Kochen kann ich besser als anbraten

Den letzten Sommer habe ich an vielen Orten verbracht. Einer davon war Millstatt am See. Umgeben von Kärntner Bergen und Bergen von Kärtner Kasnudeln habe ich zwei Wochen in der Villa Verdin gekocht, gebacken und geschnippelt. Wie sich das Leben als Küchensklave anfühlt, steht in der Zeit Ausgabe 45/2016 und hier.

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Aw: samstag ist selbstmord

M.,

erklär mir das doch noch mal mit den Männern. Was genau treibt sie samstags in den Baumarkt? Frauen, also T. und mich, die Flügeltür zwischen unseren Zimmern, die keinen Raum für Zweideutigkeiten lässt. Um nicht allzu detailliert in die Existenz der jeweils anderen eingeweiht zu werden, kleidete meine Vormieterin die Tür mit schallisolierender Dämmwolle aus. Fairerweise muss gesagt werden, dass ich es war, die jene an einem lieblichen Frühsommertag im Hof entsorgte und zwar auf recht asoziale Weise – brachial in den Spalt zwischen Restmülltonne und Wand gequetscht – anstatt sie ordnungsgemäß dem Sondermüll zuzuführen. Das passt nicht zu meinem neuem, regelkonformen Ich. Habe ich Dir erzählt, dass ich in Wiener Supermärkten Waren an ihren Platz zurückbringe, selbst die ungekühlten? Dass ich dieses Bollwerk des Wg-Friedens überhaupt entsorgte, hat drei Gründe: Erstens quoll sie so hässlich zwischen dem Bücherregal hervor (wusstest Du, dass Ordnung bei mir ein physisches Wohlbefinden erzeugt?). Zweitens lese ich keine D.I.Y.-Blogs. Drittens vermutete ich darin das Mottennest. Erlaube mir, kurz zu jammern: Wenig bringt mein sanftes Wesen aktuell so sehr in Wallung wie die Tineola bisselliella. Manch einer behauptet, ich bildete mir all das nur ein. Die Theorie, es handele sich hierbei um eine zeitgemäße Form weiblicher Hysterie, ist so haarsträubend, dass sie von Dir sein könnte. Whatever: Ohne Dämmwolle sah das Zimmer gleich viel besser aus. Blöd nur, dass jetzt selbst der Flügelschlag einer Motte im Nebenraum zu hören war. Ein kurzer Besuch im Baumarkt, dachten wir, würde dieses Problem aus der Welt schaffen. Irrtum Nummer eins.

Samstag mittag also zu OBI, OMG. Spaßfaktor von 1 bis 10: -2. Ich hasse es, mein eigenes Klischee zu sein, aber ja: Als jemand, der kaum einen Nagel in die Wand gehauen bekommt, triggert ein Baumarkt meine Hilflosigkeit so zuverlässig wie das faltenfreie Zusammenfalten einer Landkarte. Nachdem uns unsere Grobmotorik gleich durch mehrere Mitarbeiter bestätigt wurde, entschlossen T. und ich uns, statt der hässlichen Dämmwolle auf eine minimalistische Styroporplatte zu setzen, die mit ihrer Anspielung auf den kaputten Glamour New Yorks in den Siebzigern möglicherweise das Zimmer sogar aufwerten würde (manche Menschen schlafen freiwillig auf Holzpaletten). Und das zum selben Preis, mit lediglich einem minimal höheren Anteil an Eigeninitiative. Irrtum Nummer 2.

Wir ließen uns also in der Showküchen-artig nach vorne hin offenen Schreinerei eine Spanplatte „zurechtsägen“ und informierten uns derweil bei Google Maps über die kürzeste Strecke nach Hause. Toll, nur zwanzig Minuten Fußweg! Während wir warteten, umringten uns Männer, die mit aufrichtigem Interesse dem Vorgang des Holzzerkleinerns zusahen wie ich Köchen beim Sautieren von Kräuterseitlingen. Derweil fiel mir eine Stellenausschreibung ins Auge: „Samstagsaushilfe für den Zuschnittservice gesucht! Sie haben Freude im Umgang mit Menschen? Sind belastbar und teamfähig? Dann werden Sie Teil eines innovativen Teams mit hohem Entwicklungspotential innerhalb eines ausgezeichneten Betriebsklimas!“ Weder T. noch mir fiel auf Anhieb ein schlimmerer Job ein, Dir vielleicht? Ich meine: Es ist laut, es fehlt Tageslicht, es riecht nach Chemikalien und bei kurzer gedanklicher Unachtsamkeit (ein Wesenszug, der auch Dich, wie ich unserem letzten Gespräch entnehme, gelegentlich ereilt) ist der Finger ab. A propos gedankliche Unachtsamkeit: Hatten wir überhaupt die Maße der Flügeltür sorgfältig genug abgemessen?

Als der Zuschnittservice unseren Auftrag erledigt hatte, stellten wir fest, dass wir die rund dreißig Kilo schwere Platte nicht mal zur Kasse, geschweige denn nach Hause tragen konnten. Pläne wurden geschmiedet und wieder verworfen: Kein Taxi würde uns mitnehmen, die Platte war viel zu groß für die öffentlichen Verkehrsmittel und meine Fahrerlaubnis ist mehr Schein als Sein. Nachdem sich T.’s Schwester bereit erklärt hatte, am darauffolgenden Montag einen OBI-Miettransporter zu lenken, brachten wir die möglicherweise falsch zugeschnittene Platte zur Lagerung zurück zum Zuschnittservice. Und dann? Bot Servicekraft Willy an, Platte mitsamt Plattenbesitzerinnnen nach Dienstschluss mit seinem Transporter nach Hause zu fahren. Bestand sogar darauf.

Es dauerte sicher länger als zwanzig Minuten und als wir endlich ankamen, war „mein Pulver verschossen” – aber tatsächlich fand die Spanholzplatte samt Styroporplatten, Styroporplattenkleber und Styroporplattencutter den Weg in die Weyringergasse. Außerdem hatten wir korrekt gemessen! Meine Dankbarkeit in Form eines serbischen Pinot Noirs und hochwertiger Bioschokolade lehnte Willy dankend ab. So viel Freundlichkeit macht mich sprachlos, M. „Manchmal ist das Patriarchat gar nicht schlecht“, fiel T. dazu ein. Dass wir kniekurze Kleidchen trugen, wird, denke ich, seinen Teil dazu beigetragen haben. Jetzt müllt der Baumarktkauf die letzten freien Quadratzentimeter des Vorraums voll. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, er bliebe da für immer.

Heute: latent schlecht gelaunt.

Danke übrigens für Deine Einladung. Für eine Runde Hüpfburg bin ich immer zu haben, Austern habe ich mir hingegen im November 2012 in Paris abgewöhnt (dramatische Szenen auf der Damentoilette des Verre volé). Champagner nur, wenn es sein muss.

E.

Spotifys Discover weekly hat mir unrealistische Vorstellungen der Partnersuche vermittelt

I wish I met a girl that understands and loves me as deeply
as my Spotify Discover weekly

 

Bürgerliches Verhalten, das einem nicht peinlich sein muss: Sonntagabends erst die Tagesschau, dann den Tatort streamen und zwar ohne gleichzeitig zu tindern. Bürgerliches Verhalten, das einem peinlich sein muss: Montage hassen. Zu Schulzeiten hatte sogar der Pausenclown, der aussah wie Uter Zörker aus den Simpsons, übers Wochenende sein Pulver verschossen, woran er die Welt durch Shirts mit der Aufschrift “Oh shit, it’s monday” teilhaben ließ. Beamte und andere Festangestellte trotzen dem ersten Tag der Arbeitswoche in Form ironischer Kaffeetassen, während sie vom Sabbatical mit Schildkröten-Tauchen träumen. Leute mit der falschen Berufswahl empfinden Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitagvormittag als die lästige Zeit zwischen den Wochenenden. Trotzdem: Manchmal hadern auch glückliche Freiberufler mit dem Wochenbeginn.

Zum Glück gibt es den Mix der Woche bei Spotify. Mit der Akribie eines Beamten filtert dieser aus Millionen verfügbarer Titel dreißig auf den persönlichen Geschmack zugeschnittene heraus. Manchmal findet sich in dieser cremigen Liste Unbekanntes wie Tuesday Paranoia, manchmal Klassiker wie Sunday, bloody sunday. Immer ist die Trefferquote an guten Songs recht hoch, ich würde sagen: 80/20. Danke, dass ich wenigstens ein Mal pro Woche an jene Einzigartigkeit erinnert werde, in deren Glauben meine Eltern mich erzogen habenIst die Auswahl einmal nicht ganz so geglückt, stelle ich mir vor, ein Praktikant sei am Werk gewesen. Das ist natürlich Quatsch. Einem Fachartikel war kürzlich zu entnehmen, der Spotify-Algorithmus gehöre zu den ausgefeiltesten im ganzen Netz und optimiere sich stetig selbst. In einer perfekten Welt muss sich niemand mehr Gedanken um seine musikalische Unterhaltung machen oder gar, wie M., nächtelang nach neuen Technosets suchen, nachdem die alten totgehört wurden. Über den Tinder-Algorithmus kursieren ähnliche Wundergeschichten. Und auch bei Elite Partner kümmern sich wohl mehrere 40-Stundenarbeiter (darunter sicher auch einige mit “Suche Freitag, biete Montag”-Tasse und vielleicht auch der ein oder andere, nach dem gesetzlichen Mindestlohn bezahlte Praktikant) um die perfect matches. Trotzdem haben sich tagtäglich Millionen erster Dates nichts zu sagen. Daran ändert auch der neueste Streich der Datingwelt nichts, eine App namens Once, die einem jeden Tag einen potentiellen Partner vorschlägt – ausgewählt von einem echten Menschen. Ich hatte trotzdem noch kein Date mit einem Once-Vorschlag, dafür kürzlich eines mit einem meiner Facebook-Freunde; das Kuriosum klärte sich erst Tage später auf und sollte wohl weniger Anlass zur Sorge um die Zahl der Facebook-Freunde bereiten als um die Effizienz von Algorithmen.

Was Online Dating betrifft, muss der Status Quo als ausbaufähig bezeichnet werden. Gibt es jemanden mit einer Trefferquote von 80/20 und gelegentlichen Anfällen von Bürgerlichkeit? Zwei Tatort-Liebhaber finden sich schnell. Aber zwei, die währenddessen nicht weiterswipen?

Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Regisseur

Für Traffic News To Go habe ich einen Blick auf die Spielpläne der neuen Theatersaison geworfen.   Der Trend, literarische Vorlagen auf die Bühne zu bringen, bleibt uns erhalten.

Man muss es nicht so halten wie der in seiner Autobiografie klagende Hubert Fichte: “Ich würde gerne ins Theater gehen, wenn ich einen Freund hätte, der mitkäme.” Allein ins Theater gehen ist wie allein ein Buch lesen: sehr empfehlenswert.
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Mit dem Kopf im Goldfischglas

Der Goldfisch (Carassius gibelio forma auratus), das von allen Wirbeltieren mit Abstand ansehnlichste Exemplar, hat angeblich eine Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden. Reiner Pragmatismus, wenn man in einer Glaskugel siecht, die kaum größer ist als man selbst. Bei meiner Freundin J. in Hamburg habe ich einmal mehrere Stunden damit verbracht, das perfekte Instagram-Foto ihres Goldfischs zu schießen. Sein Name war Sashimi (刺身) und er wirkte den Umständen entsprechend zufrieden. Doch ach, wie vermessen, das Glücksempfinden eines stummen Wesens beurteilen zu wollen. Fest steht, dass J. immer für ausreichend Futter sorgt und zwar nicht von der billigsten Sorte. Sie liebt Sashimi so wie sie ihre beiden Kaninchen liebt; abgesehen davon passt dessen Goldfischglas hervorragend in ihre geschmackvoll-norddeutsch (skandinavisch kann jeder) eingerichtete Wohnung. Kürzlich war J. in Tokio, wo sie unter anderem Sashimi aß, also nicht ihr Haustier, sondern jene rohen Fischfiletstücke, die hierzulande fälschlicherweise mit Sushi verwechselt werden. Sashimi heißt übersetzt “durchstochener Körper”, kein Zustand, dem ein liebendes Herrchen seinem Haustier wünschtl. Solche Widersprüche gehören zur Dialektik des Menschseins. Ich behaupte generell: Jede große Liebe ist eine dialektische.

An den lebenden Sashimi musste ich denken, als ich vorgestern eine Pralinenschachtel in der Hand hielt. Auf ihrer Unterseite waren die darin enthaltenen Sorten abgebildet, sicher zehn verschiedene. Den Kopf weit nach hinten gebeugt, studierte ich das Angebot. Andere schauen Netflix, ich starre Süßwaren an. Wie immer trieb mein Perfektionismus absurde Blüten; je länger ich Nuss-Becherli, Macchiato-Stern und Marzipan-Gianduja gegeneinander abwog, desto mehr fürchtete ich eine falsche Entscheidung. Und dann passierte das, was immer in vergleichbaren Situationen passiert: Kaum hatte ich eine Wahl getroffen und die Schachtel umgedreht, vergaß ich, was ich wollte. Welche Braunschattierung zeichnete noch gleich das Nuss-Becherli aus? Zumal die Pralinen gar nicht den Abbildungen auf der Unterseite entsprechend angeordnet waren! Sisyphos rollt seinen Stein den Berghang hinauf, ich drehte die Pralinenschachtel um und selektierte von neuem. So ging das eine ganze Weile. Muss ich mir Sorgen um meine kognitiven Fähigkeiten machen? Habe ich zu viele Nächte im Hamburger Goldfischglas und ähnlichen, das Lang- und Kurzzeitgedächtnis zersetzenden Einrichtungen verbracht? Wenigstens die einzige außer mir im Raum anwesende Person war mit der Problematik vertraut. H. besitzt keine Haustiere, aber eine Sammlung von mechanischen Affen, die Flick-Flack springen. In Hamburg war er noch nie.

Dass Goldfische keinen Magen haben, weiß ich mittlerweile von Wikipedia. Vom Pralinenproblem sind sie demnach nicht betroffen. Dass ihr Gedächtnis nicht wie angenommen drei Sekunden, sondern mindestens drei Monate zurückreicht, von der Zeit. Für die Zubereitung von Sashimi eignen sich über zwanzig verschiedene Fischsorten, der Goldfisch gehört nicht dazu.

Tuesday Tristesse

Obwohl die Ausstellung Painting 2.0 hieß, war Fotografieren verboten. Stattdessen durfte man einige der Kunstwerke mit nach Hause nehmen. So jedenfalls interpretierte ich den Postkartenständer mit Reena Spaulings Portraits US-amerikanischer art people im vierten Stock des Mumok. Und zwar jener, die üblicherweise nicht in Erscheinung treten, Sammler, Händler, Kuratoren. Unser einer ist ja schon froh, den Künstler neben sich auf der Vernissage zu erkennen. Bislang verpasste ich trotz Falter-Abo die lohnenswerten Wiener Eröffnungen.

Ein wenig Glamour flitterte zuletzt in der Kunsthalle am Karlsplatz bei der Eröffnung einer Ausstellung mit dem kryptischen Titel One, No One and One Hundred Thousand. J. hatte mich an diesem Abend all seinen Kommilitonen der Universität für angewandte Kunst vorgestellt – unter Insidern: ”Die Angewandte” – und ich kann sagen, dass nicht alle, aber viele von ihnen den angemessenen Sprung in der Schüssel haben. Nach der mit grauenvollem Akzent gehaltenen Rede hatten wir im Heuer (dessen Website mir bei Google als erstes angezeigt wird, wenn ich “Kunsthalle am Karlsplatz” eingebe) die Wiener Version des Sommergetränks Hugo getrunken, dabei war es erst Februar, mit dem fantastischen Merwut-Wermut anstelle des üblichen Hausfrauen-Proseccos, und ich kann sagen, dass nicht alle, aber die meisten von J.’s Kommilitonen sehr trinkfest sind. Da ich erst am Vorabend von einer zehntägigen Meditation zurückgekehrt war, deren umfangreiche Verbotsliste auch Alkohol miteinschloss, vertrug ich nicht ganz so viel wie sonst. Entsprechend angeregt hatte ich mich mit einem siebzehnjährigen, in Dubai aufgewachsenen Nachwuchskünstler unterhalten, der unbedingt wollte, dass ich ihn porträtiere, schließlich habe er gerade der Vice seine neuesten Arbeiten gezeigt, die jetzt wieder zum Gegenständlichen tendierten. Beim Feiern mit Chris Rosa war ich nicht mehr dabei gewesen, schade eigentlich, ist er doch eine Melange aus Dash Snow, Basquiat und dem jungen Klaus Kinski, weiß also, wo in Wien man eine berlineske Donnerstagnacht erleben kann (um nichts anderes geht es).

Daran dachte ich im Mumok beim Anblick einer Arbeit der Künstlerin Jutta Koether, von der ich trotz meines Praktikums bei Texte zur Kunst noch nie gehört hatte, die aber vielleicht so etwas wie die Patti Smith der ungegenständlichen Malerei ist. Auch mit viel Fantasie war die im Titel erwähnte Kim Gordon darauf nicht zu erkennen, dennoch mochte ich das Bild mit dem herabhängenden Bindfaden sehr gerne. Anknüpfend sozusagen an Rosemarie Trockels Ohne Titel mit diesem irre guten Satz, den ich ohne Foto natürlich vergessen habe.

Am meisten berührte mich Gerwald Rockenschaubs rosafarbene Träne aus Holz. In Anbetracht des fehlenden Titels nannte ich sie Tuesday Tristesse, weil ich an diesem Dienstag ein wenig traurig war. In Berlin hätte ich trotz Verbot ein Foto davon gemacht, im Mumok ließ ich es bleiben. Stattdessen malte ich das Werk aus der Erinnerung auf; appropriation art, das wäre was für eine Bewerbungsmappe an der Angewandten. Egal ob es darum geht, bei Rot stehen zu bleiben oder die Tomaten im Supermarkt an ihren Platz zurück zu legen: In Wien bin ich so etwas wie die anständigere Version meiner selbst.

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Gerwald Rockenschaub, Ohne Titel, aus dem Gedächtnis abgemalt