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Individualität ist nur noch in den Größen 37 und 42 zu haben

Fashion Week in Berlin. Was man machen kann: Sich bei Humana das denkbar bescheuertste Outfit aussuchen und Selfies mit möglichst vielen Modebloggern machen, in der Hoffnung für cool gehalten zu werden. Ich liebe diese Idee und bekenne mich zum Fangirl.

Was man auch machen kann: Den Laufsteg als Bühne sehen und die sehr jungen Boys im Geschichtspark Moabit als Schauspieler in einem bravourös inszenierten Drama.

I heart Enrique

Enrique Iglesias trägt weder Bart noch Holzfällerhemd. Dass er ein Schmerzensmann ist, hat er auf andere Art bewiesen. Und – OMG – ist das ein Herz aus Blut auf seiner Brust?

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Die Götter stinken

Wenn von Bali die Rede ist, dann immer als Paradies auf Erden. Tropischer Regenwald, friedfertige Bewohner, Bananen knabbernde Affen, niedliche Streuner. Dass die Affen Smartphones klauen und die Streuner Tollwut haben? Geschenkt. Dass die friedfertigen Bewohner Handtaschenabschneider sind? Kollateralschaden. Vor allem aber spricht keiner von der Dreckschicht, die sich Verkehrsteilnehmer Abend für Abend von der Haut kratzen müssen. Man muss sich Balis Götter als stinkende vorstellen.

Wer es sich mit ihnen verscherzt, hat Pech gehabt. So oder so tragen Ausländer an einem Unfalls die alleinige Schuld, denn ohne ihre Anwesenheit hätte der Unfall ja nicht statt gefunden. So bliebt einem als passiver Verkehrsteilnehmer – passiv meint auf dem Rücksitz eines Motorbikes sitzend – nichts übrig, als Stoßgebete zum Himmel zu senden und dem Können seines Vordermanns zu vertrauen. Ich lege mein Leben in Deine Hände –

Kaum etwas ist einfacher, als auf Bali ein Motorbike zu leihen. Ein Merkmal von Ländern der zweiten Welt ist ja der stetige Versuch, Bürokratie zu simulieren. Dabei steht Übereifer vor Korrektheit, was bedeutet, dass ein Haufen Papierkram im Prinzip wertlos und das Ziel schneller erreicht ist als gedacht. Wahrscheinlich braucht es nicht mal einen Führerschein, schon gar keine international driving liscence, zur Not helfen ein paar Scheinchen.

Ist der Motorroller einmal ausgeliehen, steht dem Fahrvergnügen höchstens noch der leere Tank im Wege. Tankstellen sind wie überhaupt fast alles auf Bali der Inbegriff des Provisoriums, Holzverschläge, die neben Benzin nicht selten auch Selbstgekochtes feil bieten, Hygieneartikel und auf Nachfrage vielleicht sogar Handfeuerwaffen, Psychopharmaka (Benzodiazepine sind der Hit), ich weiß es nicht, ich habe nicht nachgefragt. Statt aus Zapfsäulen fließt der Sprit aus Absolut-Vodka-Flaschen.

Ein Roller für eine, maximal zwei Personen? So eine begrenzte Vorstellungskraft können nur die bleichen Deutschen haben. Mädchencliquen, eine Mutter samt ihren Wocheneinkäufen, ein Vater mit seinen beiden Kindern oder die ganze Kleinfamilie – was nicht passt, wird passend gemacht, so abgedroschen, so zutreffend. Logischerweise lassen sich auf diese Art auch Haustiere, Sperrgut, Fahrräder und Tierkadaver transportieren. Offensichtlich sind Motorroller die einzige Transportmöglichkeit. Autos oder Lastwagen sieht man selten, Fahrräder sind das schwächste Glied im Straßenverkehr, Fußgänger ein schlechter Scherz.

Schon der Hitze wegen muss schnell gefahren werden. Ein Tempo-40-Schild regt erst recht zum Gas geben an. „Vorsicht vor“ heißt hati hati, kein Wunder dass das eher zum Schmunzeln als zum Acht Geben anregt. Hupen hat als Warnsignal ausgedient oder nie existiert, so inflationär eingesetzt wird es zum entleerten Signifikanten. Nicht einmal die trägen Hunde, die auf dem Mittelstreifen Siesta halten, lassen sich davon beeindrucken. Ebenso wenig die querfeldein der Dinge harrenden Kühe. Wer  diese von A nach B bewegen will, packt sie am Nasenring.

Als Beifahrer hat man zwar keine Gewissheit, lebend am Ziel anzukommen, dafür aber viel Zeit, das Leben entlang der Straße zu beobachten. Ungewohnt  für den westlichen Besucher ist die sparsame Werbung. Überraschend selten wird das Auge des Beifahrers wie hierzulande gereizüberflutet. Weder für kulturelle Produkte im weitesten Sinn (eine Ausnahme sind Kinofilme mit Kampfsportappeal), noch für Nassshampoos, Trockenshampoos, Müsliriegel, Alkoholika (hati hati Alkoholeinfluss!). Entweder, die Menschen kaufen sowieso, oder ein Volk hat erkannt, dass Werbung ein Straßenbild nicht schöner macht, im Gegenteil. Was hingegen geht und zwar gut, sind großflächige Plakate, die für die lokale Motorradgang „Laskar Bali“ werben. Diese coolen Hunde scheinen mit ihren Lederjacken auf die Welt gekommen zu sein. Schriftzüge – Peace, whenever, whereever – verschaffen ihrem Träger Individualität. Mit dem Englisch nimmt man es orthografisch überraschend korrekt.

Als Beifahrer hat man die regelrechte Pflicht, den Fahrer auf lohnenswerte Zwischenstopps aufmerksam zu machen. Macadamia-Cheesecake bei Beetelnut, Sonnenuntergang – auf indonesisch mata hari – am Echo Beach.

Zu behaupten, dass die Straßen Route-Number-1-mäßig immer entlang des Meeres führen, wäre gelogen. Stattdessen geht es  vorbei an Reisfeldern, an bescheidenem Wohlstand und bescheidener Gastronomie. Garküchen als Inbegriff der asiatischen Essenskultur haben dem, was heute hierzulande als Street Food schwer in Mode ist, den Weg geebnet.  Auf Bali meint Street Food das tatsächliche Vorankommen und auch einfach mal zur-Nachrungsaufnahme-Stehen-bleiben auf der Straße, wenn man Glück hat: auf dem Standstreifen.

Natürlich gibt es auch die Prunkvillen, dankenswerterweise verhältnismäßig selten einen vermeintlich europäischen Stil imitierend. Wenig griechische Säulen, wenig südfranzösische Veranden, stattdessen etwas, das der unkundige Europäer für balinesische Baukunst hält.

Sind die Götter einmal entzürnt, ist auf die Polizei als Freund und Helfer nicht zu bauen. Präsenz zeigt diese nur, wenn es darum geht, Ausländern Fantasiesummen für Fantasiedelikte abzuknöpfen. Dann schälen sie sich des Nachts aus dem Dunkel des Seitenstreifens, diese stiefeltragenden, Nelkenzigaretten rauchenden Gesetzeshüter. Zufällig belaufen sich diese Fantasiesummen immer genau auf die im Portemonnaie befindliche Summe. Davor, das persönlich zu überprüfen, scheuen sie nicht zrück. Irgendwann schlussfolgert der ausländische Motorbikebeifahrer, dass es am Besten ist, die Tagessumme vor Anbruch der Dunkelheit in Beetelnut-Cheesecake zu investieren. Wer kein Geld hat, dem kann keines genommen werden.

Leider gilt das nicht für iPhones und Kosmetikbeutel. Bei hohem Tempo rechterhand die Handtasche abgeschnitten zu bekommen, lässt einen an der Existenz irgendeiner Gottheit zweifeln. Unnötig zu erwähnen, dass die Polizei in so einem Fall nicht auffindbar ist oder erst nach Stunden, in einem weggeduckten Häuschen fern der Provinzhauptstadt. Dort sitzen sieben ernsthafte, Nelkenzigaretten rauchende Männer ehrfürchtig um ein Fernsehgerät und folgen einer Art „Bali sucht den Superstar“. Bei Eintreten der Diebstahlopfer verlassen sie geschlossen den Raum.

Offenbar vertrauen die Balinesen in gesundheitlicher Hinsicht auf den Beistand ihrer Götter, einen Mundschutz trägt kaum einer der Straßenverkehrsteilnehmer. Bedarf sehe ich da durchaus. Kurz weht einmal eine Brise frisch gewaschener Wäsche aus einer am Straßenrand gelegenen laundry. Ansonsten stinkt es, es stinkt selbst auf dem  sich sanft an der Reisterrasse entlang schlängelnden Sträßchen so, wie man sich olfaktorisch einen achtspurigen highway in Kalkutta vorstellt. Die Fingernägel werden ein bisschen seltener gekürzt, damit man den Dreck auf der Haut besser abkratzen kann.

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Es findet Dich – Gedanken zur Reiselektüre

Sagen wir es so: Ich bin viel im Kreis geschwommen. Nach zehn Runden sind die Rückenschmerzen verschwunden, nach zwanzig die trüben Gedanken, nach dreißig fragt der mit Zahnlücken geschlagene kubanische Bademeister, ob alles in Ordnung sei, dabei will er nur baggern. Natürlich hat auch er irgendwann mal zu DDR-Zeiten in Plauen gelebt und kann deswegen “guten Tag, wie geht es Dir” sagen und “Hitler”.

Ja – Nein – Vielleicht

Reisen macht den Kopf frei, Urlaub manchmal auch. Urlaub, Reisen, wo liegt der Unterschied? Über diese Frage haben sich Generationen von Interrailern den Kopf zerbrochen. Pauschalurlauber eher nicht. Beides fängt an mit der Vorfreude und der Frage “Was nehme ich zu lesen mit?” Vor der sagenhaften Balireise steht der Dussmannstapel. An einem regnerischen Märzmontag (schlechtes Wetter wirkt so kurz vor Abreise ungemein positiv aufs Gemüt) verbringe ich mehrere Stunden damit, in “Berlins größtem Kulturkaufhaus” Häufchen umzuschichten. Ja, Nein, Vielleicht, der Klassiker; wie damals auf dem Willst-Du-mit-mir-gehen-Spiralblockzettelchen und bei IKEA. Am Ende sieht die Situation aus wie folgt:

Ja: Nadine Kegele, “Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen Zu Hause”; Clemens Meyer, “Die Nacht, die Lichter”
Nein: Tom Wolfe, “Fegefeuer der Eitelkeiten”; Michel Houellebecq, “Karte und Gebiet”; Rainald Goetz, “Klage”; Rebecca Martin, “Und alle so, yeah!”
Vielleicht: Christian Kracht, “New Wave”

imageAuch wenn der Rucksack aus den sprichwörtlichen Nähten platzt, der Kracht muss dann doch mit. Dass das Buch einer Eva gewidmet ist, sehe ich erst später. Wie sich die allermeisten Entscheidungen rückblickend als die einzig richtigen erweisen –

imageWerden – Sein – Vergehen

Es gibt viele Gründe, diesen Kracht für einen der brillantesten Schriftsteller seiner Generation zu halten. Einer davon ist seine Wandlungsfähigkeit. Sein Debüt “Faserland” ist ein Pop-Roman durch und durch, alles, was man an Pop scheisse finden kann, erfüllend, ohne sich dafür zu entschuldigen. Oberflächlich, an der Grenze zum Snobismus, thematisch banal, sprachlich schlicht, abgesehen vom Schwelgen in Statussymbolen. Der Nach-Nachfolger “1979″ (“Der gelbe Bleistift” steht noch auf der to-read-Liste) dann überraschend politisch, existenziell, eine Wucht, selbst als Hörbuch auf der Autofahrt von Berlin nach Süddeutschland.
Am Reiseschriftsteller Kracht muss man sein Spiel mit den Realitäten lieben. So, wie er seine Selbstinszenierung perfektioniert (wie ein lieber Freund eindrucksvoll in seiner Abschlussarbeit belegte), wechselt er auch in seiner Prosa zwischen Wahrheit und Lüge, so beiläufig, wie er aus seinen Hermès-Slippern herausschlüpft, stelle ich mir vor.

So auch in “New Wave”, einer Sammlung Krachts in den Jahren 1999-2006 erschienenen Texten. “Gegen die Mittagsstunde Ankunft oben in der Klinik Buchinger. Früchtetag. Ein helles, freundliches Zimmer, lachsfarbene Bezüge, Doppelbett, nur eine Seite ist bezogen.” Mit dieser Beschreibung einer beginnenden Fastenkur ist ganz unironisch die Singletristesse belegt. Anderes kann nicht ernst gemeint sein oder wenigstens großzügig ausgeschmückt, die Lesereise nach St.Petersburg,  die Zugfahrt nach Tschernobyl. Die Frage, wie wahrscheinlich eine Wüstentour mit dem mongolischen Nationalgericht geröstetes Murmeltier als Ziel ist, beschäftigt uns Baliurlauber (oder sind wir Reisende?) jedenfalls ein paar träge Nachmittage lang.

Im Zweifelsfall halte auch ich es mit der Kracht’schen Reisedokumentation: lieber was dazu erfinden als ewig rumrecherchieren und darüber Erlebnisse verpassen.

Es findet Dich

In der kurzen Zeitspanne zwischen der Rückkehr von Bali und der Abreise nach Kuba passiert etwas Wunderbares. Die Arbeit am Bücherstapel ist da bereits abgeschlossen (Ja: Saša Stanišić, “Vor dem Fest”; Leif Randt, “Schimmernder Dunst über Coby County”; Karl Ove Knausgård, “Liebe”; Gertraud Klemm, “Herzmilch”; Wolf Haas, “Der Brenner und der liebe Gott”. Platz im Koffer gibt es eigentlich keinen mehr.
In einer Samstagnacht Anfang April finde ich auf dem Heimweg in der Tram “Mesopotamia”, einen Sammelband, herausgegeben von Christian Kracht, bei Amazon bereits vergriffen. Es geht darin nicht nur, aber an vielen Stellen ums Reisen. In solchen Momenten schlägt  meine latent astrologische Neigung durch, I call it Vorhersehung, und es mag albern sein, aber ja: manchmal findet es Dich.

Nicht mal amüsant und in Zukunft ohne mich

Nicht im Koffer, aber im Kopf: David Foster Wallaces grandioser Kreuzfahrt-Irrsinn “Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich”. Schon weil dieses Buch so weit oben steht auf der Liste der all-time-favourites, ist es ewiger Referenzpunkt skurriler Begebenheiten. Keinen halben Tag braucht es, bis ich die Überschrift für die reale Urlaubs- (in Abgrenzung zur Reise-)Situation im All-Inclusive-Hotel auf Kuba gefunden habe: “Nicht mal amüsant und in Zukunft ohne mich.”

Alles ist so offensichtlich klischeebeladen, dass sich ein Aufschreiben eigentlich erübrigt: sonnengeküsste Kanadier, die sich morgens um 10 ihren Kanada-Flaggen-to-go-Becher mit Cuba Libre (Verhältnis Cola – Rum 1:3) vollmachen lassen, dabei gibt es doch den ganzen Tag über alles umsonst! Bleiche Deutsche, die mit ihrem ersten Bier nicht mal bis 10 warten. Die einzige Variation des immer gleichen Tagesablaufs besteht in der Verschiedenheit der Handtuchtierchen, mit denen sich das Zimmermädchen verkünstelt.

All-inclusive heißt: Keine Lust haben, an den täglich wechselnden Kunsthandwerkständen etwas zu kaufen, große Lust haben, sich sofort nach Rückkehr all seine Tätowierungen weglasern zu lassen. Abendunterhaltung (Beach Party: “No shoes, no shame”). Leute, die wie ich rumsitzen, Kaffee statt Mojito trinken und schreiben, sollen Salsa lernen oder “un poco español.” In der Summe führt all das zu Unverständnis, Bockigkeit und manchmal zu einer so nicht gekannten bodenlosen Wut.

Ein Glücksfall, wenn man Getraud Klemm glaubt. Ihr Roman “Herzmilch” handelt von einer alleinstehenden Akademikerin, die ungewollt Mutter wird und von nun an nicht bloß mit sich als Frau, sondern ihrem Status als Alleinerziehende hadert. Sprachlich ist das oft schlicht, inhaltlich stellenweise erwartbar, vielleicht aber auch nur für jemanden, der sich schon umfassend mit feministischen Fragestellungen befasst hat. Was gefällt, ist Klemms Bejahung der Wut-Frau, dem Aufmucken gegen das System, nenn es Patriarchat, Pay-Gap, Kinderkrieg-Imperativ, wie auch immer. Während sich die Protagonistin sich diese Wut nur bedingt eingesteht, gönnt sie sie ihrer Tochter in vollem Umfang:

“Von da an lasse ich Lenchens Wut unbeschnitten, lasse sie wachsen und sich verzweigen, verholzen. Lenchens Wut darf ausreifen zu Rücksichtslosigkeit, zu Zielstrebigkeit, zu Managementqualitäten, zu intellektuellem Erregungspotential oder zu künstlerischem Genie. Wenn Lenchen in die Pubertät kommt und in den Dunstkreis der Machtlosigkeit, wird es zu spät sein, sie umzuerziehen. Dann muss sich die Gesellschaft mit ihrer Wut auseinandersetzen.”

Anders als ihre Mutter, soll Lenchen ihre Lebensenergie nicht bloß auf Schleifchen und Schlanksein verwenden, sondern nach den Sternen greifen.

“Kaum eine von uns träumt. Beim Träumen ist Vorsicht angebracht. Träumen hat etwas mit Raketen zu tun oder mit Bill Gates oder Beamen. Träumen ist inkompatibel mit Kinderkriegen. Träumchen allerdings gehen.”

Raketen angeln

Ewig scheint die beglückende Lektüre von Karen Köhlers “Wir haben Raketen geangelt” zurück zu liegen. Mit dieser Erinnerung beschließe ich, die David Foster Wallace-Vorhölle zum Roadtrip umzuschreiben. Denn was anderes ist Leben, als die eigene Geschichte zu verfassen?

Raketen angeln geht so: Ticket für den Überlandbus buchen, entgegen aller gut gemeinten Ratschläge ohne sichere Unterkunft losfahren, mit nicht viel mehr als einer Kreditkarte, zwei Lippenstiften, dem Reisetagebuch und vier Büchern in der Tasche.

Werden – Sein – Vergehen?

“Manche fangen an, sehr viel zu lesen, sobald sie labil sind, alte Texte, in denen Leute aus einer anderen Zeit von ihrer eigenen Labilität erzählen.”

Trost durch Literatur, diese Formel hat auch in Leif Randts Wohlstands-Dytopie/Utopie “Schimmernder Dunst über Coby County” Gültigkeit. Die Sache mit der ironischen Überspitzung durch übermäßige Floskelnutzung hat der Autor übergut drauf. Mit seinem Zwischenmenschlichkeitsbeziehungstohuwabohu (Paar, Affäre, Freundschaft mit Sex) trifft er den Nerv der Zeit. Amüsant ist das, wahr natürlich auch und trotzdem berührt es nur entfernt. Entweder, es soll nicht berühren oder mein Ironiemuskel ist bereits zu ausgeleiert. Dabei bin ich doch noch relativ jung!

“Überhaupt ist sehr vieles möglich und überhaupt bin ich noch relativ jung. Aber das sind Gedanken, die sich immer einstellen, wenn ich anfange, betrunken zu sein. Vorübergehend kommt mir die Welt dann komplex und magisch vor.”

Irony is over

Den – vermeintlich – entgegengesetzten Weg geht “Mesopotamia”. Ironie des Schicksals war ja bereits der Fund in der Tram. “Irony is over”, verkündet auf dem Buchtücken Niklas Maak von der Süddeutschen Zeitung, “Subversion is over” Georg M. Oswald in der Taz und “Irony definitely is not over” Oliver Georgi von Literaturkritik.de. Solcherlei Spielerei liebe ich sehr.

Unterteilt in die Sektionen “Werden – Sein – Vergehen” gehen siebzehn Autoren der Frage nach dem Jetzt in der deutschen Literatur nach.  Irgendwie wollen sie alle weg, Benjamin von Stuckrad Barres namenloser Ich-Erzähler wie Elke Natters frustrierte Cliquenurlauberin, Moritz von Uslars Skihaserl genauso wie Eckhart Nickels Journalist auf Maltaurlaub.

“Also buchte ich den Flug. Ich hatte ohnedies keinen Plan für die nächste Zeit, und die Reise versprach eine mögliche Abwechslung, die mir helfen konnte, den allgemeinen Zustand der Verwirrung, in dem ich mich befand, zu durchdringen. Viel zu lange schon hatte ich vergeblich versucht, seiner Herr zu werden.”

Von Stuckrad-Barre beginnt mit dem herrlichen Satz “Das Geld war aus und ich musste mir Arbeit suchen.” Am Ende seiner Erzählung “Saisonarbeiter” würde das Geld für eine Fernreise – der Unterschied zum Urlaub wird auch hier explizit thematisiert – reichen, wird möglicherweise aber in Bier am heimischen Baggersee investiert. Bei Carl von Siemens wird es grundsätzlicher:

“Serendipity – the faculty of making happy or unexpected discoveries by accident.”

Serendipity ist, was Reisen vom Urlaub unterscheidet. Viele Begegnungen führen zu nichts, andere zu den inspirierendsten Gesprächen des Jahres. Daran werde ich auf meinem Havanna-Trip erinnert. Bei frisch gemahlenem, kubanischem Kaffee (wenn nicht gerade die Maschine ausfällt) spinnen sich Theorien über weiße und schwarze Mitarbeiterkarten, weiße Leinwände, statt schwarzer Löcher, das Marmeladenproblem. “Freiheit ist anstrengend”, aber auch ein Geschenk. Danke dafür.

In solchen Momenten ist man erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit Mark Zuckerberg gegenüber, der aus flüchtigen Begegnungen haltbare Bande knüpft. Die Schattenseiten dieser Bande sind ja zu Genüge bekannt:

“Ein einziges Inszenieren von Fröhlichkeit und guter Laune, die bei jeder Gelegenheit festgehalten und dokumentiert wird, mit allen zur Verfügung stehenden Apparaten. Von jedem Foto werden vierhundert Abzüge gemacht, aus hundert Fotos werden vierhundert, die alle gutgelaunte junge Menschen zeigen, die die beste Zeit ihres Lebens haben. Diese Fotos haben den einzigen Zweck, den Zuhausegebliebenen zu zeigen, was für einen großartigen Spaß sie hatten und was sie, die Zuhausegebliebenen, damit verpasst haben.”

Elke Naters Kurzgeschichte “Mau Mau” entstand in der Prä-Facebook-Ära. Was die Autorin bereits vor 2000 als lächerliche Inszenierung durchschaute, hat heute natürlich ganz andere Ausmaße angenommen. Gerne würde ich sagen “steh ich drüber”, aber gerade die Zeit in Havanna ohne Internet ist eine existenzielle Erfahrung. Schockierend, welche physischen Prozesse nach einer derart langen Netzabstzinenz ablaufen: rauschhafte Extase, ähnlich, wie man sich den ersten Schuss nach einem Heroinentzug vorzustellen hat.

Wie ungetrübt heiter ist dagegen Moritz von Uslars Kurzgeschichte “Davos”, die ich beim letzten Drink des Tages – einem Negroni, der keiner war, aber unter größten Mühen zubereitet und aufs Herzlichste serviert wurde – auf einer Piazza sitzend lese.

“Ich versuche, mich festzuhalten an diesem Anflug von Freundlichkeit, der den Graus der letzten Jahre – Arbeit, Arbeit und Kettenrauchen bei der Arbeit – wegblasen soll wie der Wind das Weiß auf dem Zweitausendfünfhunderter Jakobshorn. Jetzt runterschalten. Festhalten! Auf Teufel komm raus: die Entspannung. Dann geschieht es: absolut nichts mehr. Die Kur, das Wohlgefühl, meine Erholung klopfen an, wünschen guten Abend: Welcome!”

Was gibt es Schöneres, als in der Öffentlichkeit laut über Literatur zu lachen? Das denkt sich wohl auch die Vierergruppe am Nebentisch, drei ältere, südeuropäischen Herren im Maßanzug und eine junge Einheimische auf Killerheels. Auf ihre Frage “What are you reading, Miss?” bleibt wenig mehr zu sagen als “German short stories”.

Krise immer Chance

Genauso lustig sind österreichische Krimis, wenn sie Wolf Haase geschrieben hat. Dass ich den nicht schon viel früher entdeckt hab, beziehungsweise mich seine Bücher gefunden, kann ich mir rückblickend nicht erklären. Schon der Ösiliebe wegen und dem Wortwitz und dem Schrulligkeitssammeltrieb. Da spielt es gar keine Rolle, dass man Krimis als gebildeter Mensch trivial finden muss (das wird man ja wohl schreiben dürfen, das sagt sogar der Autor selbst). Glücklicherweise verbergen ja die Österreicher im Allgemeinen und die Wiener im Besonderen hinter ihrer missmutigen Fassade eine Heiterkeit, lauert hinter dem Morbiden ein affirmativer Fatalismus, nach dem Motto “das Leben ist eine Zumutung, aber eine gute.” Trifft sich gut, dass sich der Kommissar Brenner im siebten Band der Serie auch in einer Scheisslage befindet.

“Jetzt musst du wissen, Krise immer Chance! Und bevor dir der Brenner zu sehr leidtut, wie er da ohne Auto und ohne Job und ohne Schirm und ohne Plan und nur mit seiner billigen Reisetasche und dem lästigen Hirnwurm “Zone der Durchsichtigkeit” im Regen steht, muss ich dir eines sagen. Wenn es nicht geregnet hätte, wenn der Brenner nicht so deprimiert durch den Regen spaziert  wäre, als hätte er noch nie was von einer Straßenbahn, von einer U-Bahn, von einem Taxi gehört, wäre es ihm vielleicht gar nicht aufgefallen.”

Weil Du musst wissen, auch ohne Regen Depression möglich. Was gleich auffällt, und zwar positiv, ist die Perspektive. Haas lässt einen sogenannten allwissenden Erzähler erzählen, der so allwissend gar nicht ist, eher geschwätzig und manchmal sogar Falschaussagen und Grammatikfehler macht.

Fähen könnten eine Rolle spielen

Eine ähnlich geniale Erzählhaltung wählt Saša Stanišić. Im vorläufigen Glauben, es handele sich bei “Vor dem Fest” nur um eine super erzählte Norddeutschland-Dorf-Geschichte, ähnlich heiter im Tonfall wie Moritz von Uslars “Deutschboden”, staunte ich über die sich allmählich entfaltende Jahrhunderte alte Dorfchronik, meisterhaft mit der Gegenwart ver-zeit-zahnt. All das so leichtfüßig erzählt LINK aus Sicht des Dorfs Fürstenfelde als auktorialem Kollektiv-Erzähler (“Wir sind argwöhnisch. Seit drei Wochen lungert ein junger Mann spät nachts bei uns herum bis zum Morgengrauen”), so lebensfroh und voller Sympathie für seine Figuren, dass ich zur Abwechslung mal Tränen lache, anstatt sie zu weinen (oh, es ist eine turbulente Zeit). Serendipity: Eine Nebenfigur in “Vor dem Fest” ist eine Fähe, ein weiblicher Fuchs, eine Füchsin.

“Vor ihrer Schnauze schwebt ein Regentropfen. Tropfen tun das nicht. Tun nicht nichts. Er müsste weiterfallen, aber etwas hindert ihn. Die Fähe weiß, sie muss weiter, aber etwas hindert sie. Etwas hindert die Welt. – Der lange eiserne Schlag verstummt. Um die Fähe wird es so still, dass sie die Stille schmeckt. Wenn alles still ist, schmeckt die Stille wie alles auf einmal.”

Das hab ich auf Kuba gelernt: Le lobo = der Fuchs. In spanischsprachigen Ländern kennen Sie den Unterschied zu einem Wolf viel besser.

Tiere fahren keine mit auf der Überlandsbusfahrt zurück zum Hotel, alles andere scheint möglich. Der Großteil des kubanischen Straßennetzes ist so schmal, schlaglochübersät und menschenfeindlich wie der Feldweg von Straßberg nach Albstadt-Ebingen. Alle zwei Stunden macht man für eine halbe Stunde Pause, wenn nicht am Viazul-Terminal, so bevorzugt in strukturschwachen Gegenden, um die Lokalwirtschaft in Form von Marktständen anzukurbeln. Zu kaufen gibt es Pan con tortilla, kubanischen Kaffee, seltsam unaromatisches Obst und Erdnussriegel, worüber ich angesichts meines trostlosen Proviants sehr froh bin – zumal sich selbst die arme Kirchenmaus, die ich auf dieser Fahrt bin (schwäbisch-untypisch schlecht kalkuliert) noch etwas leisten kann.
Bis etwa zur Hälfte der Strecke sitzt ein gelbzähniger Kubaner neben mir, von dem ein, sagen wir mal, männlicher Geruch ausgeht. Er schläft praktisch die ganze Zeit, das heißt, nickt weg, wobei sich sein Kopf in einem immer schärferen Winkel zu meiner Schulter neigt. Gleichzeitig sehnt sich mein Vordermann offenbar auch nach Ruhe, weswegen er seinen Sitz bis zum Anschlag nach hinten kippt, und das ist weitaus mehr, als ein deutscher Reisebushersteller tolerieren würde. Nur einmal ist mein Nebensitzer wirklich anwesend, dann nämlich, als sein Telefon – und ausnahmsweise ist diese Bezeichnung angebracht – ein bizarres Sirenengeheul anstimmt, wie es sonst nur auf den richtig schlechten Technoparties oder den richtig gut ironisch gemeinten zu finden ist.

Vergehen – Werden – Sein

Am letzten Tag auf Foster-Wallace’ unfreiwilligen Spuren will ich wie jeden Morgen Kreise ziehen, als mich der mit Zahnlücken geschlagene Bademeister darauf hinweist, dies sei jetzt nicht möglich, Poolreinigung oder ein ähnlicher Quatsch. Nach drei Wochen morgendlichem Im-Kreis-Schwimmen habe ich gerade als Deutsche diese Routine voll verinnerlicht, eine Abweichung ist unmöglich, wo kommen wir denn da hin usw. usf. Erst ein paar Schrecksekunden später kommt mir die Idee, stattdessen im Meer schwimmen zu gehen.

Gedacht, getan. So früh ist kaum jemand am Strand. Keine Wellen stören die gleichförmigen Züge. Ich schwimme nicht wie die vergangenen zwanzig Tage, vierhundertachtzig Stunden, achtundzwanzigtausendachtundert Minuten im Kreis, sondern nach vorne, in einer einzigen Gerade, der Sonne entgegen.

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Mit schönen Bühnenbildern schöne Sachen machen

Es gibt wohl kaum ein Stück Weltliteratur, das so oft auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wurde wie William Shakespeares „Romeo und Julia.“ Herausgekommen ist ein kulturübergreifender Code, der für die eine große, leider aussichtslose Liebe steht. Als jüngerer Zuschauer hat man immer die Verfilmung von Buz Luhrmann vor Augen, die Aquariumsszene (Engel und Ritter!), die Hawaiihemden, die Rosenkranz-Schwülstigkeit. Dass es Jette Steckels am Thalia Theater Hamburg gezeigten Inszenierung gelingt, dieser cineastischen Referenz nicht weniger berührende Bilder entgegen zu setzen, beweist schon die Eingangsszene. Wo Luhrmann die Blicke durchs Aquarium schickt, tanzen hier vierzig irre maskierte Cumbia-Tänzer um das junge Paar herum. Plötzlich bricht die Musik ab, die Zeit bleibt stehen.

Zeit hin oder her – auch rund vierhundert Jahre nach ihrer Entstehung ist der eigentliche Wahnsinn der Vorlage noch immer das Alter ihrer Protagonisten: Julia ist noch keine vierzehn Jahre alt, Romeo nur unwesentlich älter. Heute wäre Julia wohl genau jenes Youtube-Girl, als das Birte Schnöink sie gibt. Verschleierter Blick, da schon zu viel gesehen, hin- und hergerissen zwischen Autismus – „Wer stört mein Selbstgespräch?“ – Abgeklärtheit und echtem Begehren. Disney hat auch ihr ein unrealistisches Bild von Liebe vermittelt, schon klar, aber insgeheim wartet sie trotzdem auf den berittenen Prinzen. Zu Beginn könnte der Gegensatz zu Romeo kaum größer sein: sie, ein tapsender, zu Boden fallender Welpe, er einer der stilvoll am Leben leidet. Mirko Kreibich zeigt einen überambitionierten, bei seinem ersten Auftritt erst mal gegen die Wand rennenden Hitzkopf, bisschen drüber, aber auf die charmante Art, so wie damals Robert Stadlober in „Engel und Joe“, dessen Narrativ gar nicht so weit vom Shakespeare-Stoff entfernt ist. Sein Romeo ist einer jener mittlerweile auserzählten Schmerzensmänner ohne Angst vor Gefühlen. Eigentlich der Traum jeder Frau – für Julia, die ihr Begehren nur ex negativo erfährt, das Gegenteil. Erst ruft sie ihn zu sich, dann vergisst sie, warum, worauf Romeo mit Engelsgeduld antwortet: „Und ich stehe ewig. Und Du vergisst ewig. Und ich vergesse, dass da noch eine Welt ist.“

Dass auch wir Zuschauer vergessen, dass da noch eine Welt außerhalb des Theatersaals ist, liegt an den bis ins Detail grandios arrangierten Inszenierungselementen. Die Übersetzung kommt von Frank P. Steckel, dem Vater der Regisseurin. Behutsam hält sie die Balance zwischen Update und Respekt vor dem Original. Über Pauline Hüners Kostüme: Bei Julia kommt dezente Haarkreide zum Einsatz (und anders als viele sieht sie damit nicht wie „My little Pony“ aus). Als sie Romeo kennenlernt, trägt sie ein Kleid mit einem stilisierten Schwan um den Hals – ganz ähnlich dem Modell, mit dem die Sängerin Björk 2001 bei der Oscarverleihung schockte, bloß in schwarz. Am Ende tauscht sie ihre Lederleggins gegen eine Robe, in der jede mit Stilempfinden gesegnete Frau heiraten will (dazu später mehr).

Die eigentliche Sensation ist das Bühnenbild. Florian Lösche hängt einen mehrlagigen, aus hunderten von Glühbirnen bestehenden Lichtervorhang an die Decke. Wer daran stirbt oder es wie Romeo durch Strangulieren versucht, stirbt in Schönheit. Unter dem Vorhang steht ein Flügel. Von dort haucht Anja Plaschg, aka Soap & Skin zarte Hymnen in alle Richtungen. Bekannt ist sie als die Frau, die das Gefühl von kalten Händen, die sich an einer warmen Tasse wärmen, in Noten fasst. In deren schwersten Momenten steht sie Julia bei, weil man zusammen weniger allein ist. Anton Spielmann wiederum, Sänger der Hamburger Diskursmaschinerie 1000 Robota, sorgt für kurze heitere Gitarrenmomente und Zeilen wie dieser: „Wirst Du zur Statur / stell ich Dich in den Flur.“

Abgesehen vom Titelpaar glänzt es auch schauspielerisch bis in die Nebenrollen. Lady Capulet (Oda Thormeyer), zu tief dekolletiert zwischen Uppern und Downern changierend, eine von Rum und R-rotik beflügelte Amme (Karin Neuhäuser), mit der man Lust hat, um die Häuser zu ziehen, und ein Priester (Stephan Bissmeier), der gerne was von seiner „heilsamen Arznei“ abgibt,  zum gemeinsamen einen durchziehen. Dann wäre da noch Julian Greis als Mercutio, ein derber Wiedergänger des Krawallbruders, als den ihn Shakespeare angelegt hat. Angefangen vom orangestichigen, zum Hipsterdutt gebundenen Haar, über das Unterhemd mit Kätzchenaufdruck, bis hin zu seinen Poetry-Slam-Qualitäten („Immer schön ruhig Romeo, sonst reit ich auf Dir Rodeo“) eine Wucht. Die Szene, in der er den Drogentrip verbalisiert, den Benvolio (Pascal Houdus) an seiner Seite performativ durchlebt, das ist schon ganz großes Kino – womit wir wieder bei Luhrmann wären.

In dessen Verfilmung stirbt das Paar im Kerzenschein, Romeo durch das Gift des Paters, Julia durch eine Handfeuerwaffe kleinen Kalibers. Bei Steckel haucht Julia ihr Leben Flöte spielend auf dem Flügel aus – vorläufig, wie der Shakespeare-Kenner weiß, durch einen Trank, der sie achtundvierzig Stunden wie tot wirken lässt. Sie trägt das eingangs beschriebene Kleid, mit einem beleuchteten Reifrock und dem Schriftzug Omnes vulnerant ultima necat – „Alle Stunden verwunden, die letzte tötet.“ Diese Inschrift findet man auf vielen Sonnenuhren, wie der Wikipedia-Kenner weiß, und was anderes sind die Glühbirnen um Julia herum als tausend kleine Sonnen? Als Julia aufwacht mit dem toten Romeo an ihrer Seite, klettert sie eine Strickleiter empor. Kurz wird es dunkel, dann steht der Lichtervorhang in Flammen. Julia fällt aufs Klavier. Ein Knall. Licht aus. Ein Ende wie es lange keines gab im Theater.

Ach ja, der Stream: anstatt im Thalia Theater habe ich mir die Aufführung zuhause am Computer angeschaut. Es wird ja viel diskutiert über solcherart Theatererlebnis – warum nicht, sage ich mir, vom Bett aus lässt es sich genauso gut über die großen Fragen sinnieren wie im Theatersessel. Mit dem Unterschied, dass man wahrscheinlich noch nie so viel von der Darstellermimik mitbekommen hat, jedenfalls nicht auf den billigen Plätzen. Zum Zeitpunkt des Streams litt ich an einer Erkältung und ach, ich litt sehr. Beim Anschauen wurden alle Zimperlein auf einmal ganz klein. Furcht und Mitleid funktioniert also auch auf dem Computerbildschirm. So entfiel immerhin eines von dreihundert verbrauchten Taschentüchern auf die immer noch berührende, immer noch existenziell das Menschsein behandelnde Geschichte von Julia und ihrem Romeo. Für etwas, das so oft auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wurde, ist das, finde ich, allerhand.

Diese Kritik entstand auf Einladung des Thalia Theaters Hamburg zum “Theatercamp Light” im Rahmen der Social Media Week Hamburg.

Mit der Grünen Woche korrespondiert. Vom Glauben abgefallen

Es fing schon problematisch an. Die erste Hürde auf dem Weg zur Internationalen Grünen Woche war der Presseausweis, den ich nicht hatte. Viele freie Journalisten haben einen, manche nicht. Bisher war das nirgendwo ein Problem, im Gegenteil, je vermeintlich wichtiger die Veranstaltung, desto lascher die Kontrolle. Kürzlich stieß ich bei der Fashion Week auf einen völlig aufgelösten PR-Agentur-Mitarbeiter, dessen Hände so sehr zitterten, dass er nicht in der Lage war, die Gästeliste umzublättern. Anstatt die Wartenden nach Hause zu schicken, ließ er sie ein mit einer angedeuteten Wink-Geste und den Worten “Ihr werdet schon drauf stehen.”

Mit dem Coolness-Faktor der Fashion Week kann es die Grüne Woche nur bedingt aufnehmen; übetriebene Vorkehrungen wären sicher nicht notwendig, dachte ich mir.  Nichtsdestotrotz startete ich frühzeitig den Versuch einer Onlineakkreditierung, das macht man heutzutage so. Weil ich keinen Presseausweis zum Hochladen hatte, verweigerte das System die Anmeldung. In dieser Stunde der Not wendete ich mich per Email an den für Presseangelegenheiten zuständigen Herr H. Einige Tage später erreichte mich eine standardisierte Antwort mit einer gut zehn Punkte umfassenden Liste der Nachweise, die ich statt des Presseausweises doch bitte nachreichen möge, um meine Existenz als Journalistin und als Mensch zu verifizieren. Darunter ein Schreiben meines Arbeitgebers mit offiziellem Briefkopf. Das kam mir latent übertrieben vor. Was tun? Ich pickte mit die weniger umständlichen Punkte aus der Liste, schickte ein pdf-Paket mit Arbeitsproben (das macht man heutzutage so) und die meisten anderen Nachweise. Dann passierte erst einmal nichts.

Viele Tage später antwortete Herr H., diesmal immerhin in einer persönlichen Mail, dass meine Existenzbeweise nicht ausreichten. Besonders stark pochte er auf die Bestätigung meines Arbeitgebers, am besten von so weit oben wie möglich. Ich glaube im Allgemeinen, dass die Menschen, je weiter “oben” sie sich befinden, andere Dinge zu tun haben, und im Besonderen, dass dies auch auf Herrn Döpfner zutrifft, also bat ich meine direkte Vorgesetzte um eine Bestätigung meiner journalistischen Existenz. Herr H. reagierte zügig und harsch; das reiche nicht. Meine direkte Vorgesetzte geriet daraufhin leicht in Aufruhr und verwechselte Herr H.’s Vor- mit seinem Nachnamen. Möglicherweise bedeutete das für meine Akkreditierung den Todesstoß. Von nun an schwieg Herr H.

Optimistisch gestimmt, machte ich mich ohne Akkreditierung auf zur Grünen Woche – die Erfahrung zeigt, dass man oft mit den Leuten nur reden muss. Am Presseschalter saß eine junge Frau mit osteuropäischem Akzent, der es minimal an Souveränität mangelte. Ich schilderte ihr mein Anliegen. Sie schüttelte den Kopf hinter dem dicken und gewiss schusssicheren Sicherheitsglas; wenn Herr H. seinen Segen nicht erteilt habe, sei da leider gar nichts zu machen. An dieser Stelle muss man vielleicht sagen, dass die Akkreditierung keinerlei Konsequenzen respektive Vorteile nach sich gezogen hätte, außer dem Wegfall des Ticketpreises von 13 Euro. Aufwand und Ergebnis stehen also in keinem Verhältnis. Jetzt allerdings war mein Ehrgeiz geweckt. Ich holte weit aus, rhetorisch und gestisch, und ließ mehrmals das Wort “aus Prinzip” fallen, versehen mit Sticheleien in Richtung eines Pressesystems einer Veranstaltung weltweiten Renommees. Die Frau hinter dem Sicherheitsglas bot an, Herr H. anzurufen. Mittlerweile hatte sich eine kleine Schlange hinter mir gebildet.

Während die Frau auf Durchstellung wartete, ließ ich den Blick über die furchtbar anachronistisch anmutende Eingangshalle schweifen. Schauplatz der Grünen Woche ist die Messe ICC. Spätestens hier findet die Vorstellung von Berlin als pulsierender Metropole ihr vorzeitiges Ende. Kein Wunder, dass hier Theaterprojekte stattfinden – man fühlt sich wie in einer Kulisse, einer ausgesprochen hässlichen. Den Architekten schwebte möglicherweise die Sowjet-Architektur vor; was wiederum zu den überzogenen Sicherheitsvorkehrungen passt, die hier getroffen wurden.

In der Zwischenzeit hatte sich Herr H. offenbar erbarmt, ans Telefon zu gehen. Während sie sprach, drehte sich die Frau hinter dem Sicherheitsglas von mir weg, als fürchtete sie um Enttarnung. Die Schlange hinter mir wurde immer länger. Je offensichtlicher mein Scheitern sich abzeichnete, desto kühner wurde ich, ähnlich einem Kapitän, der sich trotz herannahendem Sturm noch eine Pfeife anzündet. Hätte uns keine mehrere Zentimeter dicke Scheibe getrennt, nicht ausgeschlossen, dass ich der Frau den Hörer aus der Hand gerissen hätte, um endlich einmal selbst mit dieser mystischen Person am anderen Ende der Leitung zu kommunizieren. Bevor jedoch etwas wirklich Gravierendes passierte, beendete die Frau das Telefonat – wahrscheinlicher ist, dass es beendet wurde – und drehte den Oberkörper in meine Richtung mit den Worten: “Es tut mir sehr Leid, ich kann Sie nicht akkreditieren. Herr H. sagt, Ihre Arbeitsproben sind zu alt.”

Das stimmte nicht. Widerstand war allerdings zwecklos. Ein letztes Mal bäumte ich mich auf, verbal und gestisch, mit der Ankündigung, Herr H. eine wütende Email zu schreiben, in der ich ihm mitteilen würde, was ich von einem Pressesystem hielt, das sich offenbar an den 1970er Jahren, jedenfalls einer Zeit vor dem Internet orientierte, und überhaupt von der sogenannten Internationalen Grünen Woche, die in ihrer Provinzialität jeden Traktorwettbewerb in Hintertupfingen toppte, als mir der Herr hinter mir in der Reihe auf die Schulter tippte: “Schreiben Sie ihm doch einen Brief.”

Das habe ich nicht getan. Was ich allerdings aufgeschrieben habe, sind die ganz und gar unglaublichen Ereignisse, die mir auf der Grünen Woche – die ich dann zum Eintrittspreis von 9 statt 13 Euro besucht habe, denn es war Happy Hour – widerfahren sind. Und zwar hier.