Urgute Blowjobs

Stefanie Sargnagel ist Expertin für abseitige Themen und nicht umsonst das Darling des Wiener Kulturbetriebs (auch wenn sie selbst es sicher anders formulieren würde). In ihrem ersten Theaterstück “Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis” geht es neben “urguten Blowjobs” auch um  strähnige Stirnfransen vernachlässigter Kinder, Kopfhaare im Intimbereich und bezahlte Schreibaufträge. Einen solchen habe ich für die Welt erfüllt.

Ich will Liebe zu dritt

sangen Stereo Total und nahmen damit einen gesellschaftlichen Trend vorweg. “Wie wir lieben”, “What love is”, “Offen lieben” – wo kommen bloß all die Bücher über offene Beziehungen her? Lesen wollen sie alle, leben nur wenige. Für die Welt am Sonntag habe ich mich durch den Stapel an neuer und alter Ratgeberliteratur zum Thema Polyamorie gelesen.

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Die Droge Theater

Timothy Leary? Das war doch dieser Typ, der LSD für alle forderte. In Susanne Kennedys Stück “Die Selbstmord Schwestern” begleitet er die Zuschauer auf ihrem Theatertrip. Auch sonst steht die Regisseurin Bewusstseinserweiterung aufgeschlossen gegenüber. Erst kürzlich war sie in Mexico, wo sie sich für Totenrituale und Ayahuasca begeisterte, ebenso wie für den schwäbischen Karneval. Bald geht sie von München nach Berlin. Für die Welt habe ich sie in den Kammerspielen getroffen.

Kahl geschoren, die Augenlider verkrustet, Schweizer

… so beschreibt sich Tom Kummer als junger Mann. Später erlangt er zweifelhaften Ruhm als Vertreter eines extremen Gonzo-Journalismus. Jahrelang brachte er erfundene Interviews unter die Leute, konkret so namhafte Medien wie Tempo und die Süddeutsche Zeitung. Jetzt hat der Exil-Schweizer einen Roman veröffentlicht. Rettet ihn die Prosa vor weiteren Plagiatsvorwürfen? Eher als das wünscht man sich, sie würde ihre Figuren vor dem Tod bewahren. Am Ende von “Nina und Tom” stirbt Nina. Was bleibt, ist die Erinnerung an zwanzig gemeinsame Jahre. Und die Hoffnung des Lesers, der Autor möge es auch diesmal mit der Wahrheit nicht so genau genommen haben.

Der Rest vom Fest

“Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich” – so wie den Figuren in Ödön von Horvaths Stück “Kasimir und Karoline” geht es auch manchem Partygast. Hat sich daran am Ende der Veranstaltung nichts geändert, nimmt man halt, was man kriegen kann. Für Nachtkritik habe ich mitgelitten. 

Nachsitzen

Wenn Erwachsene sich in Jugendliche versetzen, kann das zu sehr guten oder zu miserablen Zensuren führen. Bei John von Düffel ist letzteres der Fall. In seinem Roman “Klassenbuch” ist von “Hassboostern” die Rede, von “FuZos” und photoshop-fähigen Drohnen. Brabbelt so die Jugend von heute? Noch dazu ist die Handlung zäh wie eine Doppelstunde Deutschleistungskurs. Als Kritikerin muss ich da streng sein: Leider nicht bestanden. 

Da muss man sich halt auch mal helfen lassen

Hilfe annehmen ist Schwerstarbeit. Der Autor Thomas Melle ist bipolar und besonders in seinen manischen Phasen recht unerreichbar für die Ratschläge anderer Leute. Wie nah dieser Leidende dem Abgrund ist, ja, dass er im Prinzip schon unzählige Male “auf der anderen Seite” war, von wo ihn Abbas “Fernando” zurück ins Leben holte (allein dieser Szene wegen lohnt sich die Lektüre seines Romans “Die Welt im Rücken”) – das tut weh. Für das Burgtheater hat Jan Bosse den Roman uraufgeführt. Fast drei Stunden lang the one and only Joachim Meyerhoff. Am Ende minutenlanger Applaus in Anwesenheit des Autors. Ich war hingerissen. 

Für guten Wind

Gibt es Gründe, einen zweieinhalbtausend Jahre alten Stoff heute noch aufzuführen? Die gibt es. Noch immer erzählen die antiken Tragödien, was Menschsein ausmacht. Also Furcht, Liebe, Hass, das volle Programm. Was nicht heißt, dass dem zeitgenössischen Zuschauer nicht manches an Aischylos’ Werk  völlig verkehrt vorkommt, etwa die Tatsache, dass König Agamemnon seine Tochter opfert, um bei den Göttern “guten Wind” auf seiner Kriegsreise nach Troja zu bestellen. Irritation ist manchmal produktiv. Für die Welt habe ich aufgeschrieben, wie gut mir Antú Romero Nunes’ “Orestie” am Burgtheater gefallen hat.

SMS in den Elfenbeinturm

Der 1975 geborene Daniel Kehlmann befasst sich gern mit der Vergangenheit. Auch hat er ein Problem mit Mobiltelefonen und dem Internet. Jetzt hat er ein neues Stück geschrieben, das auf eine fast schon rührende Art vierzig Jahre zu spät kommt. Warum, steht in meiner Welt-Kritik zu “Heilig Abend” im Theater an der Josefstadt.

Ich kenn mich nicht mehr aus

… sagt der Österreicher, wenn er wirklich lost ist. So ging es mir bei Lisa Lies “Kaspar Hauser”, dessen Premiere im Schauspielhaus ich für Nachtkritik besprochen habe. Und das, obwohl ich einige Tage zuvor mit der Regisseurin spazieren war. Am Ende ihrer Inszenierung trotzdem nur Fragezeichen in Gurkenform, Plem-Plem Ugu-Aga Balla-Balla und ein neues Lied für die Playlist. Auch der Neandertaler in uns will geliebt werden.