): Mich schockt so schnell nichts mehr. Ähnlich wie mit der Anwesenheitspflicht verhält es sich eben auch mit der universitären Kleiderordnung: Es gibt keine. Plötzlich aber verlässt man das Planschbecken Hochschule und wird ins eiskalte Wasser Leben geschmissen. Selbst, wer nicht in einer Unternehmensberatung arbeitet, sollte sich spätestens jetzt mal Gedanken machen über angemessene Kleidung. Stopp: Was heißt angemessen? Als VWL-Studium-Absolventin wüsste ich immerhin, dass Jeans in meiner Branche tabu sind und die Handtasche zu den Schuhen passen muss, so wie klar ist, dass der Bankberater Krawatte trägt. Was aber, wenn man was mit Medien macht, sich also in einer Branche bewegt, die einerseits zeitgeistig wirkt, andererseits aber logischerweise genauso von sozialen Codes strukturiert ist wie jede andere auch?

Heute, am ersten wirklich warmen Tag des Jahres konnte ich meine Begeisterung über den Sommer, der jetzt so übergangslos den halbjährigen Winter ablöst, nur mit einem Minirock ausdrücken. Es handelt sich dabei um ein ursprünglich eine Handbreit über dem Knie sitzendes Modell von Urban Outfitters, olivgrün, schwer zu bügeln, mit großer Schleife vorne (ich liebe Schleifen). Unerklärlicherweise sitzt er heute noch eine Handbreit weiter oben, ist also entweder beim Waschen eingegangen oder aber der Umfang meiner Taille hat sich geändert, ein Umstand mit dem ich so früh morgens nicht konfrontiert werden möchte. Am Ende des Umziehmarathons trage ich immer noch diesen Rock. Und plötzlich lautet die Frage: Wie kurz darf der Rock sein?

Wie brisant diese Frage ist, merke ich erst jetzt, wo es mal wirklich drauf ankommt, in diesem mir unbekannten Teil der Stadt, im Gebäude der Landesvertretung, und ich gerate regelrecht in Panik. Ein oberflächlicher Blick in den Konferenzraum genügt nämlich, um zu wissen, dass ich meterweit an der zulässigen Kleiderfrage vorbeigeschrammt bin. Die anwesenden Herren signalisieren wahlweise Seriosität (Anzug, randlose Brille, bei genauerem Hinsehen: Ordentlich geführtes Notizbuch aus Leder) oder Juvenilität (Jeans, Sneakers, Karohemd); die Damen tragen fast ausnahmslos Hosen und nichtssagende Oberteile, versprengt ein paar Röcke, kein Kleid. Die Röcke der rocktragenden Damen bedecken das Knie und wenn nicht, sind sie wenigstens mit einer blickdichten Strumpfhose entschärft. Entschärft? Heißt das im Umkehrschluss, dass mein Rock scharf ist? Jeder weitere Schritt vom Eingang des Konferenzraums in diesen hinein ist ein Tanz auf dem Vulkan. Ich weiß nicht, wohin mit mir im wahrsten Sinn des Wortes, weil fast alle Plätze besetzt sind und es vielleicht eine Sitzordnung gibt, von der ich nichts weiß. Als ich von einer jungen Frau platziert werde und also dann doch sitze, steht die Kaffeekanne außer Reichweite und es kostet mich viel Überwindung, den Herrn rechts neben mir zu bitten, sie mir zu reichen und als ich mich, weil ich mich nicht traue, auch noch nach dem Orangensaft zu fragen, an den Herrn zu meiner Linken wende, zupfe ich schon wieder an meinem Rock herum und versuche, so weit auf dem Stuhl nach vorne zu rutschen, dass niemand meine lediglich von einer Feinstrumpfhose bedeckten Beine sieht und dabei muss ich natürlich die ganze Zeit auf meinen Gesichtsausdruck achten, der irgendwo zwischen kritisch und routiniert und gelangweilt changieren muss und noch dazu aufpassen, dass keiner meiner Nebensitzer auf meine Notizen schauen kann, weil ich mir bei einigen der Namen, die jetzt fallen, nicht sicher bin, wie man sie schreibt - weil natürlich niemand hier bemerken darf, wie absolut unbedarft und ohne Vorwissen ich hier hereingestolpert bin. Zwischendurch versuche ich, die drei Minuten Ziehzeit des Schwarztees abzuschätzen. Ich fühle mich wie ein weiblicher Felix Krull oder eine, deren Rock zu kurz ist.

Vor allem aber fühle ich mich wie eine, deren Rocklänge ihre Defizite überspielen soll. Denn mit der Kleidung ist es wie mit der Kommunikation: Es ist unmöglich, keine Aussage zu treffen. Meine Aussage heute morgen war: Es ist Sommer. Ich will das weiße T-Shirt mit den bunten Steinen anziehen. Hose hab ich gestern getragen, also heute Rock. Farblich passt der Olivgrüne am Besten. Vielleicht denken aber alle anderen im Raum, ich wolle ihre Aufmerksamkeit weg von meiner Person als kritischer Journalistin hin zu meinen Beinen lenken. Vielleicht hebt jede der anwesenden Frauen innerlich die linke Augenbraue und murmelt „soso“ und vielleicht fühlt sich jeder der anwesenden Männer wie Brüderle, ertappt, aufs Mannsein festgelegt und schaut deswegen extra nicht hin, was wiederum dazu führen könnte, dass dieses Extra-nicht-Hinschauen als solches erkannt und bewertet wird.

In schönster Dialektik ließe sich jetzt die Frage stellen, was zuerst da war: Der Wunsch, einen kurzen Rock zu tragen oder die Gesellschaft, die das Tragen eines kurzen Rocks symbolisch markiert? Für Ultrafeministinnen wäre die Sache klar: Nicht ich bin es, die entscheidet, einen kurzen Rock zu tragen, vielmehr assoziiert die Gesellschaft – oder schlimmer noch: das Patriarchat! – mit diesem sexuelle Verfügbarkeit und freut sich insgeheim (wenn sich eine Gesellschaft denn freuen kann), wenn ihre weiblichen Mitglieder dem Begehren der Männer entsprechen und sich dabei auch noch emanzipiert vorkommen. Ich kann diese Argumentation in Ansätzen nachvollziehen, bestehe aber darauf, an warmen Sommertagen einen kurzen Rock zu tragen und zwar aus Gründen der Praktikabilität und der Ästhetik. Warum ziehen sich mache für den Playboy aus? Warum rasieren sich Frauen ohne Partner die Beine? Möglicherweise: Für sich selbst. Ich jedenfalls trage heute diesen Rock, weil ich ihn gerne tragen will.

Ich glaube niemandem, der behauptet, er habe seine Kleidung nicht mit Bedacht gewählt. So, wie ich den Typ schräg gegenüber nicht nach seinem schlecht sitzenden Jackett oder dem schrillen Muster seiner Krawatte beurteile, will ich nicht auf die Länge meines Rocks reduziert werden. Ebenso wenig möchte ich als oberflächlich gelten, weil ich mein Geld gerne für Schuhe und Handtaschen ausgebe und mich manchmal mehrmals umziehe, bevor ich das Haus verlasse.

Was also tun im vollen Konferenzraum mit dem stetig nach oben rutschenden Rock? Haltung bewahren. Es gibt einen Film, der heißt „La journée de la jupe“, zu Deutsch „Heute trag ich Rock.“ Es geht darin um eine Lehrerin an einer sogenannten Brennpunktschule, deren Schüler ihr auf der Nase herumtanzen, weil sie schlecht erzogen und von den Medien verdorben sind. Täglich scheitert die Lehrerin am Anspruch, in ihrer Doppelfunktion als Autoritätsperson und als Frau ernst genommen zu werden, trotzdem sie Röcke trägt und Schuhe mit Absatz. Als sie die Waffe eines Schülers konfisziert, rächt sie sich. Das alles ist sehr lustig und natürlich arg überspitzt und doch: In diesem Film geht es auch um Selbstermächtigung.

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Mini Me, wie die Zeit vergeht…

Konträr zu der Annahme, Tier- und Menschenbabies auf Zeitschriftencovern würden Leute zum Kauf anregen (und das wird, wenn es ans Bebildern geht, kein Scherz, in einigen Redaktionen sehr ernst genommen), besagt eine alte Theaterregel, dass Kinder und Tiere auf einer Bühne nichts verloren haben. Ziemlich radikal also, wenn man wie die niederländische Regisseurin Alexandra Broeder eine Inszenierung ganz ohne Erwachsene besetzt. „Zeit der Wölfe“ ist ein Stück mit Kindern, aber kein Kinderstück. Zehn nach halb acht sind die Türen des Berliner HAUs noch immer geschlossen. Fast unbemerkt schlurft ein Junge im Pierrotkostüm durchs Foyer, aus dem Inneren seines weißen Anzugs plärrt eine schräge Melodie. Woher kommst du kleiner Mann und was nun? Lustig wäre natürlich, wenn dies schon die Aufführung wäre, wenn nichts weiter passierte, als dass dieser kleine Clown seine Kreise zieht. Wie lange es wohl dauern würde, bis die Umstehenden das bemerkten?  Aktionen dieser Art traue ich dem HAU sofort zu (im positiven Sinn, natürlich!); zumal die Stückbeschreibung sehr kryptisch und sehr geheimnisvoll tat („Gemeinsam mit Kindern im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren lässt Alexandra Broeder eine beunruhigende Welt entstehen – ausschließlich für ein erwachsenes Publikum. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten, denn Broeder möchte, dass sich das Publikum auf ihre Welt einlässt und die Kontrolle abgibt, sobald es das Theater betritt. Wer sich das traut, ist herzlich eingeladen, von den Kindern geführt, einen Grenzbereich zwischen Leben und Tod zu betreten.“). Irgendwann gehen doch die Saaltüren auf. Theater.

Der Raum ist dunkel und nebelverhangen. Quer über die Bühne verteilt stehen, liegen, hängen Dinge, verdeckt von Planen, Decken, Überwürfen. Der kleine Pierrot tritt an ein Mikrofon. Er werde bis zehn zählen und uns dann auf eine Reise mitnehmen. Eins, zwei, drei, bei jeder Ziffer entzaubert er die Dinge im Raum, indem er ihnen den Schleier nimmt. Ein Sofa kommt zum Vorschein, eine Pappbühne, eine Schaukel, die vom Bühnenhimmel hängt. Wir schauen auf ein überdimensionales Spielzimmer mit dem Blick der schrumpfenden Alice, die dem Kuchen mit der Aufschrift „Iss mich“ nicht widerstehen kann. Kinder kriechen aus Ecken, fahren auf Dreirädern, schlagen Rad. Auf der Pappbühne steht ein Mädchen, das Fragen aus einem dicken Buch vorliest: Weißt Du noch, wie Du mit gewaschenen und gekämmten Haaren vor dem Schlafengehen noch kurz fernsehen durftest? Weißt Du noch, wie sich Meerwasser auf der Haut anfühlte und dass die Erwachsenen im Urlaub immer so zufrieden waren? Kennst Du noch das Haus, wo ihr Verstecken spieltet und die Frau wohnte, die angeblich Kinder gefangen nahm? Weißt Du noch, wie es sich anfühlte krank zu sein und wie leer die Wohnung war, als die Eltern zur Arbeit gingen? Und wie sie Dir später Micky Maus-Heftchen mitbrachten?

Schönheit und Schrecken trennt nur ein Fragezeichen, die Beerdigung des Opas und die Scheidung der Eltern wechseln mit Bildern von endlosen Sommerabenden, an denen man sich nicht traute, nach Hause aufs Klo zu gehen, aus Angst, dann drinnen bleiben zu müssen. All das wühlt natürlich beharrlich im privaten Bildarchiv des Zuschauers, ein offensichtlicher Trigger, der unsere Erinnerung kitzeln will. Dieser Imperativ zur Introspektive könnte leicht ins Plakative abrutschen, jedoch: Er hat etwas Magisches. Liegt es daran, dass ein Kindermund diese Fragen spricht? Oder an der Stimmung im Raum, die ein dunkles Zimmer evoziert, in dem das Kind wachliegt und nicht schlafen will, weil es sich vor seinen Träumen fürchtet? In der Antwort auf die Fragen schwingt stets ein „Nein, aber…“ mit: Nein, an meinen Lieblingspulli aus Samt erinnere ich mich nicht (denn ich hatte keinen), aber an mein Matrosenkleidchen. Nein, an meinen Geburtstagen habe ich nicht geweint, aber am Abend, weil ich so traurig war, dass ich nun 364 Tage auf den nächsten warten musste.

Die versprochene Reise ist also eine in unsere eigene Kindheit. Vorgeblich leistet das die beeindruckende Bühnenästhetik mit blitzendem Himmel, einem stetigen Dröhnen und den Elementen von Jahrmarkt und Zirkus, ins Morbide verkehrt. Als stärkstes semiotisches Mittel wirken die Kinder, die lebenden Puppen gleich über die Bühne staksen, sich auf Hockern stehend Brautkleider mit meterlangen Röcken überziehen, Abzählreime aufsagen und unter Decken kriechen, bis einer sie findet. Mehr und mehr von ihnen nehmen die Bühne ein, zeitweilig ein ganzer Knabenchor, der mehrstimmige Volkslieder intoniert. Ein anderes Mal singen welche sehr schief und in natürlich unbeholfenem Englisch „We are innocent, we have no fear.“ In manchen Augenblicken droht diese irre Infantie ins Amoralische zu kippen. Darf eine kleine Lolita angewiesen werden, sich im roten Paillettenkleidchen zu räkeln? Warum tragen sie Masken, die aussehen wie Paul Mc Carthys „Penisheads“?

Mindestens so bezwingend wie der Anblick von traurigen Mini-Me’s und kokettierenden Lolitas ist für den Zuschauer jedoch die eigene Introspektion. Natürlich kann ich nur für mich sprechen, aber ich konstatiere, dass Broeders Trigger hervorragend funktionieren und zumindest ich bereitwillig längst vergessene Zustände abrufe, dass mein Mund plötzlich nach der Benjamin Blümchen Geburtstagstorte von Coppenrath und Wiese schmeckt, dass ich die Beklommenheit des abends-alleine-zu-Hause-Seins wieder spüre und den Schmerz des vom Fahrradfahren aufgeschürften Knies.

Warum es dem Stück gelingt, mit recht einfachen Mitteln diese, ich bin versucht zu sagen: Erschütterung im Zuschauer auszulösen? Weil „Zeit der Wölfe“ mit der ollen Theaterregel bricht. Seit jeher ist die Unbedarftheit des Kindes Projektionsfläche für Träumereien, nicht nur die Begründer der Romantik beneideten es um seinen originärsten Wesenszug, die Unfähigkeit zur Selbstreflexion. Kinder nehmen ihre Umwelt wahr, sie fühlen und handeln nach inneren Kriterien, aber vermögen nicht, sich selbst in Frage zu stellen. Wenn Kinder auf einer Bühne stehend Sätze sprechen, die den Erwachsenen im Zuschauerraum an dessen Kindheit erinnern, wirbeln sie die empirischen Ebenen durcheinander wie einen Haufen Mikadostäbchen. Hier das Kind, das doch nur das Kindsein kennt und, anders als der erwachsene Schauspieler, bloßer Resonanzboden für die Vision des Regisseurs ist, dort sein Gegenüber, das mit reflektiertem Blick auf den Teil seines Selbst zurückgeworfen wird, der verschüttet ist von Lebensereignissen, Rückschlägen, Erfahrungen.

Einmal halten die Kleinen mit Affekten betitelte Pappschilder hoch: Dein Zorn. Deine Angst, es nicht richtig zu machen. Dein Eskapismus. Deine Obsessionen. Die Einsamkeit Deines Vaters. Anschließend rezitieren sie einer nach dem anderen Impressionen des gegenwärtigen Zuschauerlebens: Was Du siehst, wenn Du aus Deinem Schlafzimmerfenster siehst. Der Geruch von Frühling. Dein Partner. Die Geschichte, die Du Deinen Kindern vorm Schlafengehen vorliest. Und immer wieder ruft einer dazwischen: Da sein. Da sein. Weil es wahrscheinlich darum geht.

Wenn man klein ist, gibt es keine Zeit? Das stimmt so nicht. Ist es nicht vielmehr so, dass es abgesehen von Peter Pan kein Kind erwarten kann, endlich erwachsen zu werden? Was sehnte die Achtjährige mehr herbei als ihren zehnten Geburtstag? Wollte die Zehnjährige nicht so schnell wie möglich dreizehn sein? Die Fünfzehnjährige sechzehn? Und als sie plötzlich volljährig war und erkannte, dass alles zwar anders, aber nicht unbedingt besser wurde, wieder Kind sein? Am Ende des Stücks steht eine versöhnliche Geste. Das Kind will sich nicht dem Erwachsenen streiten. Es will ihm nicht die Fehler seines Lebens vorhalten, es will ihn nur daran erinnern, wer er früher einmal war. Was bleibt, ist der Appell an den Moment: Sei da! Dann geht das Licht aus und der kleine Pierrot tritt ein letztes Mal ans Mikrofon: „Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg.“ Furchtbar abgegriffenes Wort, leider wahr: Rührung. Die vielen Zuschauer um mich, die stehend applaudieren, stimmen zu.

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MMM goes TT

Frau Perla ist ganz aus dem Häuschen vor Freude über die Teilnahme am Blog des Berliner Theatertreffens. Gemeinsam mit fünf anderen Schreibern, Fotografen, Videobloggern und Künstlern wird sie vom 3. bis 20. Mai 2013 die fünfzigste Ausgabe des Theatertreffens begleiten.

http://www.theatertreffen-blog.de/

Das Theatertreffen ist so etwas wie die Berlinale der Bühnen oder die Fashion Week der Theaterstilisten: Groß, wichtig, schattenwerfend bis in die deutsche (Theater-)provinz. Eine Jury bestimmt die zehn wichtigsten, gelungensten oder einfach nur besten deutschsprachigen Inszenierungen des Jahres, die dann Anfang Mai im Haus der Berliner Festspiele gastieren. Dieses Jahr gehören etwa Jérôme Bels „Disabled Theater“ dazu, Michael Thalheimers „Medea“, Luk Percevals „Jeder stirbt für sich allein“ und das großartig-ulkige „Murmel Murmel“ von Herbert Fritsch, bei dem das Volksbühnenpublikum und ich Tränen lachten.

http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/ueber_festival_tt/aktuell_tt/start.php

Neben den prämierten Inszenierungen wartet das bei solchen Großereignissen unverzichtbare Rahmenprogramm auf mit Diskussionen, Workshops und diversen Stehempfängen. Der “Stückemarkt”, eine Plattform für szenisches Schreiben, sampelt herausragende Beiträge der letzten fünfunddreißig Jahre und prüft mit dreißig Auftragsarbeiten, was die ehemaligen Gewinner heute bewegt. Die Konferenz „Theater und Netz“ meiner lieben Damen und Herren Arbeitgeber von Nachtkritik geht in Podiumsdiskussionen und Workshops der Frage nach, wie gut sich das Theater mit diesem Internet verträgt.

Mal ganz abgesehen davon, dass mich als Theatertreffen-Bloggerin ein Hauch von Prominenz anweht, freue ich mich enorm auf das gefühlte Sitzen in der ersten Reihe (ohne Sichteinschränkung!): Endlich einmal nicht für Tickets Schlange stehen (oder, noch schlimmer: vor dem Festspielhaus campieren!), endlich einmal lückenlos am Theaterwissenschaftsseminar-Gossip teilnehmen (wer hat wann welche Aufführung gesehen, wer stand auf der Premierenparty neben welchem Regisseur am Häppchenbuffet, wer fuhr wann mit welchem Schauspieler in derselben Bahn nach Hause) – und ganz nebenbei neue Menschen kennenlernen, theaterbegeisterte Kontakte knüpfen und: schreiben. Schön auch, dass ich dafür nicht durch das halbe Land fahren muss, sondern das Theatertreffen zu mir, in meine Stadt kommt; Heimspiel sozusagen.

Ach ja: Wenn das Wetter nicht völlig den Verstand verloren hat, ist bis dahin auch Frühling.

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How to survive… Mitmachtheater (Der Tragödie zweiter Teil)

„Club Inferno“: Lange nicht mehr so ungeduldig auf ein Theaterereignis hingefiebert. Düstere Videos auf der Website, eine Altersfreigabe ab sechzehn und das en détail im vorherigen Post beschriebene Prozedere der Kartenbeschaffung. Und dann? Wie immer finden einige Besucher das alles zum Kotzen respektive peinlich bemüht und billig gebastelt, während andere das unmittelbare Erlebnis und das große Ganze loben, um das es geht. Allein das Durchstöbern der Kommentare unter dem Text meines Nachtkritik-Kollegen hat mich längere Zeit beschäftigt.

Wie erwartet war der Ort des Geschehens nicht die Berliner Volksbühne, sondern ein Fabrikgebäude im gruseligen Wedding. Wie erwartet war der Besuch verstörend, turbulent und so ereignisreich, dass man unmöglich dem Anlass angemessen davon erzählen kann.

Ich begnüge mich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Notizen, wahlweise zu lesen als skizzenhafte Impressionen oder als Gebrauchsanweisung für den nächsten Signa-Abend:

– Man muss sich jetzt auch vorm Theaterbesuch überlegen, ob man ein frisches Paar Socken trägt, vorzugsweise ohne Löcher und peinliche Motive. Wenn schon nicht unifarben, so sind abstrakte Muster in gedeckten Farben unbedingt Tiermotiven vorzuziehen.

– Gleiches gilt für die Unterwäsche: Passen die einzelnen Stücke zueinander? Nichts Transparentes! Und auch nichts, was im nassen Zustand transparent zu werden droht!

– Über den Umgang der einzelnen Spielstätten mit zu spät kommenden Gästen ließen sich ganze Abhandlungen verfassen. These: Je spießiger das Theater, desto unmöglicher der Einlass für Nachzügler. Beim „Club Inferno“ ist die sonst gar nicht spießige Volksbühne sehr kleinlich: Eine Minute (!) nach der Zeit auf der Einladung und der völlig abgehetzte Gast (ich) muss warten, bis in den folgenden Gruppen ein Platz frei wird. Da steckt der Teufel im Detail.

– Was gäbe ich dafür, am Premierenabend dabei gewesen zu sein. Die Vorstellung eines Häufleins Kritiker, die ohne Schuhe durch die Höllenkreise schlurfen, sich mit Portwein beträufeln lassen und flüssige Schokolade von den Wurstfingern des Dionysos lecken, amüsiert mich sehr.

– Keine Sorge: Grundlegende menschliche Bedürfnisse kommen zu ihrem Recht. Selbst in der Hölle gibt es Toilettenpapier, Mülleimer für Hygieneartikel und alkoholfreie Energydrinks.

– Ein Wodkashot von ganz teuflischer Qualität kostet genau doppelt so viel wie in ähnlich zwielichtigen Etablissements, die unter dem Label „Eckkneipe“ firmieren und gehört bedauerlicherweise zum obligatorischen Abschluss des Taufrituals.

– Ein Jahrzehnt später zahlt es sich aus, im Religionsunterricht nicht nur Käsekästchen gespielt zu haben: Der Fährmann, welcher uns über den „Styx“ schaukelt, schließt mich ganz besonders ins Herz, nachdem ich als einzige in der Gruppe rate, warum er uns Essig statt Wasser über Kopf und „zwischen die Brüste“ kippt. Es lebe die kultivierte Blasphemie!

– Gib alles Bargeld an der Garderobe ab. So kannst Du Dich elegant aus der Wodkaprozedur rausreden (siehe oben) und wirst Dein Geld nicht mit Leib und Leben gegen eine prollige Videogamerin verteidigen müssen, die damit eine Anzahlung auf ihre Traumknarre machen will („und dann leg ich als erstes den Helmut um“).

– Kichernde Pierrots gehören ab sofort in dieselbe Gruselschublade einsortiert wie der Clown in Stephen Kings „Es“ und Bruce Naumans kreischende „Clown Torture.“ Ganz besonders, wenn sie sich an Dich schmiegen und sich mitten in der non-verbalen Kommunikation zwischen die Beine fassen und dabei quietschende Geräusche von sich geben.

– Stehe niemals vom Sofa auf, ohne Dich von der darauf sitzenden Schauspielerin zu verabschieden, auch wenn sie in ein Gespräch vertieft ist. Außer, Du findest es inspirierend vor allen Umstehenden minutenlang als Unmensch beschimpft zu werden, an dem jegliche Form sozialer Umgangsform spurlos vorübergegangen ist.

– Fange niemals an, bei der Beerdigung eines Selbstmörders deutsche Volkslieder zu singen: Du wirst so lange nicht aufhören können, bis der letzte Trauergast sich erbarmt, Dich zu begleiten.

– Als Frau: Gib nichts auf das sehr flüchtige Interesse homosexueller Männer mit goldenen Phalli vor ihrem sogenannten Gemächt: Schneller als Du „Ich bin nicht vergeben“ sagen kannst, wenden sie sich der osteuropäischen Dame ohne BH zu. Als heterosexueller Mann: Flüchte, solange es geht. Sonst reitest Du im Schwanz-, pardon Handumdrehen halbnackt auf einem goldenen Kalb oder musst Dich, schlimmer noch, an dessen Hinterteil zu schaffen machen.

– Mit großer Bestimmtheit prognostiziere ich, dass ich mir niemals eine Bodylotion kaufen werde, die nach Kölsch Wasser riecht.

– Mit ebensolcher Bestimmtheit ist mir auf ewig die Lust auf Würstchen im Fingerfood-Format vergangen, ebenso die Freude an Schokobrunnen und Mäusespeck in Herzchenform.

Don’t forget to go home: Was in Berlin für viele Orte des nächtlichen Amusements gilt, ist auch hier Gesetz. Leg es nicht darauf an, als Letzter zu gehen. Je später die Stunde, desto schöner die Gäste, dieses Bonmot wäre noch zu verifizieren.

– Und schließlich: Gehe nach dem Theater direkt nach Hause. Ziehe keine Zwischenstation in Betracht. Nutze öffentliche Verkehrsmittel nur, wenn unbedingt nötig. Schaue niemandem in die Augen. Versuche nicht, den Flitter in Deinen Haaren, die Sprühsahne auf Deiner Hose oder die Schokolade um Deinen Mund mit einem gequältem Lächeln zu überspielen. Sieh der Realität in die Augen. Wenigstens warst Du dabei.

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Hell Yeah! (Der Tragödie erster Teil)

„Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort – Berlin.“ So steht es geschrieben im schummrigen Licht der Damentoilette eines Kreuzberger Nachtlokals. Es ist einer jener Orte mit der perfektionierten Mischung aus Ranzigkeit (lotterhaftes Flohmarktmobiliar, Staub in den Ecken, zaghafter Service) und spät-hedonistischer Dekadenz (immer frische Lilien in den Blumenvasen). Die Hölle stelle ich mir anders vor. Plausibel hingegen scheint, dass diese irgendwo in Berlin auf verlorene Seelen wartet. So in etwa wird sich das auch das Regiekollektiv Signa gedacht haben, das in Kooperation mit der Volksbühne eine zeitgenössische Version von Dantes Inferno entwerfen will. Hoffentlich aus Gründen des Urheberrechts und nicht weil man glaubt, niemand wüsste mehr, wer den Vergil erfunden hat, wird der große Dichter durch das immer passende Substantiv „Club“ ersetzt. Dass Berliner Clubs mit den Höllenkreisen mehr als die rauchige Luft gemeinsam haben, weiß jeder, der schon mal Sonntagnachmittag das Berghain von Innen gesehen hat. Hölle – Berlin – Eine Runde Brainstorming: Denkbar wäre eine Rimini Protokoll-ähnliche Aktion, die eine Handvoll Besucher in die Schlange eines angesagten Technoclubs schleust und ihnen die folgenden Stunden als Theater verkauft. Oder aber, man lässt die armen Würstchen teilhaben an einem sogenannten Pubcrawl durch die Simon Dach-Straße, Anfang und Ende jeder garantiert touristisch vollkommen erschlossenen 24-Stunden-Happy-Hour-Nacht. Ganz so einfach machen Signa es sich nicht.

Der Anfang der schon vorab als „große Qual“ angekündigten theatralen Erfahrung ist das Große Haus am Rosa Luxemburg-Platz. Beim Bestellen einer Karte für den „Club Inferno“ wird der Besucher mehrfach darauf hingewiesen, dass er diese in einem Pavillon abholen muss, erst dort erhält er weitere Informationen zum eigentlichen Stück, etwa, wo genau es stattfindet.  Auf meine Frage, wo dieser Pavillon sei, antwortet die Frau an der Volksbühnenkasse: „Raus, dann links. Da, wo die Penner sitzen.“ Penner, aha, soso. Tatsächlich lungern vor einem gläsernen Kubus drei sehr mitgenommene Gestalten herum. Zwischen Ekeldecken, Pappkartons und einer Kiste Sterni stromert ein Hund, der auf Kommando bellt. Allen drein gemein ist dieser glasige, leicht entrückte Blick von Menschen, die über eine so alberne Konvention wie „Kein Bier vor vier“ nur schmunzeln können, weil sie  schon zwei Stunden früher alkoholbedingt verstanden haben, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nur ihre reine Haut (keine Säufernase!) und der abwesende Gestank lässt vermuten, dass die drei nicht wie behauptet „hier pennen dürfen“, sondern am Ende des Tages in ihre adretten Altbauwohnen zurückkehren. “Gammelmetropole Berlin“ nennt das der Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung in einer abfälligen Vorabberichterstattung über den „Club Inferno.“ Insbesondere dessen zeitraubender Initiationsritus, also der Vorabbesuch des Pavillons, empfindet Herr Laudenbach als Angriff auf sein als Redakteur naturgemäß knappes Zeitpensum. Die Frage, die ich mir hier stelle: Müssen Theaterkritiker überregionaler Zeitungen ihre Club-Einladung auch selbst abholen oder erledigen das die Praktikanten im Kulturressort? Wenn ja, entgeht dem Kollegen der Volksbühne erster Streich.

In feinster Motz-Manier pöbeln die als Penner verkleideten Schauspieler alle an, die sich ihnen auf weniger als drei Meter nähern. „Wat willstn hier, hau doch ab! Theater, ey, wat denn, Theater?“ Hundebellen. Argumente seitens des Volksbühnenbesuchers, der lediglich seine Karte im Pavillon abholen möchte, werden lange Zeit in Grund und Boden berlinert, schließlich aber dessen Ernsthaftigkeit honoriert und die drei lassen einen passieren, nicht ohne ihm komplizenhaft zuzuflüstern: „Die Hölle ey, weißte, worauf de dich da einlässt?“ Hinter der Höllenpforte, im Inneren des schummrigen Pavillons, kommt eine Frau kommt auf mich zu, nimmt meine Hände und führt mich zu einem Sofa. „Kalte Hände“, sage ich und meine damit meine eigenen, woraufhin sie mitfühlend nickt. Wahrscheinlich hätte ich auch mit ihr über den Frühlingsbeginn oder ihren knappen Turnanzug sprechen können, aber wir reden nicht, sondern schauen uns minutenlang fest in die Augen. Keiner weicht dem Blick der anderen aus. Mir schießen dreihundert Gedanken durch den Kopf: dass ich vielleicht noch nie jemandem so lange und fest in die Augen geschaut habe; dass einen das wirklich angreift, emotional irgendwie; und dann erinnere ich mich an Marina Abramovics Performance „The artist is present“, bei der offenbar mehrere Besucher in Tränen ausbrachen, nur, weil sie der Künstlerin in die Augen schauten. Bevor mir Ähnliches widerfährt, ruft eine andere Frau, mondän im weißen Kunstpelzjäckchen, mich an einen Tresen. Kaltes blaues Licht. Die Frau rezitiert:

“Auf halbem Weg des Menschenlebens fand                                                                                                                                                      ich mich in einen finstern Wald verschlagen                                                                                                                                                    weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.”

Ich nicke. Jetzt soll ich würfeln, immer vorausgesetzt, ich wolle die Hölle (die echte!) wirklich sehen. Leider kein Pasch, dafür eine teuflische Sechs, die jetzt auf mystische Weise den Beginn meines Trips festlegt, kommenden Sonntag, 18.40 Uhr, eine Adresse im Wedding. Ich nicke so ernsthaft wie möglich und gehe hinaus. Zum Abschied tue ich so, als wünschte ich den Pennern Schrägstrich Schauspielern, dass die kommenden Nächte wärmer werden und verschwende in bester Berliner Gammel-Manier ein paar weitere Stunden kostbare Lebenszeit, vielleicht die letzten (geht hier ganz prima, Herr Laudenbach!). Five days till eternity, baby.

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Me, myself and art

Es gibt die Art von Kunst, die man theoretisch zu goutieren weiß. Dieser intellektuelle Aspekt ist richtig und wichtig und die Zeiten, in denen man sich um der reinen Schönheit willen einen Klimt-Akt an die Zimmerwand hängte (IKEA, 69,90 €), Gott sei Dank vorbei. Immer nur Kopfkunst jedoch ist so fad wie immer nur Arthouse-Kino; ab und zu muss es knallen. Die Kunsttheorie spricht da von Affekttheorie, Adorno von Erschütterung. Im Megaflow der täglichen Medienlawinen kann man klar nicht von jedem Kunstwerk erwarten, dass es einem die Seele umkrempelt. Umso schöner, wenn es doch mal passiert. Me, myself und meine Affekte. Was passiert, wenn man dabei ganz allein ist?

Die Frau an der Kasse der Berliner Kunstwerke gibt sich große Mühe, potentielle Besucher zu vergraulen. Heute liefe die Ausstellung aus, sei folglich heillos überfüllt, Wartezeiten von mehreren Stunden einkalkuliert. An solchen letzten Ausstellungstagen greift dasselbe Prinzip wie beim Horten von Lebensmitteln vor zwei aufeinanderfolgenden Feiertagen: Eskalation durch Endlichkeit. Das Konzept von „One on One“ ist, dass man die einzelnen Werke allein betrachtet. Zum Ticket gibt es ein Schild, ähnlich jenen mit der Aufschrift „Do not disturb“  in besseren Hotels (gilt nicht für Hostels), das man an die Klinke der white boxes hängt, in denen sich die Objekte befinden.

Ich fühle mich schon den ganzen Tag über etwas wacklig. Dieser Umstand ist wenigstens teilweise auf das Schlafdefizit der vorherigen Nacht zurück zu führen; auch White Russians könnten eine Rolle spielen. In diesem gesteigert-emotionalen Zustand mache ich bereits im Hauptsaal des Erdgeschosses etwas durch, das einem Quasi-Kollaps sehr nahe kommt. Fahles Licht fällt durch milchig-weiße Fenster auf Robert Kusmirowskis Installation „Lichtung.“ Inmitten des hallenartigen, mit Sand aufgeschütteten Raums ruht ein Erdhügel, umgeben von dürren Bäumen und wüstem Gestrüpp. Zartes Grün kontrastiert mit dem Braun welker Erde, die Stille hat etwas Lauerndes. Vorsichtig gehe ich die Treppen hinunter durch den Sand auf den Hügel zu; schon nach wenigen Schritten sind die Schuhe so staubig, dass man sich schicksalsergeben auf die kommende Schuhputzaktion einstellt. Es gibt natürlich keinen vorgezeichneten Weg, aber vermutlich gehen achtzig Prozent der mitteleuropäischen Besucher im Uhrzeigersinn um den Erdwall herum. Folglich stoßen diese achtzig Prozent zur selben Zeit auf die Skelette an der Rückseite des Dreckhügels. Halb im Boden verscharrt recken sie die knochigen Körperreste zur Decke, Fetzen von Kleidung zwischen Fetzen von Menschenhaar. Ich spüre so etwas wie Panik aufwallen oder, und das ist angesichts der Dimension des Raumes wahrhaft unangebracht, Klaustrophobie. Ganz schnell raus hier, bevor ich an Ort und Stelle niedersinke wie eine Dame im zu eng geschnürten Mieder. Es geht mir so schlecht, dass ich nicht mal auf Idee komme, ein Foto zu machen – und das ist ein nicht uninteressanter Aspekt dieser Ausstellung: Kein übereifriges Personal kann einen davon abhalten, endlich einmal schamlos alles abzufotografieren und abzufilmen. Und mitzunehmen, dazu später mehr.

Ein Stockwerk höher widerfährt uns die erste frustrierende Nicht-Verfügbarkeitserfahrung: Die Schlange vor Jeremy Shaws „Introduction to the memory personality“ ist trotz oder wegen des flotten Stroboskops, das zwischen den Ritzen des Guckkastens hervordringt, ähnlich lang wie vor einem Berliner Club zur besten Ausgehzeit. Weil es keine Gästeliste gibt, gruseln wir uns stattdessen nacheinander in dem sehr filmischen Setting des Künstlerkollektivs Fort. „The Charmer“ ist ein beinahe leerer Raum mit einem Linoleumboden, der in seiner provisorischen Geschmacklosigkeit haargenau so in Millionen bundesdeutscher Küchen zu finden ist, einer zu doll bollernden Heizung und einem Kühlschrank, der das aus besagten Küchen bekannte, stetige Kühlschranksummen von sich gibt. Klar, dass man zielstrebig auf diesen zugeht, dann aber erst mal abwägt: Ja Nein Ja? Mit zitternden Händen beuge ich mich zur Tür hinunter, ziehe am Griff und vor mir breitet sich eine substantielle Leere aus (ein Schicksal, das dieser Kühlschrank mit vielen sogenannten Studentenbuden teilt). Das Gemüsefach: Leer. Ebenso das Eierfach in der Tür. Schließlich bringe ich es sogar fertig, das Eisfach zu öffnen, ebenfalls  leer.  In all meinen Kalkulationen und kühnen Vermutungen den Inhalt dieses in seiner Alltäglichkeit bedrückenden Requisits betreffend (kullernde Gummiaugäpfel, Gammellasagnereste, Sprungfederspinnen aus dem Kaugummiautomat) habe ich vieles bedacht, außer: das Nichts.

Wieder draußen, tickt die Uhr unbarmherzig dem drohenden Ende des Ausstellungstages entgegen und ach – wie könnten wir vergessen, dass es der letzte ist. Ähnlich ergeht es der Schlange vor Günter K.s „Margret.“ Nachdem sich einige Besucher weit über die akzeptable Verweildauer hinaus in dem Raum aufgehalten haben, stürmen plötzlich alle gleichzeitig hinein, ein seltenes Bild von radikaler Okkupation eines Kunstraums. Dabei hätte „Magret“ auch die doppelte Wartezeit gelohnt: So bad-taste-artig, so kleinbürgerlich-pedantisch und gleichzeitig angenehm retrohaft hängen vergilbte Fotos neben sehr sehr sehr grotesken Tagebuchnotizen („15 Uhr schöne Nummer (Rückenlage und Seitenlage) 15 Uhr 15 dann mit Finger bei Margret nochmals gespielt. Geschlafen bis 17 Uhr, dann erneute Spielerei mit Finger und dann längere Nr. in Rückenlage, toll.“) und zur aufgebrauchten Pillenpackung und der Kruste von Margrets Handgelenk gesellen sich Rechnungen vom Abendbrot im Kurhotel. Welch plastisches Beispiel von guilty pleasure! Funktioniert garantiert in jedem Ausstellungskontext. In der solipsistischen Logik von „One on One“ – die ja nur wir ungeduldigen Anarchisten nicht respektieren! – steigert sich das Voyeurhafte noch mal um zweihundert Prozent. Netter Sidekick: Durch ein Guckloch in Anri Salas Nachbarbox können andere Museumsbesucher das Zimmer mit den frivolen Bildchen einsehen. Der Voyeur, der je nachdem lüstern oder peinlich berührt im Nachlass dieser 70er Jahre-Affäre wildert, ist ebenfalls dem fremden Blick ausgesetzt.

In der Schlange vor der nächsten Box, auf halber Strecke leichter Konversation über Handtaschen und abgelegte Freunde, entdecken wir eine versteckte Tür. Noch ein Kunstwerk? Dann und wann verschwindet eine Kunstwerke-Mitarbeiterin in dem Raum dahinter, kommt mit verdächtig ausgebeultem Jutebeutel wieder heraus und geht zur Feldmann-Box. Wir kombinieren: Das geheime Milky Way-Lager! Hans Peter Feldmanns titelgebendes „One on One“ nämlich besteht aus einer Pappbox voller Schokoriegel, unter denen ein Schild sachlich „Nein“ verkündet. Wo sich mir, wohlerzogen wie ich bin, nicht einmal die Frage stellt, ob ich dieses Kunstwerk durch Berührung entweihe, geschweige denn durch Diebstahl beschädige, zaubert meine Begleitung in einem von jener Dame unbeobachteten Moment gleich  zwei Milky Ways hervor, stolz wie das Kind, das eine Hand voll weißer Mäuse stibitzt.

Was kann solch herrliche Formen radikaler Kunstadaption noch toppen? Wagemutig, schaue ich vor Betreten der nächsten Box nicht ins Programmheft, weiß also nicht, dass es sich bei „A holy ghost compares its hooves“ um eine Performance handelt und erschrecke folglich schon im Moment des Betretens des praktisch stockdunklen Raums wie man so sagt zu Tode. Viel zu nah bei der Tür krümmt sich ein Mann über einen Tisch mit einer Miniaturlandschaft aus schlammbraunen Hügeln, ganz ähnlich jener, die meinen Blutdruck zwei Stockwerke weiter unten in gefährliche Höhen trieb. Über den Tisch verstreut liegt ein Bataillon Plastiksoldaten, einige von ihnen sind  rot bemalt. Den nicht-roten Teil bearbeitet der Mann, der mit seinem wilden Bartwuchs sowohl Hermann Nitsch als auch ein entlaufener Irrer sein könnte, hochkonzentriert mit Pinsel und dem Rest roter Farbe. Zwei Augenblicke später, die sich gleichzeitig auf die Dauer einer Ewigkeit ausdehnen und zu einer nicht fassbaren Schrecksekunde schrumpfen, knipst dieser Spielzeugveteran die Lampe vor sich aus. Im selben Moment startet auf der Leinwand an der hinteren Raumseite so etwas wie ein zerstückelter Splattermovie: Kurze Videosequenzen mit toten Tieren, toten Kindern und Kindern, die planen, ihre Eltern zu massakrieren. Die Details entgehen mir, weil ich unaufhörlich den Bärtigen anstarre, weiche Knie bekomme, mein Herz schlägt wie ein Presslufthammer und ich, der Ohnmacht so nah wie noch nie zuvor, sofort und ohne das Ende des Films, der das Ende der Performance markiert, abzuwarten, aus dem Raum stürme, wegstrebend vom Ort dieses namenlosen Horrors, meiner Begleitung entgegen, das Entsetzen von einer in den Augen, die gerade in die wirklich orkushafte Tiefe zeitgenössischer Kunst geblickt hat.

So hat mich die Affekttheorie selten gepackt. Nennen wir es Erschütterung oder existenzielle Erfahrung. Adorno hätte es gewiss gefallen.

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Freunde mit gewissen Vorzügen

Ich frage mich ernstlich, ob es meinem Alter geschuldet ist, dass ich diese Welt als vollkommen schizophren empfinde. Füllten zu Zeiten des Wirtschaftswunders auch Geschlechterdebatten halbe Tageszeitungen? Kaum ein Jahr ist es her, da beschäftigten die “Schmerzensmänner” das halbe Land, es meldeten sich maulende Freundinnen, unverstandene Romantiker und überzeugte Chauvinisten zu Wort und zuletzt die Auslandskorrespondenten, die nicht verstehen konnten, was am Flirten so schwer sein soll, in Frankreich klappe es doch auch. Die Frauen beklagten damals, wenn ich mich recht erinnere, fehlende Männlichkeit. Die trat Anfang dieses Jahres auf den Plan in Gestalt eines Politikers einer sowieso irgendwie abgeschriebenen Partei. Das mit ihm auf ewig untrennbar verbundene Substantiv wird es möglicherweise zum Unwort des Jahres schaffen. So eine Männlichkeit will man halt auch nicht haben, gell.

Vieles spricht also dafür, dass die Geschlechter in der Krise stecken. Oder wie es das ZEIT Magazin formulierte: “Männer haben so viele Probleme. Das weiß ich aus dem Studium.” Dürfen Frauen den ersten Schritt machen? Darf ein Mann sich einen Vollbart wachsen lassen und trotzdem auf der Akustikgitarre Bon Iver mitschmachten? Mit Blick in die USA: Dürfen nicht-gleichgeschlechtliche Arbeitskollegen zusammen Aufzug fahren? Und wenn man schon eine so absurde Frage zu stellen wagt: Schon mal daran gedacht, dass auch homosexuelle Menschen so etwas wie eine Libido haben und es auch solche Art von Belästigung gibt? Warum haben Paare, die sich die Hausarbeit teilen, weniger Sex (hoppla, diese Meldung ging zwischen den ganzen #Aufschreien praktisch unter)? Angehörige meiner Generation sehnen sich mitunter nach klaren Strukturen wie zu Zeiten unserer Großeltern. Wobei man diese Gleichstellung heute schon gut findet, eigentlich. Kurzum: Es herrscht Chaos.

Halb aus Versehen hat Facebook eine Lösung parat. Die App “Bang with Friends” verrät Mitgliedern, wer von ihren Freunden gerne Sex mit ihnen hätte. Das Prinzip ist simpel: Erst wenn beide sich gegenseitig markieren (das Wort “liken” bekommt da eine ganz neue Bedeutung), kommt es zum sogenannten “match” und sie erfahren von der Attraktion des jeweils anderen. Peinlich und nervig sind ja schon die durch und durch nutzlosen Informationen, welcher Freund Instagramm nutzt, welches Lied auf Spotify hört oder mit welchem Spiel seine Zeit beim virtuellem Blumen gießen vertrödelt. Ein Hinweis wie “Markus Bauer hat vier Freunde bei ‘Bang with Friends’ markiert” hat da natürlich einen pikanteren Beigeschmack und könnte erst mal so etwas wie frischen Wind in den Neuigkeitenverlauf bringen. Aber noch bevor man anfängt, die eigene Freundesliste im Konjunktiv durchzugehen, kommt der gesunde Menschenverstand doch da zum Fazit: Geht’s noch? Erlöst “Bang with Friends” die Welt vom Fluch des oversexed and underfucked? Macht aus stumpfen Konsumenten selige User, die permanent in der post-koitalen Phase schwelgen, weil sie wissen, dass der nächste Treffer nur ein paar Klicks entfernt ist? Blind Dates, die erotische Dystopie der 90er, waren ein Witz dagegen.

Schon jetzt besorgt Facebook einen Großteil unserer Kommunikation, über den Facebook-Chat, die Facebook-Nachrichtenverläufe und die Facebook-Pinwand. Ohne Facebook wüsste ich nicht mal von der Hälfte der Parties, Flohmärkte, Ausverkäufe im Lieblingsshop. Schon vor “Bang with Friends” war das Netzwerk auch eine Plattform zum Flirten. Allein die Möglichkeit, Kommentare, noch besser Fotos des oder der Auserwählten zu liken, treibt die Sache manchmal um den entscheidenden Schritt voran. Besonders schüchternen Exemplaren Mensch wird schon die Last der ersten Kontaktaufnahme abgenommen: Früher musste man nach der Handynummer fragen, heute genügt der Blick in die Freundesliste eines gemeinsamen Bekannten, um die begehrte Person zu adden. Wer solche hints nicht versteht, dem kann nicht geholfen werden. Schon gar nicht von einer App, die eine so schöne, elementar das Menschsein definierende Sache wie die vorsichtige erste Annäherung maßregelt.

Fraglos kann dabei eine Menge schiefgehen. Das war schon bei Oma und Opa so und ziemlich sicher wird es nicht einfacher werden. In der App-internen Logik ist weder Platz für Sexismus noch für Belästigung: Antatschen und in den Ausschnitt gieren geht im virtuellen Raum natürlich nicht. Nicht einmal die rein verbale Annäherung – eine so simple Frage wie “Gehen wir Kaffee trinken?” – läuft Gefahr, missverstanden zu werden, denn ohne eindeutiges Wissen über die Intention des anderen gibt es keinen Kontakt. Ohne “match” nicht nur kein Sex, sondern wohl auch kein Date. Wollen wir aber nicht alle spielen? Wollen und müssen wir nicht immer wieder neu nachdenken, welche Art Frau, welche Art Mann wir sein wollen? “Bang with Friends” lässt ja auch keinen Platz für den sogenannten Diskurs, den die Gesellschaft offenbar braucht. Es ist die klinisch gesäuberte Variante des per se unsauberen, aber gerade dadurch verlockenden Spiel des zielgerichteten Begehrens. Vordergründig scheint die App auf wunderbar uneigentliche Weise die Irrungen der Geschlechterbeziehungen elegant zu umgehen, tatsächlich bringt sie uns nicht nur um das Nachdenken darüber, sondern auch um die Freude daran.

Nicht, dass die Kombination der Worte “Freunde” und “Sex” nicht schon früher existiert hätte. Damals hieß das “Friends with Benefits”, atmete den Charme des Frivolen und hatte nichts, aber auch gar nichts mit Facebook zu tun. Wir wollen nicht zurück in die Prä-Facebook-Ära. Wir wollen auch nicht so leben wie unsere Großeltern. Aber der Quasi-Totalität nachgeben und auch noch den aufregendsten Part unseres analogen Lebens an das soziale Netzwerk abtreten: Nein, danke.

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It’s economy, stupid!

So ein bisschen Banken-Bashing kann nicht schaden. Ist doch das Thema längst an den Niederungen gesamtdeutscher Stammtische angekommen: Jeder Quartaltrinker meint, sich differenziert zum Schuldenstand Europas äußern zu können, trotz eventueller Schwierigkeiten, nach dem siebten Bier noch die Striche auf dem Bierdeckel vor sich zu überblicken. Derweil wendet sich die öffentliche Debatte anderen, größeren Dingen zu: “Schwäbischen Zeitungs”-Abos für Berliner Krawallpolitiker, Literaturverbesserungsmaßnahmen zum Schutz moralischer Integrität, Herrenwitze statt Habenichtse. Occupy ist abgebrannt, Finanzkrise, das ist doch schon wieder ein alter Hut. Wenn neue Hüte alt werden, beginnt deren ästhetische Vewertung. Elfriede Jelinek, Avantgarde wie immer, haute der Theaterwelt bereits 2009 ihre “Kontrakte des Kaufmanns” um die Ohren. Leider hatte ich das Pech, meine erste Inszenierung dieses ganz passablen Stücks in der Schaubühne zu erleben, ein Abend, schlimmer als alle Kreditkartenabrechnungen dieser Welt. Aktuell zeigen das Schauspiel Stuttgart und das DT Berlin Andres Veiels “Himbeerreich.” Noble Absichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die theatrale Form nur zweite Wahl war, denn eigentlich wollte der Regisseur einen Dokumentarfilm drehen, blöd nur, dass seine Interviewpartner, mächtige Männer im gläsernen Bankenturm, darauf keine Lust hatten. So wähnte man sich einmal mehr in einem als Theater getarnten Politikgrundkursseminar. Und zweifelte an der ästhetischen Verwertbarkeit von Zeitgeschehen: Braucht es die historische Distanz, um Ereignisse vom Lehrstückverdacht zu befreien? Also: Finanzkrise, später, bitte nicht noch ein Statement zur wirtschaftlichen Schieflage. NEXT.

Aber dann! “Johann Holtrop”, Roman. Erschienen bereits im Herbst vergangenen Jahres. Autor: Rainald Goetz. PUNKT. Zugegeben: Vielleicht hätte ich das Buch nicht ganz oben auf meinen Weihnachtswunschzettel gesetzt, wenn sein Autor nicht der unangefochtene Schreibgott dieses Landes wäre. “Johann Holtrop” als buchgewordener Wirtschaftsteil einer Tageszeitung? Aufstieg und Fall eines Bankiers? Ein Drama über geldgeile Anzugträger und männliche Megalomanie?  Über dreihundert Seiten vollgepackt mit Wirtschaftsvokabular, “Chief Counsel Compliance”, “Good Corporate Governance”, “akkumulatives Wachstum seperater Einheiten”? NEXT…? Aber dann. Erst fühlte ich mich ein wenig wie mit dieser Kinder-ZEIT-Kolumne, die kleinen Lesern (und jenen, die auch nichts davon verstehen, es aber nie zugeben würden) die Welt erklärt. Was ist ein Derivat? Was macht die EZB und warum macht sie das? Warum gibt es Menschen, die mit dem Geld anderer Leute herumhantieren, das eigentlich nicht existiert? Bevor Fragen dieser Art abschließend geklärt sind, rollen schon die ersten Angestelltenköpfe und der Handlungsverlauf nimmt so sehr gefangen, wie man sich an seiner sprachlichen Schönheit berauscht, bei gleichzeitiger punktgenauer Wahrhaftigkeit, mit der Goetz seine Figuren verlebendigt, so brillant, dass man nicht anders kann, als immer den Stift bereit zu halten, um die allergelungensten Textstellen zu markieren: “… zuletzt hatte Holtrop als CEO einen Stab von fünfzehn Leuten unter sich, die alle nichts anderes machten, als hinter ihm her aufzuräumen, die von ihm ungehemmt wirr angestoßenen Initiativen zu verfolgen, zu sortieren, abzuschließen oder abzubrechen, und anstatt an sich selbst zu arbeiten und seine Geistesverschlampung zu bekämpfen, hatte Holtrop sich, natürlich wieder auf die selbstverständlichste Art, ganz das von seiner Hektik hervorgerufene Außenbild zu eigen gemacht, und so sah er sich selbst als Anreger, Kreativkraftwerk, Genie der unkonventionellen Impulse, nicht als den verkommenen Schlamper, der er in Wirklichkeit eben auch war.” Holtrop ist ein sehr klassischer Anti-Held. Steiler Aufstieg, jäher Fall. Ein Egoshooter, eine Art Werther reloaded. Es ist schon gewagt, seinen Protagonisten zum Ende hin mal eben auf die Bahngleise springen zu lassen, da so ein bisschen entlangjoggend, das Schicksal herausfordernd, umknickend und ihn dann glorreich vom Regionalexpress plattfahren zu lassen. “Das war ihr Leben, Johann Holtrop! Was sagen Sie dazu?”

Wahnwitzig finden wir dieses “Kreativkraftwerk” Holtrop, Vorstandvorsitzender der fiktiven Assperg-AG, diesen gelackten BWL-Heini, der, das ist der eigentliche Witz der Geschichte, kaum mehr Ahnung hat als der Leser auf Kinder-ZEIT-Niveau. Holtrop, der sein Nicht-Wissen so brillant durch sein Alphatiergehabe und die heiße Luft kaschiert, die er sekündlich in die Vorstandsetage bläst. Stur hat er seinen Lebenslaufoptimierungsplan durchgezogen, inklusive Promotionsstipendium, relevanter Berater- und Assistenzstellen und Verfeinerung des Rotweingeschmacks. Aus Sicht der kritisch-postmodernen Generation ist er das Feindbild, einer von denen, die nicht nach dem Abitur aus Selbstfindungsgründen Work and Travel in Australien machen, aus Furcht vor künftigen Assessment-Centern und der Frage nach der Lücke im Lebenslauf. Ach Holtrop, Du Kriecher vor dem Kapitalistenherrn! Stehst jeden Tag um fünf Uhr auf, setzt Dich in Deinen Fitnesskeller, siehst Nachrichten, lässt Dich ins 260 km entfernte Büro chauffieren, von Privatchauffeur Tarek, weil der sich nicht um Höchstgeschwindigkeiten schert. Durchmisst herrschaftlich Dein Büro (“wütend schritt ich voran”), verachtest Deine Sekretärin für ihre ernst gemeinte Frage nach Deinem Befinden. Fürchtest den Flugmodus Deines Smartphones wie den Teufel, vergisst vor dem Hotelzimmerspiegel die Affäre Deiner Frau und die Namen Deiner Kinder erfahren wir nie. Großkotzig verfasst Du das Exposé Deiner eigenen Biografie, ekelhaft selbstgefällig wickelst Du Wirtschaftsjournalistinnen um den Finger (Brüderle, you name it). Ohne Deine verschreibungspflichtigen Leistungspillen bist Du nichts.

Das Erfreuliche an diesem Roman ist, dass er seine Intention an keiner Stelle offen legt. Der ganze Wahnsinn der im Buch versammelten Hamsterrad-Existenzen vermittelt sich implizit, rein sprachlich und ereignishaft. Es ist gewiss Goetz’ politischstes Buch und da ist der Grad zum Agitprop bekanntlich schmal. Bei einem derart aufklärerischen Gegenstand meint man schon die Occupy-Zelte in der Ferne zu sehen, so affirmativ spitzt sich die Handlung zum Totalzusammenbruch zu, so offensichtlich ist die Schuldfrage am Niedergang der Giersubjekte geklärt. Anders jedoch als bei vielen der jüngsten ästhetischen Finanzkrisen-Adaptionen schwingt der Autor keine Moralkeule. Nie ist die Rede vom bösen K-Wort. Im Gegenteil, es drückt nicht und hat Platz nach oben in Richtung herrlichster Sprachpoesie: Von “Momenten der Seele” ist da die Rede, ausgelöst durch eine Überlandsfahrt in der ostdeutschen Provinz, von “extrem fahl flutendem Licht”, dem “fundamental Orkushaften der Welt” und der Frage, wann man zuletzt in den Himmel sah.

Gut, dass Goetz großräumig die Zone der “political correctness” umgeht und keine Abziehbilder, sondern plastische Akteure erschafft. Jelineks Protagonisten bleiben abstrakte Sprechaktvollzieher, die Bewohner des “Himbeerreichs” benehmen sich wie die kleinen Stimmen im Hinterkopf, schablonenhaft und nervig in ihrem Aufklärerfuror, an das Gewissen des ebenfalls in der ökonomischen Logik gefangenen Zuschauers appellierend. Das schmeckt nach Sozialtümelei wie die gesellschaftlichen Zusammenkünfte der Unsympathin Kate Assperg, über die es in “Johann Holtrop” heißt: “Aus der Firma wurden als Sondergäste jedesmal auch Hilfsarbeiter, Packerinnen und LKW-Fahrer dazugebeten, das gefühllos Volkserzieherische daran hatte einen Hang ins Plumpe, Asoziale (…).” Nicht so bei Goetz. Alles, was einem die Gesinnungskunst so unerträglich macht – da gehen wir ganz mit Adorno konform – wird sauber ausgespart. Es grüßt Rainald Goetz, wie er ist, war und hoffentlich immer sein wird: BEST.

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Wie die Menschen

Zu den aufregendsten Kinderspielen gehört es, Insekten und anderes Kleingetier in ein Einmachglas zu sperren und zu beobachten, was passiert. Von der anderen Seite der Glasscheibe aus betrachtet das Kind diesen künstlichen Kosmos, von oben herab seziert es diese Welt en miniature. Möglicherweise spürt es zum ersten Mal den eigenen Blick auf das Fremde. Das Tier auf der anderen Seite der Glasscheibe ist anders und doch angewiesen auf die selben Dinge wie der kleine Mensch: Nahrung. Schlaf. Fortpflanzung. Tod.

Eros und Thanatos: Drunter macht es die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari nicht. “Attenberg” ist ihr zweiter Film, man könnte auch sagen: Die Manifestierung der Kaputtheit der Gesamtsituation. “Attenberg” erzählt die Geschichte einer jungen Frau und ihres todkranken Vaters. Viel erfahren wir nicht über deren Vergangenheit, außer, dass es eine Mutter gab, die früher oder später verstarb. Das Verhältnis zwischen Marina und ihrem Vater ist pragmatisch, in manchen Momenten wie das zwischen Arbeitskollegen, dann wieder bittersüß-vertraut, denn beide wissen, dass der Vater bald sterben wird. Zugleich ist “Attenberg” die Geschichte einer seltsamen Freundschaft. Marina ist spröde wie ihr aschblonder Lockenkopf, lacht nie und ekelt sich vor körperlicher Liebe. Bella ist zugänglich und lustbetont, beinahe promiskuitiv, sie streunt um die Männer und schmiegt sich an sie wie ein Kätzchen. Was die beiden trennt und zugleich verbindet, ist ihre Sexualität. Marina gibt vor, weder Frauen noch Männer zu begehren. Bella träumt von Bäumen mit Penisfrüchten. Schon die erste Szene des Films ist ein Knaller (und wurde von einer Filmkritikerin unseres Vertrauens als eine der stärksten des vergangenen Kinojahres gelobt): Bella bringt ihrer Freundin das Küssen bei. Mit weit aufgerissenen Mündern schlecken die jungen Frauen aneinander herum, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, Bella ernsthaft, Marina mechanisch und abstrakt. Erst sei ihr Mund nicht weit genug geöffnet, dann nicht genug Spucke da, schließlich wird Marina wütend, bespuckt die Freundin und schubst sie weg. Dann gehen die Frauen zu Boden, balgen sich auf allen vieren, fauchen und schnappen und knurren, wie Tiere.

Nicht gerade zimperlich gehen die Freundinnen auch sonst miteinander um. Sie schimpfen sich Nutte und ziehen sich an den Haaren. Marina stinke nach Bleichmittel, Bella nach Benzin. Dazwischen stehen Szenen der schönsten Frauenharmonie: Marina und Bella im gleichen Blumenkleid, die Arm in Arm in einer peniblen Choreografie über regennasse Straßen tanzen. Marina, die vor ihrer Freundin die nackten Rückenmuskeln “spielen lässt” und anschließend mit der flachen Hand Bellas Brüste begutachtet wie ein Medizinstudent ein anatomisches Modell. Beides, die inszenierte Ernsthaftigkeit einer Stunde Sexualkunde in der Mittelstufe und der nüchterne Blick des Wissenschaftlers auf sein Objekt sind Leitmotive in “Attenberg.” Der Titel des Films verweist auf den britischen Naturforscher Sir David Attenborough. Bei dessen Tierdokumentationen macht Marina sich im wahrsten Sinne des Wortes zum Affen.

Bereits der ebenfalls aus Griechenland stammende Regisseur Giorgos Lanthimos werkelte in “Dogtooth – Hundezahn” am Konstrukt des zivilen Bürgers herum, mit dem Ergebnis, dass sich jedes gesellschaftskonforme Ritual als albern, affig und schlimmstenfalls gemeingefährlich offenbart. Nun gut. Schrulliges Autorenkino bekommen wir auch anderswo (unübertroffener Master of Schrulligkeit: Ulrich Seidl). Das Bemerkenswerte an diesem Film ist, dass er in den existenzialistischen Momenten von seiner Künstlichkeit ablässt, dann nämlich, wenn die Themen Sex und Tod verhandelt werden. Hat man je ein so unbeholfenes Paar im Bett gesehen, weil es sich eben erst kennengelernt hat und noch ganz unvertraut miteinander ist? Wo Lichtverhältnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, weil sie es dunkel will, er hell, bis man sich auf den Kompromiss einigt, das Badlicht anzulassen? Da wird weder pornös gerammelt, noch ästhetisch-glatt geliebt und das sieht, nun ja, seltsam aus. Seltsam, weil der Mensch in solchen Momenten dem Tier näher ist, als er das für gewöhnlich wahrhaben mag. Besonders komisch an dieser grellen Intimität sind Marinas verbalisierte Handlungen: “Jetzt stecke ich meinen Finger in Deinen Mund, jetzt küsse ich Dich. Du schmeckst gut wie immer.” Sie muss ja erst einmal lernen, die Körperlichkeit nicht zu zerreden. Dabei ist auch das wieder näher dran an der Wahrheit als uns die Bettszenen zwischen einem Leonardo DiCaprio und einer Kate Winslet vorgaukeln. Wer kann schon immer im rechten Moment alles richtig machen? Kopf aus, Klappe zu, Körper an und dabei bitteschön noch die Problemzonen kaschieren?

Und das Sterben: Wann wurde zuletzt die Absurdität des unvermeidlichen Endes so präzise eingefangen? Auf die Empfehlung des Bestatters, sich nicht für die günstigste Variante zu entscheiden, kontert Marina, der Sarg dürfe bloß nicht synthetisch sein, denn dagegen sei ihr Vater allergisch. Wann hat zuletzt ein Mann so ehrlich über sein bevorstehendes Ende geredet wie Marinas Vater in seinem tristen Krankenhausbett? Lieber als von Würmern verspeist (“die Augen zuerst”) will der Vater von Fischen gefressen werden. Marina plant die Einäscherung in Hamburg, den anschließenden Re-Import nach Griechenland und wo sie die Asche ins Meer streuen wird. Bleibt die Frage, ob sich Teile des Vaters in der nächsten Spyros-Suppe oder der Bouilleabaisse finden werden. Solche genial-existenzialistischen Gedanken werden nur angerissen, dann – schwups – wieder ins Groteske verkehrt. Allein desweswegen lohnt sich “Attenberg.”

Ein jedem steht es natürlich frei, in all dem eine Allegorie auf Tsangaris Heimatland zu sehen. Wie beiläufig imaginiert der Film nur an einer Stelle die Möglichkeit einer Krise: Als Marinas Vater die Baustelle unter seinem Fenster als Ruine bezeichnet. So behutsam die Regisseurin mit dem Schreckensterminus “Wirtschaftskrise” verfährt, so konsequent ist auch nur ein einziges Mal von “Asexualität” die Rede: In der Szene, wo Marina Bellas Brüste angreift (im doppelten Wortsinn!) und diesen den Befund “schön, aber reizlos” ausstellt. Da weiß der Zuschauer längst von Marinas Widerwillen männlichen Genitalien gegenüber und ihrer Jungfräulichkeit, die sie vor dem Vater mit der Sturheit des durch nichts umzustimmenden Kindes behauptet. Väter und andere Männer werden von Marina nämlich zumindest verbal kastriert. Dies als atypisch oder gestört zu klassifizieren bleibt dem Zuschauer selbst überlassen.

Es ist nämlich so: Wir beobachten mit dem geduldigen Blick eines Attenborough diese seltsame Spezies Mensch. Zugleich inspizieren wir deren seltsames Bertragen aus der Sicht der Menschenforscherin Marina. Selbstverständlich wohnt jedem cineastischen Blick dieser Zauber der fremden Perspektive inne. Oft genug erscheint uns das künstliche Spiel des Films aber als real, bedauerlicherweise meistens dann, wenn so genannte “Traumfabriken” uns Illusionen verkaufen wollen. Nicht so bei “Attenberg.” Gerade weil hier alles einerseits so grotesk daherkommt, dass man beinahe zurückschreckt – als blickte man in einen dieser Verzerrungsspiegel auf dem Jahrmarkt – und andererseits jene Szenen, die vom Lieben und Sterben handeln, so ungeschminkt-echt wirken, gruseln wir Zuschauer uns vorm Anblick unserer eigenen tierischen Menschlichkeit. Wir sind wie jenes Kind, das sich neugierig über sein Einmachglas beugt: Ein Entdecker, Sezierer, Erforscher. Nur dass auf der anderen Seite der Glasscheibe kein Insekt hockt, sondern einer wie wir.

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