Kann denn Frausein Sünde sein?

Ein kleines, feines Buch, das mir sehr am Herzen liegt: Für Zeit Online habe ich Connie Palmens “Sünde der Frau” besprochen, in dem die Autorin die beängstigende These vertritt, dass weibliche Genies von unserer patriarchalen Gesellschaft zur Selbstzerstörung genötigt werden. Man kann nur hoffen, dass Palmen irrt. Und nicht oft genug dagegen anschreiben.

Fuck you, dann spiele ich Onkel Wanja eben mit Tränen in den Augen

Was macht man, wenn das Publikum an allem, was man tut, etwas auszusetzen hat? Auch und hauptsächlich, weil ihm nicht-heteronormative Körperbilder nicht gefallen? Und Akzente, die nicht nach AfD-Deutsch klingen? Man denkt Fuck you, richtet sein Krönchen und geht weiter seinen eigenen Weg. Dieser Weg hat Benny Claessen an viele große Theater geführt, er arbeitet mit den wichtigsten Regisseuren der Gegenwart zusammen. Beim diesjährigen Theatertreffen ist er zum dritten Mal dabei, mit einer unglaublichen, unglaublich überdrehten und mit dreieinhalb Stunden nicht einer Schnappatmung zu kurzen Inszenierung von Elfriede Jelineks “Am Königsweg”.

Für die Jubiläumsausgabe des Theatertreffenblogs habe ich den Schauspieler mit der beeindruckenden Mischung aus Verletzlichkeit und Don’t give a shit-Attitüde auf einen Cappuccino im Kreuzberger Café Südblock getroffen. Es ging um jemenitische Girlbands, missglückte Tätowierungen und einen Bruder, der Lieder über weibliche Hintern singt.

Fleckenfreies Kunstblut

Letztes Jahr hatte ich das Glück, an den Münchner Kammerspielen einen ganz und gar ungewöhnlichen “Hamlet” zu sehen. Wir saßen in der zweiten Reihe – oder war es die erste? – also nicht weit genug hinten, um vom Kunstblut verschont zu bleiben. Und ja, es fließt, tropft und spritzt viel Kunstblut in dieser Inszenierung, die Süddeutsche Zeitung spricht von 240 Litern. Nach dem Stück kamen wir mit einer Bühnenmitarbeiterin ins Gespräch – oder war es die Requisiteurin Dagmar Dudzinski persönlich? – die mit ein bisschen Wasser sämtliche Flecke aus unserer Kleidung entfernte. Ich fand ja, dass das Kunstblut nach Lebkuchen roch, tatsächlich basiert das Spezialrezept auf Roter Bete. Anlässlich des Berliner Theatertreffens durfte ich nun den Regisseur der “Hamlet”-Inszenierung für die Welt porträtieren. Bei der Vorabrecherche bin ich auf einen meiner eigenen Texte gestoßen, in dem eine frühere Inszenierung von Christopher Rüping nicht ganz so gut wegkommt. Seine “Trommeln in der Nacht” hingegen mochte ich wieder. So ist das bei einem Künstler, der sich für jede Arbeit neu erfindet.

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Rote-Bete-Massaker: die Bühne der Münchner Kammerspiele nach Christopher Rüpings “Hamlet”-Inszenierung

Theater, das die Welt braucht

Auch dieses Jahr versammelt das Berliner Theatertreffen die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen. Eine davon kenne ich bereits von meiner Nachtkritik aus Wien; sie gehört zu meinen absoluten Favoriten des Jahres 2017. Für die Berliner Zeitung habe ich noch mal aufgeschrieben warum:

Ist die Welt krank, oder bin ich es? Kaum einer kann diese Frage besser bespielen als Joachim Meyerhoff. Aufgewachsen in der elterlichen Psychiatrie, hat er diese Erfahrung in autobiografischen Büchern verarbeitet. Hier verkörpert er den Autor Thomas Melle, der diesem tragischen Zwiespalt ausgesetzt ist. Melle ist bipolar, sein Leben pendelt zwischen Kopf-in-den-Wolken und Kopf-in-der-Schlinge. Drei Stunden lang spielt sich Meyerhoff, der zu den im positiven Sinn verhaltensauffälligsten Schauspielern der Gegenwart zählt, in Jan Bosses Inszenierung selbst an die Wand, den Pingpongtisch, das Ariadnelabyrinth. Die Welt ist krank, und Hoffnung lauert überall, wo so Theater gemacht wird.

Schade, dass der Tod so kurz kommt

Ferdinand Schmalz gehört für mich zu den spannendsten Autoren des zeitgenössischen Theaters. Sein Siegertext beim Bachmann-Wettbewerb hat mich theoretisch und praktisch umgehauen. Jetzt hat der Grazer für das Burgtheater eine neue Version des Jedermann geschrieben. Leider ist  Stefan Bachmanns Inszenierung von Jedermann (stirbt), über die ich für die Welt berichtet habe, sehr, sehr, sehr offensichtlich geldgeil und fehlt der morbide Charme der Vorlage fast komplett. Was soll’s: Jedermann ist mal nicht in Hochform.

Die geistige Leere schwarzer Löcher

Am Anfang von Yael Ronens neustem Stück “A Walk on the Dark Side” steht der Monolog eines Astrophysikers über Sternenstaub und Planksche Sekunden, dem natürlich niemand folgen kann. “Seid ihr auch alle ausgestiegen?”, fragt daraufhin dessen Bruder, seines Zeichens ebenfalls Wissenschaftler und TED-Talk-Redner. Das kann ja heiter werden, dachte ich mir. Wurde es nur bedingt. Eher hatten wir es mit einem Well made Play zu tun, das einen ähnlich kalt lässt, wie die unendlichen Weiten des Universums. Warum, habe ich bei Deutschlandfunk Kultur erklärt.

Ein bisschen Bitch muss sein

Viele Kunstwerke werden derzeit auf Spuren des Patriarchats abgeklopft. Die DDR-Ikone Christa Wolf war Avantgarde. Ihr Roman “Medea. Stimmen” erschien bereits 1996. Am Deutschen Theater hat Tilmann Köhler (ein Mann!) den Stoff inszeniert, mit einer soliden, etwas eindimensionalen Medea und einigen spannenden Nebenfiguren. Auch Männern! Warum es ohne die nicht geht und auch nicht ohne eine Prise Bitch, habe ich für Nachtkritik aufgeschrieben.

Saigon Kiss

Eigentlich wollte ich mich nicht noch mal tätowieren lassen. Dann kam der Vietnamurlaub und unsere tolle Idee, diesen wenigstens teilweise mit dem Motorroller zu bestreiten. Das hab ich jetzt davon: Eine Brandnarbe an der linken Wade. Die Einheimischen sprechen von Saigon Kiss. Wie es dazu kam, habe ich für die Welt am Sonntag aufgeschrieben.

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In den Keller gekehrt

Klassiker: Ulrich Seidls Im Keller. Austrophile wie ich wissen, dass es wirklich so ist mit den Österreichern und ihrer Tendenz, Dinge unter den Teppich zu sperren oder in den Keller zu kehren. Yael Ronen stammt aus Israel, hat aber österreichischen Wurzeln. Am Wiener Volkstheater inszenierte sie Gutmenschen, ein Stück, das nach dem „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Prinzip“ funktioniert. In weiten Teilen sehr gut, wie ich in der Welt befand. Weil es dort, wo es weh tut, oft sehr lustig ist.

Daddy Issues

Mareike Nieberding ist Journalistin, Aktivistin und Tochter. Über letzteres hat sie ein Buch geschrieben. „Ach, Papa“ umkreist das Verhältnis zu jemandem, der einem über die Jahre fremdgeworden ist. Das Vater-Tochter-Verhältnis ist ein Lieblingsthema der Psychologie, Stichwort Vaterkomplex oder, etwas heutiger ausgedrückt, Daddy Issues. Für den Fluter habe ich mit der Dreißigjährigen geskypt. Gerade ist sie mit ihrem Freund, der ebenfalls Journalist ist, von Hamburg nach München gezogen. Was ihr dort am besten gefällt: “Eataly. Da haben wir vergangenes Wochenende ein Vermögen ausgegeben.”