SOS – Servus oder Salam aleikum

Blöderweise habe ich die ganze Zeit diese Titanic-Referenz im Kopf. Nicht David Foster Wallace (dem Reiseredakteur zufolge der Grund, warum nie wieder ein Kreuzfahrterlebnisbericht geschrieben werden muss), nicht das Rentner-auf-Benzos-Szenario aus Jonathan Franzens Korrekturen, sondern die Oscar-Schnulze aus dem Jahr 1997. Damals wollte jedes Mädchen Rose DeWitt Bukater sein (hieß die wirklich so?) und auch ich bin ein Kind der Neunziger. Und zum ersten Mal auf einer Kreuzfahrt. Unsere Kabine an Bord der Costa Mediterrana hat weder Parkettboden noch Platz für die Sammlung klassischer Moderne, aber einen Balkon. Meist ist es zum Draußensitzen zu kalt.

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Costa Mediterranea, Oberdeck, 18. Dezember 2016

Wo sie abends essen wollen, entscheiden die Passagiere selbst. Auf Deck 9 schaufeln sich Mammas (mia!) beim italienischen Buffet die Plastikteller voll. Mit dem Essen nicht erst am Platz, sondern bereits auf dem Weg dorthin zu beginnen, kenne ich noch aus Kuba. Auf Deck 2 dinniert man hingegen à la Carte an weißen Tafeln. Ausnahmsweise hat der Snob, also die Rose in mir keine Entscheidungsprobleme. Es ist nicht die R.M.S. Titanic, aber hey: Anders als in Kuba (“Wenn man aufhört, sich aufs Essen zu freuen, geht’s eigentlich mit dem Urlaub”) macht Bruno Barbieris Fünf-Gänge-Menü (unser Mann am Herd!) großen Spaß.

Das überwiegend südostasiatische Servicepersonal auf Deck 2 trägt weißen Frack und beherrscht dieses gruselige Anknips-Ausknips-Lächeln, von dem der Rest des Gesichts unberührt bleibt, perfekt. Meist platziert es uns an Zweiertischen, am letzten Abend hingegen an einer raffaellorunden Tafel, gemeinsam mit zwei schweigsamen Mailänderinnen und einem aus der Nähe von Bayreuth stammenden Paar im Rentenalter. Irgendwie überspringen wir die Vorstellungsrunde, einzig die Selbstbezeichnung “Wagnerianer” bleibt im Gedächtnis. Nennen wir sie also der Einfachheit halber Herr A. und Frau B. Sie kennen sich seit 40 Jahren, waren jeweils mit einem anderen Partner verheiratet, sind beide verwitwet und reisen jetzt zusammen. Was für eine schöne, nach zweitem Frühling duftende Geschichte, denke ich.

Die Dinnerkonversation, lehrte uns Titanic, will gelernt sein. Auf das Wissen, dass Franken so wenig zu Bayern gehört wie Bayern zu Deutschland, greife ich gekonnt zurück. Auch kann ich etwas zu Silvanern in Bocksbeuteln beitragen. Kurzum, ich fühle mich der Sache gewappnet.

Die Getränkebestellungen werden aufgenommen, das Menü gewählt. Herr A. kann den Rosé sehr empfehlen. Man plaudert. Offenbar verteilt unsere deutschsprachige Stewardess Kati D. (Bitte einsetzen: der deutscheste Name überhaupt) bei Reiseübelkeit recht freizügig Benzodiazepine (Franzen hatte recht!). Als ich Frau B. erkläre, was es mit ihrem Xanax auf sich hat, macht ihr Reisepartner aus mir für den Rest des Abends eine Medizinstudentin. Zu Beginn versuche ich noch, dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen, streiche aber bald die Segel.

Kellnerlächeln angeknipst, die Getränke werden serviert, Kellnerlächeln ausgeknipst. Gestern, prahlt Herr A. glasschwenkend, habe jeder von ihnen acht Champagner (Proseccos?) getrunken, über den Tag verteilt, aber trotzdem, mein lieber Herr Gesangsverein! Berechtigterweise, schließlich schlage das vorab “im Internet” gebuchte Getränkepaket mit 43 Euro pro Person und Tag zu Buche. Überraschenderweise geht es von der privaten übergangslos zur Haushaltskasse unseres “mutwillig zerstörten” Landes. Pardon? Lautete die goldene Regel der Dinnerkonversation nicht “keine Religion und keine Politik?”

Mei, so schnell wird aus einer weißgedeckten Tafel ein bayerischer Stammtisch. “Sie als Medizinstudentin”, dröhnt Herr A. mit roséfarbenen Wangen, indem er mich kumpelhaft an der Schulter packt, “kennen sich doch aus mit Statistiken…” Im Angesicht eines Räucherforellencarpaccios mit Birne geht es um entartete Einwanderungspolitik und “Merkels Denkzettel”, es fallen die Termini “willentlicher Niedergang”, “das wird man wohl noch sagen dürfen” und “russisches Mütterchen”. Dass deren den deutschen Sozialstaat belastender Enkel ein Berserker ist, liegt Herr A. zufolge in dessen kaukasischer Natur. Die Vorstellung von sanften Russen und Deutschen, die im Geist eines Wotan wüten, hat keinen Platz auf dem Tisch, schließlich wird in diesem Moment die Primi Piatti aufgetragen, eine Pasta mit Ragout von grünen Erbsen.

Zur Abwechslung bringt Frau B. mit einer persönlichen Anekdote Schwung in die Diskussion. Es geht um einen iranischen Flüchtling, dem in seiner Heimat als Mörder die Todesstrafe drohte, weswegen der Freistaat Bayern ihm und seiner Familie netterweise Asyl gewährt hat. Details zum Tathergang seien freilich nicht bekannt (Ob der Mord ein erfundener ist, entzieht sich meiner Kenntnis; was ich als Provinzlerin hingegen weiß ist, dass viel getratscht wird, wenn der Kleinstadttag lang ist). Jedenfalls habe dieser “Asylant” ohne Gegenleistung eine 110 (in Worten: hundertzehn) Quadratmeter große Wohnung gestellt bekommen plus ein monatliches Taschengeld von 330 Euro. Zeitsprung: Die persische Ehefrau habe sich mittlerweile ins Ruhrgebiet abgesetzt (die Residenzpflicht!), ihr Mann lebe aus unerfindlichen Gründen im Flüchtlingsheim (die wuchernde Bürokratie!), zurückgeblieben sei die zwölfjährige Tochter, allein in der Hundertzehnquadratmeterwohnung. Ein Stockwerk tiefer, fährt die offenbar mit den Grundlagen dramatischer Erzählung vertraute Frau B. mit bebender Stimme fort, hause die bayerische fränkische Witwe bei Wasser, Brezn und einer monatlichen Rente von siebenhundertundeinpaarzerquetschten. Zum Thema Todesstrafe fällt dem Wortführer Herr A. noch folgende Metapher ein: “Wenn ich nach fünf Seideln einen Unfall baue, ist der Lappen halt weg.” Seine schlingernde Argumentation kommt zum Schluss: Todesstrafe unter Umständen auch hierzulande möglicherweise durchaus eine Überlegung wert.

“Die AfD”, poltert er, und, würde er Seidl trinken statt Wein, wäre dies der Moment, sich den Schaum aus dem Bart zu wischen, “wird verschwinden, aber wählen muss man sie trotzdem.” Während der Auberginenflan mit Kirschtomatensauce und Mascarpone-Käse-Quenelle aufgetragen wird, erhellt kurzzeitig das Kellnerlächeln die Szene. Dann wird es wieder duster wie im deutschen Wald. Nachfolgend geht es um die Dummheit meiner Generation und ihrem Irrglauben, eine historische Schuld begleichen zu wollen. Mein Einwand, der zweite Weltkrieg sei mir (bitte einsetzen: ein umdamenhaftes Emoji)-egal, hier gehe es schlicht um Menschlichkeit, rührt Herr A. zu Lachtränen. Dann steuert er plötzlich seichtere Gewässer an, die Drogenrückstände in deutschen Kläranlagen. Dass für deren Herstellung Leute sterben, ist auch ihm bekannt, dass uns das als Konsumenten in die Pflicht nimmt, hingegen egal, denn seine Droge, er zeigt auf das leere Roséglas, sei das Bier, einen Joint, hihi, hätten weder er noch Frau B. niemals geraucht.

Signore Barbieris Selezione di formaggi: Fontal, Brie, Pyrenero. Es schmeckt Herr A. ausgezeichnet. Dröhnendes Wotan-Lachen: “Uns geht das alles nichts mehr an, wir haben noch unsere zehn, fünfzehn guten Jahre. Aber ihr Studenten” – Schultergriff – “ihr werdet Euch noch umschauen.” Umschauen muss sich jetzt auch der Kellner, denn der den Käseteller begleitende Rosé ist aus. Frau B. weicht auf Riesling aus, Herr A. auf Bier.

Plötzlich dröhnt O sole mio aus den heillos übersteuerten Lautsprechern, woraufhin die scheuen Mailänderinnen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und, wie alle Italiener im Raum, ihre Stoffservietten im Takt schwenken. Der Boden schwankt. Auf der den Saal überspannenden Freitreppe reiht sich die Küchencrew auf, darunter auch Chefkoch Bruno Barbieri, den ich vom Foto in der Speisekarte wiedererkenne. Als nächstes scheppern die Gipsy Kings durch den Saal, denen eine Welle von Patriotismus entgegen schlägt – sind das nicht Spanier? – und das Dessert, ein lombardischer Streuselkuchen namens Sbrisolona, wird serviert. Frau B. winkt dankend ab und verabschiedet sich zur Notte Bianca. Mir wird ein wenig schwarz vor Augen. Die Musik verstummt, die ersten Tische werden bereits für den zweiten Schwung Abendesser eingedeckt. Herr A. nimmt eine variable Zahl Absacker an der Bar. Von Deck 9, denke ich, als ich mir den Mund so damenhaft abtupfe, wie ich es von Rose DeWitt Bukater gelernt habe, ist ja auch die Aussicht viel besser.

Die lieben Kleinen

Sich fühlen wie die Mutter, die hässliche Kinderzeichnungen an den Kühlschrank pinnen muss, aus Nettigkeit. Oder den talentfreien Nachwuchs beim Schultheater beklatschen. Was das mit dem gutgemeinten, aber ungut gewordenen “Traiskirchen. Das Musical” zu tun hat, steht bei Nachtkritik. 

K.U.N.S.T.K.A.C.K.E.

Jonathan Meese, das ist der Typ mit den Mummy Issues. Tatsächlich bin ich seiner Mutter in der Pause von “Mondparsifal 1-8 Erzmutterz der Abwehrz)” auf der Damentoilette begegnet. Was ich sonst noch alles sah und hörte, steht bei Nachtkritik.

Cee Cee <3 Vienna

Zum ersten Mal haben die tollen Cee Cees einen Workshop außerhalb Berlins veranstaltet. An einem Sonntag im Juni haben wir im Analogparadies Supersense unsere Linolschnittkenntnisse reaktiviert. Anders als damals in der Oberstufe waren die Ergebnisse sehr zufriedenstellend. Vielen Dank für den tollen Tag und ein bisschen gestillte Berlinsehnsucht an Nina von Cee Cee, Anna von Bulleit, Sebastian und Anna von Supersense, Andreas für die Fotos und an die anderen Workshopteilnehmer für einen Tag, der schon vor dem ersten Sundowner funkelte.

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Sexy im Kontrapost

Ein Weltstar macht noch keinen gelungenen Theaterabend. Für die Welt habe ich mich bei “Obsession” gelangweilt, einer Adaption des gleichnamigen Films von Visconti. Oft steht Jude Law im Kontrapost ansehnlich in der Gegend herum. Ob das mit “griechische Tragödie” gemeint war?

Lars Eidinger is amused

Eine Reihe hinter mir hatte Lars Eidinger mindestens so viel Spaß wie bei seinen eigenen Stücken. Wem außer Herbert Fritsch gelingt dieses Kunststück? Für Nachtkritik habe ich mir dessen Theatertreffen-prämierte Inszenierung “Pfusch” angesehen.

Falk Richter is not amused

Es war ein verhältnismäßig schwacher Stückemarkt-Jahrgang beim diesjährigen Theatertreffen. Mit der Wahl des Siegers war nicht nur der Regisseur Falk Richter unzufrieden, sondern auch ich. Statt 12 000 Babykatzen hätte ich mir das Stück über ein Sneakermausoleum auf dem ersten Platz gewünscht. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Manchmal ist Theater wie Cat Content: Obwohl man es gerne mögen würde, nervt es. Der Rest steht bei Nachtkritik.