Ibsen auf Aquavit

Aus Norwegen kommt der Begriff der Stunde: hygge bedeutet mollig, warm, gemütlich, das Gefühl einer Tasse heiße Schokolade vor dem offenen Kamin. Das Theater der Norwegerin Lisa Lie ist das Gegenteil davon, bekloppt und brachial, eine Medizin, die einen durchschüttelt, bevor man sie ausspuckt. Für die Welt habe ich die Regisseurin und ihren Sohn auf einen Spaziergang getroffen. Während ich beinahe erfroren wäre, trotzte Lie tapfer der Kälte. Es könnte an ihren Yeti-Handschuhen gelegen haben.

Denkt sie an Europa in der Nacht, ist sie um den Schlaf gebracht

Man nehme fünf zeitgenössische, dem Deutschleistungskurs entwachsene Stimmen, die Frauen sind und Europäerinnen, und stelle ihnen folgende Aufgabe: „Erörtern Sie den gegenwärtigen Zustand Europas mit Blick auf die europäische Idee am Beispiel der sogenannten Flüchtlingskrise.“ Herausgekommen ist ein ziemlich behäbiges “Europäisches Abendmahl”, bei dessen Uraufführung am Akademietheater ich mich für die Welt gelangweilt habe. Immerhin: Solange es Elfriede Jelinek gibt, müssen wir uns nicht um eine Obergrenze von Textlawinen sorgen.

Mi-mi-mi, man hat ja völlig den Überblick verloren

So sind sie, die Angehörigen des Kulturprekariats: Nie den vollen Durchblick, trotz Google Maps. Immer nie kein Geld, aber trotzdem gut gekleidet. Immer ein bisschen am Jammern, aber trotzdem in Partylaune. Immer leicht gebeugte Knie, damit sie sich nicht den Kopf an der gläsernen Decke stoßen.

Für Nachtkritik habe ich zugehört, was der Stern in Miroslav Svolikovas Stück ”Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt” sagt. Es gab auch was zu lachen.

was ist das für 1 frau

Eins

Mit ihr kann man Pferde stehlen. Zum Beispiel die Ponys auf der außerhalb von Scharbeutz gelegenen Koppel. Gegen eine Gebühr von fünfzehn Euro eine Dreiviertelstunde lang zum Wennsee oder Richtung Ostsee reiten. Robust sehen sie aus, mit kurzen, stämmigen Holzscheitbeinen und Mähnen in John-Frieda-Blond. Wir müssen nur das Holzgatter öffnen (Vorsicht vor den Misthaufen: immer weiße Schuhe) und das Vertrauen der Ponys wecken. Aus ihren extragroßen Manteltaschen holt sie Rosinen und ein paar Äpfel hervor, die strecken wir den Tieren entgegen. Ein Blick auf die Uhr, grau wie der Timmendorfer Himmel, sagt: Genug Zeit bis Sonnenuntergang, denn wir wollen weder Tiere noch Besitzer um ihren Schlaf bringen. Als sie aufsteigt, reibt die mortadellafarbene Hose am Ponyfell. Miu, mein Miu.

Zwei

So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Eher wie eine Mischung aus Queen Mary 2, nur ohne die lärmenden Hamburger, und Jonathan Franzens Korrekturen, jedenfalls von der Üppigkeit der Mahlzeiten her. In Wahrheit sind die Teppiche auf diesem Schiff nicht golden, sondern rentnerbeige, das Besteck nicht silbern, sondern vom italienischen Möbeldiscounter. Alle um sie herum sind so schrecklich alt. Seufzend schiebt sie die aquariumblaue Brille vom Haar zurück auf die Nase. Wenigstens der Himmel lügt Sommer. Eigentlich ist so eine Kreuzfahrt nur Warten. Warten auf die Zwischenmahlzeit, den Zumbakurs, den nächsten Hafen. Warten auf Dolce Vita. Glücklicherweise hat sie Vico mitgebracht. Ohne seinen Glamour ginge sie unter. Stück für Stück rückt sie den Stuhl dem Nachmittagslicht hinterher. Wenn sie nicht hier ist, ist sie auf dem Oberdeck.

Drei 

Das Schottenkaro ihres Trenchcoats ist natürlich ironisch gemeint. Montags, mittwochs und donnerstags holt sie Brot bei Hansel & Pretzel. Samstags trifft man sie auf dem Portobello Road Market. Manchmal kauft sie Burrata aus Apulien, manchmal toskanische Salsiccia, immer einen Strauß Gladiolen. Seltsamerweise schafft sie es, dabei gleichzeitig suchend und angekommen zu wirken, constantly. Zu gerne würde man sie auf eine Tasse Darjeeling einladen, sie fragen, wie sie es schafft, dass ihr niemand die Gazelle klaut und ihre goldweißen Sneaker niemals Dreckspritzer haben. In London! Dass sie Humor hat, beweist der Stoffelefant auf dem Rücksitz ihres diebstahlsicheren Zweirads. Wenn sie brav ist, bekommt Ella bei Hansel & Pretzel ein Lavendelscone.

Vier

Es gibt, das ist ja das Traurige, keine Sterne in Berlin-Mitte. Weil sie schon immer gut war in Physik, ist es ihr ein Rätsel, warum manche Menschen nicht wissen wollen, wie Sterne sterben? Fragender Blick hinter sorgfältig geputzten, millimeterdicken Brillengläsern (die Reflexe der Discokugeln sind auch nichts anderes als Engpässe der Retina). So oft wie möglich steigt sie in die S7 Richtung Grunewald. Stapft geduldig den Hang hinauf, das Gewicht des Teleskops auf ihrem Rücken. Im obersten Stock der Abhörstation – ein müder Wink der Vergangenheit in Richtung gläserner Bürger – packt sie den Inhalt des Rucksacks aus. Um diese Jahreszeit sind keine Easyjetter hier und selbst die Raver sparen sich ihre Energie bis zum Wochenende auf. Sie nimmt Platz auf dem knisternden Tannengrün ihrer Bomberjacke. Mickey Mouse weiß: Die Sterne stehen gut. Später geht sie tanzen, deswegen die Ersatzschuhe.

Erschienen in Traffic News To Go #53

A020DA40-6B0C-4B43-9789-F94ED5F8D460

Untitled (Favoriten)

Zur Feier des Tages verbrannten sie in dieser Nacht ein Auto, die Flammen waren heiss und zuckten und ich lachte grundlos laut heraus –

(Emma Cline, The Girls)

Low, einer der besten Romane meines vergangenen Bücherjahres, erwähnt einen Film mit dem Titel Zabriskie Point. Zunächst hielt ich ihn für eine Fiktion, bis ich den Trailer bei YouTube fand. Besonders eindrücklich wird die finale Explosion geschildert, in der alles Mögliche in die Luft fliegt, Kühlschränke, Tierkadaver, die Sommergarderobe. Es war die Zeit, in der ich nicht wusste, wohin mit mit meiner alten Matratze.

            “Frühling” nuschele ich, weil so die Spotify-Playlist heißt und wegen der Lilie, der ich gerade Wasser gegeben habe. In Wahrheit ist der Winter jetzt auch in Wien angekommen, mit einem schlagobersfarbenen Himmel und so viel mehr Licht als im aschgrauen Berlin. Wir sind zu zweit. Um uns Mut zu machen, schauen wir uns noch mal das Video mit dem brennenden Auto an. Dann das andere.

Heute also soll SULTAN brennen. Woher diese zündende Idee letztlich kam – ob von Low oder von den pyromanischen Hippies in Emma Clines Roman The Girls  – lässt sich rückblickend nicht mehr sagen. Vielleicht hatte ich auch einfach mal Lust auf Zündeln. SULTAN heißt das der Zerstörung geweihte Matratzenmodell, weil IKEA keine Kleinschreibung kennt. Wir sind die Karawane, wir ziehen weiter. “Wie”, frage ich berechtigterweise, “kriegen wir die Matratze eigentlich vom ersten Stock aufs Dach?” Statt nach Lösungen zu suchen, machen wir uns in der Badewanne die Haare nass, damit wir später nicht brennen. Die als Wegzehrung gedachten Spaghetti, die ich zubereite, während er vor der Tür die vierte Zigarette innerhalb einer Stunde raucht, sind verkocht, die Tomaten darauf beinahe angekokelt.

            “Wie oft schaust Du nach, ob der Herd aus ist, bevor Du das Haus verlässt?”, erkundige ich mich zwischen zwei unbeholfenen Versuchen, mit meiner bandagierten Hand die Nudeln einhändig auf den Löffel zu rollen (im Uhrzeigersinn funktioniert es besser als entgegen). Ob es hierfür eine internationale Richtlinie gibt? Sind die Italiener Rechts-, die Chinesen Linksdreher? So wie das Wasser an verschiedenen Orten der Welt in verschiedenen Richtungen im Abfluss verschwindet? Nein, das stimmt ja gar nicht.

Statt aufs Dach, schleppen wir die Matratze nach dem Essen zur nächsten U-Bahn-Station. Es ist Freitagabend, eiskalt und die Leute kucken schon. In Berlin fände das niemand seltsam, hier schon, aber die Wiener sind zu höflich, um nachzufragen. Das Schöne an dieser Stadt ist ja auch, dass Rolltreppen und Aufzüge immer funktionieren, falls nicht, drückt ein Schild sein unendliches Bedauern darüber aus und gelobt baldige Besserung. Darüber, also die intakte Infrastruktur, freuen wir uns beim Hinaufrollen auf den Reumannplatz. Neben Tichy, jenem Eispalast, für den auch im Winter mein Herz brennt, warten wir auf den Bus, der uns ins Randgebiet bringt. Vorausgesetzt, wir verstoßen mit unserem Sperrgut nicht gegen irgendeine Beförderungsrichtlinie. Offenbar nicht.

Natürlich habe ich recherchiert. Wie weit ist weit genug, um der Anarchie freien Lauf zu lassen? Anstatt dem einmal festgelegten Plan zu folgen – Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? –  steigen wir dann einfach irgendwo aus. Kein Favourite, dieser zehnte Bezirk, aber sicher auch kein Brennpunkt. Hier im Speckgürtel versagt Google Maps seinen Dienst. Hier liegt die Welt brach. Kurz begeben auch wir uns in eine liegende Position, beim Rollen unterm Bauzaun hindurch. Habe ich wirklich meinen Calvin-Klein-Mantel angezogen? Ja, das habe ich. Wir waten durch Dreck auf Grund, der nach Industriegelände aussieht. In Sichtweite leuchtet eine Wohnsiedlung, das könnte ein Problem werden. Leider keine Wasserstelle in Sicht (“falls wir Wasser zum Löschen brauchen”). Keine Ahnung, welche Strafe in Wien auf das Anzünden von ordnungsgemäß zu entsorgendem Sondermüll steht.

Im Medaillon um meinen Hals klebt das Portrait meiner rauchenden Mutter. Kleidung und Frisur lassen auf die Sechziger schließen. Ihre BHs hat sie meines Wissens nach nie verbrannt. Im 1989-Jutebeutel steckt eine Flasche Satellit, zusammen mit ordentlichen Gläsern, weil ich mir immer sage: Eines Tages rettet Dich die Dekadenz. Wie viele Matratzen wohl am 3. November ’89 in Flammen aufgingen?

Ob SULTAN jemals brennen wird, ist mehr als fraglich. An Alkohol habe ich gedacht, an Spiritus nicht. Er auch nicht. “Bestimmt”, überlege ich laut, “brennen verschiedene Arten Matratzen verschieden gut.” Seit meinem letzten IKEA-Besuch kenne ich den Unterschied zwischen Taschenkern, Federkern und Kaltschaum, unnützes Wissen. Weil er als Quasi-Kettenraucher geduldig mit Streichhölzern ist, kniet er minutenlang neben SULTAN am Boden, schützt den glühenden Streichholzkopf mit der Hand, legt nach. Mehr als ein paar Funken fliegen trotzdem nicht, was natürlich auch am Wiener Wind liegt. Wie lange können wir hier stehen, ohne die Aufmerksamkeit der nahegelegenen Reihenhausbewohner zu erregen? Gerade als wir im Begriff sind, die Sache abzubrechen, ohne den SULTAN weiterzuziehen, wird aus Funken eine Flamme.

Ist Sperma eigentlich brennbar? Hören Sterne einfach auf zu leuchten oder verglühen sie in einer gleichförmigen Explosion? Stirbt man bei einer Rauchgasvergiftung sofort oder wird man erst ohnmächtig und, wenn ja, spürt man die Hitze des Feuers dann trotzdem? Ist die Szene in Fight Club, in der Brad Pitt behauptet, das Fett eines übergewichtigen Brandopfers sei mit dessen Autositz verschmolzen, realistisch? Löst sich die Asche Verstorbener irgendwann auf oder zirkuliert sie für immer in der Atmosphäre, vielleicht viele hundert Kilometer über der Erde, vielleicht aber auch auf Augenhöhe mit den Hinterbliebenen? Ist es deshalb verboten, Tote außerhalb von Friedhöfen zu bestatten? Wird die Erde in jemandes Armen jemals aufhören sich zu drehen? Findet mich das Glück?

Wir stehen zu nah am sich zügig ausbreitenden Feuer, ich verstehe die Gelassenheit nicht, mit der er jetzt seine x-te Zigarette rauchen kann, wo doch die Gesichtshaut schon spannt vor Hitze. Trotzdem bleibe ich stehen, während ich an Zigarettenholende denke, die nicht wiederkommen.

Überraschenderweise ist der Vorgang, im Gegenteil zur Explosion in Zabriskie Point und stellvertretend für Wien, eine saubere Sache. Keine chemischen Dämpfe, keine glimmenden Sprungfedern, keine Swimmingpoolplastikteile oder zu Asche zerfallenden Sommerkleidchen. Stattdessen ein mustergültig brennendes Feuerchen. Gemächlich fressen sich die Flammen von einem Ende zum anderen und hinterlassen nichts als schwarzen Staub. Wir bleiben stehen, bis das Feuer vollständig erloschen ist. Leeren die Weinflasche, halten nach Satelliten Ausschau. Ein bisschen lustig ist das schon.

Dann gehen wir nach Hause und sind ganz warm.

Anschauen: Untitled (Favoriten), 2016

Wie wir skypen mit 27

Nach dem Gespräch gehe ich in die Küche meiner trotz Schnittblumen nicht vom Jugendstil, sondern dem Stil der Jugend geprägten Wohngemeinschaft, um mir erlaubterweise ein Stück vom selbstgebackenen Kuchen meiner Mitbewohnerin zu holen. Dazu Eis. Auf der Verpackung steht: “Auf gute Dinge lohnt es sich zu warten: Nach 10 Minuten entfalten sich die ätherischen Öle und der volle Geschmack.” Heißt Erwachsensein nicht auch, Geduld zu haben? Aber was für ätherische Öle? Ich esse das Eis sofort. 

Was davor geschah, steht in der Zeit 50/2016 und hier.

15193675_10211274609686187_690190772396936645_n

Master of Inszenierung

Heute wäre Ludwig II der perfekte Popstar. Als Maskottchen eines Musicalhauses macht er sich ebenso gut wie als Bierdeckelmotiv. Am Wiener Akademietheater inszeniert ihn Bastian Kraft als Playmobilschlosskönig. Das Ende ist nass. Ich habe für die Welt zugesehen.

Strobo im Kopf

Mit der zweistündigen Uraufführung von Clemens Setz’ Stunde zwischen Frau und Gitarre verhält es sich wie mit den tausend Seiten des Romans: Man hält sie aus. Die ersten zwanzig Minuten gezwungenermaßen mit geschlossenen Augen. Wie sich das anfühlt, steht in der Welt.